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Dem liberalen Geist eine Stimme geben - das ist sehpferd

Wie bitte? Die Psychoanalyse soll "unsere" Probleme lösen?

Der erste Blick in meinen RSS-Briefkasten verdutze mich: Da stand allen Ernstes die Überschrift „Nur die Psychoanalyse löst unsere Probleme“. Wie schön, wie einfach. Aufschlussreich ist möglicherweise, welche Stichwörter der Artikel verwendet:

Freud, Sigmund (1856-1939), Zizek, Slavoj, Lacan, Jacques, Mitscherlich, Alexander, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Sex, Frankfurter Universität, Tilman Habermas, Johann Wolfgang Goethe, Sigmund Freud Institut, Alexander Mitscherlich, Psychoanalyse.

Darf man fragen, liebe WELT, lieber Herr Žižek, woher Sie die Beweise für diese kühne These nehmen? Außer, dass Sie als Autor bestimmte Feindbilder haben, verrät uns auch die Welt (ohne Abonnement) nicht, welche Gründe es geben mag, die Psychoanalyse so zu verehren.

Was wir Nicht-Abonnenten lesen duften, ist, dass ein Krieg tobt. Psychoanalytiker auf der einen Seite, Verhaltenstherapeuten und Gehirnforscher auf der anderen. Und ein paar Ideologinnen werden auch noch eingemixt: die wahrhaftig grauenhaften und erbärmlichen Thesen von alten weißen Männern.

Zweifel trotz des großen Namens

Könnte es vielleicht sein, dass sich in der Psychoanalyse zu viel „Beiwerk“ angesammelt hat, das keiner Überprüfung standhalten würde? Oder dass biologische Fakten von der Psychoanalyse als ausgewiesene „Geisteswissenschaft" konsequent ignoriert werden?

Nein, ich konnte den Artikel nicht „ganz“ lesen - die „Welt“ verhindert ja, dass er öffentlich zugänglich ist. Immerhin ist der Herr Žižek, wie ich gelesen habe, eine namhafte Größe in der Philosophie des 20. Jahrhunderts und ein rhetorisch sehr begabter Mann.

Nun - je länger ich an diesem kurzen Artikel saß, fragte ich mich: Ist das Thema nicht irgendwie lächerlich?

Zitat: Auszug aus der Adressierung der "WELT" an den Leserkreis, der angesprochen werden soll.

Würde, Tugend, Zurückhaltung als Waffen gegen den Liberalismus?

Der Angriff auf den Liberalismus kommt von ungewöhnlicher Seite: Die Journalisten und Autorin Louise Perry hat ein Buch geschrieben, dessen Klappentext klar aussagt, wer die Verlierer einer „zeitgenössischen, hypersexualisierten Kultur“ sind: Frauen, die gezwungen sind, die Exzesse männlicher Lust zu akzeptieren. Lesen sollten ihr Buch Frauen und Männer, die sich über die „abgeschmackten Denkweisen“ unserer „ultraliberalen“ Gesellschaft Sorgen machen.

„Ultraliberale Gesellschaft“? Ich muss lange suchen, um in Deutschland ein „ultraliberale Gesellschaft“ zu entdecken oder eine andere übertrieben freiheitliche Gesinnung. Übrigens ist interessant, was im Klappentext ihres Buches als Alternative zur freiheitlichen Gesinnung angeboten wird: Würde, Tugend und Zurückhaltung. Das klingt auf den ersten Blick natürlich sehr „edel“ – doch was passiert, wenn wir unsere Emotionen wieder zurückfahren? Kommen wir dann auf die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zurück, in der genau diese Werte auf den Etiketten standen, während im Inneren durchaus häufig Willkür, Gewalt und Unterdrückung herrschten?

Ihr Buch: The Case Against the Sexual Revolution

Deutschland - wer entzweit, wer eint?

Deutschland - wer entzweit, wer eint? - Mein Artikel zum heutigen Tag der Einheit beginnt kritisch und endet versöhnlich. Die Grundfrage ist, ob wir überhaupt von „Ostdeutschland" und „Westdeutschland“ sprechen sollten.

Immer, wenn das Wort „Ostdeutschland“ fällt, spreizen sich meine Zehennägel. Es beginnt bei den Schmierereien an den Wänden. Und es endet nicht, wenn behauptet wird, „Meinungen“ aus Ostdeutschland würden „nicht ernst genommen“.

Dein Staat heißt weder „Westdeutschland“ noch „Ostdeutschland“

Vielleicht werden Meinungen aus Bayern immer etwas zu ernst genommen, obgleich man in Bayern häufig völlig abweichend vom sogenannten „Westdeutschland“ denkt. Und in Deutschlands „echtem Westen“, dem bevölkerungsreichsten Bundesland“ findet man durchaus kulturelle Unterschiede zum Norden - ich denke da durchaus mal an sogenannte „Pappnasen“ .

Das alles muss der föderale Staat aushalten und auch seine Kultur.

„Westdeutsch“ ist völlig irreführend

Wer „Westdeutschland“ sagt, meint im Osten überhaupt nicht Westdeutschland, sondern er (oder sie) folgt einer ideologieschwangeren Vorstellung über „westliche Überheblichkeit“. Doch was „der Westen“ wirklich ist, heißt eigentlich „Einheit, Freiheit, Brüderlichkeit“, also die Werte des Humanismus, gefolgt vom demokratischen und liberalen Staat. Für manche Deutsche in Ost und West ist dies ein Rosinenkuchen, in dem man sich die süßen Rosinen herausklaubt und den Teig verabscheut. Für andere ist es die Verwirklichung der Menschenrechte. Daran werde ich nichts ändern können. Es ist eben so.

Meinungen und ihr Wert

Und die Meinungen? Ist es eine gute Idee, sich von „Meinungen“ leiten zu lassen? Das Staatswesen, die Gesellschaft und die Wirtschaft interessieren „Meinungen“ nur dann, wenn in ihnen der Gedanke an nachhaltige Verbesserungen wohnt. Aber auch, wenn dies nicht der Fall ist, gelten Meinungen - nur eben nicht für alle. Und wir müssen - wirklich - ein wenig unterscheiden, zu welchem Zweck die Meinungen geäußert werden.

Wer etwas meint, solle auch etwas wissen

Von verantwortlichen Menschen dürfen wir eine minimale Einsicht in die Menschenrechte, die Demokratie, den Liberalismus und andere Essenzen der Freiheit erwarten. Wer nichts davon versteht, darf auch Meinungen haben - aber wir müssen ihm oder ihr nicht folgen.

Einigkeit, Recht, Freiheit und Menschenwürde

Tausende Menschen in Ost und West praktizieren die Deutsche Einheit - in Beziehungen, Ehen, Freundschaften und Nachbarschaften. Sie fragen sich nicht, was an den Menschen bayrisch, sächsisch oder holsteinisch ist. Und sie schmieren auch keine Parolen an die Wand, radikalisieren sich nicht und beklagen sich nicht. Denken wir heute, am Tag der Deutschen Einheit, daran, dass es sie gibt. Und freuen wir uns, dass die Wiedervereinigung uns ermöglicht hat, einander in Freiheit und Rechtssicherheit zu begegnen und miteinander Deutschland zu repräsentieren.

Fake-News, Deutsche und Menschenrechte

Wenn Nachrichten aus einem Land verbreitet werden, in dem es keine Presse- und Informationsfreiheit mehr gibt, dann hat dieses Land Gründe, so zu handeln. Das können wir als liberale Journalisten nicht verhindern. Doch wenn diese Nachrichten dann von Deutschen aufgenommen und weiterverbreitet werden, muss man hellhörig werden. Und ich denke, dass es sich dabei nicht ausschließlich um ein paar „naive“ Menschen handelt, sondern um solche, die genau wissen, wessen Spiel sie betreiben.

Ich schreibe nicht über den Krieg - aus guten Grund. Aber ich würde mich freuen, wenn sich meine Mitbürger(innen) aus der freien, weitgehend auch liberalen Presse informieren würden. Die Freiheit zu verteidigen, beginnt damit, zu wissen, was Freiheit bedeutet. Und zwar nicht „so wie ich sie verstehe“, sondern so, wie sie in der Charta der Menschenrechte festgelegt ist.

Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.

Wie diese Freiheiten nicht verteidigt, sondern bezweifelt, stellt sich gegen die Grundlagen des Rechts. Das ist alles, was ich heute sagen will.

Ostdeutsche und Demokratie

Heute titelte die Leipziger Volkszeitung, nur noch 39 Prozent der „Ostdeutschen“ seien mit der Demokratie zufrieden. Und Redakteur Markus Decker legt im Leitartikel noch eine Schippe drauf: „Westdeutsche müssen begreifen, dass ihre Dominanz ein Problem ist.“

So, so ... da muss jemand etwas begreifen - eine anonyme Masse, nämlich Westdeutsche. Die moralische Keule herausholen - Schuldige finden - das zieht immer.

Der Westdeutsche als Fremdling und ewiger Buhmann

Nein, ich spreche sogenannten „Westdeutsche“ nicht frei von Überheblichkeit. Aber in jeder Diskussion mit ebenfalls so genannten „Ostdeutschen“ fällt das Wort von westlicher Arroganz gegenüber ostdeutscher Gutherzigkeit. Mich erinnert das stark an meinen langjährigen Aufenthalt im Schwabenland. Da sind auch alle „brave Glasmännlein“, während der schreckliche Kaufmann mit dem „kalten Herzen“ aus dem Norden kommt. Solche Zuweisungen kennt jeder Norddeutsche, jeder Kaufmann, jeder Autor und mancher andere, der mit Innovationen in ein anderes Land oder eine andere Region kommt.

Demokratie lernen - ach, das geht auch?

Weil von der Demokratie die Rede ist: Der liberale Staat, der demokratische Staat und die Gesellschaftsordnung, die darin gewachsen ist - das sind die Themen, die in den Regionen, die sich so gerne mit dem Etikett „Ostdeutschland“ schmücken, noch nicht recht bewusst geworden ist. Ja, es kann stimmen, was der Ostbeauftragte sagt: „Demütigungserfahrungen der 1990-er Jahre sind immer noch Teile des Bewusstseins.“ Ich glaube, dass dieser Satz fällt, weil er einem ständig um die Ohren gehauen wird, wenn man als „Westdeutscher“ eingestuft wird. Aber: Wäre es dann nicht Zeit, am Bewusstsein zu arbeiten? Am demokratischen, liberalen und offen Verständnis für die Werte, die es zu verteidigen gilt? Wer steht denn ein für eine wehrhafte Demokratie, wer lehrt Demokratie?

Es gibt zu viele Fragen, und zu wenig Antworten. Und die Unzufriedenheit? Ist sie ein Argument, die eigenen Hände in den Schoss zu legen und über andere zu meckern?

Nein - ich erwarte gar keine Antwort. Mir reicht schon, wenn mehr Menschen nachdenken würden.

Zitat aus: LVZ, Printausgabe, Donnerstag, 29. September 2022.