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Mal wieder Dieter Nuhr

An sich bin ich ja ein geistiger Verwandter dieses Herrn Nuhr, der und „Nuhr im Ersten“ produziert und präsentiert. Allerdings hat der Mann seit einiger Zeit ein Problem: Er versucht, ebenso beständig wie unsinnig Umweltthemen ins Lächerliche zu ziehen - und dies insbesondere, wenn sie von Menschen vertreten werden, die jünger sind als er selbst.

Klar, diesen Fehler hat schon „Old Conny“ (1) gemacht, nur war jener wesentlich älter, wesentlich einseitiger und wesentlich starrsinniger als der Herr Nuhr.

Also, wenn ich dies mal bemerken darf: Mehr Humor, auch scharfer - aber nicht immer mit dem erhobenen Zeigefinger des Schulmeisters.

(1) Konrad Adenauer, einst deutscher Bundeskanzler (15. September 1949 bis 16. Oktober 1963, bekannt als Feind der Jugend und aller Veränderungen, die von ihnen ausgingen,

Wenn das Gewohnte nicht mehr gilt

Wenn das, was wir gewohnt sind, nicht mehr gilt, dann geraten die Ängstlichen in Panik. Die Mutigen erproben, welche Vorzüge ihnen das Ungewohnte einbringen könnte, und die Gleichgültigen zucken die Schultern.

Um es gleich zu sagen: Das Gewohnte gilt nicht immer und überall, und vor allem nicht für die Ewigkeit. In der Vergangenheit mag das nicht so wichtig gewesen sein: Man blieb auf seiner Scholle, und kein Fremder reiste dorthin. Ebenso blieb man in seiner Kaste, Klasse, Religionsgemeinschaft oder Partei mit Gleichgesinnten zusammen – man wechselte nicht. Zwar waren Frauen nicht überall gleich ungleich, aber sie wurden als Frauen nirgendwo als „gleichwertig“ angesehen – es war ganz normal, sie in irgendeiner Weise abzuwerten.

Den Wandel vom Gewohnten zum Ungewohnten gibt es schon lange

Der Wandel vollzog sich auch im vorigen Jahrhundert schon - aber deutlich langsamer. Man sprach vom „Generationenkonflikt“ und meinte, die Älteren seien nicht mit den Zielen und Grenzüberschreitungen der Jungen einverstanden.

Neu ist nur die Geschwindigkeit des Wandels: Wir releben ihn innerhalb einer Generation, nicht verteilt auf drei Generationen, was noch für die 19hunderter Jahre üblich war.

Wenn das Gewohnte nicht mehr gilt, müssen wir über den Alltag verhandeln. Die Ängstlichen verweigern dies, flüchten in ihren schwarzen und braunen Ecken, gelegentlich gar in grüne und gelbe. Furchtsame Männer igeln sich ein, ängstliche Frauen schotten sich ab. Ja, und die Mutigen? Sie probieren alles aus: wie man ohne Verhandlungen ans Ziel kommt, wann man besser verhandeln sollte, und wann man unbedingt verhandeln muss.

Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist Sache von Verhandlungen

Unser Zeitalter ist sozusagen das Erste, indem Paul Watzlawicks These zum Tragen kommt: Die (gesellschaftliche) Wirklichkeit existiert gar nicht, sie ergibt sich aus unseren sozialen Verhandlungen. Kommunizieren wir also vom Gleichen, und finden wir eine Vereinbarung über unser Handeln, so ist „unsere Welt“ in Ordnung. Wir nehmen dabei in Kauf, dass sie es für andere nicht ist.

Die Wütenden fürchten um ihren Status

Die „anderen“ stehen staunend daneben. Ein Teil erträgt den Wandel stoisch: „Na, ist eben so“ oder „betrifft mich eigentlich nicht direkt“. Ein anderer Teil ist verwirrt oder gar entsetzt. Selbst von einem äußert gebildeten Mann musste ich mir anhören, dass es unerhört ist, erst einmal alles infrage zu stellen, um dann die Dinge neu zu vereinbaren. Bei einigem Nachdenken fiel mir aber ein, dass ich genau diesen Satz bereits im Generationenkonflikt der 1960er Jahre gehört hatte.

Mittlerweile ahnen die Verlierer der neuen Zeit, dass sie weniger erfolgreich sein werden, wenn sie nicht verhandeln. Nicht nur die „üblichen Verdächtigen“, also die angeblich „Abgehängten“, dies sich selbst abgekoppelt haben, sagen dies. Ebenso wehre sich „gute Bürger“ dagegen, dass sie ihre Gewohnheiten verändern müssen – und werden zu „Wutbürgern.“ Und schließlich sind es Personen, die glauben, Privilegien „gepachtet“ zu haben - insbesondere Adlige und Hochschullehrer.

Wer standhalten will, muss sich schneller bewegen

Sicher, manchmal erwische ich mich selbst dabei, etwas hinter der Zeit herzulaufen – da geht älteren Menschen nun mal so. Aber auch dieses Phänomen wurde bereits in „Alice im Spiegelland“ beschrieben. „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst“ – und dieses Zitat stammt weder aus dem aus dem Einundzwanzigsten noch aus dem Zwanzigsten Jahrhundert, sondern aus dem Neunzehnten.

Zitat: "Trough The Looking Glass": Now, here, you see, it takes all the running you can do, to keep in the same place.If you want to get somewhere else, you must run at least twice as much as that."

Irrtümer in der Psychoanalyse?

Kürzlich wurde ich gefragt, welche Erkenntnisse von Sigmund Freud falsch waren. Dabei stellt sich die Grundfrage, ob Freuds Theorien überhaupt etwas mit einer soliden Wissenschaft zu tun haben. Was letztlich heißt: Wir müssen all diese Erkenntnisse hinterfragen, und nicht nur, ob sie „richtig“ oder „falsch“ sind, sondern vor allem, welche Bedeutung sie haben. Denn wenngleich Sigmund Freud für einen Teil der Bevölkerung eine Art Halbgott ist, für Psychotherapeuten vielleicht gar die Grundlage einer Erklärung des Seins – dann ist seine Theorie dennoch nur ein Entwurf, und er darf selbstverständlich hinterfragt werden.

Der Knackpunkt vieler Theorien dieser und ähnlicher Art ist: „Kann ein einzelnes Ereignis während der Kindheit wirklich psychische Schäden auslösen, die mit Eigenmitteln (Selbstheilung, Kommunikation, gute soziale Kontakte) nicht mehr beseitigt werden können, sondern nur noch dadurch, dass sie (oft mühsam) wiederbelebt werden?“

Dabei stellen wir fest, dass die Psychotherapie das Pferd stets vom Schwanz aufzäumt. Hat ein Psychotherapeut festgestellt, dass die von Freud gefundene Methode hilft, dann glaubt er zu wissen, dass es dieses einzigartige Ereignis wirklich gibt und dass es die Ursache für die Störung ist.

Jeder logisch denkende Mensch würde sagen: Im Grunde müssten wir wissen, wie viele Menschen ähnliche Erlebnisse hatten und wie viel diese nicht selbst wieder tilgen konnten. Aber das wissen wir schon deshalb nicht, weil Menschen, die sich selbst wissend oder unwissend geholfen haben, nicht zu Therapeuten gehen.

Gamie – mono und poly

Da wäre die Monogamie. Sie sagt, dass wir mit einem einzigen Lebenspartner in einer dauerhaften und exklusiven Verbindung leben, in jedem Fall sozial, aber möglichst auch sexuell. Eigentlich ist die „Einehe“ gemeint, was „griffiger“ ist. Gelegentlich bringt man den Begriff auch mit einer „Treuebeziehung“ in Verbindung und schafft so einen ethischen Zusammenhang.

Dann wäre da noch die Polygamie. Sie heißt eigentlich „Mehrehe“ und wird fast ausschließlich für eine Rechtsform verwendet, in der Männer, seltener auch Frauen, mehrere Partner heiraten können. Ziel der Mehrehe ist ebenfalls eine soziale und sexuelle Verbindung.

Was hat die Treue mit der Monogamie zu tun?

Die „sexuelle Treue“ in der Ehe ist übrigens eine ethische Forderung, keine kulturhistorische Selbstverständlichkeit. Sowohl in der monogamen Beziehung wie auch in der polygamen konnten Männer Beziehungen zu „anderen“ Frauen unterhalten, soweit diese entweder zum Gesinde gehörten oder jedenfalls nicht aus dem „gleichen Stand“ waren. In manchen Kulturen hatten die Ehefrauen Anspruch darauf, begattet zu werden, was sie davor schützen sollte, dass die Männer sich bei sexuellen Aktivitäten mit Sklavinnen, Mägden oder Huren erschöpften und der Ehefrau den Beischlaf verweigerten.

Die Sprachverwirrer schufen die "serielle Monogamie"

Seit Soziologen sich aufgeschwungen haben, die Welt mit Begriffen dicht zu pflastern, wurde der Ausdruck „serielle Monogamie“ geschaffen. Das Wort „seriell“ steht für „Aneinanderreihen“ und findet eine Entsprechung in „Parallel“ – „nebeneinander befindlich“.

Und schon haben uns die professionellen Sprachverwirrer wieder gekrallt: Die „serielle Monogamie“ ist nicht „seriell“, und die „parallele Monogamie“ existiert in dieser Welt bestenfalls selten.

Entstanden ist der Begriff in den 1970er Jahren, als die Soziologie entdeckte, dass zahllose Ehen geschieden wurden und sich die „freigesetzten“ Frauen und Männer relativ schnell für eine neue Ehe oder Beziehung entschieden. War noch in den 1950er und 1960er Jahren die „eheliche Untreue“ der „Scheidungsgrund“, so wandelte er sich in den 1970er und 1980er Jahren zu der Vorstellung, die Ehe würde einengen und insbesondere Frauen „unfrei machen“. Nicht ganz parallel, aber nahezu zeitgleich, bekam die Frauenemanzipation starken Rückenwind. Es ging nicht mehr nur darum (wie in den 1970ern) sich „selbst zu verwirklichen“, sondern ein wirtschaftlich eigenständiges Leben zu führen – oder jedenfalls bei Bedarf und Notwendigkeit führen zu können.

Im Grunde ist also der Begriff „serielle Monogamie“ ein rotzfrecher Übergriff der Soziologie auf das Zusammenleben. Auch der frühe Witwer im 18. Und 19. Jahrhundert, dessen erste Ehefrau im Kindbett starb, strebte eine zweite oder gar dritte Ehe an. Viele Frauen wären nach den schrecklichen großen Kriegen froh gewesen, wenn sie Männer für eine zweite Ehe gefunden hätten. Wer sich im späten 20. Jahrhundert scheiden ließ und dennoch eine neue Ehe wagte, müsste eigentlich all unsere Hochachtung genießen - und nicht als „serieller Monogamist“ abgestempelt werden.

Erst kürzlich las ich den Begriff abwertend n einer Zeitung:

(Der Partner wird „oft Überganswahl bis zum Nächsten“) … serielle Monogamie nennt sich dieses Phänomen, wenn jemand eine lange, monogame Beziehung beendet – um danach die nächste zu beginnen.

Was immer sich Redakteurin oder Redakteur bei diesem Satz gedacht haben: Aus dem verständlichen Wunsch nach einer neuen Beziehung wird nun die „Übergangswahl bis zum Nächsten“ – also eine Abwertung nach dem Vorbild des soziologischen Sprachgebrauchs.

Zitat aus der "Morgenpost".

Zuhören ist eine Kunst

Die Kunst des Zuhörens ist in Deutschland nicht weit verbreitet. Ich bin mir nicht sicher, ob sie in der Schule gelehrt wird – dort ist „menschliche Kommunikation“ ohnehin eher ein untergeordneter Unterrichtsgegenstand.

Sagt man den Menschen, dass sich „zuhören“ erlernen lässt, sind sie oftmals verwirrt. „Zuhören“, so wird mir dann entgegnet, „könne doch jeder, aber nicht jeder sei auch in der Lage, Sätze zu formulieren.“

Das mag stimmen oder nicht, aber es hat mit der Kunst des Zuhörens gar nicht zu tun. Denn „zuhören“ bedeutet, etwas aufzunehmen, um es zu verstehen. Es kann auch bedeuten, dem Gegenüber die Möglichkeit zu schenken, eine Sache, einen anderen Menschen oder sich selbst besser zu verstehen.

Falls ihr das bisher nicht so gesehen habt – versucht es einfach mal. Es hilft euch und den Menschen, mit denen ihr zusammentrefft.