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Eine mentale Pandemie namens "Dummheit"

Keine Chance für Dummheit -besser informieren!
Bevor ihr euch bei anderen über Covid-19 informiert: Bekämpft die Infodemie über die Pandemie und lest, was wirklich korrekt ist. Über „corrective.org“, ausführlich als pdf.

Falls ihr neulich jemanden mit einem T-Shirt gesehen habt, auf dem „Gib Gates keine Chance“ stand - dass sage ich mal, „Gib den Quertreibern, Verhinderern und Bremsern keine Chance.“ Oder noch besser: Gebt der Dummheit keine Chance - das ist eine pandemisch auftretende mentale Seuche im Internet.

Spargelsaison: Qualität bedenklich, Preise enorm hoch

Letzte Woche lief die Spargelsaison aus. Die letzten, eingekauft als „erste Wahl“, erwiesen sich zu 20 Prozent als qualitativ bedenklich - ich vermeide das Wort "Ausschuss". Das ist mehr, als ich von den ohnehin schlampig sortierenden Spargelbauern hierzulande erwarte.

Stutzig machte mich jedoch ein Interview. Im Allgemeinen, so der Tenor, sei man mit der Ernte zufrieden. Und gelobt wurde nicht nur der anfängliche Einsatz freiwilliger Erntehelfer, sondern auch das Bemühen der Regierung, die „üblichen“ Spargelstecher doch noch einzufliegen.

Also alles in Butter, nur auf etwas niedrigerem Niveau?

Nein - am Ende kam noch heraus, dass am „Stand am Straßenrand“ etwas nicht stimmt: Die Bauern behaupteten, die Gastronomie als Kundschaft sei ihnen „nahezu komplett weggebrochen“.

Nun bekommt aber die Gastronomie in „normalen Zeiten“ oftmals die Sortierung „Extra“, weil man dem Gast nicht anbieten mag, was die Hausfrau noch auf den Tisch bringt.

Woran sich wieder einmal zeigt: Der Kundin oder dem Kunden am Straßen-Stand kann man jeden Blödsinn erzählen - man kann die holzigen Teile ja herausschneiden, die braunen Flecken abschälen, und den Kunden beschämen mit „die wachsen eben so krumm“.

Und man kann durchaus einen Preis dafür verlangen, der erklärt, warum der Spargelbauer in dieses Jahr kaum Verluste hatte: Eher durchschnittliche Qualitäten wurden zu Höchstpreisen verkauft.

Und der Kunde? Wieso Kunde? Der Bauer hat keine Kunden. Er versorgt die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Sagen jedenfalls die Interessenverbände.

Wikipedia, Quora, Wahrheit und Versagen

Heute habe ich versucht, eine Quara-Anfrage über den Begriff des Versagens zu beantworten. Ich war etwas überrascht, dass einer der Kollegen behauptete, „alles, was es dazu zu sagen gäbe“ stünde bei Wikipedia.

Das erweist sich meist als Trugschluss. Wikipedia ist ohnehin keine gültige Quelle für Begriffe, sondern es handelt sich um ein Lexikon, das auf Expertenmeinungen zu Sachgebieten beruht. Doch was in vielen Fällen hilfreich ist, erweist sich hier als Achillesferse.

Zudem hat Wikipedia selbst entdeckt, dass der Artikel etwas eigenartig ist. Das liegt einerseits daran, dass „Versagen“ ein Wort mit mehrfacher Bedeutung ist - andererseits aber auch daran, dass von Wikipedia-Autoren eine übertriebene „Reinheit“ der Wissenschaft verlangt wird. Heißt konkret: Man will perfekt sein und formuliert dann diesen kritischen Satz:

(Der Artikel sollte ...) Komponenten des Misserfolgs und des Scheiterns sowie deren Ursachen und Auswirkungen berücksichtigen. Es fehlen völlig die psychologischen und pädagogischen Aspekte.


Unscharfe Begriffe bleiben unscharf

Schon haben wir das Problem erkannt: Um ein Wort zu erklären, benötigen wir weder Soziologen noch Psychologen oder Pädagogen. Und wenn wir einmal damit anfangen, ein Wort wie „Versagen“ durch Psychologen analysieren zu lassen, dann verlassen wir völlig festen Boden und begeben uns ins Reich der Spekulationen. Das ist leicht zu beweisen, weil wird für alles, was „Versagen“ oder „Scheitern“ ausmacht, müssen wir zunächst wissen, was Erfolge sind. Und schon sind wir mitten drin: Erfolg ist ein ebenso vielschichtiger wie schwammiger Begriff.

Was ist nun „Versagen“? Den meisten Flachdenkern fällt sofort ein, dass es ein Synonym für Scheitern ist - „er ist an einer Aufgabe gescheitert, also versagte er.“

Wer Journalist oder Schriftsteller ist, weiß, dass „versagen“ eigentlich etwas anders bedeutet. Wer sich etwas „versagt“, der verbietet sich etwas. Wer einem andern also etwas versagt, der gebietet ihm, etwas nicht zu tun oder er ist nicht bereit, für ihn einen Dienst auszuführen.

Die großen Versager - Stoff für hübsche Spekulationen

Gut, da wäre noch das Substantiv: „Das Versagen“. Wer gleich die großen Brocken aufnehmen will, der mag sich am Versagen eines Volkes, einer Gesellschaftsordnung oder an einer Regierungsform versuchen. Darüber kann man wild Spekulieren und dann dicke Bücher schreiben.

Die Ehe versagt - oder war es das Rechtschreibprogramm?

Wenn wir es ein paar Nummern kleiner sein darf, aber immer noch spekulativ, dann darf man sich nächtelang damit beschäftigen, warum man als Ehefrau oder Ehemann versagte, warum also beispielsweise die Ehe scheiterte. Abgesehen vom beklagenswerten aktuellen Zustand finden wir darin eine hübsche Spielweise für Spekulationen.

Ich hab’s noch eine Nummer kleiner: Meine teure Korrekturfunktion versagt gelegentlich. Und dann findet jemand einen Grammatikfehler, wie schrecklich!

Der Schrecken alle Schrecken: das persönliche Versagen

Wer ein Projekt, das man ihm zugetraut hat oder das er sich selbst zugetraut hat, nicht ins Ziel führen kann, der hat es nicht geschafft. Schade - und manchmal teuer. Ob es sich dabei um ein „Versagen“ handelt und wessen „Versagen“ es war, steht noch nicht fest - doch der Projektleiter steht nun als Versager da.

Wahrscheinlich ist diese Person kein Versager, und möglicherweise sind nicht einmal Indizien für das Versagen vorhanden. Und dennoch sieht ihn seine Umgebung so. Im schlimmsten Fall wird er geächtet, verliert seinen Job, soziales Ansehen oder Geld.

Keine Versagenskultur? Schade eigentlich!

Ich rede mal Tacheles: Warum ist unsere Kultur so entsetzlich dumm, das Versagen zu brandmarken, zumal, wenn alles mit „rechten Dingen“ zugegangen ist? Warum haben wir keine „Kultur das Versagens“? Und die Steinewerfer, die jederzeit bereitstehen, den Versager sozial zu steinigen, haben die nicht auch schon dutzendfach versagt?

Gut - ich versage mir, Fakten von jenen einzufordern, die ihre Fachmannschaft für das Versagen mit psychologischen Mitteln beweisen wollen. Und ich gestehe, nicht viel von sportiven Wettkämpfen zu verstehen. Und doch habe ich oftmals gehört, dass man dort nicht versagt hat, wenn man „nur“ unter den ersten Zehn der Weltrangliste steht.

Emanzipation

Gelegentlich höre ich Menschen über Emanzipation und Feminismus reden. Frauen über 50, aufgewachsen in den 1980ern, in denen das Thema brisant war. Akademisch gebildet, belesen und selber erfolgreich. Verantwortlich für den Erfolg? Sie selbst, wer sonst? Statements auf Facebook und Twitter.

Wer snd die "anderen Frauen"?

Dann wieder lese ich von Frauen, die noch etwas unter 30 Jahre alt sind. Gefallsüchtig, modebewusst, nach außen gekehrt, aber innerlich unsicher. Einträge auf Instagram. Verantwortlich für den Misserfolg? Die Umstände, die Anderen. Nachzulesen in fast jeder Frauenzeitschrift.

Die Menschen sind nicht so, wie sie in den Medien erscheinen

Da ich seit mehr als 20 Jahren die Online-Dating-Szene beobachte, könnte ich noch mehr dazu sagen: Nichts ist, wie es scheint. Die Fassaden der Frauen, das was sie also „nach Außen tragen“, seien es Einstellungen, Gefühle oder Kleidung, haben wenig mit dem zu tun, was sie bewegt. Habe ich misogyne Tendenzen? Nein aber ich denke, dass es Irrtümer und Widersprüche gibt.

Geht es wirklich um eine Welt, wie sich Frauen vorstellen?

Frauen? Es geht gar nicht um Frauen. Es geht darum dass die Menschen heute auf eine Lebensreise gehen, in der sie auf eine ungeheure Vielfalt von Möglichkeiten stoßen, die aber alle verhandelt werden müssen. Die ständige Belastung, etwas zu wählen, abzuwählen oder zu versuchen, sich neu zu definieren, ist schwer zu erlernen.

Die meisten Frauen und Männer, die ich kennenlernen durfte, seien sie Akademiker(innen) oder nicht, bemühen sich um neue Wege, folgen aber im Zweifel lieber denen, die bequemer für sie sind.

Sagt selbst: Wie könnte es auch anders sein?

Introvertierte Menschen als Boten der Asozialität?

Ein Zitat zuerst, damit ihr wisst, wovon ich schreibe (1):

Der Hype um die Introvertierten betreibt in Wahrheit die Verherrlichung einer gesellschaftskompatiblen Asozialität.

Ach wie hübsch das doch der ZEIT-Kolumnist Magnus Klaue geschrieben. Ein Hype? Ja, wo ist er denn? Habt ihr jemals von einem Hype über Introversion oder Extraversion gehört? Wahrscheinlich nicht. Und dann die monströse Sprache: Wer sich da anschlösse, so erfahren wir, betreibe „in Wahrheit die Verherrlichung einer gesellschaftskompatiblen Asozialität.“

Ich reibe mir die Augen. Der Mann ist Schriftsteller, kein Soziologe. Da darf ich wohl fragen: Was fange ich mit einem Begriff wie „gesellschaftskompatible Asozialität“ eigentlich an?

Ich lese dort nach, woher Herr Klaue seine Meinung bezieht, denn der ZEIT-Artikel ist eine Antwort auf einen Beitrag von Sylvia Lundschien, die ihn für das Goethe-Institut Prag schrieb. Sehr objektiv, wie ich meine - und sie zitiert in ihrem Artikel wieder die Psychologin Johanna Feilhauer. Und eben jene sagte (2):

Gerade bei solchen Krisen (Covid-19, red.) spielt es – unabhängig von intro- oder extrovertiert – eine Rolle, wie gut ich mich strukturieren kann, wie gut ich in schwierigen Zeiten durchkomme?

Ich - zur Hälfte asozial?

Wie ordne ich mich dabei ein? Ich habe starke Anteile von Introversion - wie nahezu alle Menschen, die erst denken, und dann das Maul aufreißen. Und ich habe Anteile von Extraversion - sonst würde ich mich nicht auf diese Rampe begeben und mal sanft und mal harsch schreiben, was ich meine.

Aber - ich denke gar nicht daran, mich in das Rollenschema einordnen zu lassen: Hier die Introvertierte, dort dir Extravertierten. Klar, dass Schema dazu hat ein Psychiater erfunden (3) - dem damaligen Zeitgeschmack entsprechend, Theorien über Gegensätze zu definieren. Es wird Zeit, dies zu korrigieren.

Und, Hallo, Mr. Klaue - nein, Introvertierte schrammen nicht knapp an der „Asozialität“ vorbei. So, wie Extravertierte eben auch nicht knapp am Rand des Größenwahns entlangschlittern.

Zwei Anmerkungen zum Schluss:

1. Beinahe hätte ich vergessen, dass der Begriff „Asozialität“ in zwei Diktaturen geprägt wurde. Das Wort gilt als „abwertende Zuschreibung“.

2. Die ZEIT täte wahrhaftig gut daran, Artikel öffentlich im Internet zu verbreiten, wenn sie sich auf Beiträge anderer Autoren beziehen.

(1) DIE ZEIT - leider im Internet nicht vollständig lesbar.

(2) Goethe-Institut http://www.goethe.de/ins/cz/prj/jug/the/cor/de16769026.htm

(3) Carl Gustav Jung und all seien willfährigen Nachfolger.