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Frau Wagenknecht und der „Kontrollverlust“

„Kontrollverlust“ ist ein düsterer Buchtitel des Autors Thorsten Schulte. Der ist ein rechtspopulistischer Erfolgsautor – woran man sehen kann, dass Rechtspopulismus außerordentliche einträglich sein kann, wenn man zur rechten Zeit auf den fahrenden Zug aufspringt.

Eigentlich bezeichnet Kontrollverlust allerdings den Verlust der bewussten Steuerung des der Emotionen, des Denkens und des Handelns.

Und nun fragt sich, was Frau Wagenknecht wohl gemeint hat, als sie der „Passauer neuen Presse“ sagte:

Der "Kontrollverlust", den es im Herbst 2015 gegeben habe, "hat dieses Land verändert, und zwar nicht zum Besseren.


Nun hat es erstens „im Herbst 2015“ keinen Kontrollverlust gegeben, sondern eine Entscheidung. Zweitens hat dies vor allem die Rechte Szene ausgenutzt, während sich für die meisten Bürger fast gar nichts verändert hat. Und drittens kann ein tatsächlicher Kontrollverlust niemals „zum Besseren“ führen, sondern immer nur zu Verschlechterungen.

Es wäre wirklich gut, sich zu überlegen, was man sagt, wenn man der Partei „Die Linke“ angehört. Denn ob die damalige Entscheidung klug oder unklug war – das Wort „Kontrollverlust“ ist in dem genannten Zusammenhang eine üble Beschimpfung.

Umschreibungen von Texten

Ich werde oft gefragt, was es eigentlich bedeutet, Texte umzuschreiben. Gerade im wissenschaftlichen Bereich wird ein abscheuliches Kauderwelsch zusammengeschrieben. Man will damit den Kollegen zeigen, wie kompetent man auf seinem Fachgebiet ist, indem eine Kunstsprache verwendet wird. Als Beispiel wird oft das „Computerchinesisch“ genannt. Dabei wird vergessen, wie viele meist unzugängliche wissenschaftliche Werke oder Zeitungsartikel in einer Sprache verfasst werden, die nur einem Fachbereich wirklich geläufig ist. Das wirklich Merkwürdige daran: Wenn wir es „übersetzen“, "lesbar machen“ oder „vereinfachen“ glauben die Autoren, wir hätten ihre Texte falsch wiedergegeben. Sie bestehen dann oft darauf, dass nur ihre Wortwahl wirklich ausdrückt, was sie sagen wollten.

Wobei wir den Hasen im Pfeffer gefunden haben: Meist können sie gar nicht sagen, was sie sagen wollten, weil sie in Formeln und Verklausulierungen schreiben.


Im folgenden Text geht es um Gefühle und Literatur:

Das Original:

Stärker rezeptionsorientierte Studien konzentrieren sich auf die emotionalen Wirkungen literarischer Rezeptionsprozesse. Diese rekonstruieren sie mitunter auch unter Zuhilfenahme von aus den Kognitionswissenschaften gewonnenen Heuristiken.


Die Umschreibung:

Einige Studien zielen vor allem darauf, wie der Leser die Texte emotional aufnehmen wird. Die Forscher verwenden dabei auch die Problemlösungen einer neuartigen Wissenschaft (Kognitionswissenschaft), die sich mit dem menschlichen Erkennen beschäftigt.


Vereinfacht:

Um zu erfahren, wie Leser die Gefühle aufnehmen, die in Büchern beschrieben werden, nutzen manche Forscher heute eine neue Wissenschaft, die sich mit dem menschlichen Verstehen beschäftigt.

Die deutsche Sprache per Gesetz schützen?

Im Osten Deutschlands, im offiziellen Sprachgebrauch immer noch „Mitteldeutschland“ genannt, ist man nicht glücklich über Anglizismen. Genau genommen entspringt dies dem Unwillen der Halbgebildeten, die englische Sprache als Wissenschaftssprache zu akzeptieren und der Unfähigkeit der Ungebildeten, sie überhaupt zu verstehen.

Und was verlangen die Unbelehrbaren? Gesetze zum Schutz der deutschen Sprache. Ich bin mir nicht ganz klar, ob der Computer auch dazugehört. Die Franzosen, die oft ähnlichen Unsinn zum Sprachschutz im Kopf haben, nennen ihn „Ordinateur“. Das ist abgewandeltes Latein und bedeutet „Derjenige, der einen Prozess einleitet“ – heute noch bekannt als „Koordinator“, also denjenigen, der Prozesse zusammenführt.

Der englische Begriff heißt übersetzt einfach „Rechner“, und manche in der IT-Branche nennen ihn spöttisch so. Da ein „Rechner“ nun aber ein Mensch, ein Abakus oder ein mechanisches Räderwerk sein kann, ist es im Grunde nicht angebracht, ihn so zu nennen.

Die Computerleute unterhalten sich untereinander in einer Sprache, die anderen fremd ist. Das macht im Grunde nichts, sie müssen ja auch nur einander verstehen, und das geht – international gesehen – am besten auf Englisch. Einstmals wurden die Anweisungen für den Gebrauch von Software (sogar bei deutschen Firmen) noch in ein scheußliches Kauderwelsch verpackt, den man auch „Computerchinesisch“ nannte. Einer meiner ersten Tätigkeiten in der Branche war solche „Bedienungsanleitungen“ aus dem Computerchinesischen in verständliches Deutsch zu übersetzen. Die Pionierarbeit trug übrigens Früchte, die man mal mehr, mal weniger abgewandelt, über zwanzig Jahre lang ernten konnte.

Übrigens gibt es einen Wissenschaftszweig, in dem solche Übersetzungen dauernd nötig sind, obwohl man von etwas höchst einfachem redet: in der Soziologie. Dort wird die Sprache umso mehr verkompliziert, je weniger man zu sagen hat.

Was nun die Alltagssprache betrifft - ach, liebe Ostdeutsche … gewöhnt euch einfach daran. Die Mehrheit der Völker dieser Erde versteht und spricht entweder Englisch, Französisch, Spanisch oder – nun ja, manchmal auch Deutsch. Chinesisch habe ich nicht erwähnt, weile es noch überwiegend von Chinesen gesprochen wird.

Übrigens – nur mal so am Rande – viele englische Wörter stammen aus dem Französischen – und französisch war einst die Sprache der Fürstenhäuser und „besseren Bürger“ in Deutschland. Zumindest alles, was „nicht vor den Kindern“ („pas devant les enfants“) besprochen werden sollte, oder was man für anrüchig hielt, wurde auf Französisch gesagt.

Na also. Und wenn der Deutsche zu seinem tragbaren Telefon „Handy“ sagt, dann hat das mit dem Englischen nichts zu tun außer dem Wortklang. Denn in angelsächsischen Ländern heißt so ein Ding „Mobile“, gesprochen „Mobeil“.

Also: keep your cool, Mitteldeutscher. Bleib ruhig, atme tief durch, benutze die Wörter, die alle benutzen – das hilft ungemein bei der Verständigung. Und lerne mal, ein bisschen englisch zu lesen. Das hilft auch in anderen Situationen.

Gegenargumente (auch von Westdeutschen) finden Sie bei der "Aktion Deutsche Sprache".

Muttersprachler – arrogant gegenüber Fremden?

Deutsche Muttersprachler können ganz schön arrogant gegenüber Menschen sein, die die deutsche Sprache lernen und damit (noch) Schwierigkeiten haben.

So schreibt der Journalist Christoph Schäfer in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ mit kaum verholener Häme:

Die Integrationskurse sind – freundlich ausgedrückt – nicht sonderlich erfolgreich.


Fragt sich: was ist „erfolgreich“, wenn ein Deutschkurs ein halbes Jahr dauert? Deutsch ist – das wissen Bayern, Sachsen, Schwaben, Badener und noch einige Mundsprachler – eine sehr, sehr schwierige Sprache. Und wer wenig Gelegenheit hat, sie auch im Alltag zu nutzen, für den ist sie noch schwerer zu erlernen.

Also „Erfolg“. Ich habe in einem Artikel für eine andere Gruppierung von Menschen einmal festgestellt, dass „gegen 35 Prozent“ schon ein recht ordentlicher Erfolg ist, wenn man mit etwas beginnt, das zuvor völlig ungewohnt war. Und nun soll es ein „Misserfolg“ sein, wenn „nur“ 48,7 Prozent (gut die Hälfte) das mit recht anspruchsvollen Texten bestückte Zertifikat „B1“ erreichen?

Was ist denn überhaupt „B1“?

Da darf ich mal zitieren:

Ich kann die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit oder Ähnliches geht. Ich kann vielen Radio- oder Fernsehsendungen über aktuelle Ereignisse und über Themen aus meinem Berufs- oder Interessengebiet die Hauptinformation entnehmen, wenn relativ langsam und deutlich gesprochen wird.


Das Zertifikat entspricht, so lese ich, „sechs Jahren Schulenglisch“. Gut – englisch ist wesentlich leichter zu erlernen als deutsch – zumal für Deutsche.

Und was ist nun „Erfolg“?

Von denjenigen, die überhaupt am Sprachtest teilnahmen, erreichte nicht einmal jeder Zweite (48,7 Prozent) das Kursziel B1.Vier von zehn (40,8 Prozent) kamen lediglich auf das niedrigere Sprachniveau A2.

Ich denke, das ist ein ganz erheblicher, fast bewundernswerter Erfolg. Es ist ungefähr so, als würde Deutsche solche Zertifikate in exotischen Sprachen wie Ungarisch oder Zulu erreichen. Und Deutsche: Bitte immer schön ruhig bleiben, wenn es um die Sprache geht. Und vielleicht könntet ihr Bayern, Sachsen, Schwaben und Badener ja wenigstens versuchen, mit Ausländern verständliches Deutsch zu sprechen.

Der Begriff gehört auf den Müll: Sex haben

Gummibärchen haben keinen Sex - Menschen auch nicht
Warum der Begriff "Sex haben" eine geistige Dummheit ist

Das Internet ist voll von Dummheiten. „er nahm sie mit nach Hause, weil er Spaß mit ihr wollte. Dann hatten sie Sex auf der Couch.“ Na schön, vielleicht waren sie vorher noch am Currywurststand und hatten eine Currywurst, oder sie hatten Küsse miteinander, oder sie hatten noch ein Kondom in der Schublade gefunden, das noch kein Verfalldatum hatte.

Leider muss ich Ihnen gestehen: Ja, ich habe diesen Begriff auch schon benutzt: „Sex haben“. Wie das schon klingt: Ich habe Sex, du hast Sex, er/sie hat Sex … und natürlich wir haben Sex, ihr habt Sex, sie haben Sex.

Frage: Was haben sie da eigentlich, wenn Sie „Sex haben“? Besitzen sie Sex? Beinhalten Sie Sex? Schütten sie eine Tüte Sex übereinander aus?

Unsinns-Ausdruck „Sex haben“

Haben steht in Deutsch hauptsächlich für „Besitzen“ und „Beinhalten“. Daneben auch für die Pflicht, etwa zu tun („der Hund hat zu gehorchen“) und sehr selten für etwas anderes. Wie kann da jemand „Sex haben“? Wie kommen wir überhaupt auf die Idee, Sätze zu schreiben wie „wir hatten Sex“ oder „hattet ihr Sex?

Feige sein und Unsinn schreiben?

Weil wir es uns viel zu einfach machen. Weil wir zu feige sind, zu schreiben, was es bedeutet, sich einander hinzugeben. Und weil wir kein Deutsch schreiben können. Der Begriff „Sex haben“ ist eine inkorrekte, wenngleich populäre Übernahme aus dem Englischen. Dort steht das Wort „have“ dafür, dass etwas getan wird oder getan wurde. Typisch (das werden Sie kennen) ist „to have Breakfast“ – was nicht bedeutet „Frühstück zu haben“, sondern zu frühstücken. „What did you have for Breakfast“ kann zwar holprig mit „Was hattet ihr zum Frühstück?“ übersetzt werden, aber eigentlich sollte es heißen: „Was gab es bei euch zum Frühstück?“

Also, wie lief Ihr Tag ab? „Wir hatten Frühstück, dann hatten wir einen Spaziergang, dann hatten wie ein Glas Wein, und dann hatten wir Sex?“ Sehen Sie, das, schreiben Sie nicht – aber wie ist das nun mit dem Sex?

Sex haben ist ein Hohlbegriff ohne Sinn

Wissen Sie, was „Sex“ ist? Wenn Sie jetzt sagen: „Klar, das ist bumsen oder vögeln …“, dann stimmt das zwar, aber es ist nicht dasselbe. Selbst die angeblich „bösen Worte“ für das Schönste drücken deutlicher aus, was geschehen ist als der Begriff „Sex haben“. Man lag nicht zusammen und hatte irgendetwas, sondern man tat etwas. Es könnte sein, dass Sie keinen anderen Begriff dafür kennen, als „heftig gevögelt zu haben“ oder „heftig gevögelt worden zu sein“. Aber selbst diese primitiven Sätze drücken deutlicher aus, was geschah, als ihre Helden vermeintlich „Sex hatten“.

Die heiße Liebe, das Feuer der Liebe

Als „Sex“ und „Liebe“ noch parallel verwendet wurden, wenn sich ein Paar ineinander verschlang, sagte man: „Sie machen Liebe“ – auch aus dem Englischen. Wenigstens musste man da noch etwas tun – man konnte die Lust nicht einfach haben, man musste sie füreinander erzeugen. Das erforderte lustvolle Handlungen, die es zu beschreiben galt. Dann wusste der Leser wenigstens, warum das „Feuer der Lust loderte.“ Heute können Autoren offenbar einen Schalter umlegen: Aha, sie hatten Sex? Warum? War ihnen langweilig?

Formale Definition? Nein danke!

Es gibt eine „formale Ausdrucksweise“, die im Englischen ebenso dümmlich kling wie im Deutschen: „Have sexual intercourse“, also „den Geschlechtsverkehr vollziehen.“ Das allerdings drückt nun auch nicht so recht aus, was dabei geschieht.

Was können Sie schreiben, wenn Sie eigentlich „Sex haben“ schreiben wollten?

Was sollten wir Autoren also schreiben?

Das, was es ist, das, wie es empfunden wurde und das, was sich andere auch vorstellen können. Und das heißt: Nicht so stark vereinfachen.

Beim Frühstück haben wir einen frisch aufgebrühten Kaffee getrunken, nicht wahr? Dann haben wir ein wundervoll knuspriges Croissant genommen, um es in der Mitte zu zerbrechen, die Bruchstellen übermäßig dick mit frischer Butter zu bestreichen und sodann noch einen großen Klecks feiner englischer Orangenmarmelade darauf zu tun.

Sehen Sie, das haben Sie getan. In Wahrheit haben Sie kein „Frühstück gehabt“. Und sie haben keinen „Sex gehabt“, wenn Sie schreiben, dass Sie Sex gehabt haben. Und so, wie sie ein Frühstück bildlich beschreiben können, sollten Sie auch den Sex beschreiben können. Und wenn nicht? Dann lassen Sie es einfach.