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Die Sensationspresse, die Zahlen und das RKI

Die neueste Masche der Sensationspresse: Man bezweifelt Zahlen - und neuerdings auch das RKI, das zuvor noch hoch gelobt wurde.

Ich weiß ja nicht, ihr Pressefuzzis von der Radaupresse, wie oft ihr euch eine „Aktualisierung“ der Zahlen wünscht ... mal eben kurz vor der Mittagspause raufgucken und danach wieder? Was soll der Schwachsinn?

Journallistenkrankheit Zahlenfetischismus?

Angeblich „hochaktuell“: die unterschiedlichen Zahlen zwischen dem RKI und der „ renommierten JHU in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland“, die solche Daten in „Echtzeit“ auswertet.

Hallo? Echtzeit? Das klingt so echt, als ob der Klapperstorch die Kinder bringt. Nein, ich zweifele nicht an der JHU - nur daran, ob man in einem fahrenden Zug Passagiere zählen kann, wenn man nicht drin sitzt. Denn will man vergleichen, so wertet man besser, bis der Zug hält: Genau das macht das RKI.

Gerade höre ich aus der Sensationsschleuder, das RKI habe sich „mehrfach geirrt“. Hallo, bitte Gehirn einschalten, bevor ihr so etwas behauptet: Auch Virologen sind tatsächlich Menschen, und Menschen sind keine Hellseher. Was Menschen vielleicht könnten, wäre auf Zahlen und Fakten einer ehemaligen Epidemie oder Pandemie zurückgreifen. Aber die gibt es erstens kaum, und zweitens sind sie nicht vergleichbar.

Und ja ... es gibt vermutlich mehr Fälle, als diejenigen, die dem RKI gemeldet werden, weil manche Infizierte einfach unter dem Radar abtauchen. Aber das Phänomen der „Dunkelziffern“ sollte eigentlich jeder kennen, der sich jemals mit irgendwelchen Statistiken beschäftigt hat.

Disziplinierte Menschen und moralinsaure Spinner

Die Menschen, die heute „zu Fuß“ unterwegs waren, haben sich sehr diszipliniert verhalten - hauptsächlich handelte es sich um Marktgänger, Jogger, Kinderausfahrer(innen) oder Hundeausführer(innen).

Ist dies meine Schlange?

Recht lustig war, dass manche Menschen auf dem Markt nicht wussten, in welcher Schlange sie standen - und so kam es, dass sich jemand in die Metzgerschlange verirrt hatte, der glaubte, in der Bäckerschlange zu stehen. Und auch ich muss gestehen, dass ich einige Menschen falsch einschätzte, die in eben jener Metzgerschlange standen, die sich inzwischen auf gut 15 Meter ausgedehnt hatte. Ich hielt sie tatsächlich für verstreute Passanten und kreuzte die Schlange versehentlich diagonal. Sorry, Folks ... auch ich muss mich erst an sehr lang gezogene Schlangen gewöhnen.

Weitaus weniger lustig fand ich, dass einige der verbliebenen Autofahrer inzwischen jede innerstädtische Fahrbahn als Rennstrecke ansehen.

Moralisaure Entschleuniger

Und die Presse? Inzwischen habe ich mehrere Artikel gelesen, in denen die schreckliche Pandemiezeit mit moralinsauren Kommentaren verunreinigt wird. Dann ist es gut, dass wir uns gerade unter dem Druck der tatsächlichen oder vermeintlichen Ausgangssperren entschleunigen. Warum? Weil nun „endlich wieder ausführliche Begegnungen“ stattfinden könnten - virtuell, versteht sich.

Abblitzen lassen nach Art des Burgfräuleins

Na klar, wenn das Burgfräulein bisher Mann für Mann abblitzen ließ, tat sie das, weil sie „Ansprüche“ hatte. Nun wird sie die entsprechenden Kandidaten am langen Arm verhungern lassen, weil sie länger nachdenken muss. An ihrer Arroganz wird sich dadurch nichts ändern - auch nicht an ihrem Beziehungsstand.

Ja, ich las auch über „schnelle Kontakte“, die sich angeblich ebenfalls entschleunigen. Angeblich hemmt der Druck der Krise den Druck, unbedingt sofort zum Flüssigkeitsaustausch überzugehen. Doch wozu dann überhaupt treffen? Dem Virus ist es weitgehend egal, wie es übertragen wird - also gilt: Abstand ist Abstand und gar nicht treffen ist derzeit allemal besser als „einander keusch gegenüberzutreten“.

Na denn. Man sagt ja, in Krisenzeiten würden die Röcke wieder länger und die Moralprediger würden aus allen Ritzen herausgekrochen kommen.

Verstopft die Ritzen, wenn ihr noch Verstand habt.

Euer Sehpferd

Etwas mehr Zuversicht wäre nicht schlecht

Wenn’s um Leben und Tod geht, dann geht’s um Leben und Tod - und da sollen Journalisten gar nicht erst nachfragen dürfen, ob es wirklich um Leben und Tod geht oder darum, sich politisch zu profilieren.

Zitat des Herrn Söder (1):

Frau Will, ... finden Sie diesen Maßstab, den wir jetzt da anlegen, wirklich der Sache, wenn's um Leben und Tod geht, angemessen?

Klar, der Herr Söder weiß besser als alle anderen, was „angemessen“ ist - schließlich versucht er, die Maßstäbe zu setzen. Und möglicherweise will er noch ein bisschen punkten, um bald als bayrischer Strahlemann und Retter der Nation dazustehen. Das glaubt übrigens auch der Herr Ramelow. Der sieht sich ebenfalls als Vorbild und behauptet, dass die übrigen Bundesländer Thüringens Corona-Schutzmaßnahmen „übernommen“ hätten. Eines muss man ihm lassen: der Mann hat wenigstens Augenmaß.

Überhaupt wurde in den letzten Tagen recht viel mit dem Sargdeckel geklappert. Nachdem die alte Gilde der Versicherungsvertreter dies inzwischen aufgegeben hat, fühlen sich nun Politiker und Journalisten nun dafür zuständig. Muss die Tagesschau (von anderen Medien mal ganz abgesehen) wirklich ausführlich über Armee-LKWs zeigen, die Verstorbene transportieren? Ist das die richtige Art, mit der Angst in der Bevölkerung umzugehen? Und was hat die Pandemie bitte mit der Katastrophe von Lissabon anno 1755 zu tun, bei der man 60.000 Opfer zählte? Lissabon? Ja, das liegt in Europa, aber die größte Naturkatastrophe dieser Art liegt mal gerade 15 Jahre zurück, und die Anzahl der Toten überstieg 200.000. Aber bitte, dies ist kein Wer-bietet-mehr-Spiel.

Was wir im Moment benötigen, ist erstens die Wahrheit, die übrigens gar nicht leicht zu ermitteln ist, und zweitens die Zuversicht, dass wir die kommende Krise tatsächlich schultern.

Denn eine der wenigen Aussagen, die im Fernsehen bei Anne Will gesagt wurden, drückt aus, was uns allen noch blüht - und das ist keine Panikmache, sondern drückt die Hoffnung aus, dass wir uns darauf vorbereiten (Tobias Hans,1):

Die Entscheidungen, die wir heute treffen, um gesundheitliche Gefahren abzuwehren, die werden wiederum auf der anderen Seite Löcher reißen und uns neue Probleme schaffen.

Das halte ich für die Wahrheit. Und wir werden uns schon bald darauf einstellen müssen.

Und bis dahin, liebe Politiker und Journalisten - lasst uns mal unsere Zuversicht, den ersten Teil der Krise zu meistern. Und seht mal aus dem Fenster, wenn sie Sonne scheint. Es wird Frühling, wirklich.

(1) Die beiden farblich abgesetzten Zitate wurden der Süddeutschen entnommen.

Promis und Medien hetzen weiter - für Ausgangssperren

Promis und Medien hetzen weiter - für Ausgangssperren.

Nicht jeder, der prominent ist, hat deswegen auch recht. Vor allem dann nicht, wenn er damit seinen Status als B-Promi zu verbessern sucht. Auch manche Medien setzen zu sehr auf Abschottungseffekte und spannen ihre Leser ein, um „eindringlich“ für ihre Meinung zu werben. (1)

Besser schätzt ein Krisenmanager die Situation ein, nachzulesen in der Online-Ausgabe der Tageschau.

Überhaupt sollte man den manchem vorlauten Politiker, Pressemenschen und Promi einmal dies erklären: Sollte die „vollständige und flächendeckende“ Ausgangssperre auch keinen deutlichen, positiven Effekt bringen, dann hat die Politik ihr Pulver verschossen.

Fakten contra Besserwisser? Lest Faktencheks!

Was werden uns die Besserwisser und Scharfmacher dann raten?

(1) Ich nennen weder die Name der Promis noch die der Medien, aber ich verabscheue sie in jeder Hinsicht.

Fakten, Meldungen, Meinungen und Pandemien

Heute gibt’s noch mal Informationen vor dem Mittagessen zur Pandemie - und zwar solche, von denen euch nicht "schlecht wird":

Bevor ihr heute zur Tagesordnung übergeht: Lest mal den Artikel im Tagesspiegel - er ist verlässlicher als mancher andere Artikel, der im Moment die Runde macht. Der Artikel ist für heutige Leser sehr lang, aber informativ für jeden Menschen, der sich über die Corona-Epidemie objektiv informieren möchte. Ja, sie ist eine Pandemie - und mehr zu Pandemien haben viele gesammelt. Sehr informativ ist diese Schweizer Webseite.

Haltet euch an die Regeln, so weit es euch möglich ist

Noch ein weiterer Punkt von heute Morgen: Wir müssen uns an die Regeln halten, so scher es auch fallen mag. Aber wir müssen keine strengeren Regeln aufstellen, nur, weil es neue Zahlen (Fälle) gibt. Objektive Zahlen findet ihr derzeit so gut wie nur noch beim RKI, neuerdings sogar grafisch aufbereitet.

Meinungsfreiheit auch in Corona-Zeiten

Aber: Wir können anderer Meinung sein. Es besteht kein Grund, mit dem Denken aufzuhören. Sowohl Politiker wie auch Geschäftsleute, Virologen, Kassiererinnen und auch IHR steht vor einem seltenen ethischen Problem: abzuwägen. Solche Probleme können wir nicht mit einem Fingerschnippen oder Besserwisserei lösen.Und natürlich habe ich mir selbst auch Gedanken dazu gemacht. Es wäre gefährlich, jetzt mit dem Denken aufzuhören und dem Chor der Miesmacher beizutreten.

Die alte Pandemie und die neuen Gedanken

Übrigens ist es das erste Mal in der Nachkriegsgeschichte, dass sich so viele Menschen auf so viel unterschiedliche Weise Gedanken über sich selbst, die Politik und die Wirtschaft machen. Das war 1957 nicht der Fall, als die sogenannte „Asiatische Grippe“ um die Welt zog und in Deutschland nach einer Quelle etwa 30.000 Tote forderte, über die, wie überhaupt über die damalige Pandemie, in den Medien weitgehend gar nichts zu lesen war. Es mag aufschlussreich sein, die gegenwärtige Situation mit der von 1957 zu vergleichen, was Pandemien betrifft. Darüber gibt es Materialien. Anders als bei der 1957-er Epidemie, bei der es sich um Grippeviren handelte, sind es jetzt Corona-Viren. Und anders als 1957 haben wir heute einen Rieseneintopf von Informationen, in den nahezu jeder Kommentator Fakten und Gerüchte abzumischen versucht.

Nicht bedrohen lassen, sondern klug handeln

Die könnte die Botschaft des Tages sein: Die Gefahr ist real, aber du kannst dich schützen. Und ein Gehirn schützt du am besten dadurch, dass du gar nicht erst an die Bedrohungen denkst, sonder dich einfach an die Regeln hältst.