Skip to content

Was willst du eigentlich sagen?

Seit ich im Osten Deutschlands lebe, höre ich eine einzigartige, höchst umständliche Ausdrucksweise:

„Also, ich will einmal sagen, da sag ich mal, also wen dass so ist, dann sag ich dazu …

Wie auch immer: Ich muss warten, bis ich weiß, worum es eigentlich geht. Für Inländer mag dieser Gesprächsnebel noch erträglich sein, für Ausländer ist er so gut wie undurchschaubar. Übrigens gehört dazu auch, irgendetwas zu erzählen, was mit dem vorher Gesagten in keinem erkennbaren Zusammenhang steht.

Mit einer Formel lässt sich Klartext reden

Ich habe gelernt (und oft gelehrt) eine Formel zu verwenden. Sie heißt: Merkmal -Funktion – Nutzen oder allgemeiner: Was ist es? Wie ist es? Was könnte das bedeuten?

Wer sie benutzt, muss zwangsläufig ganze Sätze bilden. Damit umgeht er den populären Mangel,, nur noch Fragmente zu verwenden.

Das gute Beispiel:

Du beginnst damit, Probleme zu lösen, indem du sie beschreibst.
Um das zu tun, verwendest du die Fragewörter für offene Fragen, also „wie, was, wann und wo“.
Indem du so fragst, grenzt du die Probleme auf die Situationen ein, in denen sie auftreten können.

Sprecher(innen) und ihre Probleme

Gerade las ich, wie Rundfunksprecher(innen) ihre Texte betonen – ich weiß nicht genau, welcher Sender gemeint war, aber bislang fand ich die Nachrichten des Deutschlandfunks sehr verständlich. Sie wenden sich beispielsweise auch an Menschen, deren Muttersprache eben nicht Deutsch ist.

Im Artikel geht es auch um die inflationäre Verwendung des Wortes „genau“, das bereits Harald Martenstein anprangerte. Denn „genau“ heißt heutzutage sehr genau, „mir gehen jetzt die Argumente zum Thema aus.“ (Falls es jemals welche gab).

Warum GENAU verblödet

Darüber hinaus führt dieses „genau“ auch zur Verblödung. Denn kaum etwas, was sprachlich als „genau“ übermittelt wird, stimmt in der Realität wirklich überein – und es wurde so gut wie niemals auf „Genauigkeit“ geprüft. Die Spatzenhirne reden ja sogar davon, dass sie etwas „genau“ erfühlen können. Und diese Sätze hat keinesfalls erst die Generation „Y“ erfunden.

Bist du meiner Meinung? Oh, falls du „genau“ sagtest – denk bitte noch mal nach.

Ostalgie und Neo-Ostalgie

Echte Ostalgie - ein Schmuckstück auf dem Parkplatz
Nostalgie entspringt der Behauptung, in den als „gut“ bezeichneten alten Zeiten sei alles viel besser gewesen. Meine Großmutter war erklärte „Nostalgikerin“. Sie wurde 1895 geboren und konnte – wenn sie Glück hatte – noch auf 19 schöne Mädchenjahre bis Kriegsausbruch zurückblicken. Die Zeit danach war mies, dann wurde sie noch mieser, und dann kam noch ein Krieg. Alles vergessen? Wahrscheinlich.

Ostalgie und Nostalgie

Ostalgie nennt man die Besinnung auf das gute Leben in der DDR – oder sagen wir: den Teil, den man als „schön“ empfunden hat. Das war im Westen kaum anders, obgleich das Leben in den westlichen Bundesländern zunächst alles andere als vorzüglich war. In der Rückerinnerung sieht man sich „schön spielen“, sieht Freunde auftauchen, lobt den Zusammenhalt. Möchte jemand ernsthaft noch einmal seine Jugend in der Adenauerära verbringen? Nicht bei kritischer Betrachtung, hoffe ich doch ….

Neo-Ostalgie: Stolz, Ostdeutscher zu sein?

Nun sind die Noe-Ostaligiker da. Sie behaupten, von Kräften des Rechtsextremismus durchaus unterstützt , dass es (1)

«Einen sich vertiefenden Graben zwischen "dem Osten" und "dem Westen" gäbe. »


Wo der Graben verläuft, ist nicht recht auszumachen. Ist es diese „grummelige Unzufriedenheit“, die man an den Würstchenbuden hört? Ist es der Hass, der westdeutschen Politikern gelegentlich um die Ohren fliegt?

Nein, so einfach kann man es sich nicht machen. Ein Gedanke dazu aus DIE ZEIT, aus der mich bereits zitierte (2):

Wünschen sich vielleicht manche eher Gegensätze herbei, weil es für die komplexe Gemengelage der Gegenwart keine simplen Antworten gibt? Natürlich gibt es in Ostdeutschland eine weitverbreitete Unzufriedenheit. Die ist aber nicht selbsterklärend.


Diese Unzufriedenheit liegt nach meiner Beobachtung vor allem darin, dass die meisten Ostdeutschen, die nicht Teil der friedlichen Revolution waren, immer noch auf den Staat als Multi-Porblemlöser hoffen. Das ist fatal und kann zu einer neuen Unfreiheit führen.

Wer ist denn eigentlich "Ostdeutscher"?

Und die anderen? Wer ist überhaupt „Ostdeutscher?“ ist das tatsächlich eine gültige Bezeichnung für einen Menschen? Ist es ein Privileg, in Ostdeutschland geboren zu sein? Was adelt einen „Ostdeutschen“?

Ostdeutsche sind Deutsche. Vielleicht Leipziger. Oder Sachsen. Oder Facharbeiter, Professoren oder Altenpfleger.

Aber sie sind ganz sicher keine Volksgruppe.

Mehr und (1,2): DIE ZEIT.

Das Ende der Unfreiheit und Willkürherrschaft vor 30 Jahren

So unsinnig oder sinnvoll die Kommentare über den Mauerfall heute sein mögen: Viele Menschen in der Ex-DDR haben den Wunsch nach Freiheit mit dem Tod oder jahrelanger Haft bezahlt. Im Rechtsstaat wäre das unmöglich – soweit also zur Berechtigung, die Ex-DDR einen Unrechtsstaat zu nennen. Der Mauerfall war das Ende der Unfreiheit und der Willkürherrschaft, der Todesstreifen und der Haft, die denjenigen drohte, die nichts als ihre Freiheit wollten und dabei von den eigenen Landsleuten verraten wurden.

Die Freiheit ist da - die "blühenden Landschaften" waren Kohls Wunschdenken

Nun haben alle die Freiheit, die sie sich gewünscht hatten. Und das ist fürwahr ausgezeichnet. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind sicher noch, da – aber sie schwinden, jedenfalls im Alltag. Dogmatiker und Gerechtigkeitsfanatiker mögen das anders sehen. Und nunmehr wir auch klar, dass Helmut Kohl und die damalige CDU-Führungsriege die Lage völlig falsch eingeschätzt hat: „Blühende Landschaften?“ Damit war doch gar nicht zu rechnen – denn woher sollten sie kommen? Landschaften werden nicht von außen zum Blühen gebracht – ihre Blüte, aber auch ihre Früchte, kurz: Die Impulse müssen eben auch von innen kommen.

Daran wird hart gearbeitet, und das erlebe ich jeden Tag. Dabei stellt sich oft auch heraus, dass gar nicht alles möglich ist. Man kann eine Stadt, der die Industrie weggebrochen ist und die an Einwohnerschwund leidet, kaum mehr sanieren, und wenn, dann dauert es sehr, sehr lange.

Klugscheißer nützen weder West noch Ost

Klugscheißer, also Besserwessis und Besserossis, gibt es jeden Tag, Paare mit West-Ost-Wurzeln oder Auslandserfahrungen (in Ost oder West) wenige. Die Kenntnisse im Westen über den Osten sind minimal, die Kenntnisse der Ostdeutschen über den Westen allerdings ebenfalls. Ich hörte ja neulich, dass die USA „uns“ (also dem Westen) ein blühendes Wirtschaftssystem geschenkt hätten. Ich kommentiere solchen Unsinn nicht einmal mehr.

Wer weiß, wie es in der Welt zugeht, und was alles möglich (oder eben äußert schwer zu erreichen) ist, wird kaum jemals mit anderen hadern. Und das wünsche ich mir von Deutschland heute: Nicht hadern, nicht erwarten, keine Ansprüche stellen – sondern das Leben bei den Hörnern packen.

Charme

Aus meiner Jugend erinnere ich mich, wie unsere Deutschlehrer zeigefingerhebend den Unterschied zwischen „Charme“ und „Anmut“ erklärten: „Anmut hat ein junges Mädchen und sie weiß es oft nicht, Charme hingegen hat eine reife Frau und sie weiß es sehr wohl.

Soweit der Deutschlehrer. Wer ein wenig forscht, erkennt schnell, dass „Charme“ im Deutschen sehr wohl mit „Anmut“ gleichgesetzt wird. Aber was ist Anmut? Im Ursprung war „Anmut“ nichts mehr als die Begierde. Dann wurde das Wort umgekehrt: Die Anmut war nicht die Begierde selbst, sondern das, was die Begierde anregt und befriedigt.

Die Anmut wurde von der Begierde zur Sprache der Seele

Die Formulierung aus dem 17. Jahrhundert wurde im 19. Jahrhundert stark verändert. Plötzlich interessierte sich das romantisierende Bürgertum für die Seele. Und der Ausdruck einer schönen, bewegten Seele war nunmehr die Anmut.

Heute finden wir nur noch wenig „Anmut“ in der Literatur, aber mehr Charme. Man sagt, dass es der Liebreiz sei, der Zauber der Weiblichkeit oder die Faszination der Persönlichkeit. Ich denke, dass Charme durchaus eine sinnliche Liebenswürdigkeit ist – gleichwohl wird das Wort auch für „verborgene“ oder „überraschende“ Reize von Menschen, Dingen. Kunstwerken oder Dienstleistungen genutzt.

Charme oder soziale korrekte Ansprache?

Können wir auf den Charme verzichten und alles nüchtern miteinander verhandeln? Müssen wir auf die sinnliche Komponente des Charmes verzichten, nur um „politisch korrekt“ zu sein?

Auf keinen Fall. Charme ist – wie Humor – eine Eigenschaft, die viele Schwierigkeiten und Konflikte im Ansatz verkleinert und manche Wege ebnet. Mag sein, dass diese Möglichkeit gelegentlich befremdet, denn warum soll der charmante Mensch einen Vorteil haben?

Ganz ehrlich, diese Frage ist müßig. Ich selbst habe einmal in einem Wettbewerb verloren: Mein feuriger und engagierter Vortrag wurde von einem ausgesprochen charmanten Vortrag einer jungen Dame ausgestochen.

Es ist eben so: Wer charmant sein kann, hat Vorteile. Ob das nun „sozial korrekt“ ist oder nicht: Ich kann gönnen.

Das Emotionale, das Sentimentale

Dieser Tage fragte man mich, ob ich den Unterschied zwischen „Sentiment“ und „Emotion“ erklären könne. Für einen Schriftsteller sollte dies leicht sein, nicht wahr?

Und es ist wirklich ganz einfach: Die Emotion ist die Gefühlregung, die nicht näher definiert sein muss. Das „Sentiment“ hingegen ist die Auswirkung, die sich der eigenen Erkenntnis oder dem Blick der Anderen öffnet. Übrigens ist das Wort „Emotion“ ziemlich neu. Es fristete noch im späten 19. Jahrhundert ein kümmerliches Dasein, und erst im Rausch des aufkommenden Interesses für die Psychoanalyse wurde es populär. Auf Deutsch hieße es: „Gefühle“, das ursprüngliche „Sentimentale“ nennt man „Empfindungen“.

Wenn sich die Bedeutung eines Worts wandelt

Nun ist die Sprache allerdings wandelbar, und schon im 18. Jahrhundert wurde aus dem, was aus den Gefühlen heraus zu den Sinnen gelangt, als „übermäßig“ oder gar „unecht“ beschrieben. Das hat etwas mit der Einstellung jener Zeit zu tun, die der Gefühlswelt im Alltag wenig Raum gab – wenn man einmal von Dichtung und Musik absieht. Im 19. Jahrhundert trat dann ein, was viele Denker schon zuvor befürchtet hatten. Die Romantik verkleisterte mit ihrer Rührseligkeit die echten Gefühle – und dies führte endgültig dazu, das „Sentimentale“ abzuwerten und in die Abteilung „Kitsch“ zu verfrachten.

Die moderne Sprache ist wesentlich klarer: für Emotionen sagen wir „Gefühle haben“ und für das Sentimentale „Gefühle zeigen“.