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Das Emotionale, das Sentimentale

Dieser Tage fragte man mich, ob ich den Unterschied zwischen „Sentiment“ und „Emotion“ erklären könne. Für einen Schriftsteller sollte dies leicht sein, nicht wahr?

Und es ist wirklich ganz einfach: Die Emotion ist die Gefühlregung, die nicht näher definiert sein muss. Das „Sentiment“ hingegen ist die Auswirkung, die sich der eigenen Erkenntnis oder dem Blick der Anderen öffnet. Übrigens ist das Wort „Emotion“ ziemlich neu. Es fristete noch im späten 19. Jahrhundert ein kümmerliches Dasein, und erst im Rausch des aufkommenden Interesses für die Psychoanalyse wurde es populär. Auf Deutsch hieße es: „Gefühle“, das ursprüngliche „Sentimentale“ nennt man „Empfindungen“.

Wenn sich die Bedeutung eines Worts wandelt

Nun ist die Sprache allerdings wandelbar, und schon im 18. Jahrhundert wurde aus dem, was aus den Gefühlen heraus zu den Sinnen gelangt, als „übermäßig“ oder gar „unecht“ beschrieben. Das hat etwas mit der Einstellung jener Zeit zu tun, die der Gefühlswelt im Alltag wenig Raum gab – wenn man einmal von Dichtung und Musik absieht. Im 19. Jahrhundert trat dann ein, was viele Denker schon zuvor befürchtet hatten. Die Romantik verkleisterte mit ihrer Rührseligkeit die echten Gefühle – und dies führte endgültig dazu, das „Sentimentale“ abzuwerten und in die Abteilung „Kitsch“ zu verfrachten.

Die moderne Sprache ist wesentlich klarer: für Emotionen sagen wir „Gefühle haben“ und für das Sentimentale „Gefühle zeigen“.

Digitalisierung, Sprache und Gefühle

Heute berühre ich ein Thema, das für alle Menschen wichtig ist - und das dennoch zumeist ignoriert wird. Es betrifft die Möglichkeiten, über Gefühle zu sprechen und zu schreiben.

Was ist Digitalisierung?

Digitalisierung ist die Umsetzung weitgehend natürlicher Vorgänge und Prozessen in Zeichen, also in „Digits“. Ursprünglich waren mit „Digits“ alleine Ziffernfolgen gemeint, heute wird meist eine Zeichenfolge in dieser Weise bezeichnet. Entsprechend ist eine „Digitalanzeige“ (beispielsweise an der Uhr) eine Umsetzung der (analog zu verstehenden) Zeit in Ziffern, die sich unmittelbar auslesen lassen. Das ist im Grunde immer und überall so: Der Ablauf natürlicher Vorgänge lässt sich am besten „analog“ verstehen, das heißt, in einer gewissen Abfolge, aber ohne Stufen und nicht in vollständigen Zeichen. Ausnahmen bestehen einerseits im Erbgut, das sehr konkrete Informationen enthält, die sich auch genau beschreiben lassen, und anderseits in der menschlichen Sprache und in der daraus abgeleiteten Schrift. Durch sie wird es möglich, ausgesprochen komplexe Informationen auszudrücken und weiterzugeben.

Gefühle und Empfindungen stehen "analog"

Die Schwierigkeiten, die wir mit der Umsetzung von rein analogen Informationen in digitale Informationen haben, zeigen sich, wenn wir Empfindungen in Sprache umsetzen wollen. Empfindungen zwischen Menschen werden üblicherweise, wie bei allen Säugetieren, zunächst analog übermittelt. Der Kybernetiker spricht dann von „analoger Kommunikation“, der Psychologe von „non-verbaler Kommunikation“. Beide Begriffe treffen nicht ganz das, was geschieht. Das Problem non-verbaler Kommunikation besteht darin, dass dem Zivilisationsmenschen ein Teil des Zeichenvorrats abahnden gekommen ist, insbesondere, was das Erkennen von Zeichen betrifft. Das heißt: Ein Pferd oder ein Hund kann noch die Zeichen erkennen, die der Mensch aussendet, Menschen können aber oft nicht mehr erkennen, welche differenzierten Zeichen ein anderer Mensch sendet. Man sagt daher, analoge Kommunikation sei im Grundsatz „redundant“, also mehrdeutig.

Wir kommunizieren weiterhin auch "analog"

Diese Art der Kommunikation muss man so verstehen: Sie ist dauernd vorhanden, aber sie erfordert nicht immer eine bewusste Reaktion. Zwar ist es „unmöglich, nicht zu kommunizieren“, aber es ist möglich, dadurch zu kommunizieren, dass man sich entfernt (den Raum verlässt) und die anderen im Unklare darüber lässt, warum. Die non-verbale Kommunikation hat viel mit Grundsituationen zu tun: Aufmerksamkeit, Interesse, Paarungsbereitschaft, Sozialisierung, aber auch Gefahrenabwehr.

Wie Gefühle, Empfindungen und dergleichen sich überhaupt „digitalisieren“ lassen, wissen offenbar nur wenige Autoren: Indem sie „verbal“ von „nonverbal“ trennen, so als ob es Zustände aus zwei Welten wären, verhindern sie, dass Bücken gebaut werden können.

Die menschliche Sprache wurde nicht erfunden, um Gefühle auszutauschen

Der ursprüngliche Sinn der Sprache, wie auch schon der anderer künstlicher Zeichen (Höhlenmalerei), war vor allem, sich über Vorgehensweisen zu verständigen. Dazu eignet sich die Sprache vorzüglich, denn die Jäger, die Umgebung und die Tiere, die gejagt wurden, konnten genau bezeichnet werden. Auch viel später wurde die Sprache überwiegend dazu benutzt, um Vorgehensweisen zu vermitteln. Wann genau abstrakte Begriffe, Philosophien und Religionen sprachlich übermittelt werden konnten, ist nicht ganz sicher – jedenfalls wurde mit der Ausweitung der Sprache auch versucht, Gefühle zu übermitteln.

Die meisten Forscher sind sich sicher: Je komplexer ein Gefühl ist, umso weniger ist digitalisierbar. Früher sprach man in der Psychoanalyse auch von der Schwierigkeit, Gefühle zu „verwörtern“. Einen Schmerz im Knie mögen wie noch leicht „verwörtern“ können, die inneren Hemmungen beim Absprechen einer Frau aber kaum noch. Solche Gefühle entziehen sich teilweise der Beschreibung – und genau hier beginnt eines der Probleme unserer Sprache.

Warum es ausgesprochen schwierig ist, über Gefühle zu sprechen

Um im traditionellen Sinne Gefühle zu verstehen oder gar Rat zu geben, wenn uns jemand über ungenaue Gefühle berichtet, müssten wir dies tun:

1. Jemand müsste in der Lage sein, seine Gefühle vollständig zu digitalisieren.
2. Wir müssen (als Zuhörer, Berater) die digitalisierten Gefühle sowohl digital wie auch analog nachzuvollziehen. Das ist technisch so gut wie nicht möglich – über die Gründe zu sprechen, würde zu viele Zeilen erfordern.
3. Die Rückkoppelung (also mögliche Antworten) müsste in Sprache erfolgen, aber so, dass die Gefühlsebene getroffen wird. Das ist sehr unwahrscheinlich- in jedem Fall erfordert es viel Übung.

Was ich beschrieben habe, gilt für alle Dialoge, aber auch für das Schreiben oder Lesen von Texten. Dabei zeigt sich, wie schwierig es immer wieder ist, von digitalem Denken (Denken in Sprache) auf analoges Denken (denken in Gefühlen und Empfindungen) „umzuschalten“ und das eine in das andere zu übersetzen.

Dieser Umstand hat Auswirkungen auf das Leben jedes Einzelnen. Und ich wundere mich wirklich, warum er in der Öffentlichkeit kaum jemals erwähnt wird. Welche Auswirkungen dies hat , und was wir tun können, um unsere Kommunikation zu verbessern oder aber auch in anderer Weise über Gefühle zu schreiben, wäre weitere Artikel dieser Art wert - vorausgesetzt, sie würden auch gelesen.

Die Familienministerin und die Einmischung in „Sexismus“

Sexismus ist ein Kunstwort – von Feministinnen erfunden, um die wirklich oder vermeintliche Abwertung von Frauen verbal in die Nähe des „Rassismus“ zu bringen. Die pseudowissenschaftliche Verpackung des „Ismus“ schützt ja bekanntlich auch vor der Kritik durch einfache Bürger, die angesichts solcher Wörter erstarren.

Nun verleugne ich nicht, dass es solche Abwertungen gibt. Aber das Wort zu verwenden, zeugt von vornherein von feministischer Ideologie. Und genau der verfiel jetzt die Familienministerin (Zitat):

Ich würde mir wünschen, dass auch mehr Männer das Wort erheben gegen Sexismus … Sexismus gibt es auch in der Politik, die immer noch sehr stark männerdominiert ist.


Das kling gut und plausibel, hat aber einen Haken: Selbstbewusste, politisch klug und liberale Frauen und Männer setzen sich für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit ein, ob es nun um Frauen oder um Männer geht. Sich „gegen Sexismus“ einzusetzen, ist hingegen eine Unsitte der Ideologen, die glauben, gegen etwas zu sein sei schon die Lösung, es zu verhindern.

Sexismus - unscharf und einseitig gegen Männer eingesetzt

Nebenbei bemerkt ist Sexismus derart unscharf formuliert, dass niemand exakt weiß, gegen was eigentlich gekämpft wird. Und dies unabhängig davon, dass „Sexismus“ immer nur dann verwendet wird, wenn Frauen abgewertet werden – und nicht, wenn Männer verbal gedemütigt werden. Dann ist es plötzlich das gute Recht der Frauen, sich süffisant über „die Männer“ auszulassen. Da kann frau dann ruhig mal sagen, dass „Männer mit dem Schwanz denken“. Hihi, wie lustig.

Vielleicht versuchen es die Ideologinnen oder Politikerinnen einmal mit „Einigkeit und Recht und Freiheit?“ Oder mit Freiheit, Gleichheit und Menschlichkeit?“

Wenn sexy "sexy" ist: zwischen frivol und liebenswert

Nicht sexy, sondern offensiv
Heute fand ich eine Interpretation des Wortes „sexy“ im Zusammenhang mit dem Auftreten einer Frau. Das Zitat ist schon von 2010, aber es wurde heute wiederholt. Zitat:

Nur 3 Prozent der Männer findet ein kurzes sexy Outfit passend. (1)


Drei Prozent (3 Prozent) ist nicht der Stein des Anstoßes, sondern eher schon „das kurze Outfit“ – aber besonders der Umgang mit dem Wort „sexy“. Nehmen wir zur Güte einmal an, mit dem „kurzen Outfit“ sei ein äußerst kurzer Rock oder ein extrem kurzes Partykleid gemeint. So eines, das kurz unter dem Schritt endet bei entsprechenden Körperhaltungen die Haut der Oberschenkel, das Gesäß und die unter dem Rockteil getragenen Textilien zeigt - falls vorhanden.

Werden wir nun spitzfindig: Wenn eine Freundin zur anderen sagt: „Du siehst darin wirklich sexy aus“, dann ist eine Anerkennung. Trüge die Fragende ein Spitzen-Mini-Kleid, das genau darauf abzielt, den Schritt bei Bewegungen freizulegen, so würde sie sagen (oder denken): „Das sieht nuttenhaft aus.“

Oh, woher kommt das? Und warum assoziieren wir „sexy“ manchmal mit „sexuell offensiv“ und dann wieder mit „sehr weiblich“ oder gar „ganz bezaubernd?

Weil es ein Fremdwort ist, und wir es in verschiedener Weise benutzen: mal so wie im Ursprung (feminin-attraktiv) und mal im Sinne von „auf Sex aus sein“. Es scheint, als würde das Wort „beim Volk“ eher mit „Ey, geil, ey“ assoziiert und bei den und bei den Sprachgewandten eher mit „attraktiv“ oder gar „liebenswert“ – zum Beispiel in „Wissen macht sexy“.

Ein Teil des sinnvollen oder sinnentleerten Gebrauchs ist auf die Herkunft des Wortes zurückzuführen. Es kommt aus dem Englischen, wird von „The Sex“ abgeleitet und meint zunächst das Geschlecht im Sinne von weiblich und männlich. Man könnte „sexy“ also mit „geschlechtsbewusst“ übersetzten, aber das würde zu kurz greifen, denn inzwischen bedeutet es eher „toll“, „klasse“ oder etwas in der Art.

Paradoxerweise wird „Sexy“ vom Englischen ins Deutsche manchmal mit „Sexy“ übersetzt. Dann heißt es „sexuell ansprechend“ oder „sexuell attraktiv“ oder „sexuell erregend“. (Sinngemäß könnte hier auch „weiblich …“ oder „feminin …“ stehen)

Aber im Webster steht es auch im heutigen Sinne:

Mit interessanten oder ansprechenden Eigenschaften.

Soweit jedenfalls der „Webster“

Wird „Sexy“ vom Deutschen ins Englische übersetzt, heißt es (nach Collins und rückübersetzt) plötzlich „aufreizend“ oder „erotisch“. Und wie sagt dann der Engländer wirklich? Er übersetzt das deutsche Wort „sexy“ mit „Hot“.

Wenden wir und dem sprachlichen Trockendock zu: Was sagt das Urgestein der deutschen Sprache von der Uni Leipzig? Was ist „sexy“? Folgende Synonyme werden genannt: (Zitat)

Synonyme: angenehm, anmutig, anziehend, attraktiv, aufreizend, betörend, bezaubernd, charmant, einnehmend, entzückend, erotisch, gewinnend, hübsch, lieb, liebenswert, lieblich, reizvoll, sympathisch, toll


Und, wie so oft, stimmen diese Synonyme nicht mit den häufigsten (und wichtigsten) „rechten Nachbarn“ des Wortes überein. Da dominieren „Dessous“ und „Unterwäsche“ – beide Begriffe können durchaus sexy sein, aber eben auch sinnlich, frivol oder offensiv.

Und was würde man in einem solchen Fall raten? Na? Das Wort „sexy“ in allen Zusammenhängen zu vermeiden, in denen es missverständlich ist. Doch das würde ja Mühe kosten. Und die Mühe, sich einer eindeutigen Sprache zu bedienen, kann man sich durchaus schenken.

Also nutzt der Boulevard-Journalismus und mancher Flachdenker (durchaus f/m) das Wort "sexy" für alles, was nach Sex aussieht. Ist jemand anderer Meinung?

(1) beim Date
Auch in: "RTL, früher Frauenzimmer"

Frau Merkel weiß nicht, wer „wir“ ist

Wir - aus der Sicht der Regentin


Das erstaunliche ist oft das Gewöhnliche. Eine Kanzlerin, Repräsentantin eines Volkes, oberste Demokratin, weiß nicht, wer „wir“ ist. Sie erdenkt sich ein „wir“, und das ist es dann.

Das tat auch Humpty Dumpty. Jedenfalls bei Lewis Carroll. Der war erstens Mathematiker und zweitens ein Meister des Worts – und ein großer Kritiker der Obrigkeit.

Jener Humpty Dumpty gab einem Wort die Bedeutung, die ihm gefiel. (1) Und bei der Kanzlerin heißt dieses Wort „wir“.

Denn „wir“ sind mit dem „wir“ offenbar gar nicht gemeint. Dort ist die Kanzlerin, die das Volk nicht kennt – hier ist das Volk, das nicht weiß, wohin der Weg geht, und ihr deshalb nicht folgt. Und sie schließt messerscharf: Das Volk braucht keine Erläuterungen, sondern Erleuchtung.

Wie? Ja, denn das kam heraus bei ihrer Rede vom 07. September 2016 vor dem Deutschen Bundestag. Da fragt Frau Merkel, wie „wir den Menschen Halt und Orientierung“ geben können. Das klingt verdächtig nach Pastorentochter. Und wieder wird uns mulmig, nicht wahr? Wer ist eigentlich „wir“? Und sollten wir „wir“ sein, dann wäre doch die Frage: „ja, und wer sind dann die Menschen?“

Der Spruch: „Wie können wir den Menschen Halt und Orientierung geben?“ mag sich gut anhören – und er taucht im Internet häufig in Zusammenhang mit der Religion oder dem Zerfall der Religion auf. Und wenn wir ein bisschen tiefer graben, was erkennen wir dann? Ziehvater Helmut Kohl hielt eine durchaus vergleichbare Rede, und zwar 1997 – also vor fast 20 Jahren. Auf der „Neunten Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland.“

Es geht dabei um die immateriellen Werte, um unser Verständnis von Freiheit, um die Bedeutung von Tugenden, den Stellenwert der Familie. Es geht nicht zuletzt auch um die Kraft des Glaubens und damit immer auch um die Rolle der Kirchen. Deshalb gilt es, jene Institutionen zu stärken, die Werte vermitteln und den Menschen Halt und Orientierung geben können.


Wie schön, wenn „wir“ nun den Menschen „Halt und Orientierung“ geben sollen (die sie offenbar vermissen). Fragt sich leider immer noch, wer denn nun „Wir“ ist? Ich? Oder Sie?

(1) Text im Original (Zitat)

'When I use a word,' Humpty Dumpty said, in rather a scornful tone, 'it means just what I choose it to mean — neither more nor less.'
'The question is,' said Alice, 'whether you can make words mean so many different things.'
'The question is,' said Humpty Dumpty, 'which is to be master — that's all.'