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Dem liberalen Geist eine Stimme geben - das ist sehpferd

Gefühle, Sprache und Wissenschaft - was ist eigentlich „echt“?

Wenn ich ernsthaft an einem Thema arbeite, schreibe ich wenig auf „sehpferd“. Und gegenwärtig arbeite ich ernstlich das Thema „Gefühle“ ab. Das Wort wird ähnlich nebulös und daher verwirrend gebraucht wie das Wort „Liebe“.

Manche Autoren meinen, „Gefühle“ seien Empfindungen, andere glauben, das einzig richtige Wort sei „Emotionen“. Sogar das Wort „Gemüt“ erscheint plötzlich aus der Versenkung.

Ebenso verwirrend ist der Ort, an den sich die Gefühle binden. Die überkommene Überlieferung vermutet ihn „im Herzen“, die Religion in „der Seele“ und die Psychologie in „der Psyche“. Im Gehirn vermutet ihn - bis heute - kaum jemand unter den Alltagsmenschen.

Vor einigen Jahren sprach ich mit einem Mediziner, der mir erklärte, man würde heute über Kenntnisse verfügen, die noch vor 20 Jahren undenkbar gewesen wären. Das brachte mich dazu, darüber nachzudenken, warum sich das Grundlagenwissen über unsere Gefühle kaum verändert hat. Und dies, obgleich sowohl die Kybernetik wie auch die Gehirnforschung große Fortschritte gemacht hat.

Gefühle - Geheimwissen als Spielball?

Könnte es sein, dass sowohl Psychologen wie auch andere ganz bewusst einen Schleier über unsere Gefühle und Regungen ausgebreitet haben? Versuchen sie, eine Art esoterisches Geheimwissen um etwas aufzubauen, das sie „die Psyche“ nennen? Fest steht: Fakten verkaufen sich ausgesprochen schlecht. Wer nicht zufrieden damit ist, was ihm (oder ihr) die Professur einbringt, muss Bücher schreiben, die sich zehntausendfach absetzten lassen. Und das ist ausgesprochen schwierig, wenn man sich an nüchterne, überprüfbare Fakten hält.

Gefühle

Es gibt einige Dutzend Ratschläge für Autoren, wie sie „Gefühle erzeugen“ können. Bei den meisten findet sich irgendwo ein Hinweis, dass Gefühle im Grunde nicht „authentisch“ sind. Sie werden sorgfältig konstruiert, um bei den Leserinnen und Lesern andere (meist “schöne“) Gefühle wachzurufen.

Wenn wir das Thema genau nehmen, also nicht verallgemeinernd oder gar plakativ, dann stellen wir fest: Ehrlich ist es am schwersten. Das liegt an der Umsetzung von analog und digital. Anders ausgedrückt: Ein Gefühl steht deshalb nicht „in Sprache“, weil es ein Gefühl ist. Oder auch: Sobald wir versuchen, ein Gefühl in Sprache umzusetzen, ist es kein Gefühl mehr, sondern eine Beschreibung.

Wenn eine Beschreibung ein „echtes“ Gefühl widerspiegeln soll, muss sie im Grund genommen dynamisch sein – dies wird allerdings zumeist als unmöglich bezeichnet. Selbst oberflächliche (zum Beispiel sexuelle) Gefühle müssen viele Buchseiten füllen, wenn sie „authentisch“ sein sollen. Und auch dann werden viele noch sagen: „Ich habe das aber ganz anders erlebt“. Und dies aus einem einfachen Grund: weil sie es anders erlebt haben. Ich selbst habe oft gehört, dass jemand in einer Gruppe sagte: „Ich empfinde das genauso wie du.“ Das war nicht gelogen, aber es hatte nichts mit dem authentischen Empfinden zu tun, sondern in einer gewissen, meist unscharfen Übereinstimmung.

Gefühle bleiben Gefühle – und sie sind das Eigentum eines Menschen, das man ihm nicht nehmen kann. Der Versuch, sie zu beschreiben, ist verständlich – aber genauso verständlich ist es, daran zu scheitern. Und das, liebe Freude, betrifft nicht nur Autoren, sondern den Menschen schlechthin.

Der Anspruch auf die Gefühle anderer - ein neuer Trend?

Gefühle? Nun ja ...
Wissenschaftler glauben, einen Trend an Geschiedenen entdeckt zu haben und behaupten:

Die Ergebnisse untermauern weltweite Trends, die auf eine zunehmende Bedeutung von gefühlsmäßigen und psychologischen Aspekten in Beziehungen hindeuten.


Damit fallen diese dänischen Psychologen in den Tenor einer ganzen Gruppe von Psychologen, Soziologen und Philosophen ein, die den Verlust von Liebe, Nähe, Gefühlen und dergleichen als „psychologisch“ definierbare Werte beklagen. Messen lassen sich diese Werte allerdings nicht, und schon gar nicht in der Reinform, nämlich als „Gefühle“.

Man kann auch sagen: die konkreten Probleme, die Paare im 19. Und 20. Jahrhundert hatten, haben sich zu einem einzigen Problem verdichtet: einem Mangel an dargebrachten Gefühlen.

Wie kommt das?

Ansprüche auf Gefühle - ein Trend?

Man kann viel forschen, doch eines steht fest: Die Ansprüche an den „psychischen Teil“ der Beziehungen sind gestiegen, und der „Anspruch auf Gefühle“ spielt dabei eine entscheidende Rolle. Je höher aber die Erwartungshaltung ist, umso schwerer sind Ansprüche erfüllbar. Das ist ungefähr so wie beim Kauf eines Eigenheims: Letztlich streckt sich das Paar nach der Decke, also der Wirtschaftskraft. Wenn die frei stehende Villa in der Nähe des Seeufers nicht erschwinglich ist, tut es auch das Reihenhaus mit kleinem Gärtchen. Merkwürdigerweise glauben viele aber, die Emotionskonten des Partners seien immer prall gefüllt, und man könne dort jederzeit Abbuchungen vornehmen.

Die Psychobranche: allzeit Rat und Tat

Wer nicht an die Erfüllbarkeit der Emotionsansprüche glaubt, wird an die Psychobranche verwiesen: Dort gibt es Seminare, Kurse, DVDs und Bücher zum Thema „Gefühle erlernen“, also dazu, die Emotionen in bestimmte Bahnen zu lenken. Was letztlich heißt: "Du emotionsarmer Mensch, du weißt gar nicht, was dir gut tut: Wir aber wissen es und können dich auf ganze neue Ebenen hieven." Wobei ich immer wieder amüsant finde, dass die Kunden der Esoteriker dazu gedrängt werden „Gefühle zuzulassen“.

Den Ansprüchen der anderen gerecht werden?

Und dann? Dann werden wir den „Ansprüchen gerecht werden“ oder nach „absolvierter Beziehungsarbeit“ wieder mit unseren Partnern glücklich?

Mich erstaunt daran, welchen Ansprüchen wir dauernd gerecht werden „müssen“, und was wir sonst noch alles tun sollten, um perfekte Menschen zu sein.

Gefühl abnuckeln - ein Menschenrecht?

Könnten wir uns nicht einfach fragen, welche Rechte andere haben, an unseren Gefühlen zu nuckeln oder ungefragt Taler von unseren Emotionskonten abzubuchen? Oder welches Recht sie haben, an unsere Gefühle „Ansprüche“ zu stellen?

Ich als dazu gerade einen Artikel über offenkundig emotionsstarke Tiere, die ansonsten eher als Rossnaturen gelten: Pferde. Sie lesen Emotionen aus unserer (und ihrer) Körpersprache, handeln dann sofort danach und vergessen das Ganze hinterher wieder. Ob es uns Menschen nutzt?

Bestimmt mehr als Psychologie, Esoterik und Hokuspokus.

Warum sind Gefühle so schwer zu beschreiben?

Gefühle - so "vollkommen" wiedergegeben wie auf einer 78er?
Wer sich in Kybernetik, Nachrichtentechnik und Datenverarbeitung auskennt, weiß, warum es so schwer ist, Gefühle zu beschreiben: Sie lassen sich nicht digitalisieren, weil sie in Bildern (also analog) stehen. Und weil es keine verlässlichen „Wandler“ in die eine wie in die andere Richtung gibt.

Wenn du vergleichen willst: Nimm Musikübertragung. Man kann Töne in mechanische Bewegungen verwandeln und die mechanischen Bewegungen zurück in Töne. Natürlich geht das mit einer modernen Schallplatte oder einer CD wesentlich exakter. Und warum geht es bei der CD? Weil wir auf beiden Seiten verlässliche Wandeler haben – analog in digital und digital in analog.

Für unsere nicht näher definierbaren Gefühle haben wir keine solchen Wandler. Wir bemühen uns zwar gelegentlich, Gefühle zu beschreiben, aber wir entdecken dann sehr schnell, dass es uns nahezu unmöglich ist. Gewusst hat es der österreichische Arzt und Psychoanalytiker Dr. Wilhelm Steckel. Er schrieb 1925:

Viel schwieriger ist der … (Umsetzung-) … Prozess der Verwörterung bei Gefühlen, Stimmungen, Affekten, abstrakten Begriffen. Hier sind die Worte deutliche Kompromissbildungen die in verschiedenen Lagen und bei verschiedenen Personen differente Bedeutung haben. Man denke nur, an die komplexe Bedeutung des Wortes ,,Liebe“, um zu verstehen, wie selten sich Wort und Gefühl decken können.


Die Verwörterung würde man heute wohl als „Digitalisierung“ bezeichnen, doch erfahren wir aus diesen Sätzen vor allem:

Wir haben keine absolut sicher zutreffenden Worte (oder auch Wörter) für Gefühle. Wir benutzen Wörter, die unsere Gefühle nur ungenau treffen. Das sind dann Worte, die bei jedem etwas anderes bedeuten können.

Und das bedeutet: Seid vorsichtig mit der Beschreibung von Gefühlen. Und lasst euch nicht alles als Gefühle verkaufen, was in Wahrheit Anbiederung ist – oder gar Kitsch.

Bild: Werbung für Grammophone.
Zitat: Dr. Wilhelm Steckel, „Störungen des Trieb- und Affektlebens, Wien 1925.

Eine Welt ohne Small Talk und ohne Emotions-Klischees?

Ich fand diesen Gedanken so bemerkenswert, dass ich ihn – frei übersetzt – ans Licht der Welt bringen möchte:

Es ist einfach so … was die meisten Leute für wichtig halten, empfinde ich als schrecklich abgedroschen und phrasenhaft. Aber die Menschen legen so viel Dramatik, Energie und Gefühle (… in diese Aussagen …) hinein.


Die Autorin empfindet sich selbst als hart und führt es diese Auffassung auf ihre Introvertiertheit zurück. Aber es ist keine Härte – es ist die Auffassung, dass wir wahrhaftig sein sollten.

Aus meiner Sicht will ich es euch so erklären:

Die meisten Menschen fürchten sich davor, ehrlich zu sich selbst zu sein und auf die Sprache ihrer Empfindungen oder Gefühle zu achten. Ja, sie denken nicht einmal selbst, sondern spucken vorgefertigte Sätze und Meinungen heraus. Sie denken wahrhaftig in Phrasen, seinen sie nun von der Zeitung, dem Fernsehen, der „Yellow Press“ oder aus Frauenzeitschriften abgelesen. Sie glauben, über diese Phrasen Übereinstimmung mit Gleichgesinnten herstellen zu können – Kontroversen sind ihnen peinlich. Eigene Gefühle erfordern Selbsterfahrung, Selbsterkenntnis und Offenheit. – es ist viel bequemer, die Gefühle anderer zu zerreden, auch wenn es dabei gar nicht wirklich um Gefühle geht.

Ja, ich wünsche mir eine Welt ohne Small Talk und ohne die üblichen Emotionsklischees. Eine Welt, in der ich darüber reden kann, was möglich ist und was nicht, was man messen und wägen kann und was wahrscheinlich ist oder auch nicht.

Und wenn – ja wenn Gefühle betroffen sind, dann bitte die eigenen. Sie sind sehr wichtig und wertvoll, und ihr sollte damit umgehen wie mit teurem Schmuck: Zeigt ihn niemandem, der ihn euch neidet – und erfreut euch selbst daran, wann immer ihr könnt.

(Aussage aus dem Blog von P.G. ohne Verlinkung)