Als ich gestern über die Kultur geschrieben habe, fiel mir ein, dass die Öffentlichkeit etwas als „Kultur“ bezeichnet, das den Namen nicht verdient: Dating.
Das Kennenlernen an sich ist zwar eine Kulturleistung – doch sie beruht auf dem natürlichen Bedürfnis, sich zu paaren. In Deutschland mag es viele „Rituale“ geben, die damit zusammenhängen, aber es gibt hier keine Dating-Kultur.
Was davon in Deutschland übrig blieb, war ein Abklatsch eines US-Teenagerkults. Er passte bestens ins Konzept der ursprünglichen Online-Dating-Anbieter und wurde deshalb auch von ihnen propagiert.
Genau genommen ist die US-amerikanische Datingkultur schon vorüber gewesen, als sich Online-Dating durchsetzte. Auf dem Höhepunkt der Hype um Online-Dating wurde bereits geschrieben, dass „moderne Partnersuche“ den altmodischen „Dating-Regeln“ widersprach.
Im Grunde war es Teil eines Generationenkampfes – die modernen Autorinnen und Autoren wollten das jugendliche Publikum und seine Verhaltensweisen dort „abholen“, wo es war.
Überraschenderweise wurde eine der ersten Publikationen darüber 2012 von einem Online-Dating-Unternehmen gefördert, das heute kaum noch bekannt ist. Die Thesen von damals sind allerdings bis heute gültig.
Quelle und Referenz „Modern Dating – A Field Guide“. Ontario 2013
Die Zeiten, in denen mehr oder minder radikalisierte Frauen und (leider) auch Männer einander beschuldigten, „an der Beziehungsmisere“ schuldig zu sein, sollte endgültig der Vergangenheit angehören.
Glaubt niemandem, folgt niemandem, stellt alles "Weisheiten" In Frage
Das Erste, was ich euch rate: Glaubt niemandem, der euch erklärt, warum „die Verhältnisse“ so sind. Mal Klartext: Die Verhältnisse „sind nicht so“, sondern ihr macht sie so. Dabei sind es keinesfalls nur Aktivsten/Aktivistinnen, wichtigtuerische Sozialwissenschaftler(innen), oder „soziale Medien“, sondern eben auch ihr – jede und jeder von euch.
Die „Figuren“, mit denen ihr euch trefft, sind in erster Linie Menschen mit eigenen Vorstellungen – so, wie ihr auch eigene Vorstellungen habt. Die größte Unwahrscheinlichkeit ist, dass ihr feststellt, „genau zueinander zu passen“. Das ist ein Dummspruch aus der Küchenpsychologie. Er paart sich oft mit einem zweiten Unsinn: „Auf gar keinen Fall Kompromisse einzugehen.“
Bedürfnisse zählen - aber manche Wünsche sind verhandelbar
Manchmal wird behauptet, dass ihr (vor allem Frauen) nicht auf eure Bedürfnisse achtet, sondern versucht, die Bedürfnisse der Partner(innen) zu erfüllen. Das ist allerdings nur dann ein Problem, wenn ihr das ständig versucht. Wer selbstbewusst Kompromisse eingeht, weiß, wo und wann dies möglich ist. Und er oder sie weiß auch, dass unser Leben aus Geben und Nehmen besteht. Man nennt das auch „Verhandlungen“.
Ungleichheiten wahrzunehmen gehört zum Menschsein
Die andere Person in seiner Ungleichheit wahrzunehmen, gehört zum Standardrepertoire des Menschseins. Psychologisch gesehen klingt das dann wie in diesem Zitat:
Beziehungskompetenz beginnt lange vor der Sexualität, sie beginnt mit unserer Art, einander wahrzunehmen, neugierig auf einander zu sein, einander anzusehen. Sehe und spüre ich in meinem Gegenüber einen Menschen mit eigenen Sehnsüchten, Wünschen, Bedürfnisse oder vor allem die Möglichkeit, eigene Bedürfnisse zu erfüllen?
Nur wenige Personen sind wirklich ungeeignet
Sicher gibt es Personen, die aufgrund ihrer bisherigen Lebensgeschichte für Beziehungen denkbar ungeeignet sind. Aber die Mehrheit der Singles, Geschiedenen und sogar der mehrfach Geschiedenen ist im Prinzip geeignet für eine Beziehung. Wenn wir des im Auge behalten, haben wir tatsächlich mehr Chancen, einen Menschen zu finden, mit dem wir leben können.
Ich kann nur empfehlen, den gesamten Artikel im Blog von Nicole Stiller zu lesen, aus dem auch das Zitat stammt.
Zur Verhandlung: Die Ziele beim Kennenlernen sind den Zielen für jede andere Form von Partnerschaft sehr ähnlich, wie in meinem Blogbeitrag zur Kommunikation beschrieben.
Der Dating-Zirkus im Internet zieht zwar nicht mehr ganz so viele Enthusiasten an, aber er existiert weiter. Die „sozialen Medien“ mit ihren notorischen Schreihälsen und Schreihälsinnen wollen drei „Typen“ ausgemacht haben:
Romantiker(innen) – die Sache mit der Lust
Der traditionelle, eher unbefangene Typ im Dating-Rummel ist der Romantiker oder die Romantikerin. Diese Person lebt von der Hoffnung auf die große Liebe und verbindet dies mit dem Glauben, aufgrund ihrer Persönlichkeit auch ausgesprochen begehrenswert zu sein.
Das Urteil von Sehpferd:
Romantiker(innen) fassen das Zusammensein als Gefühl besonderer Art auf, das sich zwar nicht in der spontanen Begierde zeigt, aber durchaus im Wunsch, dem anderen auch körperlich nahezukommen. Sie wollen, dass der „Funke“ überspringt, was in Wahrheit bedeutet, sie könnte sich Sex mit dir vorstellen. Das bedeutet nicht, dass sie „jetzt und hier“ dazu bereit sind, aber es gehört zu ihrem Gesamtbild des Kennenlernens. Bleibt der Funke aus, dann lehnen sie weitere Treffen oft ab.
Tipp: Versuche, die Gefühle „reifen“ zu lassen. Suche die Nähe der anderen Person. Der „Appetit“ kommt oft erst beim Essen – und die Lust entwickelt sich oft aus intimen Berührungen oder Küssen.
Maximierer – mehr fordern als mitbringen
Seit Jahren finden wir viele lästige Maximierer(innen) in der Manege des Dating-Zirkusses. Solche Personen vergleichen die infrage kommenden Partner(innen) mit einer illusionären „perfekten“ Person. Sie selbst glauben von sich, perfekt zu sein – und wenn nicht das, so doch ausgesprochen begehrenswert.
Das Urteil von Sehpferd:
Maximierer(innen) glauben, einmalig zu sein, und sie zeigen nach Außen ein entsprechendes Selbstbewusstsein. Meist handelt es sich dabei um eine Fehleinschätzung – und durch die Überheblichkeit wird der Partner zumeist abgewertet. Das heiß: Maximierer erkennen weder den Wert noch die Attraktivität der anderen Person an. Sich mit ihnen zu treffen, ist fast immer verschwendete Zeit.
Tipp: Falls du auf eine Maximierer-Persönlichkeit triffst, dann versuche, das Date möglichst abzukürzen. Es hat keinen Sinn, deine Zeit mit einer Person zu verbringen, die „das Beste“ sucht, aber selbst höchstens „Durchschnitt“ ist. Wirklich herausragende Menschen treten nicht als „Maximierer" auf.
Zögerliche Personen – die Furcht vor Veränderungen
Immer wieder stoßen wir bei Dates auf „zaghafte“ Personen, auch „Zögerer“ genannt. Sie sind unsicher, weil sie eine Verschlechterung ihrer Lebenssituation befürchten, wenn sie sich binden. Diese Personen machen es sich schwerer als nötig: Der Gewinn, mit einem anderen Menschen zusammenzukommen, ist immer mit kleinen Verlusten verbunden.
Das Urteil von Sehpferd:
Zögerern fehlen oft die Möglichkeiten, zwischen der Chance auf einen Gewinn und dem Risiko eines Verlustes abzuwägen. Wenn du zögerlich bist, hilft ein Satz: „Was kann denn schlimmstenfalls passieren?“
Tipp: Dem Zögerer beweisen, dass er (sie) einen Vorteil davon hat, dich kennenzulernen. Das kann einige Zeit dauern, aber es beinhaltet auch die Möglichkeit, ihn oder sie zu überzeugen.
Die Kurzform: Was ist mit den drei Begriffen gemeint?
• Romantiker: „Ich verlasse mich zu sehr auf bestimmte Gefühle, Potenziale oder Hoffnungen statt auf die aktuelle Situation.“
• Maximierer: „Ich konzentriere mich zu sehr auf Vergleiche oder die Suche nach der perfekten Wahl.“
• Zögerer: „Ich lasse mich zu sehr von Angst oder Unsicherheit leiten und schiebe Entscheidungen hinaus.“
Die Alternative: Sei ein kluger Kenner / eine kluge Kennerin
Im Vergleich dazu könnte man von einem „klugen Kenner“ (oder einer klugen Kennerin) sprechen. Eine Person dieser Art kann alle dies:
1. Sich selbst richtig einschätzen.
2. Andere sicher einschätzen und beurteilen.
3. Den eigenen Marktwert kennen.
4. Kompromisse eingehen, die tragfähig sind.
5. Im richtigen Moment Entscheidungen fällen.
Insofern ist die Einteilung „der“ Partnersuchenden in Romantiker, Maximierer und Zögerer absoluter Unsinn. Sie entspricht vielmehr dem Zeitgeist, den die geschwätzigen „neuen“ Medien mit ihren Marktschreiern erst hervorgebracht haben.
Ernsthafte Partnersuche ohne Luxusansprüche und falsche Hoffnungen
Wer einen Partner oder eine Partnerin sucht, der betreibt etwas sehr Ernsthaftes. Er oder sie versucht, das eigene Leben zu bereichern, es neu zu gestalten und in einer veränderten Weise mit Inhalten zu füllen.
Im Grunde ist es ein Frevel, von irgendwelchen „Typen“ bei der Partnersuche zu reden. Zumal, wenn man vom Ziel ausgeht: das Lebensglück mit einem anderen Menschen zu finden.
Der Artikel wurde am 22.7. 2026 geringfügig verändert.
Schauen wir mal aufs Altenglische: Dann könnte das Wort so viel wie „frei von Schande, tadellos oder entschuldbar“ bedeuten. Aber wir leben ja nun mal nicht im Jahr 1200 und auch nicht in England.
In der Tat bedeutet es heute – im Vereinigten Königreich wie auch bei uns - „schamlos“. Und „schamlos“ steht im Delischen für jemandem, der etwas „über Gebühr“ versucht: ein schamloser Wüstling, ein solcher Ausbeuter oder Betrüger. Wenn man so will also ein ehrloser Mensch.
Was bedeutet "schamlos"?
Das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache kennt zwei aktuelle Bedeutungen:
1. Grob gegen Sitte und Anstand verstoßend, unsittlich, unanständig.
2. Ohne jede Scheu sich über die Grenzen des Taktes hinwegsetzend, unverschämt, dreist, unverfroren.
Es gibt eine andere Bedeutung, wenn jemand sagen will, dass er in einer Situation keine Scham empfindet, etwa dann, wenn er sich dort entkleiden soll, wo es angebracht ist. Dann würde man sagen, diese Person würde etwas „ohne Scham“ tun. Die Bedeutung wäre dann „ohne zu erröten“ oder etwa in einer ähnlichen Situation „frei von Scham“ zu sein. Das gilt insbesondere dann, wenn bekannt ist, dass viele Menschen solche Situation aus „falscher Scham“ meiden.
Schamlos als sogenannter "Datingtrend"?
Und nun lese ich, dass es einen „neuen Datingtrend“ gibt: „Shameless Dating“ genannt. Wie fast immer, steckt ein Dating-Unternehmen hinter dem angeblichen Trend – und Journalisten verbreiten solche „Trends“ in Windeseile.
Klar, das steckt auch etwas Sinn dahinter: „Du sollst deinen Partner beim Treffen nicht verkohlen“, heißt es salopp. Und im Text:
„'Shameless Dating' ... (sagt) ... der gespielten Harmonie den Kampf an.“
Bei so viel Unsinn gehen mir die Zehennägel hoch. Denn es war noch nie richtig, den zukünftigen Partner nach Strich und Faden zu belügen – so wenig, wie es empfehlenswert ist, gleich mit den Sexwünschen ins Haus zu fallen. Und abgesehen davon sagen Trends gar nicht an. Es sind nach wie vor Menschen, die etwas bewirken.
Trend gegen Trends - so herum und anders herum "wissenschaftlich"?
Umes ganz klar zu sagen: Der „neuste“ Dating-Trend ist ein Trend gegen so viele andere Trends, die ebenfalls niemals „Trends“ waren. Und „ehrlich“ lässt sich ebenso blumig inszenieren wie „hard to get“. Beide sind angebliche Trends und beider wurden angeblich „wissenschaftlich“ untersucht. Im Grunde versuchen Partnersuchende dabei, ihre vorgebliche Attraktivität dadurch zu vergrößern, dass sie nahezu unerreichbar sind. Auf Deutsch sagte man wohl auch „sich rarmachen“ oder man benutzt Sprüche wie „willst du was gelten, mach dich selten.“
Nun fehlen nur noch zwei Namen: Die Dating-App, die dahintersteckt und das Etikett „Gen Z“. Und ein Blick in Suchmaschinen: überall ähnliche Texte mit ähnlichen Folgerungen.
Ich vermute, dass sich weder die „Gen Z“ noch irgendjemand anders wirklich solchen Trends folgt. Denn noch sind wir Menschen und nicht Tanzbären der Dating-Branche.
Quellen, Zitate.
Hauptquelle: Esquire (deutsch)
Sprachvergleich (englisch): etymonline
Sprachbegriff (deutsch): dwds. (2 wörtliche Zitate)
Ursprüngliche Herkunft der Daten: Pressroom.
Gegensätzlich mit wissenschaftlichem Hintergrund: deutsche welle.
Die meisten Betrachtungen zu Dates beginnen heute damit, wie viele „Matches“ jemand auf Dating-Apps enthält, die mit „Swipen“ arbeiten.
Ist das überhaupt sinnvoll?
Wie das sehpferd-team vorging
Die Betrachtungen des sehpferd-teams setzten woanders an:
- Um überhaupt ein „Match“ oder Date oder irgendetwas anders ähnlichen Namens zu bekommen, musst du Aufmerksamkeit erregen.
- Sobald jemand auf dich aufmerksam wird, ist es Zeit, das Interesse dieser Person zu wecken.
- Es geht dann darum, zeitnah ein Treffen zu bekommen – dazu ist es nötig, dass der/die andere glaubt, dieses Treffen würde ihm/ihr „etwas bringen“.
- Die letzte Phase besteht darin, so zu überzeugen, dass es ein zweites Date gibt. Für Dating-Anfänger aber auch, die Lehren aus gescheiterten Dates zu ziehen.
Anhand dieser Vorgabe lässt sich beweisen, dass es überwiegend am Verhalten der Person liegt, wie viel erfolgversprechende Dates er/sie benötigt, um zum Ziel zu gelangen.
Das Fazit
Bei den Betrachtungen wurden KI-Komponenten, Bücher, Einzelerfahrungen und kompetente, meist neutrale Webseiten aller Art hinzugezogen. Das Ergebnis steht demnach fest:
Nur, wer bereit ist, zu lernen und mit dem Erlernten sein Verhalten zu verändern, hat wirklich mehr Chancen auf erfolgreiche Dates. Die bloße „Teilnahme“ an der Partnersuche führt meist ins Leere.
Plus: Aus wenigen, aber qualifizierte Dates ergeben sich mehr Erfolge als aus einer großen Anzahl von Begegnungen. Selbst emotional „robuste“ Personen sollten nicht mehr als 25 Dates pro Jahr planen.