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Sinnloses Wort: der Lebensentwurf

Um Himmels willen, wer hat uns nur diesen Begriff beschert? Ja, ich meine den „Lebensentwurf“, den mittlerweile Journalisten wie auch Sozialwissenschaftler und Persönlichkeitsentwickler ständig vor sich herbabbeln.

Der Begriff ist neueren Datums. Bis 1975 kam er so gut wie niemals vor, bevor ein kometenhafter Boom einsetzte. Warum das Leben plötzlich als „planbar“ erschien, und wozu es dazu eines „Entwurfes“ bedurfte, ist völlig unklar. Zuvor gab es das „Lebensziel“, das man besser in den Plural setzten sollte: "Die Lebensziele." Lebensziele kann man jederzeit festlegen, verwerfen, verfehlen oder auch ändern und neu festlegen. Ob es überhaupt günstig ist, „Lebensziele festzulegen“ mag jeder selbst wissen – man vermeidet dadurch andere oder alternative Erfahrungen, seinen sie positiv oder negativ.

Betrachtet man die Anwendung des Begriffs „Lebensentwurf“ , so wird deutlich: Damit ist ein vorgefertigtes Schema gemeint, und keinesfalls ein individueller Lebensplan. Leben nach einem Schema? Einem „bürgerlichen, sozialistischen, konservativen, maskulinen oder femininen Lebensentwurf folgen?“

Schnell wird deutlich: Das Wort dient dazu, die eigentlichen Absichten, Ziele und Vorstellungen zu vernebeln und einen Begriff dafür zu schaffen, der schließlich gar nichts mehr aussagt. Und so ist der „Lebensentwurf“ ein absoluter Bluff: Er betrifft nicht das Leben als solches, und er ist kein Entwurf.

Wer sein Leben liebt, der entwirft es jeden Tag neu, breitet es vor sich aus, findet Gefallen daran und vielleicht auch Lust. Aber das ist kein Lebensentwurf, sondern der Fluss des Lebens.

Bio-Deutsche gibt es nicht

Römische Ingenieurskunst in einem Römerbad

Bio-Deutsche gibt es nicht - und das ist auch gut so

Deutscher im Ursprung? Germanisches Wesen? Arische Rasse? Was für ein Schwachsinn! Und nun kommt auch noch der Bio-Deutsche, denn rechte Nationalisten erfunden haben. Gemeint ist offenbar ein Deutscher mit Ariernachweis. Oder vielleicht auch ohne, aber eben „richtig deutsch“, mit Adelsprädikat oder Eintrag im "Deutschen Geschlechterbuch". Was allerdings ein Bio-Deutscher ist, weiß kein Mensch, denn so lange existiert „Deutschland“ als Staatswesen nun auch wieder nicht – zuvor war man Sachse, Thüringer, Württemberger oder Bayer. Man war eingeboren oder eingewandert, wurde integriert, assimiliert und eingebürgert. Das war auch nötig, denn die germanische Kultur gab nicht viel her. Man importierte römische Baukunst, lateinische Schrift, arabische Rechenmethoden und griechische Logikentwürfe. Und außer Ideen importierte man Menschen, die so und ganz und gar kein „deutsches Blut“ hatten. Deutsche revanchierten sich durchaus: Sie verteilten sich in guten wie in schlechten Zeiten über die ganze Welt.

Aus dem, was blieb, wurde eine der besten Mischkulturen, die die Welt hervorgebracht hat - voller Ideen und strotzend vor wirtschaftlicher Kraft. Gut – in letzter Zeit haben uns manche guten Geister verlassen – da kann man nur hoffen, dass nicht noch mehr gehen.

Was zeichnet eigentlich einen Bio-Deutschen aus? Im Wortsinne wahrscheinlich, dass er biologisch eher ein Auswanderer aus Afrika ist –wie wir alle. Und: dass die Überlebenden von uns ihre Gene rechtzeitig durchgemischt haben, damit sie nicht durch Inzucht geschwächt wurden.

Der Begriff gehört auf den Müll: Sex haben

Gummibärchen haben keinen Sex - Menschen auch nicht
Warum der Begriff "Sex haben" eine geistige Dummheit ist

Das Internet ist voll von Dummheiten. „er nahm sie mit nach Hause, weil er Spaß mit ihr wollte. Dann hatten sie Sex auf der Couch.“ Na schön, vielleicht waren sie vorher noch am Currywurststand und hatten eine Currywurst, oder sie hatten Küsse miteinander, oder sie hatten noch ein Kondom in der Schublade gefunden, das noch kein Verfalldatum hatte.

Leider muss ich Ihnen gestehen: Ja, ich habe diesen Begriff auch schon benutzt: „Sex haben“. Wie das schon klingt: Ich habe Sex, du hast Sex, er/sie hat Sex … und natürlich wir haben Sex, ihr habt Sex, sie haben Sex.

Frage: Was haben sie da eigentlich, wenn Sie „Sex haben“? Besitzen sie Sex? Beinhalten Sie Sex? Schütten sie eine Tüte Sex übereinander aus?

Unsinns-Ausdruck „Sex haben“

Haben steht in Deutsch hauptsächlich für „Besitzen“ und „Beinhalten“. Daneben auch für die Pflicht, etwa zu tun („der Hund hat zu gehorchen“) und sehr selten für etwas anderes. Wie kann da jemand „Sex haben“? Wie kommen wir überhaupt auf die Idee, Sätze zu schreiben wie „wir hatten Sex“ oder „hattet ihr Sex?

Feige sein und Unsinn schreiben?

Weil wir es uns viel zu einfach machen. Weil wir zu feige sind, zu schreiben, was es bedeutet, sich einander hinzugeben. Und weil wir kein Deutsch schreiben können. Der Begriff „Sex haben“ ist eine inkorrekte, wenngleich populäre Übernahme aus dem Englischen. Dort steht das Wort „have“ dafür, dass etwas getan wird oder getan wurde. Typisch (das werden Sie kennen) ist „to have Breakfast“ – was nicht bedeutet „Frühstück zu haben“, sondern zu frühstücken. „What did you have for Breakfast“ kann zwar holprig mit „Was hattet ihr zum Frühstück?“ übersetzt werden, aber eigentlich sollte es heißen: „Was gab es bei euch zum Frühstück?“

Also, wie lief Ihr Tag ab? „Wir hatten Frühstück, dann hatten wir einen Spaziergang, dann hatten wie ein Glas Wein, und dann hatten wir Sex?“ Sehen Sie, das, schreiben Sie nicht – aber wie ist das nun mit dem Sex?

Sex haben ist ein Hohlbegriff ohne Sinn

Wissen Sie, was „Sex“ ist? Wenn Sie jetzt sagen: „Klar, das ist bumsen oder vögeln …“, dann stimmt das zwar, aber es ist nicht dasselbe. Selbst die angeblich „bösen Worte“ für das Schönste drücken deutlicher aus, was geschehen ist als der Begriff „Sex haben“. Man lag nicht zusammen und hatte irgendetwas, sondern man tat etwas. Es könnte sein, dass Sie keinen anderen Begriff dafür kennen, als „heftig gevögelt zu haben“ oder „heftig gevögelt worden zu sein“. Aber selbst diese primitiven Sätze drücken deutlicher aus, was geschah, als ihre Helden vermeintlich „Sex hatten“.

Die heiße Liebe, das Feuer der Liebe

Als „Sex“ und „Liebe“ noch parallel verwendet wurden, wenn sich ein Paar ineinander verschlang, sagte man: „Sie machen Liebe“ – auch aus dem Englischen. Wenigstens musste man da noch etwas tun – man konnte die Lust nicht einfach haben, man musste sie füreinander erzeugen. Das erforderte lustvolle Handlungen, die es zu beschreiben galt. Dann wusste der Leser wenigstens, warum das „Feuer der Lust loderte.“ Heute können Autoren offenbar einen Schalter umlegen: Aha, sie hatten Sex? Warum? War ihnen langweilig?

Formale Definition? Nein danke!

Es gibt eine „formale Ausdrucksweise“, die im Englischen ebenso dümmlich kling wie im Deutschen: „Have sexual intercourse“, also „den Geschlechtsverkehr vollziehen.“ Das allerdings drückt nun auch nicht so recht aus, was dabei geschieht.

Was können Sie schreiben, wenn Sie eigentlich „Sex haben“ schreiben wollten?

Was sollten wir Autoren also schreiben?

Das, was es ist, das, wie es empfunden wurde und das, was sich andere auch vorstellen können. Und das heißt: Nicht so stark vereinfachen.

Beim Frühstück haben wir einen frisch aufgebrühten Kaffee getrunken, nicht wahr? Dann haben wir ein wundervoll knuspriges Croissant genommen, um es in der Mitte zu zerbrechen, die Bruchstellen übermäßig dick mit frischer Butter zu bestreichen und sodann noch einen großen Klecks feiner englischer Orangenmarmelade darauf zu tun.

Sehen Sie, das haben Sie getan. In Wahrheit haben Sie kein „Frühstück gehabt“. Und sie haben keinen „Sex gehabt“, wenn Sie schreiben, dass Sie Sex gehabt haben. Und so, wie sie ein Frühstück bildlich beschreiben können, sollten Sie auch den Sex beschreiben können. Und wenn nicht? Dann lassen Sie es einfach.

Gehört das Christentum exklusiv zu Deutschland?

Erneut dreht sich das Karussell: Der Islam gehört nicht zu Deutschland, gehört zu Deutschland, gehört nicht zu Deutschland?

Die Antwort wäre abweichend von allen Konventionen so zu geben: Das Christentum gehört zu Deutschland – aber Deutschland gehört nicht exklusiv dem Christentum – und hoffentlich auch keiner anderen Religionsgemeinschaft. Richtiger wäre: viele Religionen, Wissenschaften, Anschauungen und Völker haben Deutschland geprägt.

Ohne jemanden zu nahe zu treten: Sollte man einen Menschen ernstnehmen, der sich irgendwie hinstellt und sagt: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland?“ Warum der Islam? Warum nicht Algebra und Geometrie, Schriftzeichen und Wasserleitungen, Standardsoftware für den PC oder für das Handy?

Ach ja, das weiß Herr Andreas Scheuer. Beispielsweise. Und der sagt das dann mal so: „Deutschland bleibe ein christlich geprägtes Land.(1)“ Da hat er Ostern natürlich etliche Claqueure. Doch was steht dahinter? Man sollte zumindest dazu sagen, dass auch das Christentum eine eingewanderte Religion ist. Und man darf sicher sagen, dass eben jenes Christentum dieses Land eine lange Zeit stark beeinflusst hat. Aber Deutschland ist nicht deckungsgleich mit dem Christentum, denn bei allem Respekt ist das Christentum nicht mehr als eine Religion, die in das kulturelle Erbe eingeflossen ist. Wie das Judentum. Oder der Humanismus.

(1) Zitat aus der der Westen.