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Journalismus: Erst mal behaupten ist ja so geil

Heute will ich euch von einer wirklich lästigen Tendenz in der Presse berichten, nämlich gewisse spektakuläre Zeiterscheinungen zu verallgemeinern, uns die dann populistisch auszuschlachten.

Das Medium: Süddeutsche Zeitung.
Wo: Im Feuilleton (Kulturteil).
Wer: Marie Schmidt.
Was: Die Journalistin schließt von einem Tinder-Phänomen auf alle beginnenden Beziehungen, und aufgrund einer gewagten Konstruktion von aneinandergereihten Behauptungen wird die Frage behandelt, ob „Liebe heute noch eine Chance habe.“

Zunächst einmal die Überschrift:

Liebesbeziehungen – Gefühle, so peinlich


Wen das interessiert, der darf weiterlesen, und er stößt zunächst auf eine Behauptung: „Lange“ (also wann denn nun?) hätten Beziehungen mit Gefühlen begonnen und sich dann „zur ersten gemeinsamen Nacht“ gesteigert.

Dieses „Lange“ muss schon lange zurückliegen, und aufgrund welcher Erfahrungen diese Sätze geschrieben wurden, bliebt unklar.

Nun wird auf der Basis dieser Behauptung eine zweite Annahme nachgeschoben, nämlich: Heute würde man mit Sex beginnen und die Liebe würde daran scheitern, einander gefühlsmäßig zu begegnen, oder wörtlich:

Heute startet man mit Sex - und scheitert dann daran, sich emotional nahezukommen.


Eine neue Behauptung: Von Tinder ist nicht mehr die Rede, sondern davon, dass „man“, also nahezu alle Partnersuchenden, mit Sex starten. Die nächste Behauptung wird gleich angehängt: das Scheitern als Folge, also die frühzeitige Auflösung der gerade begonnenen Beziehung. Nach dem Text ist das Scheitern obligatorisch. Und warum soll es möglich oder nicht möglich sein, sich dann noch emotional näherzukommen?

Bliebt noch eine kleine Begriffsverwirrung:

- Einander emotional näher kommen ist noch keine Liebe.
- Das Wort „Liebesbeziehung“ ist unscharf, denn in dem Zeitbereich, in dem eine emotionale Bindung beginnt, spielt Verliebtheit eine größere Rolle als die Liebe – ob mit oder ohne Sex.

Und all das macht die Frage „Hat Liebe in Zeiten von Tinder noch eine Chance?“ zu einer Farce.

Natürlich steht es Frau Schmidt frei, zu schreiben, was sie gerne möchte. Die Frage ist nur, ob man anhand eines lächerlichen App-Phänomens gleich auf die Liebeskultur eines Volkes (oder gar aller Menschen?) schließen sollte.

Die erwähnten Zitate lassen sich leider Online nicht vollständig lesen. Die Quelle verweist auf kaum mehr als die Überschriften.

Sind da noch Männer drin?

Die Revue ist schon vor einer Weile beendet worden. Ein Teil des Publikums will vor den Heimweg allerdings noch einem unerlässlichen menschlichen Bedürfnis nachkommen. Und also strebt man zu den Toiletten. Davor bilden sich lange Schlangen auf der linken Seite, wo man „für Damen“ gehen kann, und eine gähnende Leere auf der rechten Seite, wohin sich die Herren begeben.

Ich gehe also flugs an der Schlange vorbei, finde das Örtchen fast leer, und gehe nach der unerlässlichen Verrichtung wieder hinaus, als mich eine der Damen anspricht:

„Ach bitte, sind da noch Männer auf der Toilette?“

Ich bot all meinen Charme auf, den ich als Reserve immer bei mir trage und sagte:

„Oh ja, und manche davon sind recht stattlich, Madame.“


Oh, oh … sie hatte wohl eine andere Antwort erwartet. Aber ehrlicherweise wusste ich nicht, ob alle zuvor anwesenden Herren ihre jeweilige Verrichtung bereits beendet hatten.