Skip to content

Akademiker erklären Akademikern akademisches Wissen

Das Eigenartige an Deutschland: Wenn ein Akademiker einem Akademiker akademisches Wissen erklärt, stimmt immer alles – beide verstehen sich auf eine Weise, die dem Volk verschlossen bleibt. Wie denn überhaupt die Beobachtung von Zeitgenossen selten mit dem vorgeblichen Wissen der Historiker übereinstimmt. Was letztlich heißt: Angebliche Eliten schreiben die Geschichte angeblicher Eliten.

Die 1968 er - im Jubiläumsjahr will jeder mal darüber schreiben

Da waren also die 1968er. Wer derzeit darüber schreibt, will bekannt werden – das Thema ist 50 Jahre alt, kaum einer erinnert sich noch daran – die beste Möglichkeit, die Geschichte neu anzustreichen. Die typische Diskussion: Waren die 1968er nur elendigliche Wirrköpfe oder waren sie die Schöpfer einer neuen Zeit? Je nach politischer Couleur wird das mal so, dann Mal wieder anders gesehen. Die Rechtspopulisten sehen, völlig unabhängig von der Parteizugehörigkeit, darin einen Bruch mit der deutschen Kultur, die Linkspopulisten den gescheiterten Versuch einer Revolution. Und die übrigen 1968er und ihre Befürworter sehen darin eine längst notwendige Befreiung vom verbliebenen Nazi-Mief unter Talaren und Nadelstreifenanzügen.

Die Brücke schlagen zwischen 1968ern und "sexueller Revolution" - sinnvoll?

Und dann – ja dann. Dann gab es noch eine „sexuelle Revolution“, die gar keine war. Und die alleinige Verantwortung hatten dafür die 1968er, wenn man neuen „Erkenntnissen“ der Universität Freiburg glauben will. Denn

Die neue Linke konnte sich selbst erfinden, ohne mit Widerspruch von links rechnen zu müssen. Sie musste neue Themen wie Sexualität entdecken, besetzen und sich mit ihnen profilieren.“


Nun gab es zum damaligen Zeitpunkt eine Vielzahl sozialistischer, kommunistischer, marxistischer und maoistischer Gruppen und Grüppchen. Sie alle versuchten, aus der Substanz der 1968er noch ein eigenes Süppchen zu kochen. All diese Gruppen waren alles andere als „Sexualreformer“. Der viel beschworene „Psychoanalytiker Wilhelm Reich“, der nur den an Psychologie und Soziologie interessierten Studenten bekannt war, soll die Menschen der damaligen Zeit wirklich nachhaltig beeinflusst haben? Und er soll angeblich mitverantwortlich für alle Abwege der 1968er sein? Nein. Die Schriften dieses Mannes hatten auf gar keinen Fall eine grundlegende Bedeutung für das, was die jungen Leute damals umtrieb. Ihr Problem war, sich endlich die Freiheiten zu nehmen, die jedem Menschen zustanden: das zu werden und am Ende zu sein, was man wirklich wollte.

Klaffende Wunden und sexueller Triebstau?

Im akademischen Bereich liest sich das so:

Vielleicht boten die Schriften eine gefällige Erklärung für klaffende Wunden aus junger Vergangenheit. Nach nur wenigen Jahren galt es als Allgemeinplatz, grausame, autoritätshörige Untertanen als Resultat von sexuellem Triebstau zu begreifen.


Das ist – mit Verlaub – an den Haaren herbeigezogen. Es ging bei der Sexualität nicht um „klaffende Wunden aus junger Vergangenheit“ – diese Generation bestand nicht aus Beatniks. Sie litt darunter, dass Altkonservativen den Deckel auf der jungen Generation hielten. Und es ging nicht um sexuellen Triebstau, sondern darum, sexuell sein zu dürfen und daran Freude zu haben. Und wer las schon wirklich intensiv Wilhelm Reich und glaubt jede seiner Thesen?

Altkonservative Betonköpfe werden sich freuen

Bei der Forschung geht es offenbar darum, ob die „sexuelle Revolution“ ein allgemeiner Trend in Europa war. Die These ist, dass in Westdeutschland Sex und Linke Politik „nahe zusammen gedacht wurden.“ Damit spielen die Forscher den Konservativen in die Hände, die längst zu wissen glauben, dass die 1968er gemeingefährlich waren und die deutsche Kultur ausgehöhlt haben.

In Wahrheit entwickelte sich die „sexuelle Revolution“ parallel im Volk – völlig ohne Zutun der 1968er, der Neuen Linken oder irgendeiner anderen Richtung, die aus dem akademischen Bereich kam. Übrigens galt dies auch für die Jugendkultur, die längst von Rock ’n Roll, Jazz und Freiheitsdrang geprägt war. Die Gegner der Jugend waren die Vertreter einer zementierten Gesellschaftsordnung, die Jugendlichen nur dann eine Chance gab, wenn sie brav und fügsam waren.

Ich habe übrigens auch Wilhelm Reich gelesen. Seine Lebensgeschichte hinterlässt Zweifel – aber das trifft auch für C.G. Jung und andere zu.

Alle Zitate entstammen einer PR-Maßnahme der Uni Freiburg.

Leipzig: Investor verärgert die Stadt und ihre Bürger

Zuerst schien es nur ein Poker um die Miete für ein Warenhaus zu sein – nun aber hat es ein Investor „geschafft“, die ganze Stadt in Rage zu bringen. Nicht nur das Haus Karstadt und seine Mitarbeiter, auch der Stadtrat und der Oberbürgermeister haben die Brisanz erkannt – denn die Attraktivität der Leipziger Innenstadt ist in Gefahr.

Hintergrund ist ein Streit um die Miete für das von Karstadt genutzte Gebäude, das mittlerweile dem Investor Even Capital gehört. Die Wurzeln liegen allerdings in einem Fehler im System: Wer Immobilien verkauft und zurückmietet, spielt den Investoren und ihren Interessen in die Hände – und verliert jegliche Kontrolle über den Mietpreis. Die FAZ berichtete darüber schon 2009.

Der Eklat zwischen der Stadt, dem Investor und Karstadt eskalierte vor einigen Tagen, als Mitarbeiter versuchten, eine Petition mit 50.000 Unterschriften an der Luxemburger Adresse abzugeben, an dem der Investor registriert ist. Nach Presseberichten wurden diese sofort achtlos in eine Altpapiertonne geworfen, was zwangsläufig zum Zorn von Presse und Stadtrat führte.

Allerdings wurde heute bekannt, dass der Leipziger Oberbürgermeister den Streit nun zur „Chefsache“ erklärt hat. Er kündigte an, sich in den nächsten Tagen „mit Vertretern beider Seiten auszutauschen.“

Der Stadt Leipzig, seinem Gemeinderat und dem Oberbürgermeister kann man nur Glück wünschen. Karstadt Leipzig muss bleiben, und zwar dort, wo es jetzt ist.

Bremen ist an allem Schuld - und Oliver Welke spottet

Ach, Herr Oliver Welke – sie spotten in letzter Zeit auf niedrigen Niveau – offenbar braucht das Ihr Publikum. Und die Jubelpresse nimmt dergleichen begeistert auf, wie ich im Stern lesen konnte. Übrigens in der Rubrik „Kultur“.

Grundlage der Satire war die Vermutung, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge habe in der Außenstelle Bremen zu Unrecht Asyl bewilligt. In der Darstellung wurde dies allerdings so gezeichnet, als sei die Hansestadt inklusive ihrer Bürgerschaft und der dortigen Beamten nicht ganz beieinander. Zu viel (!) SPD, zu viel Schulden … und sowieso. Bremen eben. Ha, ha.

Der Beitrag (Kaffeefahrt für Asylbewerber nach Bremen) war einfach peinlich, egal, welcher politischen Überzeugung man angehört. Und das spielt es wahrhaftig keine Rolle, ob auch andere den Vergleich mit der Kaffeefahrt benutzen.

Bremen diffamieren? Nichts leichter als das. Bremen ist ein kleines Bundesland, umschlossen von Niedersachsen. Nur sollte der Herr Welke vielleicht auch den Rest der Wahrheit wissen, und der steht in der SZ:

Inzwischen wird in zehn Außenstellen des Bamf geprüft, etwa in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Hessen. Auch in Schleswig-Holstein sollen ungewöhnlich viele positive Bescheide ausgestellt worden sein.


Gut, gut, Welke macht Satire, und Satire darf ja bekanntlich alles – und dennoch wird sich in den Hirnen dank ständiger Wiederholung in Presse, Fernsehen und Rundfunk einbrennen: Die Bremer sind Schuld an allem.

Klar: machen kann man da nix. Aber lachen muss man auch nicht unbedingt.

Die Legehenne – und warum ich dabei an manche Journalisten denke

Meine Tochter ist keine Legehenne“, sagt der Vater einer Studentin zu „Professor T.“. Jener nämlich hatte sie kurz zuvor als solche bezeichnet, weil sie nicht in der Lage war, selbstständig, differenziert und konsequent zu denken. Vielmehr tat sie, was von ihr verlangt wurde. Wer die Serie „Professor T.“ kennt, weiß: Der Mann nimmt kein Blatt vor den Mund, sagt, was er denkt, und das war dann, bezogen auf die Antworten der Studentin: Gack, Gack, Gack.

Ich dachte sofort: Du kennst viele dieser Leute, und um nicht sexistisch zu wirken, sage ich: Männer und Frauen. Und als Nächstes sage ich dazu: Journalistinnen und Journalisten.

Oh nein, nicht alle. Aber eben viele. Sie produzieren Artikel, weil sie müssen. Wie jemand hinter ihnen steht, der immer wieder verlangt, dass sie derartige Artikel produzieren. Viele haben keinerlei Bezug zu dem, was sie tun. Sie wissen: „Wenn ich nicht das schreibe, was gewünscht wird, dann bin ich aus dem Geschäft.“ Nur wenigen gelingt es, wenigstens eine kritische Haltung zu dem einzunehmen, was ihnen vorgekaut und eingeflüstert wird. Und falls Sie, liebe Leserin, lieber Leser, jemals von Recherchen gehört haben, mit denen Journalisten tagein, tagaus beschäftigt sind: Natürlich gibt es die. Aber es geht eben auch ohne. Tag für Tag wird versucht, irgendetwas abzugreifen, das gerade im „Mirror“ oder in der „Sun“ stand, begierig werden Wissenschaftsartikel kritiklos übernommen, und selbst die lächerlichsten Banalitäten (Dating-Trends gefällig?) führen zu sensationell aufgemachten Artikeln.

Gack, gack, gack .. ein Hühnergegacker.

Und nein, ich bin nicht ganz frei davon. Aber ich muss keine Eier produzieren, weil mein Chef täglich frische Eier wünscht. Ich kann wählen, und ich darf kritisch sein. Sehen Sie, und genau das ist der Unterschied.