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Die Protokollantin – nein, kein zweites Mal

Kriminalfilme mit Düsterereffekten und einem geradezu lüsternen, aber dennoch krampfhaften Gerechtigkeitssinn sind mir ebenso suspekt wie andere Formen des „Absoluten“.

Es mag ja sein, dass die neue Serie „Die Protokollantin“ die Herzen rührt – meines nicht. Und es mag ja auch wirklich sein, dass sich die Autoren bei der Serie „etwas gedacht“ haben. Aber mir sind die Farben zu düster, die Geheimnisse zu abwegig und die „traumatischen Erinnerungen“ zu sehr in den Vordergrund gespielt.

Ich will keinen zweiten Teil sehen. Muss ich ja auch nicht.

Menschen im Hotel – Menschen im Theater

Vicki Baum – da musste ich nachdenken. Ihr Buch „Menschen im Hotel“ stand in Vaters Bibliothek, was hauptsächlich darauf zurückzuführen war, dass er Mitglied im „Bertelsmann Lesering“ war. Ich hörte, dass Frau Baum selbst als Zimmermädchen tätig gewesen war, um sorgfältig zu recherchieren. Nehme ich all dies zusammen, so kann ich nur eines erwarten: ein Zeitzeugnis aus den 1920er Jahren.

Klingt alles ein bisschen dramatisch: Schicksale, Schicksale, Schicksale. Die Faszination einer Drehtür, der Hauch von Luxus. Und als Theaterstück ein bisschen Kasperletheater mit überzeichneten Figuren - sehr hübsch, aber mit merkwürdigen befremdlichen Dialogen, die teils etwas langatmig wirken. Ich bin im Theater - ja, wo sonst?

Was ich mitgenommen habe? Viel weniger, als ich dachte. Ein bisschen Lebensphilosophie, ein wenig Melancholie, hübsche Orchester-, Tanz- und Gesangseinlagen. Es war kein Schaden, das Stück gesehen zu haben, aber auch kaum eine Bereicherung. Menschen im Theater starren auf eine Bühne, auf der Menschen im Hotel vereinsamen. Was wohl sie bewegen mag? Die Aussicht auf die feinen Würstchen und das Glas Sekt in der Pause?

Ich sollte vielleicht nicht darüber nachdenken – schließlich habe ich mich auch ein wenig amüsiert.

Eine Matinee im Gewandhaus

Eine Matinee in einem großen und berühmten Konzertsaal, in dem die besten der Welt die Bühne betreten, ist ein besonders Ereignis. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Publikum. Kaum schwarz-weiße Pinguine, nur wenig graue Elefanten und auch kaum Damen, die gerne mal ihren teuren Schmuck vorzeigen. Ich denke oft: Wer da morgens um 11 Uhr die Musikkathedrale betritt, der will vor allem lauschen.

Zu Lauschen gab es viel: das Orchester reichlich bestückt, inklusive Lärmmaschinen aller Art, Instrumenten, die zum Bedröhnen eingesetzt werden und solchen, die für die sinnlicheren Klänge gedacht sind. Der eigentliche Effekt der großen Orchester besteht ja darin, sowohl extrem dramatisch und lautstark zu sein wie auch höchst sensibel. Dazu dann noch ein hervorragender Solist auf der Trompete und der neue Dirigent, den das Leipziger Publikum nach und nach zu lieben beginnt: Andris Nelsons.

Man muss die Musik nicht verstehen - nur lauschen

Lassen Sie mich damit beginnen, wovon ich gar nichts verstehe: von der Musik Gustav Mahlers. Seine Fünfte Sinfonie ist wahrhaftig überwältigend, und sie klingt auch heute noch sehr modern. Dennoch ist sie längst Repertoire, und das Interessante daran ist: Den Zeitgenossen des aufkommenden 20. Jahrhunderts war sie zu zickig – und die letzte Fassung, so erfuhr ich, ging gar erst 1964 in Druck. Insgesamt passt also alles ins 20. Jahrhundert. Warum ich nichts über die Ausführung sage? Weil dies keine Musikkritik ist. Musikkritiker hören Tonaufnahmen, gehen in Konzerte, vergleichen dies und jenes, und loben oder verwerfen nach eigenem Gusto. Ich lausche neugierig den Ereignissen, Tönen und Geräuschen. Davon kann man wahrhaftig beeindruckt sein, und auch ich war es.

Das kurze, wunderbare Trompetenkonzert

Bei Mahler waren dann auch alle Reihen nahezu durchgehend mit Zuhörern bestückt. Einige hatten offenbar beschlossen, sich das Stück vor der Pause zu schenken. Nämlich ein Konzert für Trompete und (großes) Orchester, das von Bernd Alois Zimmermann stammt und damit nun aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Es hat den ungewöhnlichen Namen „Nobody Knows de Trouble I see“ und ist (zumindest für „gewöhnliche“ Konzertbesucher) eigenartig instrumentiert – unter anderem wird ein kompletter Saxofonsatz benötigt. Ach so: Versuchen Sie gar nicht erst, etwas mehr darüber im Internet zu finden. Sie werden erschlagen von all den Sängerinnen und Sängern, die das textlich ähnliche klingende Spiritual interpretiert haben. Teils auch sehr schön – aber diese Künstler spielen in einer anderen Liga.

Nun nehmen Sie mal hin, was Ihnen der Banause, der dies schreibt, zu sagen hat: Das Stück ist jede Minute wert, die sie zum Lauschen übrig haben. Es ist ein Trompetenkonzert mit Zwölfton- und Jazzelementen, wie es im Beiheft des Gewandhausorchesters heißt. Das mag so sein oder auch nicht, aber es ist jedenfalls ein wirklich schönes Stück, das sehr bewegt und zugleich versöhnlich klingt. Der Trompeter entlockte seinem Instrument die schönsten Töne, und gerade Trompenliebhaber– egal aus welcher musikalischen Ecke – kommen hier voll auf ihre Kosten. Der Trompeter Håakan Hardenberger (und da staunte ich Bauklötze) gab das Konzert im Gewandhaus schon 1993 – was dafür spricht, dass man Gewandhaus schon einmal äußerst experimentierfreudig war.

Angeblich – so höre ich häufiger – goutiert das Publikum die Musikauswahl des neuen Gewandhauskapellmeisters nicht sonderlich. Wie schade, denke ich noch beim Hinausgehen. Und höre noch eine Stimme hinter mir zu Bernd Alois Zimmermann: „Also, so schrecklich war das Stück doch gar nicht.“

Nein, es war – im Gegenteil – schrecklich schön.

September 2008

Wo war ich im September 2008, also vor 10 Jahren? Wie so oft, an mehreren Orten - zum Beispiel an diesen beiden.

Eine Fußgängerbrücke - aber wo ist sie?


Und wo mag dies gewesen sein?

Das Gebäude steht in ...?