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Ehre, Scham und Schande bei den ewig Gestrigen

Den Begriff einer „ehrbaren Frau“ habe ich schon lange nicht mehr gehört. Auch die Erläuterung findet sich nirgendwo: Es handelt sich um eine Dame, „der man nichts nachsagen kann.“ Wer das Wort „Nachsagen“ nicht mehr kennt: Es heißt „Man kann die Person nicht verdächtigen.“

Die Dame ohne Ehre soll vor Scham in den Boden versinken?

Wessen würde man sie denn verdächtigen? Eine „ehrbare Jungfer“ hatte keinen Geschlechtsverkehr, ja sogar der Gedanke daran hätte sie so erröten lassen, dass sie glaubte, vor Scham im Boden versinken zu müssen. Eine „ehrbare Dame“ führte eine gute Ehe, was letztlich hieß, dass sie weder an Affären dachte noch solche aufzunehmen versuchte.

Kurz: Die ehrbare Frau ist eine Frau von Stand, der man keinerlei Abweichungen vom Weg der Tugend zutraut.

Was wäre sie, wenn sie den Weg der Tugend, der Ehre und der Sittsamkeit verließe? Sie gerät in Schande, muss Schimpf und Schade tragen und sich wegen der Schande verkriechen, obgleich ihr Ruf schon genügend geschändet ist. Und un lasse ich die Katze aus dem Sack und zitiere aus dem "Standard":

Die Gegenbegriffe zu Ehre sind Scham und Schande: Ein Verstoß gegen die soziale Ordnung wird von der Gemeinschaft als Schande empfunden, worüber der Einzelne Scham empfindet. Er ist damit als ganzer Mensch infrage gestellt.


Ob geschändet oder in Schande geraten: Die Frau ist „unten durch“. Sie muss den Kopf senken und sich schämen.

Vertikal, horizontal: Wenn die Schande über dich kommt

Der Artikel, aus dem ich zitiere, behauptet nun, es gäbe eine „horizontale Ehre“ und eine „vertikal Ehre“, spricht aber nicht über die Schande.

Das versuche ich nun mal mit der Begrifflichkeit des Autors, wobei ich „Ehre“ gegen „Schande“ eintausche:

Die horizontale Schande ergibt sich aus der Verachtung Einzelner, die zwar zur Gruppe gehören, deren man sich jedoch schämt – vertikal betrachtet, trifft die Schande besonders liederliche Person, die durch ihr Verhalten die ganze Gruppe geschädigt haben.

Lassen wir den Autor noch ein wenig über seine Meinung zur Ehre fabulieren, von deren Richtigkeit er offenkundig überzeugter ist:

Ehre ist … ein Teil eines gesellschaftlichen Ordnungssystems, das den Menschen primär als ein soziales Wesen begreift, das bestimmte Rollenerwartungen zu erfüllen und seine eigenen Interessen jenen der Gruppe unterzuordnen hat. Eine solche moralische Ordnung baut auf Grundwerte wie Zugehörigkeit, Loyalität, Gehorsam, Pflichtbewusstsein, Autorität, Ehrfurcht, Reinheit und starken sozialen Zusammenhalt.


Der Meinung des Autors die Ehre zu geben oder auch nur Respekt zu zollen, fällt mir schwer. Mich erinnert seine Meinung an Schriften und Lexika aus dem 18. Und 19. Jahrhundert, wobei Meyers Lexikon sogar etwas aufgeklärter aussagt:

Dabei ist zwischen der allgemein menschlichen und der bürgerlichen Ehre zu unterscheiden. Erstere ist diejenige Würde und Achtung, welche dem Menschen als solchem zukommt und nach den Grundsätzen der Moral von ihm einerseits beachtet werden muss und anderseits beansprucht werden kann. In diesem Sinn pflegen schon die mittelalterlichen Rechtsbücher namentlich von der weiblichen Ehre zu sprechen.


Das Rad der Geschichte zurückzudrehen, die Frauen erneut zu disziplinieren und ihnen ihre Plätze zuzuweisen … das mag ja viele Menschen begeistern, die im „Gestern und Damals“ leben. Mich befremdet es.

Alle Zitate außer Meyers: "Der Standard"

Erziehung

Ich höre immer wieder Sätze wie „ich habe meine Kinder so erzogen, dass …“ oder „Bei uns gab es solche Eskapaden der Kinder nicht, es herrschten klare Verhältnisse“.

Die meisten, die so reden, sind „stolze Eltern“ – und sie überschätzen sich in ihren Aussagen bei Weitem. Ich höre selten „ich habe meine Kinder vor allem geliebt“ oder „ich habe ihnen vorgelebt, was Freiheit und Demokratie bedeutet.“

Menschen entwickeln sich wegen der Erziehung, trotz der Erziehung und ohne dass die Erziehung sie stark einseitig beeinflusst. Doch jedes Kind nimmt die Atmosphäre auf, in der etwas gesagt wird - und wie in unterschiedlichen Situationen gehandelt wird.

Und um es ganz unprätentiös zu sagen: Ich verachte die Menschen, die damit prahlen, wie streng und strikt sie ihre Kinder „erzogen“ haben.