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Wie manche Journalisten alles verfälschen, um Aufmerksamkeit zu erregen

Die Mutter aller PR-Ideen: So viele Journalisten wie möglich mit wahren, glaubwürdigen oder erlogenen Informationen zu versorgen.

Wir alle kennen dies - und zwar aus fast allen Bereichen der Wirtschaft sowie aus den Wissenschaften und Pseudo-Wissenschaften: Journalisten sind heute kaum noch in der Lage, zwischen Wissenschaft und Pseudo-Wissenschaft zu unterscheiden. Und sie verzichten nahezu immer darauf, Informationen aus Wissenschafts-Quellen nachzurecherchieren. Selbst dann, wenn die Wissenschaftler selber auf Ungenauigkeiten und Fehlermöglichkeiten hingewiesen haben, bleibt dies unberücksichtigt.

Es ist jedoch nicht die reine Pressemitteilung, die als fragwürdige Informationen beim Leser landet. Die Presse versucht – vor allem in Überschriften – die Aussagen oder Studienergebnisse reißerisch aufzumachen und ihnen damit einen anderen Sinn zu geben.

Beispiel eins: die große Männerstudie aus München

Ich darf hier an die jüngst erschienene „Studie zur männlichen Sexualität“ erinnern, wobei ich besonders aus die Kursivschreibung hinweise. Denn die Studie hieß

Concordance and Discordance of Sexual Identity, Sexual Experience, and Current Sexual Behavior in 45-Year-Old Men.


Selbst diese Überschrift der Original-Studie weist eine Tatsache nicht aus – die Studie wurde an Männer vorgenommen, die mit 45 Jahren zum ersten Mal zur Prostata-Vorsorgeuntersuchung gingen.

Die Original-PR war betitelt: „Welchen Sex haben deutsche Männer mit 45?“ Er gab bestenfalls dürftige Antworten. Die Presse ging schnell dazu über, die 45 in „Mitte 40“ auszuweiten, was nicht falsch ist, aber deutlich ungenauer. „Das Liebesleben der Männer Mitte 40“ titelte beispielsweise das „Abendblatt“. Andere griffen sich ziemlich wahllos ein Pseudo-Thema heraus „Studie: Sechs Prozent der Schwulen leben heterosexuell“. Der Stern war noch eine Spur spektakulärer und schrieb: „Wenn schwule Männer ein Leben mit Ehefrau und Kindern führen“. Lediglich die TAZ und die Liebe Pur, für die ich schreibe, wagten sich an die Wahrheit heran, die im übrigen offenkundig ist und aus der Studie auch so hervorgeht.

Beispiel zwei: Die ungeliebten Brüste bei Millenials

Noch problematischer ist die Angelegenheit, wenn schon die Quellen fragwürdig sind.

Der Journalist Gustavo Turner weist in „Logic“ darauf hin, wie mit Pressemitteilungen des Erotikunternehmens „Pornhub“ verfahren wird und schreibt dazu:

Die Pressemitteilungen von Pornhub Insights werden häufig zu Geschichten über allgemeine Trends in der menschlichen Sexualität versponnen. Im August 2017 veröffentlichte Insights beispielsweise einen Bericht mit dem Titel: „Boobs: Sizing Up the Searches“.

In dem Bericht werden Untersuchungen über die Wünsche der Erotik-Konsumenten nach weiblichen Brüsten ausgewertet. Demnach suchten die Besucher der hauseignen Erotik-Suchmaschine zwischen 18 und 24 Jahren nur zu 19 Prozent nach Brüsten – weniger als in anderen Altersgruppen.


Daraus wurde im nu die Schlagzeile "Millennials interessieren sich überhaupt nicht für Brüste, laut einer ziemlich deprimierenden neuen Studie“. Und dieser Artikel wurde – wie so viele andere – dann auch wieder rezitiert. Der Kritiker Gustavo Turner schreibt, wenn man nach „Millenials“ und „Boobs“ suchen würden, gäbe es bei Google unzählige Treffer zu der angeblichen „Studie“, die alle auf die im August 2017 veröffentlichen Behauptungen zurückgingen.

Ich wage gar nicht, die vielen ausgesprochen fragwürdigen Berichte zu erwähnen, die zu medizinischen Themen regelmäßig veröffentlicht werden und die mir Google News jeden Tag entbietet.

Liebepur: Deutsche Männer um 45 und Sex – unspektakulär, TAZ: „Medizinerin über männliche Sexualität - So einfach ist das nicht“.

Was sind Umfragen und Forschungsergebnisse wert?

Umfragen wird in der Regel geglaubt. Forschungsergebnissen noch mehr, selbst dann, wenn die Grundlagen haarig sind.Die Ergebnisse gelangen dann an Journalisten, und die "verhacken" solche Nachrichten mit Genuss. Ein Ärgernis? Für Journalisten ist es oft ein Kavaliersdelikt - sie "berichten" ja nur. Dieser Tage berichtet der SPIEGEL über die Art und Weise, in der Umfragen manipuliert werden.

Wie der SPIEGEL erfahren haben will, sei die …

scheinbar exakte Welt von Statistiken und "repräsentativen" Umfragen mitunter nicht mehr ist als eine sorgsam konstruierte Kulisse.


Dies gilt allerdings auch, und das dürfte noch erschreckender sein – für bestimmte „wissenschaftliche“ Forschungen. Es ist nicht so, dass diese Forscher sich vorgenommen haben, zu lügen, aber man kann immer wieder feststellen: Zu wenig Probanden (teils weit unter 100), einseitige Auswahl (Studentinnen, Studenten) fragwürdige Methoden (Fotos vorlegen).

Die Wissenschaftler schreiben in ihre Forschungsberichte oftmals, dass ihre Studien nur unter gewissen Vorbehalten gelten. Geraten ihre Projekte später über die Fachpresse in britische Massenmedien und von dort aus in die ganze Welt, wird dies nicht berücksichtigt. Und statt zu sagen, dass man anhand „soundsoviel Prozent der Befragten“ oder „der Probanden“ dies oder jenes festgestellt habe, wird dann behauptet, dies gelt für alle Konsumenten, Frauen oder Männer.

Man kann dies als „groben Unfug“ oder als „gefährliche und einseitige Meinungsmanipulation“ bezeichnen. Die Presse, insbesondere die Boulevardpresse, kümmert dies kaum. Sie beruft sich auf die „wissenschaftlichen Quellen“ – und die sind in Deutschland so etwas wie ein Heiligtum.

Manipulation

„Manipulation“ ist ein Wort aus der pseudo-intellektuellen Sprache angeblich „gelehrter Stände“ im 19., mehr noch im 20. Jahrhundert. Als Ursache wird allgemein die populistische Verbreitung der Psychoanalyse angesehen. Sie veränderte die ursprüngliche Bedeutung des Wortes in eine gezielte Steuerung des Denkens, Fühlens und Verhaltens bei einer anderen Person. Wer heute von der Manipulation von Menschen spricht, meint also ihre Beeinflussung durch „Kunstgriffe“.

Manipulation gehört zum Leben

Dabei ist der Begriff ausgesprochen unscharf. Denn es ist weder falsch noch unethisch noch abträglich, Menschen zu beeinflussen. Es gäbe keine Lehre, wenn es nicht möglich wäre, Menschen zu neuen Zielen zu führen. Jeder Erzieher oder Lehrer manipuliert, Ärzte und Berater manipulieren, die Freunde und Verwandten manipulieren, und der Mainstream oder Zeitgeist tut es auch.

Beeinflussung anderer zum eigenen Nutzen ist verwerflich

Gefährlich ist hingegen, einen Menschen so zu manipulieren, dass der Manipulateur den größten Nutzen davon hat, der Manipulierte aber einen geringen oder gar keinen Nutzen. Das ist bei manchen Sekten, in der Rekrutierung von Prostituierten und in vielen anderen, harmloseren Bereichen der Fall. Manipulation liegt also dann vor, wenn Menschen gezielt beeinflusst werden, um einem anderen zu dienen, der den Vorteil daraus zieht.

Ohne Defizite keine Manipulation

In fast allen Fällen sucht sich der Manipulateur oder die Manipulateuse einen Menschen, der ein Defizit hat: Anerkennung, Ansehen, Freundschaft oder Liebe, aber auch sexuelle Erfüllung sind häufige Defizite. Diese Defizite werden zunächst erfüllt, aber nicht vollständig und nicht dauerhaft – und eben auch nicht aus Zuneigung oder Lust.

Die Opferrolle sollte vermieden werden

Nach einiger Zeit wacht der oder die Manipulierte auf wie aus einem Traum: Sie oder er hat alles gegeben, aber es gibt nicht zurück. Das heißt: Was „ausgegeben“ wurde, zahlt sich nicht aus. Weil meist mit Emotionen „bezahlt“ wurde, reißt das „Erwachen“ ein Loch in die Kasse der Emotionen, die ohnehin nicht reich bestückt war. Der Katzenjammer, das Lamentieren oder gar eine Störung der emotionalen Gesundheit können die Folge sein. Normalerweise schenkt man den Manipulierten Trost, in dem man die Manipulateure als Heuchler, Schwindler oder Betrüger brandmarkt. Man muss aber feststellen, dass Manipulateure oftmals Erfolg haben, und dies wäre nicht der Fall, wenn ihnen nicht so viele leichtgläubige Menschen verfallen würden. Das bedeutet nun aber, dass Trost und Schuldzuweisungen an andere nichts nützen. Vielmehr müssen die Betroffenen sich selbst helfen oder Hilfe suchen, um nicht erneut Opfer zu werden.