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Soziologie, Frau Illouz und der Markt für Partner

Eva Illouz weiß offenbar, was ein Markt ist. Und was einen Markt ausmacht. Und das sagt sie dann so (1):

(Die …) Möglichkeit, das ganze Angebot zu sehen, macht einen Markt zu einem Markt.


Heißt: Du gehst morgens rüber, sieht die das ganze junge Gemüse an und wählst dann aus, was dir gut munden wird.

Wer ansonsten kritisch analysiert, und das kann Frau Illouz durchaus, sollte sich nicht auf solche Plattitüden einlassen. Denn nirgendwo auf dem Partnermarkt ist „das ganze Angebot“ zu sehen, zu riechen, zu befühlen und was sonst noch auf Märkten möglich ist. Das lässt sich leicht beweisen, denn ein Großteil des „Angebots“ ist gar nicht verfügbar, und der Markt ist eben auch ein „Sehmannsmarkt“ – also ein Markt für Gucker, die nie etwas auswählen.

Vielleicht – nun ja – sollte sie mal diesen Satz lesen (2):

Auf Eselmärkten kann man keine Kamele kaufen.


Das bedeutet viel, und es lohnt sich, darüber nachzudenken. Auch für Partnersuchende. Und weil das Sprichwort aus dem Arabischen stammt, sei noch angemerkt: Kamele sind wertvoller als Esel.

Und dass Frau Illouz es genauer weiß, zeigt, dieser Satz (1):

… je mehr die Menschen suchen, desto unsicherer werden sie dann doch darüber, was sie sich von der anderen Person überhaupt wünschen.


Das spricht nun allerdings überhaupt nicht dagegen, sich einen Markt zu suchen, auf dem man einander finden kann. Nur ist „Markt“ etwas Normales und nichts, an dem es etwas zu bekritteln gibt. Und um den Marktjargon beizubehalten: Irgendwann will jeder halbwegs vernünftige Mensch auch mal ans „Eingemachte“. Da heißt, er wird beständig und sucht nicht dauernd nach frischen Früchtchen, die noch süßer sind als die, die er letzte Woche probiert hat.

Für alle anderen, die auf Dauersuche sind: Der Markt beweist ja auch, dass es die wundervollen exotischen und perfekten Super-Früchte eben nicht gibt – und dass sie gegebenenfalls nicht mal schmecken.

Es ist nicht der Markt, der manche Menschen verwirrt - diese Menschen waren schon vorher entsprechend völlig realitätsfremd.

Zitate:

(1) Süddeutsche Zeitung
(2) Zitiert nach Laing, Rondald D.

Warum #MeToo nun selbst missbraucht wird

Vor einem Jahr gab es den „Großen Knall“, den die Presse sofort ausweidete: Unter dem Hashtag #MeToo klagten Frauen öffentlich an, die von Männern missbraucht wurden. Und nun folgt die „offizielle Version der Presse:

(Teilten) … Tausende Frauen auf der ganzen Welt unter dem Hashtag #MeToo ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt (…), mit Sexismus und Diskriminierung. Im Büro, in der U-Bahn, beim Date. Ein Jahr ist es her, seit diese geteilten Erfahrungen eine große gesellschaftliche Debatte ausgelöst haben.


Für einige war damit der Krieg der Geschlechter ausgebrochen, für andere wurde er nur auf neue Art geführt, und die weitaus meisten ließ das Thema unberührt, weil ihr Alltag aus anderen Themen bestand. Gewonnen hat vor allem die Presse, die darüber endlos schreiben konnte, gewonnen hat Twitter, weil man dort abermals beweisen konnte, dass ein Tweet genügt, um die Volksseele zum Kochen zu bringen. Wem es sonst genützt hat, ist zweifelhaft.

Kürzlich meldete sich der Geschlechtersoziologe (ja, so etwas gibt es) Rolf Pohl zu Wort – und seine Aussagen wurden in weiten Teilen der eher unkritischen Presse wohlwollend aufgenommen. Nicht untypisch für Soziologen, wusste er wohl viel über „männliche Sexualität“ zu sagen, aber wenig zur Lösung beizutragen.

Das liest sich dann so (2):

Ich denke bloß, dass männliche Sexualität thematisiert werden muss – aber eben nicht als dieses archaische Erbe, das der Mann überwinden muss. Wenn man meinen Thesen folgt, lautet die Antwort: Männer müssen lernen, Abhängigkeiten zu ertragen.


Das wäre also die Lösung?

Männer ertragen Abhängigkeiten. Die meisten Männer sind mehrfach abhängig: von erwünschten und unerwünschten Kameraden, gesellschaftlichen und beruflichen Zwängen, denen sie sich willig unterwerfen, und der Willkür der Frauen, sie zu erwählen oder auch nicht.

Mann, oh Mann … es, ging doch bei #MeToo nicht um Kinkerlitzchen, sondern um massive Übergriffe, die teils als Vergewaltigungen vorkamen. Es ging darum, dass Frauen unter Androhung des Entzugs Ihrer Existenzgrundlagen zum Geschlechtsverkehr gedrängt oder gezwungen wurden. Das hat nichts damit zu tun, dass (heterosexuelle?) Männer keine Abhängigkeiten ertragen können.

Übrigens: „Die große gesellschaftliche Debatte“, die angeblich durch #MeToo ausgelöst wurde, war, ist und bleibt eine elitäre Debatte. Mag sein, dass es die „alten weißen Männer“ waren, die sie auslösten, aber die Diskussion wird gleichfalls unter selbstgefälligen Eliten geführt – nur unter anderen Eliten als zuvor.

Ich hoffe sehr, dass es seither viel weniger Missbrauch der Macht der Männer gab - denn das war ja das Problem, mit dem die Frauen antraten. Doch sobald sich in die Debatte das Wort „Sexismus“ einnistet, wird sie entwertet.

Was wirklich Sinn hat (und das passiert auch) ist der Mut, in einen Dialog einzutreten. Aber das ist erst möglich, wenn wir Begriffe wie „Sexismus“ zur Hölle schicken. Oder mit anderen Worten: Mit Neo-Schlagwörtern zur Abwertung, wie Kapitalismus, Rassismus oder Sexismus erschlägt man alles, was zu diskutieren wäre.

1) Zuerst in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht, dann von einigen anderen Zeitungen übernommen.
(2) Der Geschlechtersoziologe Rolf Pohl im bereits genannten Artikel.