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Warum sind Gefühle so schwer zu beschreiben?

Gefühle - so "vollkommen" wiedergegeben wie auf einer 78er?
Wer sich in Kybernetik, Nachrichtentechnik und Datenverarbeitung auskennt, weiß, warum es so schwer ist, Gefühle zu beschreiben: Sie lassen sich nicht digitalisieren, weil sie in Bildern (also analog) stehen. Und weil es keine verlässlichen „Wandler“ in die eine wie in die andere Richtung gibt.

Wenn du vergleichen willst: Nimm Musikübertragung. Man kann Töne in mechanische Bewegungen verwandeln und die mechanischen Bewegungen zurück in Töne. Natürlich geht das mit einer modernen Schallplatte oder einer CD wesentlich exakter. Und warum geht es bei der CD? Weil wir auf beiden Seiten verlässliche Wandeler haben – analog in digital und digital in analog.

Für unsere nicht näher definierbaren Gefühle haben wir keine solchen Wandler. Wir bemühen uns zwar gelegentlich, Gefühle zu beschreiben, aber wir entdecken dann sehr schnell, dass es uns nahezu unmöglich ist. Gewusst hat es der österreichische Arzt und Psychoanalytiker Dr. Wilhelm Steckel. Er schrieb 1925:

Viel schwieriger ist der … (Umsetzung-) … Prozess der Verwörterung bei Gefühlen, Stimmungen, Affekten, abstrakten Begriffen. Hier sind die Worte deutliche Kompromissbildungen die in verschiedenen Lagen und bei verschiedenen Personen differente Bedeutung haben. Man denke nur, an die komplexe Bedeutung des Wortes ,,Liebe“, um zu verstehen, wie selten sich Wort und Gefühl decken können.


Die Verwörterung würde man heute wohl als „Digitalisierung“ bezeichnen, doch erfahren wir aus diesen Sätzen vor allem:

Wir haben keine absolut sicher zutreffenden Worte (oder auch Wörter) für Gefühle. Wir benutzen Wörter, die unsere Gefühle nur ungenau treffen. Das sind dann Worte, die bei jedem etwas anderes bedeuten können.

Und das bedeutet: Seid vorsichtig mit der Beschreibung von Gefühlen. Und lasst euch nicht alles als Gefühle verkaufen, was in Wahrheit Anbiederung ist – oder gar Kitsch.

Bild: Werbung für Grammophone.
Zitat: Dr. Wilhelm Steckel, „Störungen des Trieb- und Affektlebens, Wien 1925.

Geh zurück, wo du hergekommen bist …

Der US-amerikanische Präsident hat einen bösen Satz benutzt, der grob vereinfacht heißt: Kritiker(innen) der Obrigkeit oder der gesellschaftlichen Verhältnisse sollten doch bitte das Land verlassen.

In den 1950ern - Hass gegen Aufsteiger und Kritiker

Damit ist er nicht allein. In den 1950er Jahre war es sehr üblich, Frauen, die in der Gesellschaft aufstiegen, an ihre niedere Herkunft zu erinnern, zumal, wenn sie Kritik an der bürgerlichen Verlogenheit übten. Als die 1968er auf die Straße gingen, wurde ihnen barsch geantwortet, sie sollten doch dahin gehen, wo es den Sozialismus gäbe - in die DDR.

Abschottung im Schwabenland in den 1970ern

Das ist längst nicht alles: Als ich in die Schwabenmetropole hineinplatzte, machte man mir erst mal deutlich klar, dass ich dort eigentlich nichts zu suchen hätte. Das konnte nur auf „Fremdenhass“ beruhen, denn zu diesem Zeitpunkt suchte das Schwabenland nach Arbeitskräften aus anderen Regionen. Immerhin war ich Deutscher – Italienern trat man damals mit noch mehr Vorbehalten gegenüber. Später legte sich diese Haltung – und in Südbaden habe ich solche Auswüchse später ebenso wenig erlebt wie während meiner zahlreichen Auslandsreisen.

Erlebnis in Thüringen 2019

Doch nun, vor ein paar Tagen, wagte ich, Kritik an gewissen nationalistischen Einstellungen der Bevölkerung Thüringens zu üben. Die Antwort: „Dann gehe doch wieder dahin zurück, wo du hergekommen bist.“ Gemeint war natürlich: in den Westen. Der Witz daran: Meine Familie hat einen langjährigen Thüringer Stammbaum.

Verkappte Nationalisten sind überall gleich. Sie begreifen nicht, dass wir alle Impulse der vermeintlich „anderen“ benötigen, um den Fortschritt zu ermöglichen.

Nun ist sie es: EU-Kommissionspräsidentin

Ursula von der Leyen wird neue EU-Kommissionspräsidentin. Ich hatte kürzlich eine Diskussion, in der Ursula von der Leyen abgewertet wurde, und in der Tat störte auch mich die Zauberkunst, die Kandidatin nachträglich aus dem Hut zu ziehen. Aber schon damals erkannte ich: eine Dame aus bester Familie,langjährige Politikerin, mehrsprachig und zumindest im Umgang mit Menschen sehr erfahren - so eine Frau ist mit Sicherheit qualifiziert, dieses Amt wahrzunehmen.

Und nun hat sie mit ihrer wahrhaftig großen Rede bewiesen, dass sie eine exzellente Europäerin ist.

Sicher wird sie sich noch beweisen müssen … das muss jeder, der einen neuen Job antritt. Und ihre Aufgabe wird nicht leicht sein.

Ungehörig ist hingegen, Frau von der Leyen grundsätzlich abzuwerten und im Netz zu beschimpfen – und manche Männer zeigen sich dabei als Frauenverächter und notorische Miesmacher.

Ob die Personalie AKK genau so zu positiv bewerten ist? Vorerst kann ich weder persönliche noch politische Qualitäten in ihr erkennen.

Ehre, Scham und Schande bei den ewig Gestrigen

Den Begriff einer „ehrbaren Frau“ habe ich schon lange nicht mehr gehört. Auch die Erläuterung findet sich nirgendwo: Es handelt sich um eine Dame, „der man nichts nachsagen kann.“ Wer das Wort „Nachsagen“ nicht mehr kennt: Es heißt „Man kann die Person nicht verdächtigen.“

Die Dame ohne Ehre soll vor Scham in den Boden versinken?

Wessen würde man sie denn verdächtigen? Eine „ehrbare Jungfer“ hatte keinen Geschlechtsverkehr, ja sogar der Gedanke daran hätte sie so erröten lassen, dass sie glaubte, vor Scham im Boden versinken zu müssen. Eine „ehrbare Dame“ führte eine gute Ehe, was letztlich hieß, dass sie weder an Affären dachte noch solche aufzunehmen versuchte.

Kurz: Die ehrbare Frau ist eine Frau von Stand, der man keinerlei Abweichungen vom Weg der Tugend zutraut.

Was wäre sie, wenn sie den Weg der Tugend, der Ehre und der Sittsamkeit verließe? Sie gerät in Schande, muss Schimpf und Schade tragen und sich wegen der Schande verkriechen, obgleich ihr Ruf schon genügend geschändet ist. Und un lasse ich die Katze aus dem Sack und zitiere aus dem "Standard":

Die Gegenbegriffe zu Ehre sind Scham und Schande: Ein Verstoß gegen die soziale Ordnung wird von der Gemeinschaft als Schande empfunden, worüber der Einzelne Scham empfindet. Er ist damit als ganzer Mensch infrage gestellt.


Ob geschändet oder in Schande geraten: Die Frau ist „unten durch“. Sie muss den Kopf senken und sich schämen.

Vertikal, horizontal: Wenn die Schande über dich kommt

Der Artikel, aus dem ich zitiere, behauptet nun, es gäbe eine „horizontale Ehre“ und eine „vertikal Ehre“, spricht aber nicht über die Schande.

Das versuche ich nun mal mit der Begrifflichkeit des Autors, wobei ich „Ehre“ gegen „Schande“ eintausche:

Die horizontale Schande ergibt sich aus der Verachtung Einzelner, die zwar zur Gruppe gehören, deren man sich jedoch schämt – vertikal betrachtet, trifft die Schande besonders liederliche Person, die durch ihr Verhalten die ganze Gruppe geschädigt haben.

Lassen wir den Autor noch ein wenig über seine Meinung zur Ehre fabulieren, von deren Richtigkeit er offenkundig überzeugter ist:

Ehre ist … ein Teil eines gesellschaftlichen Ordnungssystems, das den Menschen primär als ein soziales Wesen begreift, das bestimmte Rollenerwartungen zu erfüllen und seine eigenen Interessen jenen der Gruppe unterzuordnen hat. Eine solche moralische Ordnung baut auf Grundwerte wie Zugehörigkeit, Loyalität, Gehorsam, Pflichtbewusstsein, Autorität, Ehrfurcht, Reinheit und starken sozialen Zusammenhalt.


Der Meinung des Autors die Ehre zu geben oder auch nur Respekt zu zollen, fällt mir schwer. Mich erinnert seine Meinung an Schriften und Lexika aus dem 18. Und 19. Jahrhundert, wobei Meyers Lexikon sogar etwas aufgeklärter aussagt:

Dabei ist zwischen der allgemein menschlichen und der bürgerlichen Ehre zu unterscheiden. Erstere ist diejenige Würde und Achtung, welche dem Menschen als solchem zukommt und nach den Grundsätzen der Moral von ihm einerseits beachtet werden muss und anderseits beansprucht werden kann. In diesem Sinn pflegen schon die mittelalterlichen Rechtsbücher namentlich von der weiblichen Ehre zu sprechen.


Das Rad der Geschichte zurückzudrehen, die Frauen erneut zu disziplinieren und ihnen ihre Plätze zuzuweisen … das mag ja viele Menschen begeistern, die im „Gestern und Damals“ leben. Mich befremdet es.

Alle Zitate außer Meyers: "Der Standard"