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Vage Erinnerungen an Warnungen vor „Tanzgruppen für den Orient”

Männer-Träume vom Orient als Postkarte
In den 1950er Jahren wurde in Mythos verbreitet, dass eine Gruppe von sogenannten „Mädchenhändlern“ (so nannte man diese damals wirklich) versuchen würden, junge Damen als „Tänzerinnen für den Orient“ zu rekrutieren. Dies geschah offenbar hauptsächlich zwischen 1950 und 1952 – der Mythos hingegen wurde noch viele Jahre aufrechterhalten. Eine der letzen Überschriften las ich 1972: Deutsche Mädchen als Sklavinnen: Im Harem lebendig begraben. (Quick 1972).

Wer nichts über den Anfang der 1950er Jahre weiß: 1949 wurde die Trizone begründet - der erste Schritt zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland, also Westdeutschlands oder offiziell: der Bundesrepublik Deutschland. Neben einem gewissen Wirtschaftsaufschwung (Wirtschaftswunder), der hauptsächlich denjenigen zugute kam, die Immobilien besaßen oder andere Werte über die Kriegszeiten gerettet hatten, war das Volk arm und sehnsüchtig. Vor allem das Fernweh und der schnelle Ruhm gehörten zu den Träumen junger Menschen und ihrer Eltern. Für die meisten war er unerfüllbar.

Die Lust daran, der Enge zu enfliehen

So wird sich kaum jemand wundern, dass die Lust daran, durch Teilnahme an einer Tanzgruppe fremde Länder kennenzulernen, bei vielen jungen Mädchen der damaligen Zeit ausgesprochen populär war. Man gaukelte den jungen Balletteusen (tatsächlich hatten einige von ihnen eine entsprechende Ausbildung) vor, sie würden die Möglichkeit haben, in der Mailänder Scala aufzutreten. In Wahrheit war zwar Mailand eine Zwischenstation, doch das Ziel war, die jungen Tänzerinnen baldmöglichst an Bordelle „im Orient“ zu verkaufen, wobei allerdings außer Marokko keine anderen Destillationen bekannt wurden. Im SPIEGEL war damals zu lesen, die jungen Frauen seine für die Fremdenlegionärsbordelle von Meknes und Sidi-bel-Abbès bestimmt gewesen. (Quelle: SPIEGEL, Printausgabe, Oktober 1951.,

Derartige Berichte riefen voreilige Kassandrarufer auf den Plan, die Eltern eindringlich davor warnten, ihre Töchter an „Tanzgruppen“ teilnehmen zu lassen Und selbstverständlich griff auch die damals neuerlich aufkommende Sensationspresse das publikumswirksame Thema auf. Plötzlich war die Gefahr überall und man berichtete davon, dass die Frauen an Bordelle oder an Sklavenhändler im Orient verkauft wurden, die diese ihrerseits wieder an reiche Despoten verscherbelten.

Es gab mehrere Berichte über Gräueltaten, beginnend mit Schlägen und endend mit Folter, durch „ausgerissene Fingernägel“ und alles, was sonst der Fantasie des Grauens entsprang.

Weiße Sklavinnen - der Ursprung des Themas
Weißhäutiger Nachschub für die Orientalen - wie es ein Orientmaler sah


Warnung vor Zuhältern, die Damen in der Stadt ansprechen
International war das Thema bereits seit vielen Jahren als „weiße Sklaverei“ bekannt, und auch damals wurden Tatsachen mit Sensationsberichten vermischt, sodass niemand mehr so recht wusste, wo die Tatsachen endeten und wo die Sensationsberichte begannen. Der Unterschied lag jedoch darin, dass die „weißen Sklavinnen“ von Zuhältern im Gewand von Geschäftsleuten rekrutiert wurden, die sich ganz bewusst an mittellose Frauen wandten. Dabei spielte auch die Auswanderung aus Not und Glückshoffnung eine große Rolle.

So entstand der Mythos "Blonde Frauen für den Orient"

Neben der grausamen Realität entstand so eine naiv-romantische Sichtweise des Orients, wie ich aus einer Schilderung erfuhr, in der Vorkriegsereignisse mit Nachkriegsmythen verquickt wurden (Quelle):

Ich habe eine vage Erinnerung an etwas, das mir ein älterer Verwandter sagte, als ich sehr jung war. Er meinte ernsthaft, ich solle mich vor den Gefahren der Stadt hüten, in der weiße Sklavinnen rekrutiert würden. Anscheinend sei es so, dass man in einem Moment etwas einkauft und im nächsten Moment in einem Harem aufwacht.


Der Mythos in den 1950er Jahren in Westdeutschland wurde aus mehreren Quellen gespeist:

- Aus einem bekannt gewordenen tatsächlichen Verbrechen dieser Art.
- Aus Vorkriegsberichten, nach denen Auswanderinnen in die Prostitution gezwungen wurden.
- Aus Sensationsberichten, die sich Autoren in den 1950er Jahren aus den Fingern saugten.
- Aus übertriebenen Warnungen, die ganz bewusst als Disziplinierung eingesetzt wurden.
- Aus falschen Vorstellungen über „die Orientalen“ und ihre „Harems“, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden.
- Aus Filmen, deren Inhalte mehr oder weniger als Tatsachen genommen wurden.

So als kam der Mythos in die Welt, dass in Westdeutschland über Zeitungsanzeigen in Massen junge Frauen gesucht wurden, die angeblich zu Tänzerinnen ausgebildet werden sollten. Sie endeten, laut der einschlägigen Sensationspresse, in „orientalischen Bordellen“, geschunden, geschlagen und gefoltert. Der Teil, der wahr, ekelerregend und belegbar ist, nämlich die der Tanzgruppe „Mille fleurs“, gehörte noch zur Berichterstattung. Der Rest diente dazu, Mythen zu erzeugen und junge Frauen zu disziplinieren, die sich etwas anderes vorstellen konnten als eine Zukunft als Verkäuferin, Kontoristin oder Friseuse.

Warum wir auf manche Experten … sch … können

Ich lese oft (und teils professionell), was Experten von unserem Leben, unserem Verhalten oder unsere Persönlichkeit halten. Merkwürdigerweise entstammt ein großer Teil von ihnen aus den Elfenbeintürmen, dort, wo Soziologie, Psychologie und neuerdings Genderforschung ein eher isoliertes Leben führen. Das Feuilleton kennt sie, weil man dort klug und weise ist und jedes Buch zur Rezension andrehen lässt, das angeblich gesellschaftlich relevant ist.

Der Blick aus den Elfenbeintürmen

Um Experte zu sein, braucht man weder Kenntnisse der „niederen Arbeitswelt“ noch wird ein Einblick in die Alltagsprobleme benötigt. Es reicht, zur Schule gegangen zu sein, dann wieder zu einer anderen Schule gegangen zu sein und so fort … bis mal alles gelernt hatte, um lehren zu können. Und weil lehren diesen Menschen nicht gereicht hat, kommen manche auf die Idee, uns eines Tages darüber belehren zu wollen, wer wir sind und wie wir sind.

Warum wir auf ungerufene Experten verzichten sollten

Wir können auf diese Experten wirklich sch … oder höflicher: „nötigenfalls völlig verzichten.“ Einen Experten benötigen wir, wenn wir auf einem Gebiet, von dem wir nichts verstehen, eine Person benötigen, die uns im Einzelfall helfen kann. Und wir können auf Experten sch …, die uns ungefragt darauf hinweisen, dass wir nicht perfekt sind. Nun ist es aber so: Wir sind die Fachleute für unser Leben, denn wir alleine müssen es leben – die Klugscheißer müssen es nicht.

Ist es ein Problem, oder gehört es zum alltäglichen Leben?

Oftmals beschreiben die sich intellektuell gebenden Autorinnen und Autoren Probleme, für deren Beseitigung sie Ratgeber schreiben oder Seminare anbieten. Daran ist nichts falsch? Oh doch! Denn die erste Frage, die ihnen ein Mensch mit Vernunft stellen würde, wäre: „Handelt es sich überhaupt um ein Problem“?

Psycho-Clowns im Einsatz

Eines der „Probleme“, über das Hunderte von Büchern geschrieben wurden, die allesamt Verschwendung von Papier sind, ist das Kennenlernen, die Partnersuche und die Beziehung als solche. Ich amüsiere mich jedes Mal, wenn wieder einer der üblichen Psycho-Clowns auftritt und behauptet, die ultimative Formel für Partnerübereinstimmungen gefunden zu haben. Denn die Hauptformel lässt sich auf drei Eigenschaften reduzieren: Nähe, Alter und soziale Situation. Man kann noch ein paar Eigenschaften hinzufügen, doch muss man wissen: Mit jedem Kriterium kann sich die Anzahl der Partner reduzieren – mal geringfügig, mal drastisch. Wenn Sie das mit einer Daumenregel nachrechnen wollen, nehmen Sie einfach an, dass sie sich halbiert. Wahrscheinlich reduziert sie sich jedoch noch drastischer … und am Ende weißt du: Jedes dieser Systeme arbeitet im Grunde gegen deine Interessen.

Eine Kollegin schrieb dieser Tage:

Zusehends entsteht das Gefühl, dass diese «Experten» Probleme kreieren, die für die Mehrheit der Gesellschaft gar keine sind, nur damit sich ihre Jobs rechtfertigen lassen. Sie drücken allen anderen ihre Weltsicht auf, unterliegen der Hybris, dass sie die absolute Wahrheit gefunden haben – dabei sind sie doch genauso ahnungslos wie der Rest von uns.


So ist es. Wir werden mit Abweichungen konfrontiert, die ein großer Teil von uns entweder nie wahrnimmt oder sie ignoriert. Abweichungen sind aber keine Probleme. Wir haben das Recht, von der Masse abzuweichen – im Sein, im Verhalten, in Wort und Schrift.

Influencer

Ich las gerade, dass angeblich alle jungen Leute Blogger oder Influencer werden wollen. Ach die armen Menschen. Werdet bitte lieber Maler, Bäcker oder oder Erzieher. Die brauchen wir Deutschland nötiger als beschissene Influencer.

Früher sagte man übrigens "Trendsetter", und ehemals "Vorreiter".

Das Negativste im alten Jahr – und 2019?

Das Negativste am alten Jahr war für mich der Frust mit den „modernen“ Suchmaschinen. Der Marktführer hat sich in eine Mischung aus pseudo-aktueller Datenschleuder, Literaturvermarkter und wirtschaftskonformen Dienstleister verstrickt. Wer ältere Informationen sucht, gleich zu welchem Thema, muss lange graben. Wobei das Internet ohnehin keine in sich stimmige Informationsquelle ist – bei aktuellen Themen dominieren die Schwätzer, bei historischen Themen zählt kaum etwas anderes als die abgeschriebene und nachträglich leicht frisierte Mehrheitsmeinung. Überhaupt haben es die Meinungsmanipulatoren (nicht zwangsweise die Schuld der Suchmaschinenbetreiber selbst) geschafft, ihre Vampirzähne fest in das Fell der Suchmaschinen zu verbeißen udn dort Schrott zu hinterlegen. Der Marktführer der Suchmaschinen bringt oftmals erst nach vielen gesetzten Filtern zum Kern einer abgefragten Information, wenn überhaupt. Ich gestehe, in letzter Zeit oftmals die Suchmaschine zu wechseln, meist mit eher dürftigen Erfolg, aber mindestens ohne ständig auf lästige und bedeutungslose Bücher aufmerksam gemacht zu werden.

Leeres Stroh von "Autoritäten"

Das Netz hat Autoritäten geschaffen, die man den Hasen geben kann. Ich lese häufiger Interviews mit Menschen, die Beratungsunternehmen führen oder im theoretischen akademischen Bereich tätig sind. Trotz ihrer unterschiedlichen Motive erkennt man im Hintergrund den Satz: „Eigentlich verstehe ich die Realität nicht wirklich, aber ich habe eine Menge darüber zu sagen.“ Und die Damen und Herren Redakteure machen Kotau vor der „Autorität“.

Beschämender Journalismus

Journalismus wird immer beschämender. Heute hat nahezu jede „seriöse“ Zeitung ihre Tricks, mit Sensationsmeldungen im Internet auf die besten Positionen in Suchmaschinen zu kommen. Das liest sich ungefähr so: „Huhn hüpfte auf die Straße – dann legte es sein letztes Ei“. Kommt man dann auf die Seite, wird man aufgefordert, irgendwelchen Blödsinn zu beantworten oder – sinnvoller – die Seite gleich wegzudrücken. Übrigen schneiden sich die Penner von Verlegern damit ins eigene Fleisch: Wer keine Artikel lesen darf, klickt auch keine Anzeigen an. Und wie dösig ist es eigentlich, erstmal ein Abonnement kaufen zu müssen, um in einer Zeitung zu blättern, die lediglich regionale Bedeutung hat? Und an die Verleger gerichtet: Wer in einem Regionalblatt überregionalen Themen mit einem „Leseverbot“ belegt, denkt nicht nach. Oder krasser: Hey, wer abonniert schon eure Hinterwäldlerzeitungen? Ja, es gibt auch Überregionale, die so etwas tun. Dabei handelt es sich dann allerdings zumeist um aufwendig recherchierte, längere Artikel. Das kann man getrost akzeptieren. Habt ihr davon gelesen, dass immer mehr Verleger angeblich ins Online-Dating-Geschäft einstiegen? Ja? Dann überprüft doch bitte noch mal, was und wer wirklich dahintersteht.

Datenkraken, Datensauger, Medien und Zensur

Zum Negativsten gehört, dass es mittlerweile kaum noch einen Schutz vor Datenkraken gibt – das betrifft zwar überwiegend die Nutzer von sozialen Netzwerken, aber es trifft leider auch andere. Merkwürdigerweise loben aber nahezu alle Medien die Verursacher und rühmen sich, dort präsent zu sein. Schon merkwürdig, wenn man auf der einen Seite sagt: „Ey, dieses Netzwerk nutzt jede Möglichkeit, um Daten abzusaugen“, und sich andererseits stets rühmt, dort „präsent“ zu sein.

Zuletzt noch ein Wort zur Zensur. Sie wird wieder populär, einmal durch die „innere Zensur“, gewisse Dinge gar nicht erst zu erwähnen, geschweige denn, sie zu schreiben. Und dann durch die äußere Zensur, weil den Betreibern die Hosen schlottern. „Ach, es könnte ja sein, dass einem Unternehmen manche unserer Inhalte nicht gefallen, da üben wir lieber mal ein bisschen Zensur aus.“

Ach, machen wir es doch 2019 einfach besser – aber viel Hoffnung habe ich bei den „Etablierten“ nicht. Sie hatten ihre Chance, und sie haben sie vergeigt. Ohne überheblich zu sein, glaube ich, auch 2019 etwas dazu beitragen zu dürfen, dass mehr Wissen in die Welt kommt und der Freiheit mehr Raum gegeben wird.

Und: Happ New Year, Folks!

Die ostdeutsche Seele

Der Deutschlandfunk gibt sich bemüht … und forscht der „ostdeutschen Seele“ nach. Für mich ergibt sich sofort die Frage, ob wir einer schemenhaften „Seele“, ja, dem Gefühlten schlechthin, vertrauen sollten. Und ich gebe zu bedenken: Wir werden nicht „ein Volk“, „nicht unser Europa“ oder vielleicht gar „eine Menschheit“, wenn wir uns auf das zufällige „Erfühlen“ verlassen. Wir müssen schon das tun, was uns Menschen gegeben ist: Den Verstand bemühen.

Und dann lese ich diesen denkwürdig scheinenden Satz:

Auf jeden Fall gibt es eine ostdeutsche Seele.

Und schon sind wir mitten in einem Konflikt: Wenn es eine „ostdeutsche Seele“ gäbe, wäre diese unantastbar. Das würde bedeuten, dass es uns verwehrt wäre, an ihr zu zweifeln. Wir dürften dann gar nicht erst erwähnen, dass es vielleicht besser sein, den Verstand einzuschalten, bevor wir Menschen uns in der Welt unsicherer Gefühlen vergessen.

Schon der eben geschriebene Satz würde mich verdächtig machen. Indem ich ihn schreibe, laufe ich Gefahr, „die Ostdeutschen“ als „als Zielgruppe einer Pädagogisierung“ zu sehen. Oder jeden anderen, der sich auf seine Gefühle zurückzieht.

Nun gut, ich habe einen Eindruck bekommen, was Frau Christiane Thiel so meint. Es war nicht uninteressant, aber die Welt bietet mit Sicherheit andere Interpretationen des Seins an. Und ob das etwas mit „Ostdeutschland“ zu tun hat? Ich zweifle daran und glaube, etwas Nostalgie herauszulesen.