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Dem liberalen Geist eine Stimme geben - das ist sehpferd

Ach, die Deutschen ... können sie wirklich alles besser?

Alles besser wissen, alles besser können, alles richtiges Beurteilen – das ist immer noch das Bild unsrer Politiker, Manager, Fußballfans und vieler, vieler anderer Menschen in Deutschland.

Die Manager und Politiker, die in wesentlichen Fragen viel zu spät handelten, weil sie selbstherrlich auf dieses Land blickten und dabei Innovationen übersahen, ist sehr lang. Aus ihr stechen einige prominente Namen hervor, die stets mit großer Ehrfurcht genannt werden.

In der Wirtschaft ist es nicht ganz so einfach. Der Niedergang bestimmter Produkte war absehbar, und das Schema war immer gleich. Die Marke und ihre Tradition samt Präzision und Qualität wurde solange hervorgehoben, bis man am Rande des Abgrunds stand. Erst dann sah man sich um, ob innovative Ideen, neue Technologien und vor allem andere Denkansätze helfen könnten. Das war (und ist) sehr klug, nur hatten die anderen bereits solche Gedanken, Techniken und Denkansätze verwirklicht.

Noch gibt es sie, die Vor-, Quer- und Diagonaldenker. Doch diese Lokomotiven in Politik und Wirtschaft, Geist und Kultur haben es immer schwerer, sich durchzusetzen. Im Zug „Deutschland 2026“ ist das Bremserhäuschen nach wie vor ein beliebter Platz, um den Zug zu verlangsamen.

Ich höre immer wieder, dass Deutsche dazu neigen, Probleme nicht zu lösen, sondern zu „behandeln“. Das mag ja eine ganz nette Idee sein, aber sie verlangsamt die Möglichkeit, die anstehenden Probleme schnell und sicher zu lösen.

Das wäre immerhin ein Ansatz.

Themen bei Sehpferd - zurück zum Hier und Jetzt

Guten Abend, liebe Leserinnen und Leser,

Ich hoffe zunächst, dass einige von euch meine Serie über die Frau Berkley oder Berkeley genossen haben. Ich denke immer wieder, dass wir das angeblich „Bekannte“ infrage stellen müssen, wenn wir die Wahrheit suchen.

Wir leben heute – sehr zu meinem Leidwesen - zwischen Fake News auf der einen Seite und mehreren Gruppen von ideologisch vorbelasteten „Wissenschaftlern“ auf der anderen Seite.

Was dabei „auf der Strecke“ bleibt, ist die kritische, vorurteilsfreie Überprüfung der vielen „Thesen“, die uns von manchen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ins Nest gelegt werden.

Schwanken auf dem Weg durchs Leben

Ich selbst werde (nach der Hitzewelle) wieder zu den Themen zurückkommen, die unseren Alltag betreffen. Ein Alltag, der selbst für mich immer schwieriger zu verstehen ist. Mich wundert nicht, dass einige ältere Menschen denken, die Welt „da draußen“ würde nicht mehr mit ihrem Bild von der Realität übereinstimmen. Wenn sie sich geistig bewegen, schwanken sie oft wie Betrunkene auf den Gehwegen des Lebens. Manchmal schütteln sie nur den Kopf über das, was sie sehen. Ein andermal verweigern sie die Realitäten, die sie umgeben. Und schließlich sehnen sie sich nach einer Zeit zurück, von der sie glauben, dass alles „normal“ war. Manchmal blieben sie stehen, weil ihnen jemand einreden will, dass sie nur einer der vielen extremen Parolen folgen müssten. damit es wieder so wird.

Sicher, es gibt Wege, sich objektiv zu informieren. Dazu allerdings ist dringend nötig, die Medien beurteilen zu können, die und mit „Informationen“ überfluten.

KI verändert alles - auch die Wahrheit

Ja – das hätte ich auch vor zehn Jahren schreiben können. Mittlerweile haben die Speerspitzen der betrügerischen Information aber eine neue Verbündete: Die KI. Im Bestreben, auch noch die absurdeste Frage „irgendwie“ beantworten zu können, greift sie oft zu Strohhalmen – Hauptsache, die Antwort könnte noch irgendwie auf die Frage aufgepfropft werden.

Wer sich etwas auskennt, wird den Kopf schütteln. Eine einzige Quelle als „Beweis“? Keinerlei Prüfung auf Plausibilität? Das gehört leider zum Alltag, wenn KI im Einsatz ist.

Die KI und die Frage nach kritischer Intelligenz

Langer Rede kurzer Sinn: Die KI verfügt normalerweise nicht über irgendeine Form von kritischer Intelligenz, weil so etwas unerwünscht ist. Der Kunde, heute vielfach ein Suchmaschinenbenutzer, erwartet eine Antwort auf seine Frage. Ein „sowohl als auch“ verwirrt ihn nur, auch wenn solch eine Antwort oft angebracht wäre.

Ich bleibe kritisch - zurück ins Hier und Jetzt

Falls ich euch mit meinen Artikeln über Frau Berkley und ihr windiges Pferd enttäuscht habe – das kann passieren. Aber ich kann euch versichern, dass ich mit dem gleichen Terrier-Verhalten auch in andere Themen verbeißen werde.

Im Moment wünsche ich trotz der Gluthitze ein schönes Wochenende.

Euer Sehpferd

Wie die viktorianische Schmerzlust bis ins 21. Jahrhundert nachwirkt

Wenn man auf eine Zeitreise geht wir der Blick kritischer
Wer die Geschichte von Frau Berkley gelesen hat und überhaupt etwas von Flagellationsbordellen oder der „englischen Erziehung“ gehört hat, fragt sich sicherlich, wie es denn im Lauf der Geschichte mit der „gewillkürten Züchtigung“ weiterging.

Der Zeitgeist und die Lust am Besonderen

Auch in der Erotik gibt es einen „Zeitgeschmack“, den die Engländer gerne mit dem deutschen Wort „Zeitgeist“ beschreiben. Es handelt sich dabei fast immer um unterschwellige Tendenzen, die ohnehin vorhanden sind. Durch aktuelle Ereignisse und öffentliche Empörungen, aber auch durch Skandale oder Enthüllungen werden sie in die Welt gebracht, wobei sich über die Jahrhunderte lediglich die Medien änderten. Früher nannte man abweichende Verhaltensweisen „Perversionen“, in neueren Schriften heißen sie „Paraphilien“. Heute sind sie weitgehend von den abwertenden psychiatrisch-psychologischen Begriff befreit, werden jedoch immer noch nicht als Teil der lustvollen sexuellen Begegnungen angesehen.

Lust ohne feste Muster - das 21. Jahrhundert

Spürbare Veränderungen gab es durch Veröffentlichungen von Personen, die sich nicht weder als „Queer“ (1) noch als „CIS“ (2) einstufen lassen wollten. Sie bestanden vielmehr darauf, das eigene Leben in einer Weise zu gestalten, die überhaupt keinem fest gefügten Muster folgt.

So – nun haben wir schon die Schwelle zum 21. Jahrhundert erreicht. Wahrscheinlich kennt jeder die riesige Welle von Gesprächen über die Schmerzlust, die vor allem „Frauen in mittleren Jahren“ faszinierte: die „50 Shades of Gray“.

Die Lust am Schmerz im Taschenbuch

Das war keinesfalls die erste Welle, die sinnliche Schläge in die Buchhandlungen brachte. Schon gegen 1995 gab es eine ganze Reihe extrem erotischer Taschenbücher über lustvolle Schläge. Sie standen ganz offiziell in Buchhaltungen an für alle zugänglichen Ständern – und sie waren wirklich preiswert – 1998 kostete sie beispielsweise unter fünf GPB. Die meisten wurden angeblich von Frauen geschrieben und viele von ihnen handelten in Internaten. Der Unterschied zur heutigen „Mütterlein-Pornografie“ lag darin, dass ihre Auflagen klein waren und die Verleger sich an einen begrenzten Kreis von Interessentinnen wandten. Etwas gestelzt wird in einem Vorwort behauptet (3):

Diese Memoiren eignen sich hervorragend für die Verbreitung unter einer anspruchsvollen Leserschaft, der die Bildung und angemessene Erziehung junger Damen am Herzen liegt.

Wie Frau Berkleys Ruhm verblasste und ihr Pferd zum Erotik-Star wurde

Das Berkley-Pferd als Leiter gegen 1900

Springen wir mal zurück zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die wundersamen Legenden über Frau Berkley verblassten – lediglich das Pferd erinnerte weiterhin an sie. Doch in der illustrierten Erotik nach 1900 wurde es so gut wie nur noch als Leiter dargestellt, auf die junge Frauen in absurder Weise und in lächerlichen Positionen festgebunden wurden, um eine Züchtigung zu erfahren. Die „Äbtissinnen“, wie man die Betreiber nannte, verschwanden mehr und mehr und mehr aus der Öffentlichkeit. Da es bei den Gentlemen nach wie vor einen Bedarf an „strenger Erziehung“ gab, wurde dieser „privat“ von Einzelpersonen gedeckt. Diese Variante war nicht allein auf das Vereinigte Königreich beschränkt, sondern hatte überall Liebhaber – beispielsweise in Österreich, Ungarn und Deutschland.

Die Rolle - mal aktiv, mal passiv

Die Tendenz, auch die Rollen zu wechseln, also sich innerhalb der erotischen Rollenspiele auch auf die passive Rolle einzulassen, war nicht nur in erotischen Romanen der absolute Favorit. Auch in der Realität gab es entsprechende Angebote, so beispielsweise, sich als Internatsschülerin, Zimmermädchen, Krankenschwester, Sekretärin oder Reiterin einzukleiden. Am Aufwand für derartige Sitzungen lässt sich ablesen, dass die angebotenen Rollenspiele oft als „großes Theater“ aufgeführt wurden.

Der Abschied von der Rute

Was fast vor allem völlig aus dem Gesichtsfeld verschwand, waren die Ruten, die in der viktorianischen Epoche besonders häufig auf die Gesäße der Damen und Herren abgewendet wurden. Der plausibelste Grund besteht darin, dass Birkenruten sehr sorgfältig gepflegt werden müssen, um ihre Biegsamkeit zu gewährleisten. So kam es, dass andere Instrumente der Züchtigung an ihre Stelle traten.

Ob der Rohrstock für sinnliche Rollenspiele tatsächlich am besten geeignet ist, wird oft bezweifelt, weil es zu schnell zu viel Schmerz erzeugt. Das runde ich noch mit einem Zitat aus einer frivolen Quelle ab (4):

Schläge mit der Birkenrute sorgen für einen heftigen Schmerz, der jedoch schnell wieder nachlässt, sodass man die Prozedur am Gesäß innerhalb kurzer Zeit mehrfach wiederholen kann.

Ob es so etwas wir „flagellantische Nostalgie“ gibt? Ich hörte zumindest davon, dass sich manche Menschen danach sehnen.

Zitate und Bildnachweis:

(1) Bezeichnung aus dem Jargon (2026) der LBGT-Szene für alle, die sich nicht als Heterosexuell einstufen.
(2) Bezeichnung aus demselben Jargon für alle. die sich weiterhin als Heterosexuell bezeichnen.
(3) Zitiert nach dem Vorwort von "A.S": in "Private Memoirs of a Kentish Headmistress. Ähnliche Behauptungen finden sich überall.
(4) aus einer unzuverlässigen, aber dennoch immer wieder zitierten Schrift über den Gebrauch von Rute und Rohrstock.
Bild oben: Standbild aus einem Film über die Viktorianische Epoche, erotisch, aber humorvoll aufgemacht.
Bild unten: Zwei Beispiele auf langen Leitern (Anonym).

Was ist wahr an der Geschichte um Frau Berkley und ihr Bordell in London?

Flagellation eines Mannes - nicht nur in England
Prolog

Tatsache? Wahrheit? Gerücht? Was war wirklich los mit dieser Frau Berkley, die gelegentlich als als „Königin der Flagellationsbordelle" bezeichnet wurde?

Ich habe mir dazu drei Kategorien ausgewählt, etwa so: „Was an der Geschichte der Theresa Berkley ist bewiesen, was fragwürdig und was zweifelhaft?"

Parallel dazu habe ich einfachere, recht unspezifische Anfragen über die Glaubwürdigkeit der Berkley-Legende gestellt. Sie bilden sozusagen den „Mainstream" der im Internet vertretenen „Tatsachen", die nur einen begrenzten Wahrheitswert haben. Die Ergebnisse präsentiere ich heute - ich habe sie teilweise stark vereinfacht dargestellt.


Entspricht die heutige Sicht von Theresa Berkley der historischen Wirklichkeit?

Mainstream:

„Sie war eine reale historische Persönlichkeit, die im späten gregorianischen bzw. frühen viktorianischen Zeitalter mit London in Verbindung stand.“

Die Prüfung - begrenzte Glaubwürdigkeit

Die einzige überprüfbare Quelle ist Henry Spencer Ashbee, der die Figur in die Geschichtsschreibung einbrachte. Weitere Belege fehlen, zum Beispiel über „den Bruder, der Missionar war“ oder den Verwalter ihres Nachlasses, den angeblichen „Dr. Vance“. Zwar wird eine mögliche Adresse von Frau Berkleys Bordell angegeben (Charlotte Street 28, Portland Place), aber sie konnte nicht verifiziert werden. Ashbee selber glaubte aber ganz offensichtlich an ihre historische Existenz.

Relativ leicht fällt hingegen der Beweis, dass sie die genannte Summe von 10.000 Pfund Sterling in kurzer Zeit verdienen konnte,

Wie verlässlich ist die Sichtweise von Henry Spencer Ashbee?

Mainstream:

„Der wohlhabende Geschäftsmann und Bibliograf Henry Spencer Ashbee (1834–1900) gilt als einer der profundesten – und faszinierendsten – Kenner der viktorianischen Gesellschaft.“

Die Prüfung: Was konnte Ashbee wirklich wissen?

Soweit verbürgt, hat Ashbee seine Kenntnisse über „die viktorianische Gesellschaft“ erst 1877 und 1885 veröffentlicht, also bereits gegen Ende der viktorianischen Epoche. Die Kenntnisse erwarb er sich etwa seit 1863, als er sich einem informellen Kreis von Wissenschaftlern, Buchliebhabern und Autoren anschloss. Am besten nachgewiesen sind seine Kenntnisse über erotische Literatur. Auf diesem Gebiet bewies er also genügend Sachverstand.

Die Meinung von einigen Literaturhistorikern, Ashbee könnte Autor oder Mitautor des Romans „My Sectret Life“ sein, führte dazu, ihn als „profunden Kenner“ der viktorianischen Ära anzusehen. Andererseits wird seine Autorenschaft aber bestritten.

Behauptungen, die auch „offiziell" als zweifelhaft gelten

Mainstream (Zusammengefasst)

Schlecht belegt ist, dass Frau Berkley im modernen Sinne eine Betreiberin eines Luxusbordells war.

Die Prüfung: Die Geschichte wird durch Glanz und Ruhm veredelt.

Als zweifelhaft gilt vor allem der Ruhm von Frau Berkley, den sie zu Lebzeiten genoss, aber auch die Exklusivität ihrer Klientel sowie die prachtvolle Ausstattung ihres Bordells. Diese Behauptungen wurden benutzt, um das Besondere an Frau Berkleys Etablissement zu betonen und dienten vor allem dazu, die Geschichte „glorioser“ erscheinen zu lassen.

Umstritten oder unbeweisbar: die kreative Frau Berkley

Neben den zweifelhaften Behauptungen wurden mir noch folgende umstrittene oder unbeweisbare Behauptungen genannt. Sie alle sind also weder historisch beweisbar noch ausreichend belegt. Selbst im „Mainstream“ werden sie bereits bezweifelt.

Mainstream (Detailliert)

1. Die Erfindung des Berkley-Horse nach der Zeichnung, die von Ashbee erstellt wurde.
2. Die Erfindung und/oder Nutzung irgendeines anderen Prügelbocks, der ungewöhnlich war.
3. Ihre angeblichen Memoiren und ihr Kontakt zu anderen Autoren und Verlegern.
4. Ihre gesamte Korrespondenz sei vernichtet worden oder verschollen.
5. „Biografische Anekdoten“, vor allem solche, die von angeblichen „Augenzeugen“ stammen sollen.

Die Prüfung: Niemand hat etwas gesehen, keiner etwas gelesen

In diesem Fall kann ich die Begründung abkürzen: Was weder Henry Spencer Ashbee noch irgendjemand sonst jemals gesehen, gelesen oder beobachtet hat, kann nicht als „historisch zuverlässig“ betrachtet werden. Was die Memoiren betrifft, war Ashbee offenbar selbst der Meinung, dass sie bei einem Verleger der damaligen Zeit auf Veröffentlichung warten würden – ein Trugschluss, wie sich bald zeigte.

Epilog

Die Legende von der „berühmten Bordellbesitzerin Theresa Berkley“ kann entweder auf der Geschäftstätigkeit einer anderen Persönlichkeit zu jener Zeit beruhen, die auf keinen Fall genannt werden wollte. Sie kann aber auch auf einer Legende beruhen, die durch den Tod einer historischen Person ausgelöst wurde. Diese beiden und viele andere Möglichkeiten legen nahe, dass jemand versuchte, eine Art „Memoiren“ zu verfassen, dann aber einsehen musste, dass es nicht genügend Material darüber gab.

Es mag viele Wahrheiten geben. Eine historische Wahrheit, eine Wahrheit im Glauben an etwas oder auch nur die eigene Wahrheit im Kopf der Autoren.

Wenn es eine allgemeine Wahrheit gäbe, so müsste sie sehr gut fundiert sein. Das alles trifft auf die „Legende von der Frau Berkley“ nicht zu. Um meine Ansicht zu widerlegen, müsste ein Historiker mindestens Spuren ihrer kompletten Lebensgeschichte finden. Soweit mir bekannt, hat dies nie jemand ernsthaft versucht.

Und so zitiere ich gerne Lewis Carroll, aus seinem bekannten Kinderbuch „Alice im Wunderland“. Es erschien 1865.


„Wenn es keinen Sinn ergibt“, sagte der König, „erspart uns das eine Menge Ärger – wir brauchen nämlich gar nicht erst zu versuchen, einen zu finden.“


Bild: Aus einem Polizei-Magazin, 1895.

Original-Zitat:

„If there’s no meaning in it“, said the King, „that saves a world of trouble, you know, as we needn’t try to find any.”

Hinweis: Für die Fragestellungen (also nicht für meinen persönlichen Beitrag) habe ich künstliche Intelligenz verwendet. "Was ist wahr an der Geschichte um Frau Berkley und ihr Bordell in London?" vollständig lesen

Der Rösselsprung - oder der Sprung von der Erotik zur Sexualwissenschaft

Die Wissenschaft übernimmt ...
Prolog

In diesem Artikel ist die Rede davon, wie das Wissen über ein Londoner Flagellationsbordell nach Deutschland kam. Wer sich für den Beginn der Artikelserie interessiert, kann alle Beiträge zum Thema im Inhaltsverzeichnis finden.

Das neue Jahrhundert - Theresa Berkley in der deutschen Literatur

Das neue Jahrhundert beginnt mit einem Tusch: Deutschland interessiert sich mächtig für einen französischen Skandalautor, den „Marquis de Sade“. Jener ist zwar schon vor längerer Zeit verstorben, nämlich 1814, aber warum sollte man gegen 1900 nicht noch ein Buch über ihn und seine Zeit schreiben?

Wie gedacht, so getan: Das Werk heißt „Der Marquis de Sade und seine Zeit“ und es erschien irgendwann zwischen 189 und 1919. Im ursprünglichen Verlag erschienen mindestens acht Auflagen, wahrscheinlich also 8.000 – 15.000 Exemplare. (Soweit ich Ausschnitte veröffentliche, stammen sie aus der sechsten Auflage). Für die damalige Zeit war diese Auflage außerordentlich hoch, wenngleich ein anderes Buch, „Das Liebesleben in der Natur" von Wilhelm Bölsche, noch weitaus höher Auflagen erzielte. Die bürgerliche Welt hatte die Sexualität entdeckt.

Die bürgerliche Welt und die erotischen Geheimnisse

Das Werk des Autors, der Autor, der als Dr. Eugen Dühren auftritt, würde heute wahrscheinlich als „populärwissenschaftlich“ bezeichnet. Es wendet sich zwar auch an „fachliche Interessierte“, denen er ein „Geheimnis erschließen“ will, doch richtet sich dieses Buch gleichwohl vor allem an die Neugierde bürgerlicher Interessenten.

Dieser Mann heißt eigentlich Iwan Bloch und er wird später zu einem der ersten Sexualwissenschaftler in Deutschland.

Der Marquis de Sade und die Frau Berkley

Doch was hat dies alles mit der Engländerin Theresa Berkley und ihrem „berühmten Pferd“ zu tun?

Im Grunde ist es ein winziger Hinweis, der sowohl die Existenz der Frau Berkley, wie auch die Memoiren und das geheimnisvolle Pferd enthielt. Im Grunde wäre zu erwarten gewesen, dass die Frau, ihre Memoiren und ihr „Horse“ längst im Rauschen des erotischen Blätterwaldes verschwunden wären. Immerhin lagen nun schon viele Jahre zwischen Frau Berkleys Tod und dem neuen Jahrhundert.

Doch Dühren/Bloch zitiert Fraxi Wort für Wort – so, als ob er aus einem Geschichtsbuch zitieren würde. Hier ein kleiner Auszug aus der Seite 211:

Die berühmteste Geißlerin in England?
Nun interessieren Iwan Bloch (1) und Albert Eulenburg (2) durchaus aus anderen Gründen, und ihre Werke haben sicherlich die Sexualforschung bereichert. Doch gelang ihnen – sozusagen „im Vorübergehen“ auch der Rösselsprung des Berkley-Pferdes, samt Erfinderin und der nicht existenten Memoiren.

Über den Kanal nach Deutschland mit Ross und Reiter

Die Königin wird nach Deutschland umgesetzt - die Wissenschaft "übernimmt"Seither steht die Geschichte nicht in irgendeinem Buch über erotische Schriften, das zu diesem Zeitpunkt kaum jemand kannte. Nein, mit dem Sprung über den Ärmelkanal wurde sie alle Teile der seriösen Wissenschaftsgeschichte – sozusagen das erotische Kulturerbe des „englischen Lasters“.

Der weitere Weg ist bekannt: Die Mär von Frau, Pferd und Memoiren zog sich durch viele Sittengeschichten. Im Jahr 1930 wurde sie in ein namhaftes Lexikon übernommen und seither ist sie fester Bestandteil des „Wissens“.

Der Ursprung im Lexikon - 1930


Die letzte Entwicklung: Über die sozialen Netzwerke und mithilfe von KI wird die wundersame Geschichte kritiklos fortgetragen und mit zusätzlichen Schnörkeln versehen.

Fakten und Gerüchte über Frau Berkley - was habe ich erfahren?

Wenn ihr nun wissen wollt, welche Fakten über die sagenhafte Frau Berkley existieren und was ihr nach ihrem Tod angedichtet wurde, dem biete ich noch an, meine Recherchen zu verfolgen. Dabei habe ich ein kleines Hilfsmittel benutzt, nämlich eine qualifizierte Internet-Abfrage darüber, was als bewiesen gilt, was zweifelhaft erscheint und was wahrscheinlich erfunden ist. Kurzgefasst: Die Faktenlage ist denkbar schlecht.

Quellen:

1. Quelle Online: Archive.org
2. Vollständiger Beitrag auf WikiCommons.
Beitrag vom gleichen Autor auf "sehpferd"- Englische Erziehung einmal anders.

Bildquellen: Liebesverlag.de
Oben: Zeichnung und Collage unter Verwendung eines historischen anonymen Fotos.
Unten: Foto mit Figuren aus "Alice im Wunderland".
"Der Rösselsprung - oder der Sprung von der Erotik zur Sexualwissenschaft" vollständig lesen