Das Berkley Horse als Haushaltsleiter und die körperliche Züchtigung

Vermutlich nehmen die meisten von euch an, dass in einem Flagellationsbordell in der viktorianischen Zeit vor allem sehr reiche, aber leider recht perverse Männer gezüchtigt wurden.
Begründet wird dies im Allgemeinen mit der sogenannten „englischen Erziehung“, also der Prügelstrafe, die seinerzeit in den meisten Schulen üblich war. Doch die wirklich wollüstigen Geschichten jener Zeit stammen aus Besserungsanstalten oder aus anderen Einrichtungen, in denen „körperliche Züchtigung“ (angeblich oder tatsächlich) zum Alltag gehörte. Ob wahr oder unwahr – literarisch aufbereitet versprachen die Bücher einen satten Profit. In ihnen fanden die Männer der damaligen Zeit das, was sie erhofft hatten: Es ging um junge Frauen, die körperlich gezüchtigt wurden – und zwar überwiegend vor anderen Frauen. Zur Erinnerung: bis ca. 1899 kannten fast ausschließlich die Leser(innen) der Werke von Pisanus Fraxi (Henry Spencer Ashbee) den Begriff "Berkley-Horse".
Blicke in die Erziehung junger Damen in einem viktorianischen Magazin
Der Wechsel von der schlagenden Bordellwirtin zur geschlagenen jungen Frau fand in der Literatur schon zu Praxis Lebzeiten ihren Niederschlag. Wir behalten dabei das "Berkely Horse" im Augen und werfen dazu recht vorsichtig einen Blick in das erotische Monatsmagazin „The Pearl“ – zunächst mal nur textlich (Seite 464 der Gesamtausgabe).
Schließlich … wurde (jede von uns) von einer Erzieherin in den Raum geführt, der eigens für Bestrafungen eingerichtet war und genutzt wurde. Er wurde durch ein Dachfenster erhellt und war mit Leitern, „Berkeley-Pferden“ und anderen Vorrichtungen ausgestattet, etwa von der Decke herabhängenden Seilen sowie Ringen im Boden und an der Decke, an denen widerspenstige Übeltäter festgebunden werden konnten.
An anderer Stelle wir die „Leiter“ ähnlich beschrieben, wie Fraxi sie darstellte, diesmal „mit rotem Flanell bespannt“.
Bald darauf wurde ich in ein unbenutztes Zimmer gebracht, das ich noch nie zuvor betreten hatte; es war kaum möbliert – abgesehen von einem Teppich und einem bequemen Sessel. An den Wänden hingen jedoch mehrere Reisigbündel, und in einer Ecke stand ein Gestell, das einer Trittleiter ähnelte, aber mit rotem Flanell bespannt war und über sechs Ringe verfügte: zwei auf halber Höhe, zwei unten und zwei oben.
Das Pferd wird auch an anderer Stelle noch erwähnt, teils auch, um die Entkleidung plastisch zu beschreiben:
„Komm, liebe Rosa, mach keine Schwierigkeiten und verärgere deinen Großvater nicht noch mehr“, sagte Mrs. Mansell, während sie meinen Rockbund löste. „Streif dein Kleid ab, während die Mädchen das Pferd in die Mitte des Zimmers stellen.“
Irgendjemand hat diese Szenen damals sogar illustriert, und ich habe eine "abgemilderte", aber technisch deutlich verbesserte und entfleckte Version gefunden, mit der ich hier auch optisch demonstrieren will, wie die Zeichner das angebliche "Berkley Horse" sahen:

Das Leitermotiv kommt in zahllosen erotischen Romanen jener Zeit vor. Diese Beispiele sind, so weit ich weiß, anonym. Ich kenne sie nur in dieser relativ schlechten Qualität:

Auch die folgenden Zeichnungen von einem Künstler, sich "Giglio" nennt, nutzen das Leitermotiv bei einer Züchtigung.

Epilog
Die Frage, warum das angeblich Berkley-Horse lange Zeit als Leitergestell durch die Literatur geisterte, ist einerseits darauf zurückzuführen, dass die Zeichnung von Fraxi diesen Eindruck unterstützte. Andererseits wusste jeder Illustrator, wie er einen Menschen auf einer Leiter erotisch attraktiv in Szene setzen konnte. Doch mit Fraxis Beschreibung war nicht viel anzufangen – und nur wenige Menschen hatten vor 1900 jemals davon gelesen. Das wurde erst anders, als man gegen Ende des 20. Jahrhunderts auf die Idee kam, das Berkley-Horse nachzubauen.
Bildnachweis:
Titelbild: © Liebesverlag.de, Juni 2026
Artikel oben, farbig:
Nachgebesserte Version nach einem Original, das nach einer Expertenmeinung 1879 in der Dezemberausgabe von "The Pearl" veröffentlicht wurde. Die Version, die ich hier veröffentlicht habe, wurde nach einer etwas vergilbten Vorlage des Originals angefertigt, das in der Anlage zu sehen ist.
Mitte:
Vermutlich Darstellungen des gleichen Künstlers für ein Buch.
Unten: Zwei recht unterschiedliche Zeichnungen des Künstlers "Giglio", näehere Daten unbekannt.
Wann fand all dies statt?
Inhaltsverzeichnis (komplett) mit Zeitschiene:

1877 Fraxis Hauptwerk von1877, 250 Exemplare - Index Librorum Prohibitorum.
1879 The Pearl erscheint erstmalig.
1881 The Pearl erscheint letztmalig.
1885 Fraxis Buch Nummer drei: Catena Librorum Tacendorum. Letzte Erwähnung des "Berkely Horse".
1883 Erotische Schriften mit dem Hauptthema Flagellation kommen auf.
1900 Tod Fraxis (Ashbee)
1901 Ende der Vict. Epoche.
1900 bis 1930: Weite Verbreitung erotischer Flagellations-Literatur.
Weitere Zeichnungen aus Zeitschriften, Magazinen und Büchern der genannten Zeit:

Einige der Darstellungen, die in Büchern Anfang des 20 Jahrhunderts zu finden sind, haben eine besser künstlerische Qualität, die aber mit einer stärkeren Erotisierung einhergeht. Aus diesem Grund habe ich auf die Veröffentlichung verzichtet. Diese Bild habe ich auf dem BDSM Art Archive gefunden.
Zeitschiene: Wir befinden uns am Ende der Viktorianischen Epoche. Ende des 19. und Anfang des 20: Jahrhunderts erscheinen sehr viele Bücher über Flagellanten
1893:
"Gynecocracy - A Narrative of the Adventures and Psychological Experiences of Julian Robinson.
"Les Callipyges ou les Enfants de la verge).
1889:
"Beauty in The Birch".
1906:
Tour de Monde d'un Flagellant.
Damit sich jeder ein Bild machen kann, wie viele solche Werke damals entstanden, hier ein Katalog vom Anfang des 20. Jahrhunderts, aus einem Buch von Aimé Van Rod (Pseudonym):

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