Was ist wahr an der Geschichte um Frau Berkley und ihr Bordell in London?

Tatsache? Wahrheit? Gerücht? Was war wirklich los mit dieser Frau Berkley, die gelegentlich als als „Königin der Flagellationsbordelle" bezeichnet wurde?
Ich habe mir dazu drei Kategorien ausgewählt, etwa so: „Was an der Geschichte der Theresa Berkley ist bewiesen, was fragwürdig und was zweifelhaft?"
Parallel dazu habe ich einfachere, recht unspezifische Anfragen über die Glaubwürdigkeit der Berkley-Legende gestellt. Sie bilden sozusagen den „Mainstream" der im Internet vertretenen „Tatsachen", die nur einen begrenzten Wahrheitswert haben. Die Ergebnisse präsentiere ich heute - ich habe sie teilweise stark vereinfacht dargestellt.
Entspricht die heutige Sicht von Theresa Berkley der historischen Wirklichkeit?
Mainstream:
„Sie war eine reale historische Persönlichkeit, die im späten gregorianischen bzw. frühen viktorianischen Zeitalter mit London in Verbindung stand.“
Die Prüfung - begrenzte Glaubwürdigkeit
Die einzige überprüfbare Quelle ist Henry Spencer Ashbee, der die Figur in die Geschichtsschreibung einbrachte. Weitere Belege fehlen, zum Beispiel über „den Bruder, der Missionar war“ oder den Verwalter ihres Nachlasses, den angeblichen „Dr. Vance“. Zwar wird eine mögliche Adresse von Frau Berkleys Bordell angegeben (Charlotte Street 28, Portland Place), aber sie konnte nicht verifiziert werden. Ashbee selber glaubte aber ganz offensichtlich an ihre historische Existenz.
Relativ leicht fällt hingegen der Beweis, dass sie die genannte Summe von 10.000 Pfund Sterling in kurzer Zeit verdienen konnte,
Wie verlässlich ist die Sichtweise von Henry Spencer Ashbee?
Mainstream:
„Der wohlhabende Geschäftsmann und Bibliograf Henry Spencer Ashbee (1834–1900) gilt als einer der profundesten – und faszinierendsten – Kenner der viktorianischen Gesellschaft.“
Die Prüfung: Was konnte Ashbee wirklich wissen?
Soweit verbürgt, hat Ashbee seine Kenntnisse über „die viktorianische Gesellschaft“ erst 1877 und 1885 veröffentlicht, also bereits gegen Ende der viktorianischen Epoche. Die Kenntnisse erwarb er sich etwa seit 1863, als er sich einem informellen Kreis von Wissenschaftlern, Buchliebhabern und Autoren anschloss. Am besten nachgewiesen sind seine Kenntnisse über erotische Literatur. Auf diesem Gebiet bewies er also genügend Sachverstand.
Die Meinung von einigen Literaturhistorikern, Ashbee könnte Autor oder Mitautor des Romans „My Sectret Life“ sein, führte dazu, ihn als „profunden Kenner“ der viktorianischen Ära anzusehen. Andererseits wird seine Autorenschaft aber bestritten.
Behauptungen, die auch „offiziell" als zweifelhaft gelten
Mainstream (Zusammengefasst)
Schlecht belegt ist, dass Frau Berkley im modernen Sinne eine Betreiberin eines Luxusbordells war.
Die Prüfung: Die Geschichte wird durch Glanz und Ruhm veredelt.
Als zweifelhaft gilt vor allem der Ruhm von Frau Berkley, den sie zu Lebzeiten genoss, aber auch die Exklusivität ihrer Klientel sowie die prachtvolle Ausstattung ihres Bordells. Diese Behauptungen wurden benutzt, um das Besondere an Frau Berkleys Etablissement zu betonen und dienten vor allem dazu, die Geschichte „glorioser“ erscheinen zu lassen.
Umstritten oder unbeweisbar: die kreative Frau Berkley
Neben den zweifelhaften Behauptungen wurden mir noch folgende umstrittene oder unbeweisbare Behauptungen genannt. Sie alle sind also weder historisch beweisbar noch ausreichend belegt. Selbst im „Mainstream“ werden sie bereits bezweifelt.
Mainstream (Detailliert)
1. Die Erfindung des Berkley-Horse nach der Zeichnung, die von Ashbee erstellt wurde.
2. Die Erfindung und/oder Nutzung irgendeines anderen Prügelbocks, der ungewöhnlich war.
3. Ihre angeblichen Memoiren und ihr Kontakt zu anderen Autoren und Verlegern.
4. Ihre gesamte Korrespondenz sei vernichtet worden oder verschollen.
5. „Biografische Anekdoten“, vor allem solche, die von angeblichen „Augenzeugen“ stammen sollen.
Die Prüfung: Niemand hat etwas gesehen, keiner etwas gelesen
In diesem Fall kann ich die Begründung abkürzen: Was weder Henry Spencer Ashbee noch irgendjemand sonst jemals gesehen, gelesen oder beobachtet hat, kann nicht als „historisch zuverlässig“ betrachtet werden. Was die Memoiren betrifft, war Ashbee offenbar selbst der Meinung, dass sie bei einem Verleger der damaligen Zeit auf Veröffentlichung warten würden – ein Trugschluss, wie sich bald zeigte.
Epilog
Die Legende von der „berühmten Bordellbesitzerin Theresa Berkley“ kann entweder auf der Geschäftstätigkeit einer anderen Persönlichkeit zu jener Zeit beruhen, die auf keinen Fall genannt werden wollte. Sie kann aber auch auf einer Legende beruhen, die durch den Tod einer historischen Person ausgelöst wurde. Diese beiden und viele andere Möglichkeiten legen nahe, dass jemand versuchte, eine Art „Memoiren“ zu verfassen, dann aber einsehen musste, dass es nicht genügend Material darüber gab.
Es mag viele Wahrheiten geben. Eine historische Wahrheit, eine Wahrheit im Glauben an etwas oder auch nur die eigene Wahrheit im Kopf der Autoren.
Wenn es eine allgemeine Wahrheit gäbe, so müsste sie sehr gut fundiert sein. Das alles trifft auf die „Legende von der Frau Berkley“ nicht zu. Um meine Ansicht zu widerlegen, müsste ein Historiker mindestens Spuren ihrer kompletten Lebensgeschichte finden. Soweit mir bekannt, hat dies nie jemand ernsthaft versucht.
Und so zitiere ich gerne Lewis Carroll, aus seinem bekannten Kinderbuch „Alice im Wunderland“. Es erschien 1865.
„Wenn es keinen Sinn ergibt“, sagte der König, „erspart uns das eine Menge Ärger – wir brauchen nämlich gar nicht erst zu versuchen, einen zu finden.“
Bild: Aus einem Polizei-Magazin, 1895.
Original-Zitat:
„If there’s no meaning in it“, said the King, „that saves a world of trouble, you know, as we needn’t try to find any.”
Hinweis: Für die Fragestellungen (also nicht für meinen persönlichen Beitrag) habe ich künstliche Intelligenz verwendet.
Das 19. Jahrhundert in Kurzfassung
Das 19. Jahrhundert brachte völlig neue Themen auf, die teilweise mit dem Menschsein als solchem (Darwin) wie auch mit der Sexualität und der Psyche zusammenhingen. Bücher spielten dabei eine große Rolle. Aus der Fülle der Werke dieser Zeit nenne ich zusätzlich einige, die nicht direkt in die „Geschichte der Frau Berkley“ passen, die aber dennoch für die Geisteshaltung jener Zeit wichtig waren. Die größte Wende in jener Zeit war zunächst die „Erste Sexuelle Revolution“. Gegen Ende der viktorianischen Ära interessierten sich die Leserinnen und Leser bereits für die „dunklen Seiten der Seele“.Im Übergang zum neuen Jahrhundert haben einige britische Autoren begonnen, über die menschliche Psyche und „ihre Abgründe“ zu schreiben. Bücher über Kriminalfälle und geheimnisvolle Kreaturen wurden extrem populär.
Nach und nach übernahmen Ärzte die Dokumentation und Beurteilung der Sexualität, manchmal ganz gewöhnliche Mediziner, dann aber auch Psychiater und letztlich Psychologen. An der Verbreitung entsprechender Informationen hatte auch die BDSM-Szene einen gewissen Anteil – insbesondere im Internet.
Die historischen Fakten aus erotischen Büchern zu gewinnen, wie es Ashbee (Fraxi) tat, war im Grunde genommen ein Kunstgriff. Was Frau Berkley betrifft, so tauchte diese Gestalt sehr schemenhaft auf. Wenn Ashbee über sie berichtet, so ausschließlich aus Büchern und vom „Hörensagen“. Das wird schon dadurch deutlich, dass Ashbee und „Frau Berkley“ nicht in derselben Zeit lebten. Das gilt auch für die Autoren Bloch und Eulenburg, die oftmals als „Quellen“ genannte werden, obgleich sie im Wesentlichen alles über „Frau Berkley“ von Ashbee (als Pisanus Fraxi) übernahmen.
Dies ist ein Versuch, die Quellen zeitlich zu ordnen udn ihre Glaubwürdigkeit zu bewerten. Du, Liebe Leserin, lieber Leser, darfst gerne nachforschen, ob du besser Quellen entdeckst.
Inhaltsverzeichnis komplett (Klick aufs Bild):

Time-Table: Berkley ab dem 19. Jahrhundert bis heute
1750 Nach Internetquellen (z.B. Facebook) Geburtsjahr Berkley (G)
1770 Geburtsjahr von Frau Berkley, einige Schätzungen (G)
1786 Geburt Harriet Wilson, Courtisane (B)
1787 Frau Berkley lernt ihr Gewerbe im White House, Soho Square (G)
1788 Angebliche Erstausgabe von „Venus School Mistress“ 📕 (G)
1798 Der Autor George Cannon wird geboren. (B)
1808–1810 Neuauflage von “Venus S. Mistress 📕 (G)
1812 Der Ruhm von Lord Byron beginnt (Schriftsteller, Dichter) (B)
1815 "Schwester Monika" erscheint - ETA Hoffman zugeschrieben 📕 (Z)
1818 Frankenstein von Mary Shelly erscheint 📗 (B)
1825 The Memoirs of Harriette Wilson: Written by Herself 📕 (Z)
1828 Frau Berkeley erfindet angeblich das Horse. (F)
1828 Angebliche Übergabe des Bordells von Frau Wilson. (F)
1830 Wahrscheinlich erste verbürgte Auflage von „Venus School Mistress“ durch Cannon.) 📕 (Z)
1832 Geburt von John Camden Hotton, Bücherfreund, Verleger (B)
1836 Tod Frau Berkeley (P,Z)
1837 Angeblicher Einsatz Cannons für das Berkley Horse (Z)
1834 Geburt von Pisanus Fraxi (Ashbee)
1837 Beginn des Victorianischen Epoche (B)
1844 Brothel Suppression Bill - kam nicht zustande. (B)
1846 Tod Harriert Wilsons (berühmte Courtisane) (B)
1854 George Cannon stirbt. (B)
1857 Lord Cambell‘s Act (Erweitere Gesetzgebung gegen Obszönitäten) (B)
1859 Über die Entstehung der Arten (Charles Darwin) 📗 (B).
1863 Der Cannibal Club wird eröffnet. (G,Z)
1869 /1871 Schließen des „Cannibal Clubs“ (G,Z)
1870 "Venus im Pelz" von Sacher-Masoch erscheint. 📕 (B)
1861 Bericht über das Legndäre „White House“ (Bordell) (Z).
1862 Ashbee heiratet.
1865 History of the ROD by James Glass Bertram 📕 (B)
1873 In 80 Tagen um die Welt von Jules Verne 📗 (B)
1873 Tod des Verlegers Johan Hotton (B)
1876 1876 Verschärfte Gesetzgebung gegen obszöne Waren und Schriften. (B)
1877 Fraxis Hauptwerk von1877, 250 Exemplare (1) Index Librorum Prohibitorum.📕 (B)
1879 The Pearl erscheint erstmalig. (B)
1881 The Pearl erscheint letztmalig.(B)
1885 Fraxis Buch Nummer drei: Catena Librorum Tacendorum. 📕 (B)
1886 – Dr. Jekkyl von Robert Louis Stevenson erscheint. 📗 (B)
1886 - Richard Freiherr Krafft von Festenberg auf Fronberg (Psychiater) schreibt seine „Psychopathia Sexualis“. 📗 (B)
1887 – Erster Kriminalroman von Sir Arthur Conan Doyle 📕 (B)
1888 Der erste Teil von Walter – my secret life 📕 (B)
1894 Der letzte Teil von Walter – my secret Life 📕 (B)
1890 Schreibt Willam James das Buch Principles of Psychology 📗(B)
1898 Wilhem Bölsches Buch „Das Liebesleben in der Natur" erscheint.📗 (B)
1900 Tod Fraxis (Asbee)(B)
1901 Ende der Victorianischen Epoche.
1899/1912 Iwan Bloch schreibt über Berkley 📗 (B)
1902 A. Eulenburg schreibt über Berkley (mit Horse). 📗 (B)
1903 Die Suffragetten reklamieren das Frauenwahlrecht. (B)
1904 – 1916 Namhafte Veröffentlichungen von Sigmund Freud, verbunden mit breitem Interesse an der Psychoanlyse. 📗 (B)
1917 Erstes Erscheinen der endgültigen Neuausgabe von „Venus SM“ 📕 (B)
1930 Erster bekannter Lexikoneintrag zu Berkley - Wien 1930. (B)
1993 Das Internet wird mit wissenschaftlichen Themen angereichert.
2001 Das erste Online-Lexikon wurde gegründet.
2005 bis heute. Mit der Verbreitung des Internets zeigten sich einzelne Dominas mit Nachbauten des Berkely-Horse.
2012 "The Origins of Sex" erscheint - das Buch gilt als historische Dokumentation der viktorianischen Zeit. 📗 (B)
2013 "The Pleasue's all MIne" - A History Of Perverse Sex - Julie Peakman, Historikerin. 📕 (B)
2023 Theresa Berkley und das Horse werden in einer Fernsehsendung erwähnt.
2023 KI wird zu einem Informationsmedium mit Licht- und Schattenseiten, dem großes Vertrauen entgegengebracht wird.
Warnung: Bei den Verlagsorten, Daten der Veröffentlichung erotischer Literatur, die normalerweise als „Fakten“ gelten, ist im 19. JH große Vorsicht geboten, weil diese oftmals verschleiert wurden. Insofern sind Zweifel an allen Daten über Verleger, Verlagsorte, Erscheinungsdaten und Verfasser angebracht.
B) – Gilt als Tatsache, mehrere Beweise vorhanden.
F) Einzige Quelle ist Pisanus Fraxi.
G) Gerücht, nicht hinlänglich bewiesen.
Z) - Zweifelhaft oder ungenau
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