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Mein Tag am Sonntag

Premieren sind im hiesigen Theaterzelt immer um 18 Uhr, und die Operette, dreiaktig, erwies sich als Langläufer. Nun glaubt nicht, ich sei ein Operettenliebhaber – mitnichten. Also, diesmal eher mit Vettern als mit Nichten. Indessen – es war ein herrlicher Klamauk mit Musik. Falls ihr mich kennt – ich hasse die schrillen und überlauten weiblichen Stimmen, besonders im Duett. Aber auch das hielt sich in Grenzen, und überhaupt: „Das muss so“, hat mir mal ein Opern- und Operettenliebhaber erzählt.

Sollte ich mir daraufhin auf „One“ noch den versäumten „Polizeiruf“ antun?

Nein, nein, ich wollte den „Jack the Ripper of Rostock“ nicht wirklich sehen. Deshalb habe ich schon abgewürgt, als sich der Polizei-Mann im Revier mit einer Flasche Rum vergnügte. Dabei soll das sozusagen das einzige Highlight gewesen sein. Nicht der Rum, sondern der anschließende Dialog (nicht mit der Flasche Rum).

Und so konnte ich vermeiden, am Ende des Tages enttäuscht zu werden.

Ich frage mich sowieso, ob die Menschen diese Fernseh-Kriminalfilme wegen der Schauspieler, der Ermittlercharaktere oder wegen der Storys sehen wollen. Die Kritiker sprechen immer so auffällig davon, wie toll doch die Schauspieler waren – was offenbar daran liegt, dass sie besser sind als diejenigen, die in den Vorabendserien Sätze aneinander verlesen.

Na gut, ich kann’s auch nicht besser. Und Krimis kann ich schon gar nicht schreiben.

Wenn ein Theater zeltet …

Seltsamer Anblick: ein Theaterzelt
Das hiesige Theater ist geschlossen, um die Bühnentechnik auf den Stand der Zeit zu bringen. Damit die Menschen aber weiterhin ins Theater gehen können, hat man ein Zelt aufgespannt.

Ich war bei der Premiere etwas skeptisch: Was erwartete mich? Nein, sicher keine Zirkusuniformen. Aber vielleicht Matsch oder übel riechende Toiletten?
Noch ist die Bühne leer ...
Oh, nein, alles war wundervoll. Man gab „Cabaret“ – wunderschön, sinnlich und absolut gruselig. Vor allem, weil manches Wort, das dort aus dem Mund der Nazi-Sympathisanten der frühen 1930er anklang, auch heute wieder zu hören ist.

Menschen im Hotel – Menschen im Theater

Vicki Baum – da musste ich nachdenken. Ihr Buch „Menschen im Hotel“ stand in Vaters Bibliothek, was hauptsächlich darauf zurückzuführen war, dass er Mitglied im „Bertelsmann Lesering“ war. Ich hörte, dass Frau Baum selbst als Zimmermädchen tätig gewesen war, um sorgfältig zu recherchieren. Nehme ich all dies zusammen, so kann ich nur eines erwarten: ein Zeitzeugnis aus den 1920er Jahren.

Klingt alles ein bisschen dramatisch: Schicksale, Schicksale, Schicksale. Die Faszination einer Drehtür, der Hauch von Luxus. Und als Theaterstück ein bisschen Kasperletheater mit überzeichneten Figuren - sehr hübsch, aber mit merkwürdigen befremdlichen Dialogen, die teils etwas langatmig wirken. Ich bin im Theater - ja, wo sonst?

Was ich mitgenommen habe? Viel weniger, als ich dachte. Ein bisschen Lebensphilosophie, ein wenig Melancholie, hübsche Orchester-, Tanz- und Gesangseinlagen. Es war kein Schaden, das Stück gesehen zu haben, aber auch kaum eine Bereicherung. Menschen im Theater starren auf eine Bühne, auf der Menschen im Hotel vereinsamen. Was wohl sie bewegen mag? Die Aussicht auf die feinen Würstchen und das Glas Sekt in der Pause?

Ich sollte vielleicht nicht darüber nachdenken – schließlich habe ich mich auch ein wenig amüsiert.

Kruso als Theaterstück

Ich war im Theater, und man gab „Kruso“ nach dem gleichnamigen Buch von Lutz Seiler. Die Sache hatte drei Aspekte:

1. Ich kenne das Buch nicht.
2. Ich sehe also das Theaterstück.
3. Ich orientiere mich an der Aufführung.

Es sollte, so las ich zuvor, um Hiddensee gehen, einen eigentümlichen Ort an der Ostseeküste der damaligen DDR, zeitlich kurz vor dem Verfall des "Arbeiter- und Bauernstaates". Um die Menschen, die auf die Freiheit im offenen Meer hofften und dabei zu Hunderten ertranken. Und um eine Männerfreundschaft.

Bis zur Pause begriff ich gar nichts. Alles war hübsch gespielt, manchmal gar ideenreich. Aber die Grundlage war eben ein Buch, zumal eines, das aufgrund seiner literarischen Qualität hochgelobt wurde. Und so etwas soll auf die Bühne passen? Immerhin sah ich in der Pause Betroffenheit, mehr als sonst üblich.

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Manchmal bekamen wir Menschen nackt zu sehen. Auch so etwas, das sich dem EX-DDR-Bürger eher erschließt als mir. Die Freiheit der Freikörperkultur, aha. Die Freiheit des Meeres, leider fast unüberwindlich. Auch klar. Nach der Pause: Auf der Bühne ist fast nichts mehr los. Ausklang. Am Ende dürfen noch einmal alle Schauspieler an den Bühnenrand, dürfen über das Ertrinken sprechen. Ertrinken als Preis für die Freiheit. Das geht an die Nieren, verstanden. Aber es ist zu wenig, viel zu wenig für eine große Bühne.

Was ich mitnehme? Die Realität der Ex-DDR. Die Arroganz der Macht. Und ich könnte abkotzen, dass es hier in Thüringen Menschen gibt, die immer noch dem Unrechtsstaat DDR nachtrauern und sich nach wie vor innerlich mit ihm identifizieren.

Aber vom Wert der Buchvorlage habe ich nicht einen Hauch gespürt.