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Zebras, Zirkus und der Sommer in Altenburg

Hier stehe sie im Krüger-Nationalpark - anderwärts grasen sie in Kaffeehausgärten.
Vielleicht sollte ich Ihnen zuerst erklären, wo ich lebe: in Altenburg, Thüringen. Man hat hier ein preisgekröntes Theater und ein vorzeigbares Schloss, was ich mal auf die positive Seite zähle. Man hat einen Teich, auf dem einst eine Fasserfontäne sprudelte, die man sich inzwischen nicht mehr leisten kann, ebenso wie das Parkleitsystem. Diese Stadt will am liebsten alles sein – Kulturstadt, Industriestadt, Einkaufsstadt und Touristenstadt - und ist damit restlos überfordert. Und die Wirtschaft? Der stadtnahe Einzelhandel kämpft mit eiserner Faust gegen die Bemühungen von Einkaufszentren, hier Fuß zu fassen und hat selber kaum noch etwas zu bieten. Immerhin hat man am Markt eine gut gehende Eisdiele – meist die einzige Attraktion dieses Platzes, vor allem am Wochenende.

Oh, man hat einen Zirkusplatz, der einst sogar heiß begehrt war. Bis die Damen und Herren, die den Stadtrat darstellen, auf Antrag der CDU ein Quasi-Auftrittsverbot für Zirkusse beschloss. Nein, man hat nichts gegen den dummen August, den Magier, der Damen zersägt, oder das Fräulein, das auf dem Hochseil trippelt. Man hat etwas gegen „Wildtiere“, und wer dergleichen mit sich führt oder gar auftreten lässt, der darf gar nicht erst auf den Zirkusplatz. Womit eigentlich schon klar wäre, dass kaum noch ein Zirkus Interesse hat, hier aufzutreten. Und der Zirkus-Experte der CDU-Fraktion ließ sich sogar zu dem Spruch verleiten: „Für einen wirklich guten Zirkusabend braucht es keine Wildtiere.“

Das leuchtet dem Altenburger Volk natürlich sofort ein. Wer will schon, und sei es vorübergehend, neben Elefant, Tiger, Löwe oder Panther wohnen? Die könnten doch ausreißen – und dann? Doch es geht ja um mehr – um viel, viel mehr.

Beim Wildtier, so erfahren wir, handelt sich nicht nur um Elefanten und nicht nur um Löwe, Tiger, Panther und Co. Die Leipziger Volkszeitung wusste noch ein paar andere Tiere: „Krokodile, Zebras, Bären, Delfine, Giraffen, Riesenschlangen und sogar Wölfe.“


Nun wagte es doch noch einmal ein Zirkus, in der Stadt Altenburg haltzumachen, und weil man dummerweise Zebras mit sich führte, wurde ein Deal geschlossen. Die Zebras dürfen mit, aber sonst dürfen sie nix. Vor allem, nicht auftreten, denn schließlich sind sie „Wildtiere“. Zebras sind eigentlich Pferde oder auch Esel, aber sie gelten als nicht domestizierbar. Ich habe zwar schon zwischen Zebras mit ein paar Südafrikanern Kaffee getrunken (mit Warnschildern, dass sie schrecklich auskeilen können), aber es sind nun mal von Amts wegen Wildtiere.

Nun sollten aber Tiere etwas Beschäftigung haben, und so entschloss sich der Zirkusdirektor, die Tiere dennoch auftreten zu lassen, was wiederum den Zorn des obersten Rathausherrn hervorrief. Jener behauptet nämlich, vom Zirkusdirektor „quasi am Nasenring vorgeführt worden“ zu sein, was man einem Zirkusdirektor eigentlich nicht verübeln sollte. Doch die Wogen sind inzwischen hochgeschlagen, so hoch, dass man demnächst noch klarer machen will: Wer Tiere mit sich führe, die „auf der Liste“ stünden, der dürfe eben nicht nach Altenburg kommen. Nun gibt’s schon lange keine Leierkastenmänner mit Affen mehr, und auch die Tänzerinnen, die sich Riesenschlangen um ihren Körper legen, sind hier selten anzutreffen. Doch immerhin dürfen, wenn ich recht orientiert bin, noch Trampeltiere in die Stadt. Ob Zirkusse sich noch für Altenburg interessieren werden? Man darf es bezweifeln.

Ich lase: Die LVZ und die OVZ (Altenburger Regionalteil).

Turmbläser

Turmbläser blasen vom Turm - von wo sonst?
Die Turmbläser blasen ganz in meiner Nähe - allerdings blieben sie, weil's sehr anstrengend ist, den Turm zu erklettern, überwiegend auf dem Platz vor dem Turm, dem Nikolaikirchhof. Nun scheinen sie sich "verjüngt" zu haben und blasen wieder von oben.

Aufgrund der Lage des Turms und der umliegenden Gebäude kann man unten übrigens jedes Wort hören, das auf dem Turm gesprochen wird. Entsprechend gut ist auch die Akustik, wenn die Turmbläser ihre Instrumente erschallen lassen.

Wenn Sie sich ein Bild von Platz und Turm machen wollen - bitte, dann hier. Die Webseite ist "nach Altenburger Art" eher gewöhnungsbedürftig - aber das Bild überzeugt.

Altenburg ist in der Presse - doch was wird wirklich gedacht?

Altenburg kommt aus den Schlagzeilen nicht heraus. Die kleine, eher verschlafene Kleinstadt in Thüringen hat die eine oder andere hübsche Ecke, die man vorzeigen kann. Und das sollte man auch so stehen lassen und sie weiterhin bewerben.

Was ist nun wirklich los mit dieser Stadt? Ist sie „leer, ziemlich verfallen und vor allem braun“? Zumindest ist sie ziemlich leer, wenn nicht gerade Markttag ist, so wie heute. Dann ist sie wirklich ziemlich verfallen, und fragt man nach, so wird alles mit „kein Geld“ begründet. Dabei sieht ein Teil der Teichstraße, die eigentlich zum schönen Teil „innerhalb der Mauer“ gehören sollte, wirklich furchterregend aus. So schlimm, dass man einem Fußgänger kaum noch zumuten kann, an den Ruinen vorbeizugehen. Und „braun“?

Die Altersstruktur trägt wesentlich dazu bei, was in dieser Stadt gedacht wird: erzkonservativ mit Rechtstendenzen die Einen, Linksfantasten die Anderen, dazwischen immerhin ein liberales, wenngleich recht konservatives Bürgertum. Sich möglichst objektiv zu informieren gehört nicht gerade zum Kulturgut Altenburgs. Man kann einem alternden Ex-DDR-Bürger nicht verübeln, sich in der Medienwelt nicht auszukennen. Aber man könnte ja einmal damit beginnen, auch alten Menschen zu zeigen, wie Pressearbeit in einem liberalen und demokratischen Staat funktioniert. Hier wird eine Menge dafür getan, dass junge Leute erkennen, wie „Presse funktioniert“, aber kaum etwas dafür, das Beurteilungsvermögen älterer Menschen zu schärfen. Wer wissen will, was gedacht wird, muss am Mittwoch auf den Markt gehen und den Männergruppen zuhören, die dort schimpfen. Man will unter sich sein – das Fremde, ob es nun au dem Westen Deutschland, aus dem europäischen Ausland oder sonst wo herkommt, ist den älteren Altenburgern suspekt. Kaum jemand hat sich mit einer anderen Kultur auseinandergesetzt als mit der eigenen. Und das Wort „eigene“ steht hier weder für Thüringen noch für Sachsen, sondern für die paar hundert Meter, die man die Straße heruntergucken kann. Oder für die Leute, die man kennt und die sowieso gleicher Meinung sind.

Nein, Altenburg ist in Teilen wirklich recht nett. Und die Menschen, die halbwegs liberal sind und deshalb weder die Linkspartei noch die AfD wählen, schwätzen keinen Stuss auf dem Gemüsemarkt. Aber es gibt sie, und sie müssten einfach mehr Flagge zeigen und sagen: Es gibt tatsächlich mündige Bürger in der Stadt.

Altenburg - die angeblich diffamierte Stadt im Osten

Sicher ist – die Presse meinte es nicht immer gut mit Altenburg. Sicher ist aber auch: Altenburg kommt aus den negativen Schlagzeilen nicht heraus. Und immer, wenn es mal wieder Negativ-Berichte gibt, sind die anderen daran schuld: niemals das Rathaus mit allen, die sich darin befinden oder die dort tagen, also auch der Gemeinderat nicht.

Doch was Altenburg nicht lernt, ist dies: Positive Nachrichten muss man selber verbreiten, genau wie zukunftsweisende Ideen und Konzepte. Negative Nachrichten verbreiten andere, wenn es nichts Positives zu berichten gibt.

Es gibt keinen bösen Dämon, der Altenburg in die Provinzecke stellt. Es gibt nur zu viele Menschen, die im Grunde selbstzufrieden sind und in Wahrheit gar keine Veränderungen wollen. Sie sind es, die Altenburg geschadet haben und die der Stadt immer immer noch schaden.

Wenn es der Stadt nicht bald gelingt, sich öffentlich zu profilieren und aufhört, andere für ihre Misere verantwortlich zu machen, wird sie immer weiter absacken. Das wäre allerdings schade, weil man in Altenburg Substanz hat.

Wenn Beurteilungen als nicht relevant angesehen werden ...

Lebenswert: ja. Aber nicht auf die Zukunft vorbereitet. das ist Altenburg
Wenn Beurteilungen als nicht relevant angesehen werden, ist etwas nicht in Ordnung. Entweder mit den Urhebern der Beurteilung oder mit den Beurteilten.

Das Altenburger Land, in dem ich lebe, steht in zwei namhaften Ranking-Listen leider unter den letzten fünf Prozent – grob in absolute Zahlen gepresst also unter den letzten 20 von 400. Und das ist noch sehr milde gerechnet.

Das Überraschende ist: Das stört hier in Altenburg offenbar niemanden, und nur wenige werten es als Hinweis darauf, dass man den Landkreis mit Klugheit und Sachverstand aufwerten müsste. Denn es ist im Grunde nicht nötig, so weit hinten zu stehen. Man hätte Möglichkeiten - so sieht es auch der Kommentator der örtlichen Zeitung.

Doch, was passiert? Das Ranking wird als „nicht relevant“ abgewertet, und offenbar ist dies das Einzige, was man von offizieller Seite hört. Der Oberbürgermeister der Stadt Altenburg ist der Meinung, und die IHK ist es auch. Jedenfalls nach Presseberichten.

In Wahrheit entspricht ein solches Ranking allerdings einem Zeugnis mit lauter Fünfen und Sechsen – selbst wenn dann eine einzelne „Drei“ für das Kulturschaffen vergeben würde, wäre nichts gewonnen. Aber das will man hier nicht einsehen.

Schade eigentlich. Meine Erwartungen an die Politiker waren höher. Und ich frage nicht einmal, wie das Schlamassel entstehen konnte, sondern wie man da wieder herauskommt.