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Tatort? Nein, danke!

Es ist nun schon das zweite Mal, dass ich den Tatort nach weniger als 15 Minuten Laufzeit abgeschaltet habe – ich muss ihn nicht sehen, und ich muss wirklich nicht mehr darüber schreiben.

Diesmal ist es offenbar um die Moralinvasion gegangen. Selbst wehrhafte Frauen werden zusammengeschlagen und misshandelt. Da kann man mal wieder so richtig sehen, was für Dreckschweine Männer sind. Oh ja, und die Kritk war begesitert - habe ich zur Kenntnis genommen. Die ZEIT ging am Weitesten. Sie sah in dem Machwerk „einen neuen Klassiker der Tatort-Reihe“. Zum größten Teil, weil die Kommissarin diesmal nicht erstrahlt, sondern von den Umständen zerbrochen am Boden liegt und weint. Das Leben ist eins der Schwersten, das wissen wir mittlerweile. Wie traurig.

Meinetwegen kann die ARD senden, was sie will und sich dabei von Kritikern belobhudeln lassen.

Und ich? Ich will auch vom Krimi unterhalten, überrascht und begeistert werden. Und all diese Volks-Belehrungen können sich die Drehbuchschreiber nötigenfalls in … ja, genau dorthin stecken. Und satt nach 15 Minuten abzuschalten, kann ich nötigenfalls auch ganz auf auf den Tatort verzichten.

Manipulative und kühl kalkulierende Frauen - ein "falsches" Frauenbild?

Diese Frauenbilder werden vielen nicht gefallen: Die Eine hat Wissen und Können, schenkt guten Sex und ist dennoch so gut wie emotionslos. Die Andere baut ihr Leben auf Lug und Trug auf und manipuliert dabei Männer nach Gutdünken, wobei selbstverständlich auch Sex zum Repertoire gehört.

Die Rede ist vom Tatort „Zurück ins Licht“ am Sonntag. Die eine Frau, kühl, pragmatisch und dennoch diffus, ist Profilerin, die andere durch und durch manipulativ und von Grund auf neurotisch, ist Motivationstrainerin und in der Pharma-Branche tätig. Beide Frauentypen gibt es, aber offenbar darf es sie nicht geben. Das weiß wiederum die FAZ: „Die Frauenfiguren sind derart klischeehaft, dass es kaum auszuhalten ist

Und so ist es auch ein weiblicher Kritiker, denen die Chose nicht gefällt. Carolin Gasteiger mault in der „Süddeutschen“:

Aus "Zurück ins Licht" hätte viel werden können. Ein gesellschaftskritisches Stück über zu hohe Anforderungen in der viel gescholtenen Leistungsgesellschaft. Was passiert, wenn das Bedürfnis nach Anerkennung krankhaft wird? Was, wenn man auf der Suche nach Liebe verzweifelt?

Ja, das wäre mal süße Themen für Frauen geworden, nicht wahr? Und hübsch kombiniert mit der populären Kritik an Kapitalismus und Leistungsgesellschaft. Frauen als Opfer des Systems … all diese Behauptungen, die eher zum Abgähnen anregen.

Eigentlich geht es um etwas ganz anderes. Und das sah der SPIEGEL kristallklar, indem er schrieb:

Hier geht es um die Frage, wie weit wir es mit unserer Selbstoptimierung treiben können. Ein lustvoll überreizter Karrieretrip in die schwindelnden Höhen der Selbst- und Fremdmanipulation, der die Frage aufwirft, ob Frauen die besseren Karrieristen sind.

Es war offenkundig, dass es um dieses Thema ging und um kein anderes. Wer die Männer und Frauen kennt, die auf Bühnen herumhampeln, um die Motivation von Managern und Außendienstlern zum Kochen zu bringen, weiß, wovon ich rede. Der Rest der Kritiker(innen) hätte sich ja mal besser informieren können.

Bleibt die Frage: Gibt es die Frauen, und wie verhalten sie sich wirklich? Ja, sie gibt es. Sie lernen schon als junge Erwachsene, dass geschickte Lügen, Winkelzüge, Hinterlist und manipulativer Sex mit mächtigen Frauen und Männern manche Wünsche erfüllen können. Und zwar schneller als der harte Weg, sich langsam auf der Karriereleiter hoch zu hangeln. Ein Teil von ihnen verliert Maß und Ziel und stürzt dabei ab. Diejenigen, die sich selbst bezähmen können oder aber einfach cleverer sind, erreichen aber durchaus ihre Zeile – sehr zum Leidwesen anderer Frauen übrigens, die mit Neid und Missgunst reagieren. Allerdings sind diese Frauen nicht so extrem wie die „Frau im roten Mantel.“

Kommen wir noch schnell auf den anderen Typ Frau: die Profilerin. Sie wird vorschnell mit dem „Asperger-Syndrom“ in Verbindung gebracht. Doch sie ist kaum mehr als jener Typ Frau, der mathematisch-technisch denkt und dennoch verschiedene Persönlichkeiten beinhaltet. Man findet ihn sicher selten, aber in der IT-Branche haben viele Frauen, die nicht in der Öffentlichkeit, sondern in den Hamsterrädern der Programmier-und Systemfreaks arbeiten, ähnliche Eigenschaften.

Der Kriminalfall? Eigentlich morden Frauen nicht, wenn man ihre Vergangenheit aufrollt und bloßstellt – sie haben andere Methoden. Aber es ging ja um einen Krimi, und da gehört nun mal eine Mörderin dazu.

Sex und Leichen – die Prüderie ist wieder modern

Die neue Prüderie findet sich überall – in Gesprächen auf Straßen und Plätzen sowieso in der Presse, die sie zugleich dem lüsternen Hintergedanken folgt, Sex sei ein wundervolles Leserfutter, und vor allem in den Gedanken der Bigotten und Kopfschüttler.

Zumeist wird die Diskussion mit dem begonnen, was für alle verfügbar ist – Fernsehen. Das ist der Trick Nummer eins, mit dem man versucht, die Öffentlichkeit kämpferisch zu mobilisieren. Nun muss noch „Crime“ dazu kommen – Sex and Crime sind hervorragend aufeinander abgestimmte Geschwister. Das nächste Stichwort heißt dann Jugendschutz, und mit ihm kocht die Empörung dann über.

So funktioniert die Aufforderung zur Zensur, und das ist nicht einmal neu. Schon vor 40 Jahren gab es ähnliche Diskussionen: Zu viel Sex und Kriminalität, der Jugendschutz wird ausgehöhlt, pornografische Szenen nehmen überhand …

Wir lesen, dass wir ein falsches Frauenbild vermittelt bekommen, das ist neue, denn das angeblich verfälschte Frauenbild und der „Sexismus“ sind neue Schlagworte für abgedroschen Diskussionen.

Wie sonst lässt sich das Frauenbild bezeichnen, das beispielsweise in Meret Beckers Debüt als Berliner Kommissarin in „Das Muli“ vom März 2015 vermittelt wurde, als sie in der Rolle der Ermittlerin Nina Rubin schon in der ersten Szene ihren Einstieg mit einem Sado-Maso-Quickie gab?


Ja, wie sonst? Unsere Drehbuchschreiber sind nicht alle Hitchcocks, nicht wahr? Oder weil unsere Fernsehkrimis Lehrstücke für gesellschaftliche Verwerfungen sein müssen, und gar keine Kriminalfilme mehr sein dürfen?

Wir lesen interessiert, dass die Porno-Branche zu Deutschland gehört und deshalb behandelt werden kann, denn „das deutsche Fernsehen ist kein Mädchenpensionat und das Leben kein Ponyhof. Und das können auch schon Zwölfjährige wissen.“

Keine Hardcore-Mentalität, sondern Empathie?

Und deshalb sollten wir zeigen, wie es dort zugeht oder nicht zugeht oder eigentlich gar nicht zugehen dürfte? In Kriminalfilmen? Dann wäre doch „Hardcore“ mal ein Einstieg gewesen, oder?

Nein, das sieht die Autorin Claudia Becker in der WELT nicht so. Und sie verliert sich in Wischi-Waschi, nachdem sie zuvor kräftig herumgekeilt hat. Und schreibt dann einen Satz, den man auch schon vor 40 Jahren ähnlich hörte:

Was wir viel dringender brauchen, ist mehr Empathie, mehr Diskussionen in Redaktionen darüber, was man wirklich zeigen muss und darf zu Fernsehzeiten, in denen Siebtklässler noch vor dem Bildschirm sitzen.

Wenn Sie mal „Empathie“ au dem Satz herausnehmen und „Zensur“ einsetzen, dann haben Sie ungefähr die Reaktion, die dies beim Leser auslöst. Denn wenn darüber diskutiert wird, was „Man zeigen muss und zeigen darf“, dann führt dies unweigerlich zur Zensur, und wenn die Schere nur im Kopf ansetzt. Zumal die Frage ist, was das Ganze mit „Empathie“ (in diesem Sinne wohl als Mitgefühl verstanden) zu tun hat.

Da wäre dann noch die viel zitierte zwölfjährige Tochter, um deren Befindlichkeit man sich Sorgen machen muss. Da wäre natürlich die Frage, welche Zwölfjährige heute noch ARD (und damit den Tatort) sieht. Und: Hallo, den Tatort gibt’s nicht nur im Pantoffelfernsehen, sondern auch noch im Internet.

Ja, sicher … es gibt auch andere Meinungen, und die WELT war so nett, PRO und CONTRA zu veröffentlichen. Und um selbst ganz nüchtern zu sein: Der Sinn dieser Kontroverse erschließt sich mir nicht.

Zitate: WELT.

Tatort mit Sperma im Magen – und sonst?

Wenn die Tatort-Macher mal was Glitschiges machen wollen, dann spielt der Film im „Milieu“ – Puff, Straßenhuren, Rotlichtbars, Camgirls – oder eben Pornodrehs. So also kommen die Esel aufs Eis, und man lacht über ihre Tänzchen, die sie dort aufführen. Oder man (frau?) denkt nach, und manche zetern über das Thema an sich.

Also zunächst mal: Der Porno-Branche geht es schlecht. Das einst blühende Geschäft mit VHS-Kassetten, DVDs und so weiter wurde inzwischen erheblich tiefer gelegt. Der Grund: Internet. Die Folge: Jedermann-Pornos (oder Jederfrau-Pornos)? Eigentlich braucht man wenig dazu, aber diesen Teil der Branche zeigte der Tatort vorsichtshalber erst gar nicht. Klar wurde nur: Porno-Gardemaße braucht die Frau nicht, um einer der neuen Pornostars zu werden.

Also gut, ein bisschen Krimi war auch. Schließlich stirbt die Darstellerin mit „Sperma von zwei Dutzend Männer im Magen“. Und nun kommt der Trick: Alle sind sehr, sehr verdächtig bis auf den Täter, der selten und erst recht spät gezeigt wird. Und sehr schnell wird auch klar: Die Kollegin, die ebenfalls „früher“ Pornos drehte, tut das noch immer. Der Rest war teils witzig, damit auch diejenigen Zuschauer mal lachen konnten, die ansonsten empört gewesen wären, und teils banal.

Ja, es gibt sie – die Darstellerinnen, die zwei voreinander abweichende Leben führen, eines kreuzbrav, das andere rot belichtet. Und einige sind auch aus „gutem Hause“ – da könnte auch mal eine Staatsanwalts-Tochter dabei sein oder eine Arzttochter. Aber das ist nicht der Punkt. Die Frage ist, warum dieses Geschäft mit dem Ausziehen und den Körper preisgeben und sich möglicherweise dabei überwinden zu müssen, doch recht viele Frauen anzieht. Der Krimi orakelt dabei eigenartig: Am Geld allein kann’s nicht liegen, doch er gibt auch keine Antwort darauf, woran es sonst liegen könnte.

Ansonsten war’s ganz hübsch, weil’s eben doch eher lustig war als moralisauer, und eher eine Kriminal-Komödie als ein Kriminalfall. Und wunderschön, und selbst splitternackt noch ganz eine selbstbewusste Dame, war in einer Nebenrolle Jarah Maria Anders.

Wie spricht doch der alte Häuptling der Indianer? Wild ist der Westen (oder der Süden), schwer ist der Beruf. Uff. Gleich, ob Pornoproduzent, Pornodarsteller oder Tatort-Produzent und Tatort-Drehbuchschreiber. Und die Hauptschwierigkeit beliebt immer die Gleiche: Wo, verdammt noch mal, soll man die Moral hernehmen, die auch noch die Leser der Boulevardpresse befriedigt?

Die Antwort: Gar nicht. Selbst „seriöse“ Journalisten sind so öde, ein paar bekannte Statements wie die, dass „Medienexperten vor einer Porno-Flut“ warnen, zu veröffentlichen udn zu denken, damit einen wesentlichen Beitrag zur Volksmoral geleistet zu haben.. Das hatte mit dem Tatort - trotz des Themas - allerdings recht wenig zu tun.

Ich sah den Tatort selbstverständlich selbst, empfehle aber die Kritik in der ZEIT.

Tatort Goldbach – Langeweile mit Gefühl und Waffen

Im Schwarzwald schmilzt der Schnee schnell. Das ist die Haupterkenntnis des gestrigen Tatorts. Die Zweite: Die Guten sind oft nicht so gut, und die Bösen eigentlich nicht so schrecklich böse. Und die Dritte: Es ist langweilig im Schwarzwald, jedenfalls in irgendwelchen Siedlungen.

Die Ermittler im neuen Tatort sind neu und agieren von Freiburg aus. Mann groß, Frau klein. Mann ziemlich burschikos, Frau eher sensibel.

Nochmals zurück zu den Bösen: Das ist der Waffenproduzent, denn der Herr Polizist schon mal persönlich am Sonntag in seiner Villa heimsucht. Er wird als Wurzel des Übels hochstilisiert. Muss ja so sein: Kapitalist, Tötungsgerätehersteller. Pfui, bäh.

Und die Handlung? Schleppt sich so hin. Schon früh wird klar, dass nur ein Kind getötet haben kann, und dafür kommen zwar zwei infrage, aber eigentlich doch eher nur eins. Und das hat keine Schuld, wie sollte es auch. Und wie konnte das Kind an die Waffe kommen, wie gar damit herumballern? Weil das Böse in der Region ist, sonst wäre es nicht gegangen. Die Waffenschmiede, die Kistchen mit Waffen herumstehen lässt, ist schuld. Derjenige, der sie gemaust hat und verhökern wollte, eher nicht so. Da wäre ja auch nicht passiert, wenn nicht eine Kugel in der Pistole gewesen wäre. Und die ging dann los. Päng, bumm, umfällt, tot. Denn zu allem Überfluss war die Pistole nicht einmal gesichert, oder das Kind weiß, wie man die Pistole entsichert.

Die Kritik? Oh, sie lobte und lobte und lobte. Der Schwarzwald war zwar öd und nicht besonders anheimelnd, aber da waren doch so tolle Charaktere dargestellt, richtig nette Ex-Ökos. Und die haben sich gezofft und gefühlt und dann wieder anders gefühlt und sich erneut gezofft.

Ein Kritiker traf immerhin den Nagel auf den Kopf: „Das Problem an diesem Tatort ist, dass nichts an ihm besonders ist.“

Und so ist es: Nichts ist besonders, alles wie gehabt. Außer, dass wahrscheinlich niemand mehr in den Schwarzwald fahren will, wenn er denn so trostlos ist - und die Schießprügelhersteller so nah.