Der Rösselsprung - oder der Sprung von der Erotik zur Sexualwissenschaft

In diesem Artikel ist die Rede davon, wie das Wissen über ein Londoner Flagellationsbordell nach Deutschland kam. Wer sich für den Beginn der Artikelserie interessiert, kann alle Beiträge zum Thema im Inhaltsverzeichnis finden.
Das neue Jahrhundert - Theresa Berkley in der deutschen Literatur
Das neue Jahrhundert beginnt mit einem Tusch: Deutschland interessiert sich mächtig für einen französischen Skandalautor, den „Marquis de Sade“. Jener ist zwar schon vor längerer Zeit verstorben, nämlich 1814, aber warum sollte man gegen 1900 nicht noch ein Buch über ihn und seine Zeit schreiben?
Wie gedacht, so getan: Das Werk heißt „Der Marquis de Sade und seine Zeit“ und es erschien irgendwann zwischen 189 und 1919. Im ursprünglichen Verlag erschienen mindestens acht Auflagen, wahrscheinlich also 8.000 – 15.000 Exemplare. (Soweit ich Ausschnitte veröffentliche, stammen sie aus der sechsten Auflage). Für die damalige Zeit war diese Auflage außerordentlich hoch, wenngleich ein anderes Buch, „Das Liebesleben in der Natur" von Wilhelm Bölsche, noch weitaus höher Auflagen erzielte. Die bürgerliche Welt hatte die Sexualität entdeckt.
Die bürgerliche Welt und die erotischen Geheimnisse
Das Werk des Autors, der Autor, der als Dr. Eugen Dühren auftritt, würde heute wahrscheinlich als „populärwissenschaftlich“ bezeichnet. Es wendet sich zwar auch an „fachliche Interessierte“, denen er ein „Geheimnis erschließen“ will, doch richtet sich dieses Buch gleichwohl vor allem an die Neugierde bürgerlicher Interessenten.
Dieser Mann heißt eigentlich Iwan Bloch und er wird später zu einem der ersten Sexualwissenschaftler in Deutschland.
Der Marquis de Sade und die Frau Berkley
Doch was hat dies alles mit der Engländerin Theresa Berkley und ihrem „berühmten Pferd“ zu tun?
Im Grunde ist es ein winziger Hinweis, der sowohl die Existenz der Frau Berkley, wie auch die Memoiren und das geheimnisvolle Pferd enthielt. Im Grunde wäre zu erwarten gewesen, dass die Frau, ihre Memoiren und ihr „Horse“ längst im Rauschen des erotischen Blätterwaldes verschwunden wären. Immerhin lagen nun schon viele Jahre zwischen Frau Berkleys Tod und dem neuen Jahrhundert.
Doch Dühren/Bloch zitiert Fraxi Wort für Wort – so, als ob er aus einem Geschichtsbuch zitieren würde. Hier ein kleiner Auszug aus der Seite 211:


Die Königin wird nach Deutschland umgesetzt - die Wissenschaft "übernimmt"Seither steht die Geschichte nicht in irgendeinem Buch über erotische Schriften, das zu diesem Zeitpunkt kaum jemand kannte. Nein, mit dem Sprung über den Ärmelkanal wurde sie alle Teile der seriösen Wissenschaftsgeschichte – sozusagen das erotische Kulturerbe des „englischen Lasters“.
Der weitere Weg ist bekannt: Die Mär von Frau, Pferd und Memoiren zog sich durch viele Sittengeschichten. Im Jahr 1930 wurde sie in ein namhaftes Lexikon übernommen und seither ist sie fester Bestandteil des „Wissens“.

Die letzte Entwicklung: Über die sozialen Netzwerke und mithilfe von KI wird die wundersame Geschichte kritiklos fortgetragen und mit zusätzlichen Schnörkeln versehen.
Fakten und Gerüchte über Frau Berkley - was habe ich erfahren?
Wenn ihr nun wissen wollt, welche Fakten über die sagenhafte Frau Berkley existieren und was ihr nach ihrem Tod angedichtet wurde, dem biete ich noch an, meine Recherchen zu verfolgen. Dabei habe ich ein kleines Hilfsmittel benutzt, nämlich eine qualifizierte Internet-Abfrage darüber, was als bewiesen gilt, was zweifelhaft erscheint und was wahrscheinlich erfunden ist. Daran muss ich noch ein wenig feilen - aber dies kann ich schon heute verraten: Die Faktenlage ist denkbar schlecht.
Quellen:
1. Quelle Online: Archive.org
2. Vollständiger Beitrag auf WikiCommons.
Beitrag vom gleichen Autor auf "sehpferd"- Englische Erziehung einmal anders.
Bildquellen: Liebesverlag.de
Oben: Zeichnung und Collage unter Verwendung eines historischen anonymen Fotos.
Unten: Foto mit Figuren aus "Alice im Wunderland". "Der Rösselsprung - oder der Sprung von der Erotik zur Sexualwissenschaft" vollständig lesen

Dennoch wurden nach der vorliegenden Zeichnung allerlei Nachbauten angefertigt – solche, von denen wir wissen und auch solche, die nie veröffentlicht wurden. In manchen Fällen wurden sie aus der „Werbung“ für einer „Domina“ bekannt, in einem Fall stand ein solches Gerät zum Verkauf.












Obgleich der Autor Henry Spencer Ashbee (Pisanus Fraxi) seit 1877 darauf hoffte, dass die „Memoiren“ der Theresa Berkley veröffentlicht würden, musst er schließlich aufgeben. Tatsächlich gab es ein verirrendes Geflecht von falschen Fährten, die immer wieder gelegt wurden, um der Geschichte rund um Frau Berkley etwas mehr Glaubwürdigkeit zu verliehen. Typisch dafür ist eine Verbindung mit ihrer angeblichen Vorgängerin, die als „Mary Wilson“ durch die frühe viktorianische Geschichte geistert. 

Wenn wir zurück in die Jahre 1877 – 1900 gehen, finden wir weder einen Beweis für die Existenz einer Autobiografie von Frau Theresa Berkley noch eine vergleichbare Biografie. Henry Spencer Ashbee bedauerte dies selbst zutiefst, hoffte aber bis zum letzten Moment, dass sie doch noch ein Verleger aus dem Hut zaubern würde. Doch all seine Hoffnungen wurden zerstört. Stattdessen kam das fast vergessene "Berkley Horse" wieder zu Ehren - eingebettet in die Geschichten, die inzwischen im Magazin "The PearL" veröffentlicht wurden. Davon berichte ich in einem weiteren Beitrag.