Der wundersame Pisanius Fraxi und seine Quellen

Es ist an der Zeit, den Vorgang für den Mann zu öffnen, der in den Lexika der Jetztzeit (2026) mal als Schriftsteller und mal als Sammler von erotischen Büchern auftritt. Zumeist wird er als „Bibliophiler und Bibliograf“ bezeichnet, also als Buchliebhaber und als Literaturkenner, der erotische Schriften einzuordnen weiß. Als Schriftsteller schrieb er sowohl unter seinem eignen Namen Henry Spencer Ashbee. aber auch unter dem Namen Pisanus Fraxi. Außerdem vermuten einige Literaturhistoriker, dass er auch als Autor des überaus frivolen Entwicklungsromans „Walter – My Secret Life“ infrage kommen könnte.
Pisanius Fraxi als Autor, die Flagellationsbordelle und die geheimnisvolle Frau Berkley
Für all das, was Frau Berkley und die wundersame Geschichte ihres Flagellationsbordells betrifft, interessiert nur das, was Ashbee als „Pisanus Fraxi“ verfasste – und diese Werke waren allesamt nicht viel mehr als Verzeichnisse erotischer Literatur.
Das erste dieser Werke, „Index Librorum Prohibitorum“, auf Deutsch also das „Verzeichnis verbotener Bücher“, enthält die meisten der Informationen, über die ich (wie auch alle anderen Autoren dieses Themas) verfüge. Das „verbotene“ an ihnen war der erotische Inhalt, und das Buch skizzierte die erotischen Werke jener Zeit ziemlich schnörkellos. Nur wenige Stelle in diesen Büchern wurden in einer blumigen Sprache beschrieben.
Mal gibt sich Fraxi als Historiker, mal als blumiger Autor
Pisanius Fraxi schreibt zunächst über einige Londoner Betreiberinnen von Flagellationsbordellen. Die Quelle wird nicht genannt – aber sie enthält einen langen Beitrag über eine bereits verstorbene Bordellbetreiberin, die einen exquisiten Geschmack hatte. Dies traf auch auf ihre Kunden zu, die zu einem großen Teil Liebhaber der körperlichen Züchtigung waren. Die übertriebene Schilderung der Vorzüge dieser Dame und ihrer Ausstattung könnte gut und gerne eine Art Werbung gewesen sein. Doch an dieser Stelle sollten wir und daran erinnern, dass die Dame zum Zeitpunkt der Drucklegung (1877) bereits vor 40 Jahren (1836) verstorben war. Nach so langer Zeit vergilben die meisten der verfügbaren Dokumente und die Erinnerung der Zeitzeugen lässt spürbar nach. Nun gut - lesen wir einfach mal nach. Ashlee (Fraxi) begann das entsprechende Kapitel wie ein Historiker:
Zu Beginn dieses Jahrhunderts [des 19.] waren in London überaus prunkvoll ausgestattete Etablissements, die sich ausschließlich der Anwendung der Birkenrute widmeten, keine Seltenheit. Die Frauen, die dieses Gewerbe ausübten, absolvierten zuvor gewissermaßen eine Lehre, um sich die Kunst anzueignen, die Rute anmutig und wirkungsvoll zu führen. Es wäre ein Leichtes, eine sehr umfangreiche Liste dieser weiblichen Flagellantinnen zusammenzustellen, doch werde ich mich darauf beschränken, lediglich einige wenige zu erwähnen.
Das tut er dann auch, und er nennt zunächst einige andere Namen, bevor er fortfährt:
Doch die Königin ihrer Branche war zweifellos Mrs. Theresa Berkley aus der Charlotte Street Nr. 28 am Portland Place; sie war eine vollkommene Meisterin ihrer Kunst, verstand es, ihre Klienten zufriedenzustellen, und war zudem eine durch und durch geschäftstüchtige Frau – denn im Laufe ihrer Laufbahn häufte sie eine beträchtliche Summe Geldes an.
(Es handelte sich dabei um 10.000 Pfund Sterling, nach heutigem Kurs gegen 1 Mio. GBP).
Im weiteren Text wird das „Arsenal“ des Bordells mit deutlichen Worten und ausgesprochenen anschaulich beschrieben. Der Text mag für Flagellanten und andere Schmerzliebhaber verlockend klingen, den übrigen Lesern will ich sie aber vorenthalten. Da alle Texte öffentlich zugänglich sind, kann sich jeder dennoch selbst davon überzeugen. Die darin enthaltenen Übertreibungen sind typisch für die damalige Zeit, den je sensationeller etwa beschrieben werden konnte, umso mehr Aufmerksamkeit erreichte man damit. Teilweise wurde auch Namen der Prostituierten genannt, die angeblich in ihrem Bordell arbeiteten - entweder als "Frictrice"(4) oder in anderen Funktion, zum Beispiel, um die devote Rolle zu übernehmen.
Nachdem Ashbee in einigen Abschnitten über das fragliche Bordell sehr viel Aufmerksamkeit auf kleinste Details legt, sind die nachvollziehbaren oder überprüfbaren Fakten extrem selten. So existiert beispielsweise keine genaue Beschreibung des Gebäudes und seines Interieurs. So bleiben Zweifel, ob an der Adresse „Charlotte Street 28, Portland Place“ „ihr“ Bordell betrieben wurde, ein anderes Flagellationsbordell oder möglicherweise ein völlig anderes Bordell. In den Schilderungen fehlen beispielsweise genaue Angaben über die Anzahl der Räume, Grundrisse, glaubhafte Zeichnungen, Fotografien oder wenigstens die Aussagen glaubwürdiger Zeitzeugen.
Ashbee (Fraxi) fehlte möglicherweise jeder Beweis für die vielen Behauptungen, die er über die mysteriöse „Mrs. Berkley“ verbreitet hatte. Tatsächlich hoffte er darauf, dass diese Frau tatsächlich Memoiren geschrieben hatte und dass diese „demnächst“ veröffentlicht würden. Er schrieb jedenfalls: Viele Menschen sind enttäuscht über die lange Verzögerung ihrer angekündigten Memoiren, deren Veröffentlichung auf Wunsch von Dr. Vance aus der Cork Street – dem Testamentsvollstrecker – zunächst ausgesetzt worden war. Sein kürzlicher Tod wird es der Firma, die die Urheberrechte an ihrer Autobiografie hält, nun jedoch ermöglichen, das Werk rasch in Druck zu geben.
Das Buch wurde niemals veröffentlicht – und der naheliegendste Grund ist mit Sicherheit, dass es niemals eine Autobiografie von Frau Berkley oder eine vergleichbare Biografie irgendeiner Betreiberin eines Londoner Flagellationsbordells gab.
Im Grunde könnten wir jetzt auf weitere Zweifel verzichten, denn schließlich wird das viktorianische Zeitalter schon bald zu Ende gehen. Doch einige Exemplare von Ashbees Büchern überstanden die Zeit – und viele andere wollten sogar vom „Hörensagen“ oder aus eigener Anschauung wissen, wie das legendäre „Berkley Horse“ ausgesehen hätte. Tatsache ist: Niemand würde es anhand der Zeichnung von Ashbee erkennen, aber alle glaubten, dass es sich um eine Art Leiter handeln würde – und tatsächlich wurde sie von Künstlern auch in Wort und Bild dargestellt. All dies und noch viel mehr mag Ashbee nicht gestört haben. Seine beiden Bücher „Index Librorum Prohibitorum“ von 1877 und der Band drei der Serie, Catena Librorum Tacendorum, das fast 20 Jahre später (1885) erschien, nehmen zwar auf auf Ms. Berkley Bezug – doch im Grunde ist diese Figur nur eine Episode in dem verschlungenen Gewirr von Dichtung und Wahrheit., Sensationsmache und Gerüchten.
War alle dies vielleicht eine Zeiterscheinung?
Es kann schon sein. Die Literaturhistorikerin Sarah Bull jedenfalls hält es für möglich. Sie schreibt (stark gekürzt):
Wissenschaftler haben Ashbees Charakterisierung erotischer Literatur als Spiegel der Realität mit berechtigter Skepsis betrachtet. Die sexuellen Fantasien des Bibliografen sollen als Beweis dafür dienen, dass fiktive Episoden sexueller Handlungen „tatsächlich stattgefunden“ haben."
Mit anderen Worten: Die Fantasiegebilde, die über die viktorianische Zeit in solchen Sittengemälden verbreitet wurden, sollten wie Realitäten wirken.
Möglicherweise ist diese Saat aufgegangen, denn einige erotische Werke der Viktorianischen Zeit vermischten Dichtung und Zeitgeschehen in raffinierter Weise. Und diejenigen, die später darüber schrieben, benutzen tatsächlich Asbees / Fraxis Werke, um sich selbst und seinen Lesern ein Bild von dieser Zeit und ihrer Kultur zu entwerfen.
Bildquellen:
(Rund Bilder, Text) Auszüge aus Büchern von Praxi.
Berkley Horse - nach der Zeichnung von Praxi.
Domina symbolisch mit Rute - Version einer anonymen Buchillustration.
Prostituierte: Solche Zeichnungen waren in Bordellführern jener Zeit zu finden. (Miss A. Parks, 1850, in Thee Man of Pleasure's Pocket Book".
Quellen:
(1) Index Librorum Prohibitorum ist für registrierte Benutzer von archiv.org online verfügbar.
(2) Catena Librorum Tacendorum verfügbar bei archiv.org und möglicherweise anderen Quellen.
(3) The Archival Logic of the Secret Museum by Sarah Bull - Book History, Volume 20, 2017. Online. (Die akademische Sprache wurde in ein leichter verständliches Deutsch umgesetzt).
(4) Frictrice: Die Frictrix („Reiberin“) ist eine Frau, die mit der Hand an den Geschlechtsteilen einer anderen Frau oder eines Mannes tätig wird. Bei der Umwandlung in andere Sprachen wurde auch der Begriff „Frictrice“ verwendet.
Kursrechnung nach Inflationhistory. "Der wundersame Pisanius Fraxi und seine Quellen" vollständig lesen





