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Vom ganz gewöhnlichen Gespräch zur intimen Begegnung

Klassische Verführung
Dies ist kein Wegweiser, sondern eine Sammlung von modernen Auffassungen über „gegenseitige Verführungen“.

Persönliche Gespräche schaffen Kontakte – egal, welchen „Anspruch“ du hast. Nun kannst du natürlich sagen: Warum ausgerechnet das „gewöhnliche Gespräch“? Gibt es nicht Hunderte von Ratschlägen, was Männer „tun“ oder „sagen“ müssen, wenn sie eine Frau, „herumkriegen“ wollen?

Klare Ansage: „Herumkriegen“ ist ein Unwort. Es stammt aus Zeiten, in denen Männer ihre Machtposition ausnutzen, um Frauen einzuschüchtern.

Frauen und Frauen, Männer und Frauen

Fragen wir doch mal etwa anders: Was machen Frauen, um andere Frauen in ihre Intimsphäre zu locken?

Eine Bekannte, die beide Seiten kennt, hat es mit einmal ausführlich erklärt. Am Ende ging alles auf einen Bierdeckel: Small Talk – Vertrauen aufbauen, Wünsche wecken oder vertiefen – und ab auf die Couch, um einander diese Wünsche zu erfüllen.

Methoden der Kommunikation – im Groben

Klar, das geht nicht immer – und wenn ein Mann eine Frau sucht, ist das alles ein bisschen komplizierter. Aber was ich davon mitgenommen habe, ist dies: Small Talk ist wichtig, um zu erfahren, was die andere Person besonders bewegt. Man geht dazu heute gerne zum „einfühlsamen Zuhören“ über. Im Grunde handelt es sich aber um ein Verfahren, um eine Person mithilfe ihrer eigenen Worte zu lenken: Aktives Zuhören. Die meisten Menschen, die es beherrschen, nutzen es zum Wohl der anderen Person.

Falls wenigstens eine Person an einer intimen Beziehung interessiert ist, wird sie die Methode jedoch auch nutzen, um etwas über die Wünsche, Defizite und Begierden der anderen Person zu erfahren. Daraus kann unter günstigen Bedingungen die „gegenseitige Verführung“ entstehen.

Vom guten Gespräch bis zur gegenseitigen Verführung

Zuvor will ich die Definition von „Verführungen“ in ein neues Licht rücken. Das Wort wurde von zahllosen Autorinnen und Autoren in die Schmuddelecke verbannt. Der Grund ist einfach: „Führung“ ist nach Ansicht der Moralisten gut, weil die Ziele „lauter“ sind, also „reinen Gedanken“ entsprechen. Verführung ist hingegen, was die bösen Wölfe im Märchen im Sinn haben: „Schnell die Befriedigung der Gelüste zu erreichen – und zwar zum Schaden anderer“.

Dabei wird ein Machtgefälle angenommen: Verführer(innen) sind stark, aktiv, „verschlagen“ (unehrlich), schlau und egozentrisch. Verführte hingegen sind schwach, passiv, naiv, gutgläubig und altruistisch.

Das mag in der Vergangenheit durchaus so gewesen sein. Doch seit selbstbewusste und emanzipierte Menschen aufeinandertreffen, gilt eher das, was ich hier beschreibe:

Verführungen sind heute oft wechselseitige Prozesse, bei dem zunächst nicht deutlich wird, was beide Personen voneinander wollen. Im Verlauf des Gesprächs versuchen nun beide, herauszufinden, inwieweit sie sich auf die andere Person jetzt und hier einlassen wollen. Letztlich überprüft jede Person ihre Begierden und Hürden, wobei Überraschungen durchaus möglich sind.

Das Fazit

Gewöhnlicher Small Talk ist eine Möglichkeit, Gespräche in jede beliebige Richtung auszuweiten, solange beide sich dabei wohlfühlen. Der Small Talk führt immer dann zu einem gewissen Erfolg, wenn gemeinsame Interessen entdeckt werden. Dann kann er zu Freundschaften führen und manchmal auch zu Beziehungen. Sollten dabei gemeinsame intime Wünsche entdeckt werden, dann bleibt noch zu klären, ob sie auch miteinander ausgeführt werden können. Die „Schmetterlinge im Bauch“ werden dabei als Sinnbild für sexuelle Begierde genutzt.

Ebenfalls zum Thema: Small Talk bei realfeelings.

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Bild: Buchillustration, anonym.

Ist Verführung als Wort nicht mehr zeitgemäß?

Der Frühling ist die Zeit, in der die Natur selbst als Verführerin auftritt, auch, wenn dies wissenschaftlich nicht haltbar sein mag.

Im oberschlauen „Wiktionary“ wurde das Wort bereits „verabschiedet“. Ob es einen Ersatz dafür gibt? Die Sprache, das haben wir oft gehört, wird gegenwärtig von der Neusprech-Bewegung gesäubert. Da hat die Verführung offenbar keinen Platz mehr, aber auch sonst deutet kein deutsches Wort mehr auf den Umstand hin, jemand zu etwas zu „verleiten“. (1) Wobei „verleiten“ in meinen Ohren noch wesentlich angejahrter klingt als „verführen. Im Übrigen ist das Wort in der Alltagssprache hochmodern. In der Literatur mag man „becircen“ (bezirzen) sagen, in der Gelehrtensprache sagte man „Seduktion“, und Mayers historisches Lexikon übersetzte dies knapp mit „verleiten“ oder verführen. Die Juristen jener Zeit kannten noch den Begriff der „strafbaren Verführung eines unbescholtenen Mädchens.“
Er mischt immer mit: die angebliche Ursache der Verführung

Als Faust mit dem Teufel diskutiert, dass dieser zu lange benötige, um die von ihm begehrte junge Frau herbeizuschaffen, fällt der selbstherrliche Satz:

Hätt’ ich nur sieben Stunden Ruh,
Brauchte den Teufel nicht dazu,
So ein Geschöpfchen zu verführen.


Der Teufel kennt sich besser aus - er weiß, was Faust eigentlich plant.

Was hilft’s nur g’rade zu genießen?
Die Freud’ ist lange nicht so groß,
Als wenn ihr erst herauf, herum,
Durch allerley Brimborium,
Das Püppchen geknetet und zugericht’t
Wie’s lehret manche welsche Geschicht’.


Goethe einerseits, die Bibel andererseits

Die Verführte, Umgeben von Schlangen
Der schlechten Ruf des Wortes „Verführung“ in der heutigen Zeit mag darauf zurückzuführen sein, jedoch wurde auch die Schlange als Verführerin bezeichnet. Und in der Folge leider auch Eva, die auf die Schlange hereinfiel, die ihrerseits nichts mehr als der Satan selbst sein sollte.

Mit dem Negativen ausgestattet, konnte dem Begriff „Verführung“ kaum noch etwas Gutes passieren. Die Maid, die verführen ließ, war dem Verderben preisgegeben - da lässt Goethe grüßen.

Sind Verführungen nicht mehr aktuell?

Doch was sind Verführungen wirklich? Was sind sie in den Zeiten des 21. Jahrhunderts? Bedeutet das Wort mehr als das, was Mephisto und ein paar moderne Trickverführer (PUAs) uns einflüstern wollen? Läuft die Verführung überhaupt von Mann zu Frau? Vielleicht auch von Frau zu Mann? Von Frau zu Frau? Von Mann zu Mann? Oder von Werbeaussage zu Mensch?

Und wie, um alles in der Welt, können wir in Zukunft das Wort „Verführen“ weiterhin gebrauchen?

Ich stelle die Frage nicht nur - ich kann sie auch beantworten. Und ein Teil dieser Antwort ist: Wir sollten uns von Wörtern nicht verabschieden, sondern sie sinnvoll nutzen.

Faust-Mephisto-Dialoge: hier.

Bilder: Vom Autor, © 2020 by sehpferd.de

(1) Möglicherweise meint "Wiktionary", dass nur noch die Bedeutung (5) " jemanden zum Geschlechtsverkehr verleiten" gebräuchlich ist. Dann wäre aber auch die Bedeutung (2) nicht "veraltet", nämlich "auf einen falschen Weg führen, in eine falsche Richtung führen.", die wieder mit der Bedeutung (3) in Zusammenhang gebracht wird, nämlich "jemanden derart gezielt beeinflussen, dass dieser etwas ... gegen seine ursprüngliche Absicht tut."