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Dem liberalen Geist eine Stimme geben - das ist sehpferd

Etiketten statt Erklärungen

In früheren Zeiten waren wir gewohnt, das Verhalten von Menschen anhand unserer Beobachtungen zu beschreiben. Das war schwierig, aber sinnreich.

Heute schlagen wir einander mit Begriffen, bis die emotionalen Wunden bluten. Ich habe gerade meinen großen Zeh (noch nicht mehr) in ein Thema getaucht, das man Vereinnahmung nennt.

Also mal Google her, und erst einmal nachgeforscht, wie sie begründet werden kann, die Vereinnahmung. Wann beginnt sie? Welche Motive haben jene, die sich vereinnahmen lassen? Wie beschreiben Menschen diesen Prozess?

Doch Google hält - wie offenbar die meisten Menschen, die im Internet publizieren - nahezu nur Schlagwörter für mich bereit. Zwei, die derzeit besonders populär sind heißen „toxisch“ und „narzisstisch“.

Wie das Internet die Welt in ein Irrenhaus verwandelt

Wenn ich alldem glauben würde, dann wäre die Welt (insbesondere die der Männer) ein Irrenhaus, das von Männlichkeitswahn und (gleichfalls männlichen) Vereinnahmungsfantasien dominiert wird. Und natürlich wissen die meisten der Autorinnen und Autoren: Das kann irgendwie nicht sein. Aber so ein Begriff ist nun einmal schnell in den Mund genommen, und jeder, der über eine gepflegte, akademisierte Sprache verfügt, kann ihn glaubwürdig über die Lippen bringen. Schade für die, die es lesen und daran glauben.

Vereinnahmung ist ein Thema, das bei der Partnersuche eine große Rolle spielt, so sehr, dass sich manche Menschen (und diesmal auch Männer) sogleich „vereinnahmt“ fühlen.

Aber das Thema ist wirklich zu schade, um es den Labervögeln zu überlassen, die mit Etiketten um sich werfen und so Klugheit vortäuschen.

Was meint ihr?

Die Suche nach Gegensätzen

Die Puristen dieser Erde behaupten, dass es zu einem Zustand immer auch einen Gegensatz geben würde, und sie wollen die Welt möglichst darauf reduzieren.

Da ich nicht so recht in das Schema „Christ“ passe, wurde ich schon ein „Heide“ genannt. Das ist ein Beispiel dafür, wie die Mehrheit die Minderheit etikettiert. Üblich ist neuerdings, dass die Minderheit die Mehrheit definiert. Menschen, die diversen sexuelle Strömungen anhängen, haben für sich selbst den Begriff „Queer“ gefunden. Das ist ihr gutes Recht. Aber ist es auch ihr Recht, sozusagen als Revanche, die anderen Menschen als „CIS“ zu bezeichnen? Haben sie überhaupt ein Recht, andere zu etikettieren?

Neulich wurde ich gefragt, ob es einen wirklich korrekten Gegensatz zu „Veganern“ gäbe. Nun kenn ich den Unterschied zwischen Veganern und Vegetariern, und sie können sich nennen, wie sie wollen. Sie könnten sich auch einfach über das definieren, was sie essen oder nutzen. Das wäre oft hilfreicher als das Etikett.

Doch nun muss eben das „Gegenteil“ her. Demnach wäre ein „Karnist“ das Gegenteil zum Vegetarier, aber es passt den Veganern nun wieder nicht recht, obgleich eine ihrer Protagonistinnen (Melanie Joy) ihn für das Gegenteil von „Veganismus“ hält. Das Ganze ist plumpe Ideologie und zudem logischer Unsinn. Denn unter dieser Voraussetzung würde sich ein Karnist ausschließlich von Fleisch ernähren. Der Trick aller Ideologen wir auch für diesen Begriff angewendet: Karnismus wird als Ideologie bezeichnet, Veganismus als Normalität.


Die Über-Ideologie besteht allerdings darin, dass es zu jeder Haltung oder Einstellung einen Gegensatz geben müsse. Die angebliche Logik, die dahintersteckt, ist eine veraltete Betrachtungsweise. So wie bei Volkmar Sigusch:

Wenn es Transsexuelle gibt, muss es logischerweise auch Zissexuelle geben.

Jener Herr Sigusch begründet das im typischen Gelehrtendeutsch, das ich euch hier ersparen möchte.

Ähnlich erging es den „Heterosexuellen“, die erst durch den Begriff „Homosexuelle“ zu solchen wurden. All diese Begriffe sollen verhindern, dass irgendjemand auf die Idee käme, die überwiegende Anzahl als „normal“, zu bezeichnen, denn innerhalb der Ideologie der Gegensätze wären sie dann „unnormal“.

Abweichungen sind weder "Unnormal" noch sind sie "Gegensätze"

Das soll natürlich nicht sein. Niemand, der sich als etwas bezeichnet, was abweicht, ist deswegen unnormal. Er ist nur anders, und das „Anderssein“ ist oft schwieriger als das „Sosein“ - nicht nur in der Sexualität. Würde jeder sagen, wie er ist und was es für ihn bedeutet, würden wir genauer wissen, was er fühlt und denkt. Klebt er/sie sich ein Etikett auf, so wissen wir gar nichts über die Person, sondern schauen auf ihr Etikett. Ob wird das wirklich wollen? Ich bezweifle es.

Die Menschheit und das Novum

Ich lese gerade einige Beiträge über Beziehungen und war verblüfft (Quelle 1):

In der Geschichte der Menschheit hat das eher keine Tradition, sondern ist ein Novum.

An anderer Stelle lese ich sehr ähnlich (Quelle 2):

In der Geschichte der Menschheit hat das keine Tradition, sondern ist etwas gänzlich Neues.
Die Liebesheirat als "Novum"?

Was ist gemeint? Ich verrate es euch: die Liebesheirat, auch Neigungsehe genannt. Ich darf als bekannt voraussetzen, dass sie zur Mitte des 19. Jahrhunderts aufkam, dann weitgehend propagiert wurde und sich schließlich aus ökonomischen wie auch emotionalen Gründen durchsetzte.

Als die Mitgift nach und nach verschwand

Um es klar zu sagen: Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein galt es als üblich, eine Geldzahlung auszuloben, wenn man die Tochter verheiraten wollte, die sogenannte „Mitgift“. Das führte zu etlichen Konvenienzehen, in denen die Frauen ihre Rolle zu finden hatten, ob sie wollten oder nicht.

Kein Novum für fast niemanden

Nun wäre die Frage: Wie kann man eine Entwicklung als „Novum“ bezeichnen, wenn die Tradition der Neigungsehe etwa (je nach Zählung) 100 bis 150 Jahre zurückreicht? Die meisten Menschen, die heute noch leben, haben ausschließlich Neigungsehen oder Liebesheiraten kennengelernt. Und wieso werden dann die „alten Zeiten“ beschworen, zu denen der moderne Mensch keinen inneren Bezug mehr hat?

Manipulationen mit Worten

Es gibt nur einen Grund: Solche Aussagen werden manipulativ verwendet, um Menschen zu überzeugen, dass die Liebe keine Grundlage für eine Beziehung ist. Das mag gelegentlich sogar stimme, schließlich ist die Liebe an sich nur ein recht unbestimmtes Gefühl. Aber es ist immer „die Liebe und noch etwas anderes“, was eine Beziehung ausmacht. Aus diesem Grund hat beispielsweise auch Arnold Retzers Buch „Lob der Vernunftehe“ seine Berechtigung. Aber er sagt mindestens noch „Die Ehe ist eine auf Vernunft gründende Lebensform, die wir aus Liebe eingehen.“

Was die Trivialautoren hingen schreiben, abschreiben oder sonst wie verfassen, ist Murks. Und der Hinweis darauf, dass etwas „keine Traditionen“ in der Menschheitsgeschichte hat, ist billiger Populismus. Viele Erscheinungen des 19. Und 20. Jahrhunderts hatten „keine Traditionen“, und dennoch haben sich die Menschen ihr Leben in dieser oder jener Weise eingerichtet. Und en „Weg zurück“ in die angeblichen Traditionen will kaum jemand gehen.

Das Emotionale, das Sentimentale

Dieser Tage fragte man mich, ob ich den Unterschied zwischen „Sentiment“ und „Emotion“ erklären könne. Für einen Schriftsteller sollte dies leicht sein, nicht wahr?

Und es ist wirklich ganz einfach: Die Emotion ist die Gefühlregung, die nicht näher definiert sein muss. Das „Sentiment“ hingegen ist die Auswirkung, die sich der eigenen Erkenntnis oder dem Blick der Anderen öffnet. Übrigens ist das Wort „Emotion“ ziemlich neu. Es fristete noch im späten 19. Jahrhundert ein kümmerliches Dasein, und erst im Rausch des aufkommenden Interesses für die Psychoanalyse wurde es populär. Auf Deutsch hieße es: „Gefühle“, das ursprüngliche „Sentimentale“ nennt man „Empfindungen“.

Wenn sich die Bedeutung eines Worts wandelt

Nun ist die Sprache allerdings wandelbar, und schon im 18. Jahrhundert wurde aus dem, was aus den Gefühlen heraus zu den Sinnen gelangt, als „übermäßig“ oder gar „unecht“ beschrieben. Das hat etwas mit der Einstellung jener Zeit zu tun, die der Gefühlswelt im Alltag wenig Raum gab – wenn man einmal von Dichtung und Musik absieht. Im 19. Jahrhundert trat dann ein, was viele Denker schon zuvor befürchtet hatten. Die Romantik verkleisterte mit ihrer Rührseligkeit die echten Gefühle – und dies führte endgültig dazu, das „Sentimentale“ abzuwerten und in die Abteilung „Kitsch“ zu verfrachten.

Die moderne Sprache ist wesentlich klarer: für Emotionen sagen wir „Gefühle haben“ und für das Sentimentale „Gefühle zeigen“.

Digitalisierung, Sprache und Gefühle

Heute berühre ich ein Thema, das für alle Menschen wichtig ist - und das dennoch zumeist ignoriert wird. Es betrifft die Möglichkeiten, über Gefühle zu sprechen und zu schreiben.

Was ist Digitalisierung?

Digitalisierung ist die Umsetzung weitgehend natürlicher Vorgänge und Prozessen in Zeichen, also in „Digits“. Ursprünglich waren mit „Digits“ alleine Ziffernfolgen gemeint, heute wird meist eine Zeichenfolge in dieser Weise bezeichnet. Entsprechend ist eine „Digitalanzeige“ (beispielsweise an der Uhr) eine Umsetzung der (analog zu verstehenden) Zeit in Ziffern, die sich unmittelbar auslesen lassen. Das ist im Grunde immer und überall so: Der Ablauf natürlicher Vorgänge lässt sich am besten „analog“ verstehen, das heißt, in einer gewissen Abfolge, aber ohne Stufen und nicht in vollständigen Zeichen. Ausnahmen bestehen einerseits im Erbgut, das sehr konkrete Informationen enthält, die sich auch genau beschreiben lassen, und anderseits in der menschlichen Sprache und in der daraus abgeleiteten Schrift. Durch sie wird es möglich, ausgesprochen komplexe Informationen auszudrücken und weiterzugeben.

Gefühle und Empfindungen stehen "analog"

Die Schwierigkeiten, die wir mit der Umsetzung von rein analogen Informationen in digitale Informationen haben, zeigen sich, wenn wir Empfindungen in Sprache umsetzen wollen. Empfindungen zwischen Menschen werden üblicherweise, wie bei allen Säugetieren, zunächst analog übermittelt. Der Kybernetiker spricht dann von „analoger Kommunikation“, der Psychologe von „non-verbaler Kommunikation“. Beide Begriffe treffen nicht ganz das, was geschieht. Das Problem non-verbaler Kommunikation besteht darin, dass dem Zivilisationsmenschen ein Teil des Zeichenvorrats abahnden gekommen ist, insbesondere, was das Erkennen von Zeichen betrifft. Das heißt: Ein Pferd oder ein Hund kann noch die Zeichen erkennen, die der Mensch aussendet, Menschen können aber oft nicht mehr erkennen, welche differenzierten Zeichen ein anderer Mensch sendet. Man sagt daher, analoge Kommunikation sei im Grundsatz „redundant“, also mehrdeutig.

Wir kommunizieren weiterhin auch "analog"

Diese Art der Kommunikation muss man so verstehen: Sie ist dauernd vorhanden, aber sie erfordert nicht immer eine bewusste Reaktion. Zwar ist es „unmöglich, nicht zu kommunizieren“, aber es ist möglich, dadurch zu kommunizieren, dass man sich entfernt (den Raum verlässt) und die anderen im Unklare darüber lässt, warum. Die non-verbale Kommunikation hat viel mit Grundsituationen zu tun: Aufmerksamkeit, Interesse, Paarungsbereitschaft, Sozialisierung, aber auch Gefahrenabwehr.

Wie Gefühle, Empfindungen und dergleichen sich überhaupt „digitalisieren“ lassen, wissen offenbar nur wenige Autoren: Indem sie „verbal“ von „nonverbal“ trennen, so als ob es Zustände aus zwei Welten wären, verhindern sie, dass Bücken gebaut werden können.

Die menschliche Sprache wurde nicht erfunden, um Gefühle auszutauschen

Der ursprüngliche Sinn der Sprache, wie auch schon der anderer künstlicher Zeichen (Höhlenmalerei), war vor allem, sich über Vorgehensweisen zu verständigen. Dazu eignet sich die Sprache vorzüglich, denn die Jäger, die Umgebung und die Tiere, die gejagt wurden, konnten genau bezeichnet werden. Auch viel später wurde die Sprache überwiegend dazu benutzt, um Vorgehensweisen zu vermitteln. Wann genau abstrakte Begriffe, Philosophien und Religionen sprachlich übermittelt werden konnten, ist nicht ganz sicher – jedenfalls wurde mit der Ausweitung der Sprache auch versucht, Gefühle zu übermitteln.

Die meisten Forscher sind sich sicher: Je komplexer ein Gefühl ist, umso weniger ist digitalisierbar. Früher sprach man in der Psychoanalyse auch von der Schwierigkeit, Gefühle zu „verwörtern“. Einen Schmerz im Knie mögen wie noch leicht „verwörtern“ können, die inneren Hemmungen beim Absprechen einer Frau aber kaum noch. Solche Gefühle entziehen sich teilweise der Beschreibung – und genau hier beginnt eines der Probleme unserer Sprache.

Warum es ausgesprochen schwierig ist, über Gefühle zu sprechen

Um im traditionellen Sinne Gefühle zu verstehen oder gar Rat zu geben, wenn uns jemand über ungenaue Gefühle berichtet, müssten wir dies tun:

1. Jemand müsste in der Lage sein, seine Gefühle vollständig zu digitalisieren.
2. Wir müssen (als Zuhörer, Berater) die digitalisierten Gefühle sowohl digital wie auch analog nachzuvollziehen. Das ist technisch so gut wie nicht möglich – über die Gründe zu sprechen, würde zu viele Zeilen erfordern.
3. Die Rückkoppelung (also mögliche Antworten) müsste in Sprache erfolgen, aber so, dass die Gefühlsebene getroffen wird. Das ist sehr unwahrscheinlich- in jedem Fall erfordert es viel Übung.

Was ich beschrieben habe, gilt für alle Dialoge, aber auch für das Schreiben oder Lesen von Texten. Dabei zeigt sich, wie schwierig es immer wieder ist, von digitalem Denken (Denken in Sprache) auf analoges Denken (denken in Gefühlen und Empfindungen) „umzuschalten“ und das eine in das andere zu übersetzen.

Dieser Umstand hat Auswirkungen auf das Leben jedes Einzelnen. Und ich wundere mich wirklich, warum er in der Öffentlichkeit kaum jemals erwähnt wird. Welche Auswirkungen dies hat , und was wir tun können, um unsere Kommunikation zu verbessern oder aber auch in anderer Weise über Gefühle zu schreiben, wäre weitere Artikel dieser Art wert - vorausgesetzt, sie würden auch gelesen.