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Dem liberalen Geist eine Stimme geben - das ist sehpferd

Im Osten nichts Neues - jedenfalls am Stammtisch

„Jetzt nach 30 Jahren müssen wir das endlich ändern“, solche Sätze kann man überall in den „neuen Bundesländer“ hören - und nicht nur von AfD-Anhängern, sondern von Besserwissern aller Art. Was dieses „Das“ ist? Irgendetwas, das aus dem Westen kam. Etwas Schlechtes, versteht sich.

Ein einig Volk von Gleichgesinnten

Stammtischbrüder wissen natürlich auch, wie die Fußball-Europameisterschaft hätte gewonnen werden können, und sie wissen natürlich, wie dieser Trainer aus dem Schwabenland alles hätte besser machen können. Und warum alle Politiker sowieso Luschen sind, und die Kandidaten für die Kanzlerschaft im Besonderen. Und warum Umweltschutz ganz schlecht für die Landwirtschaft ist. Von den Corona-Experten unter den Bürgern im Osten ganz zu schweigen. Die Meinungsfreiheit? Sie wird immer dann eingeschränkt, wenn irgendein Verschwörungstheoretiker, Impfgegner oder sonstiger Fanatiker seinen Müll nicht mehr veröffentlicht bekommt. Ansonsten interessieren Meinungs- und Pressefreiheit hier niemanden. Hier kann man ja sagen, was man will. Und wei der Wessie mit am Tisch sitzt und zuhört - ei, da kann man gleich noch ein bisschen in Richtung „Westdeutschland“ austeilen - so durch die Blume.

Manches ist im Osten wie im Westen

Das alles gibt es „im Westen“ auch. Es ist der übliche Stammtischmix: Die Menschen sind keinesfalls ungebildet, leisten auf ihren jeweiligen Fachgebieten möglicherweise sogar Erstaunliches - aber hier werden sie zur Masse. Hören jenen zu, die das große Wort schwingen. Pflichten ihnen bei, weil es bequemer ist, also tatsächlich eine individuelle Meinung zu vertreten.

Für mich nicht schlecht: Ich kann ein wenig in des Volkes Seele hineinsehen. Und am Ende ist alles sowieso klar - nein, niemand am Tisch würde das Risiko eingehen, sich selbst für die Buhmännerjobs anzubieten. Die Eignung als Politiker, Schriftsteller, Redakteur, Sanierer ... nein, sie sind es nicht. Sie warten, bis es andere tun, um sie dann zu kritisieren.

Das neue Lamento um "zu hohe" Mieten

Ich lese immer wieder, dass die Mieten viel zu hoch sind und dazu noch viel zu schnell steigen. Ob es nun die extreme Linke oder die extreme Rechte ist - alle tuten in dieses Rohr.

Ruinen und sichtbarer Verfall selbst in Innenstadtnähe

Wenn ich durch die nächsten beiden Längs- und Querstraßen rund um den Marktplatz gehe, sehe ich täglich den Verfall. Gebäude, teils historisch wertvoll, verkommen von Tag zu Tag mehr - wegen des Leerstands.

Renoviert wird vor allem nicht, weil die Kosten so hoch wären, dass sie niemand tragen will - die möglichen Mieteinnahmen wären einfach viel zu gering. Und der Verfall geht immer weiter - jeden Tag.

Der Verfall - dank Sozialismus und falschen Versprechungen

Das will niemand sehen und offenkundig kann dies auch niemand ändern - es geht nun schon seit Jahrzehnten so. Ein Teil des Problems ist der „glorreiche“ Sozialismus, dem heute noch einige Ex-DDR-Bürger nachweinen. Und immer wieder höre ich, dass die Denkmalschützer immer noch die große Klappe haben und dadurch sinnvoll Renovierungen verhindern. Und dies auch dann, wenn die Dächer schon eingestürzt sind und die Gebäude zum Schandfleck für die Stadt werden. Nur ein paar Unentwegte versuchen dankenswerterweise noch, etwas zu retten - aber zumeist ist es bereits viel zu spät.

Klar liegt das teilweise an den Eigentümern, teils aus dem Westen, die sich irgendwann der großen Profit vorsprechen haben - oder denen er versprochen wurde.

Der Scherbenhaufen in den Städten und das Geheul um niedrigere Mietpreise

Das alle mag nicht veränderbar sein - jetzt jedenfalls nicht mehr. Aber bevor man über „viel zu teure“ oder gar „unbezahlbare“ Mieten labert oder damit gar noch Wahlen gewinnen will, sollte man vielleicht einmal anschauen, wie elend viele Städte im Osten aussehen. Dagegen hilft weder das „Häuschen im Grünen“ noch die „Mietpreisbremse“.

Sachsen-Anhalts CDU rebelliert gegen die ARD

Angesichts der Probleme, die dieses Land wirklich bewegen, kann man schon den heiligen Zorn bekommen, wenn sich irgendwelche CDU-Abgeordnete gegen die moderate Beitragserhöhung der Rundfunkbeiträge auflehnen. Irgendwie passt das ja: Im Vereinigten Königreich schießen die Konservativen sich auf die BBC ein, in Sachsen-Anhalt gefällt den CDU-Abgeordneten Detlef Gürth, Frank Scheurell und Markus Kurze die ganze Chose nicht. Die Begründung von Frank Scheurell ist besonders interessant - sie zeigt, das es gar nicht um die Gebühren geht, sondern um etwas anderes.

„Wann findet Sachsen-Anhalt mal in der ARD statt? Wenn irgendein Mob etwas anzündet. Ansonsten? Kannste vergessen! Da machen wir nicht mehr mit.“

Übrigens will die AfD auch nicht „mehr mitmachen“. Wollte sie noch nie.

Mehr dazu sollte man in der ZEIT nachlesen. Vor allem den letzten Absatz. Der spricht Bände.

30 Jahre Einheit und Spalter

Es ist die Zeit der „Manhättes“. Also derjenigen, die hinterher immer alles besser wissen. „Man hätte nicht 1:1 umstellen müssen“, „man hätte die industrielle Substanz erhalten müssen“.

Herr Kohl und seine Versprechungen

Was man hätte tun können, war sicherlich mehr, als man tat. Das hat einerseits damit zu tun, dass kaum jemand im Westen an die Wiedervereinigung geglaubt hätte. Wer nicht mehr daran glaubt, kann sich auch nicht vorbereiten. Und dann war da der Herr Kohl - der hätte wissen müssen, dass er viel zu viel versprochen hatte. Und er hoffte, wie nahezu alle Menschen seines Schlages - auf die Kraft der edlen Gesinnung, die schon alles richten würde.

Nicht zuhören im Westen, kein Überblick im Osten

All dies war ein folgenschwerer Irrtum. Hinzu kam, dass die Menschen aus dem Westen nicht gut zuhörten, wenn die Menschen aus dem Osten sprachen. Und die Menschen im Osten ahnten zum großen Teil nicht, dass ihr Staat pleite war und ihre Industrie zwar vorhanden, aber völlig unvorbereitet auf das 21. Jahrhundert war.

Wer die bessere Welt im Westen suchte

Zudem trat ein Phänomen ein, das viele überraschte: Die Bindungen an die ostdeutsche Scholle waren kleiner als gedacht. Insbesondere Frauen strömten nach Westdeutschland. Nicht nur wegen der höheren Löhne, sondern auch, um eine Welt einzutauchen, die ihnen in mehr Entfaltungsmöglichkeiten bot. Und - sie erwiesen sich als ausgesprochen anpassungsfähig.

Die 1990er - Veränderungen allenthalben

Überhaupt waren die 1990er-Jahre für alle eine Zeit, in der sich Veränderungen anbahnten. Auch im Westen änderte sich das Prinzip, auf die Welt zu kommen, irgendeinen Beruf zu haben, an ihm festzuhalten und ihn mit 65 Jahren für die Rente zu verlassen. Das Verhalten der Männer gegenüber Frauen und die Sichtweise der Frauen auf die Männer hatten sich im Westen schon vorher verändert - doch in den 1990ern zeigten sich die Früchte, die eine neue Generation daraus erntete. Auch die Wirtschaft, sowohl die Industrie wie auch der Handel, erlebten in der Folge Veränderungen. Das Informationszeitalter bot ganz neue Chancen - für diejenigen, die ihm nicht folgen wollte, aber auch zahllose Nachteile. Kurz: Alles wandelte sich. Jeder war damit beschäftigt, den Wandel für sich selbst zu vollziehen oder zu verarbeiten.

Im Osten - Scheinwelten erstellen statt Realitäten zulassen?

Man hätte - ökonomische „hätte“ man vielleicht etwas anders vorgehen können - aber das ist reine Spekulation. Was wäre wohl passiert, wenn man in den alten Fabriken mit dem bekannten Personalüberhang weiterproduziert hätte? Wie schnell hätte man damit Scheinwelten geschaffen? Und was wäre, wenn diese nach ein paar Jahren falscher Hoffnungen mit Krachen zusammengebrochen wären?

Der „Osten“, eigentlich also die neuen Bundesländer, entwickelte sich weder so schlecht, wie befürchtet noch so gut, wie von den Schönbetern um Helmut Kohl erwartet wurde. Der „große Ruck“ fehlte allenthalben, zumal die Jugend als Motor solcher Entwicklungen ausfiel - und er fehlt bis heute.

Nach 30 Jahren wir die Einheit schlechtgeredet

30 Jahre Einheit? Inzwischen glauben die Spalter, ihre große Stunde hätte geschlagen. Sie treiben Keile in die Bevölkerung, trennen wieder zwischen „guten“ Ostdeutschen“ und „bösen“ Westdeutschen. Sie versuchen, Kulturen und Identitäten zu reanimieren, die längst verfallen sind.

Sie sind es, auf die wir achten müssen, gleich, ob sie von „links“ oder von „rechts“ aus argumentieren. Und wir sollten uns wirklich mehr auf diejenigen konzentrieren, die unsere gemeinsame Kultur pflegen und entwickeln. „Deutsch“ sein heißt heute viel mehr, als einem exzentrischen Nationalkult anzugehören.

Was es heißt? Das wissen leider oft nur diejenigen, die ihr „Deutschsein“ kritisch ansehen und die wissen, aus wie vielen unterschiedlichen Kulturen es sich zusammensetzt. Und sie sehen in westeuropäischen Werten, unabhängig von „nationalen“ Überlegungen, die Ursprünge unseres Daseins. Und dabei habe ich noch nicht einmal berücksichtigt, dass ein großer Teil „unserer“ Kultur aus dem Orient stammt.

Wie wäre es also mit mehr Einheit und weniger Spaltung?

Mieten – objektiv

Die Wochenzeitung die ZEIT veröffentlichte gerade einen Artikel, in dem die Wohnsituation in Deutschland anhand der Mietpreise beleuchtet wird.

Die Erkenntnisse sind nicht neu – Großstädte, deren Speckgürtel sowie Anrainer an Grenzen zu ebenfalls wohlhabenden Ländern und beliebte Küstenregionen sind die Spitzenreiter.

Im Osten sind die Mieten wirklich niedrig

Obgleich es auch im „alten“ Westen noch günstige Regionen gibt, werden im Osten die niedrigsten Mieten gefordert und gezahlt. Zwischen knapp vier und sechs Euro pro Quadratmeter können dort in der Fläche erzielt werden. In meiner Region liegt die Kaltmiete bei ungefähr fünf Euro. Viele Altbauwohnungen werden aber nach wie vor zu wesentlich günstigeren Preisen angeboten.

Die nächste Großstadt ist 40 Km (Luftlinie) oder 53 km (Straße) entfernt. Ich denke, ein Bewohner des "Mittleren Neckarraums" würde über solche Konditionen Bauklötze staunen.