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Ein gewisser Carl Gustav Jung

Die Menschheit hat einem gewissen Carl Gustav Jung zu verdanken, in zwei Lager geteilt zu werden: die Introvertierten und die Extravertierten. Das wäre nicht besonders tragisch, wenn andere „Wissenschaftler“ sich nicht ständig darauf beziehen würden. Ich habe gerade über Myers-Briggs geschrieben, die diese beiden Begriffe (nach C.G. Jung) ganz nach vorne stellen und den Rest der Persönlichkeit sozusagen auf diesem Fundament aufbauen.

Nun unterscheiden sich Menschen durch vielerlei: zum Beispiel durch die Art, in der sie denken oder fühlen. Wir könnten genauso gut sagen: Wir setzen die Art zu denken, an erste Stelle. Oder die Art, in der wir mit der Sprache umgehen, die uns letztendlich zum Menschen macht. Vielleicht auch die Art, in der wir die Realität wahrnehmen?

Nein, das sind keine Vorschläge – nur andere Sichtweisen.

Die Frage ist nur, was sich dieser Herr Jung dabei gedacht hat, eine ganze Wissenschaft so zu beeinflussen – und sie möglicherweise dadurch bis auf den heutigen Tag zu verfälschen?

Sehr interessant und hinreichend objektiv ist dieser Artikel – für alle, die sich informieren wollen. Und ihr solltet wirklich bis zum letzten Absatz lesen.

Wie manche Journalisten alles verfälschen, um Aufmerksamkeit zu erregen

Die Mutter aller PR-Ideen: So viele Journalisten wie möglich mit wahren, glaubwürdigen oder erlogenen Informationen zu versorgen.

Wir alle kennen dies - und zwar aus fast allen Bereichen der Wirtschaft sowie aus den Wissenschaften und Pseudo-Wissenschaften: Journalisten sind heute kaum noch in der Lage, zwischen Wissenschaft und Pseudo-Wissenschaft zu unterscheiden. Und sie verzichten nahezu immer darauf, Informationen aus Wissenschafts-Quellen nachzurecherchieren. Selbst dann, wenn die Wissenschaftler selber auf Ungenauigkeiten und Fehlermöglichkeiten hingewiesen haben, bleibt dies unberücksichtigt.

Es ist jedoch nicht die reine Pressemitteilung, die als fragwürdige Informationen beim Leser landet. Die Presse versucht – vor allem in Überschriften – die Aussagen oder Studienergebnisse reißerisch aufzumachen und ihnen damit einen anderen Sinn zu geben.

Beispiel eins: die große Männerstudie aus München

Ich darf hier an die jüngst erschienene „Studie zur männlichen Sexualität“ erinnern, wobei ich besonders aus die Kursivschreibung hinweise. Denn die Studie hieß

Concordance and Discordance of Sexual Identity, Sexual Experience, and Current Sexual Behavior in 45-Year-Old Men.


Selbst diese Überschrift der Original-Studie weist eine Tatsache nicht aus – die Studie wurde an Männer vorgenommen, die mit 45 Jahren zum ersten Mal zur Prostata-Vorsorgeuntersuchung gingen.

Die Original-PR war betitelt: „Welchen Sex haben deutsche Männer mit 45?“ Er gab bestenfalls dürftige Antworten. Die Presse ging schnell dazu über, die 45 in „Mitte 40“ auszuweiten, was nicht falsch ist, aber deutlich ungenauer. „Das Liebesleben der Männer Mitte 40“ titelte beispielsweise das „Abendblatt“. Andere griffen sich ziemlich wahllos ein Pseudo-Thema heraus „Studie: Sechs Prozent der Schwulen leben heterosexuell“. Der Stern war noch eine Spur spektakulärer und schrieb: „Wenn schwule Männer ein Leben mit Ehefrau und Kindern führen“. Lediglich die TAZ und die Liebe Pur, für die ich schreibe, wagten sich an die Wahrheit heran, die im übrigen offenkundig ist und aus der Studie auch so hervorgeht.

Beispiel zwei: Die ungeliebten Brüste bei Millenials

Noch problematischer ist die Angelegenheit, wenn schon die Quellen fragwürdig sind.

Der Journalist Gustavo Turner weist in „Logic“ darauf hin, wie mit Pressemitteilungen des Erotikunternehmens „Pornhub“ verfahren wird und schreibt dazu:

Die Pressemitteilungen von Pornhub Insights werden häufig zu Geschichten über allgemeine Trends in der menschlichen Sexualität versponnen. Im August 2017 veröffentlichte Insights beispielsweise einen Bericht mit dem Titel: „Boobs: Sizing Up the Searches“.

In dem Bericht werden Untersuchungen über die Wünsche der Erotik-Konsumenten nach weiblichen Brüsten ausgewertet. Demnach suchten die Besucher der hauseignen Erotik-Suchmaschine zwischen 18 und 24 Jahren nur zu 19 Prozent nach Brüsten – weniger als in anderen Altersgruppen.


Daraus wurde im nu die Schlagzeile "Millennials interessieren sich überhaupt nicht für Brüste, laut einer ziemlich deprimierenden neuen Studie“. Und dieser Artikel wurde – wie so viele andere – dann auch wieder rezitiert. Der Kritiker Gustavo Turner schreibt, wenn man nach „Millenials“ und „Boobs“ suchen würden, gäbe es bei Google unzählige Treffer zu der angeblichen „Studie“, die alle auf die im August 2017 veröffentlichen Behauptungen zurückgingen.

Ich wage gar nicht, die vielen ausgesprochen fragwürdigen Berichte zu erwähnen, die zu medizinischen Themen regelmäßig veröffentlicht werden und die mir Google News jeden Tag entbietet.

Liebepur: Deutsche Männer um 45 und Sex – unspektakulär, TAZ: „Medizinerin über männliche Sexualität - So einfach ist das nicht“.

Multiple Persönlichkeiten?

Und was machen wir nun gemeinsam?
Kein Kybernetiker (1) würde unterschreiben, dass die körpereigene CPU (2) nur eine Persönlichkeit managen kann. Jeder, der sich mit Datenverarbeitung beschäftigt würde dies bezweifeln und einen neutralen Beweis dafür fordern.

Ich las gerade darüber, wie Psychologen und Psychiater eine „Multiple Persönlichkeit“ sehen. Sie sagen, es sei eine „gespaltene“ Persönlichkeit, und sie mögen dann recht haben, wenn die eine Persönlichkeit nichts von der anderen weiß und sie auch nicht anerkennt. Was aber, wenn beide Persönlichkeiten friedlich, kreativ und sinnvoll zusammenarbeiten?

Die andere Frage, die ich mir stelle: Wie, bitte schön, soll ein Schriftsteller „Figuren“ schöpfen, wenn er nur eine Persönlichkeit in sich zulässt? Wie soll er einen Dialog schreiben, wie die Gefühle eines sinnlichen Mannes oder einer korrupten Frau nachvollziehen? (Ich verwende diese Figuren hier bewusst, weil sie keinem gängigen Klischee entsprechen).

Fällt euch dazu etwas ein?

(1) Jemand, der sich mit Steuer- Regel-. und Rückkoppelungsprozessen in Technik und Natur beschäftigt.
(2) CPU - Grundbaustein des Computers, etwas flapsig für das Gehirn verwendet.

Vage Erinnerungen an Warnungen vor „Tanzgruppen für den Orient”

Männer-Träume vom Orient als Postkarte
In den 1950er Jahren wurde in Mythos verbreitet, dass eine Gruppe von sogenannten „Mädchenhändlern“ (so nannte man diese damals wirklich) versuchen würden, junge Damen als „Tänzerinnen für den Orient“ zu rekrutieren. Dies geschah offenbar hauptsächlich zwischen 1950 und 1952 – der Mythos hingegen wurde noch viele Jahre aufrechterhalten. Eine der letzen Überschriften las ich 1972: Deutsche Mädchen als Sklavinnen: Im Harem lebendig begraben. (Quick 1972).

Wer nichts über den Anfang der 1950er Jahre weiß: 1949 wurde die Trizone begründet - der erste Schritt zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland, also Westdeutschlands oder offiziell: der Bundesrepublik Deutschland. Neben einem gewissen Wirtschaftsaufschwung (Wirtschaftswunder), der hauptsächlich denjenigen zugute kam, die Immobilien besaßen oder andere Werte über die Kriegszeiten gerettet hatten, war das Volk arm und sehnsüchtig. Vor allem das Fernweh und der schnelle Ruhm gehörten zu den Träumen junger Menschen und ihrer Eltern. Für die meisten war er unerfüllbar.

Die Lust daran, der Enge zu enfliehen

So wird sich kaum jemand wundern, dass die Lust daran, durch Teilnahme an einer Tanzgruppe fremde Länder kennenzulernen, bei vielen jungen Mädchen der damaligen Zeit ausgesprochen populär war. Man gaukelte den jungen Balletteusen (tatsächlich hatten einige von ihnen eine entsprechende Ausbildung) vor, sie würden die Möglichkeit haben, in der Mailänder Scala aufzutreten. In Wahrheit war zwar Mailand eine Zwischenstation, doch das Ziel war, die jungen Tänzerinnen baldmöglichst an Bordelle „im Orient“ zu verkaufen, wobei allerdings außer Marokko keine anderen Destillationen bekannt wurden. Im SPIEGEL war damals zu lesen, die jungen Frauen seine für die Fremdenlegionärsbordelle von Meknes und Sidi-bel-Abbès bestimmt gewesen. (Quelle: SPIEGEL, Printausgabe, Oktober 1951.,

Derartige Berichte riefen voreilige Kassandrarufer auf den Plan, die Eltern eindringlich davor warnten, ihre Töchter an „Tanzgruppen“ teilnehmen zu lassen Und selbstverständlich griff auch die damals neuerlich aufkommende Sensationspresse das publikumswirksame Thema auf. Plötzlich war die Gefahr überall und man berichtete davon, dass die Frauen an Bordelle oder an Sklavenhändler im Orient verkauft wurden, die diese ihrerseits wieder an reiche Despoten verscherbelten.

Es gab mehrere Berichte über Gräueltaten, beginnend mit Schlägen und endend mit Folter, durch „ausgerissene Fingernägel“ und alles, was sonst der Fantasie des Grauens entsprang.

Weiße Sklavinnen - der Ursprung des Themas
Weißhäutiger Nachschub für die Orientalen - wie es ein Orientmaler sah


Warnung vor Zuhältern, die Damen in der Stadt ansprechen
International war das Thema bereits seit vielen Jahren als „weiße Sklaverei“ bekannt, und auch damals wurden Tatsachen mit Sensationsberichten vermischt, sodass niemand mehr so recht wusste, wo die Tatsachen endeten und wo die Sensationsberichte begannen. Der Unterschied lag jedoch darin, dass die „weißen Sklavinnen“ von Zuhältern im Gewand von Geschäftsleuten rekrutiert wurden, die sich ganz bewusst an mittellose Frauen wandten. Dabei spielte auch die Auswanderung aus Not und Glückshoffnung eine große Rolle.

So entstand der Mythos "Blonde Frauen für den Orient"

Neben der grausamen Realität entstand so eine naiv-romantische Sichtweise des Orients, wie ich aus einer Schilderung erfuhr, in der Vorkriegsereignisse mit Nachkriegsmythen verquickt wurden (Quelle):

Ich habe eine vage Erinnerung an etwas, das mir ein älterer Verwandter sagte, als ich sehr jung war. Er meinte ernsthaft, ich solle mich vor den Gefahren der Stadt hüten, in der weiße Sklavinnen rekrutiert würden. Anscheinend sei es so, dass man in einem Moment etwas einkauft und im nächsten Moment in einem Harem aufwacht.


Der Mythos in den 1950er Jahren in Westdeutschland wurde aus mehreren Quellen gespeist:

- Aus einem bekannt gewordenen tatsächlichen Verbrechen dieser Art.
- Aus Vorkriegsberichten, nach denen Auswanderinnen in die Prostitution gezwungen wurden.
- Aus Sensationsberichten, die sich Autoren in den 1950er Jahren aus den Fingern saugten.
- Aus übertriebenen Warnungen, die ganz bewusst als Disziplinierung eingesetzt wurden.
- Aus falschen Vorstellungen über „die Orientalen“ und ihre „Harems“, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden.
- Aus Filmen, deren Inhalte mehr oder weniger als Tatsachen genommen wurden.

So als kam der Mythos in die Welt, dass in Westdeutschland über Zeitungsanzeigen in Massen junge Frauen gesucht wurden, die angeblich zu Tänzerinnen ausgebildet werden sollten. Sie endeten, laut der einschlägigen Sensationspresse, in „orientalischen Bordellen“, geschunden, geschlagen und gefoltert. Der Teil, der wahr, ekelerregend und belegbar ist, nämlich die der Tanzgruppe „Mille fleurs“, gehörte noch zur Berichterstattung. Der Rest diente dazu, Mythen zu erzeugen und junge Frauen zu disziplinieren, die sich etwas anderes vorstellen konnten als eine Zukunft als Verkäuferin, Kontoristin oder Friseuse.

Die ostdeutsche Seele

Der Deutschlandfunk gibt sich bemüht … und forscht der „ostdeutschen Seele“ nach. Für mich ergibt sich sofort die Frage, ob wir einer schemenhaften „Seele“, ja, dem Gefühlten schlechthin, vertrauen sollten. Und ich gebe zu bedenken: Wir werden nicht „ein Volk“, „nicht unser Europa“ oder vielleicht gar „eine Menschheit“, wenn wir uns auf das zufällige „Erfühlen“ verlassen. Wir müssen schon das tun, was uns Menschen gegeben ist: Den Verstand bemühen.

Und dann lese ich diesen denkwürdig scheinenden Satz:

Auf jeden Fall gibt es eine ostdeutsche Seele.

Und schon sind wir mitten in einem Konflikt: Wenn es eine „ostdeutsche Seele“ gäbe, wäre diese unantastbar. Das würde bedeuten, dass es uns verwehrt wäre, an ihr zu zweifeln. Wir dürften dann gar nicht erst erwähnen, dass es vielleicht besser sein, den Verstand einzuschalten, bevor wir Menschen uns in der Welt unsicherer Gefühlen vergessen.

Schon der eben geschriebene Satz würde mich verdächtig machen. Indem ich ihn schreibe, laufe ich Gefahr, „die Ostdeutschen“ als „als Zielgruppe einer Pädagogisierung“ zu sehen. Oder jeden anderen, der sich auf seine Gefühle zurückzieht.

Nun gut, ich habe einen Eindruck bekommen, was Frau Christiane Thiel so meint. Es war nicht uninteressant, aber die Welt bietet mit Sicherheit andere Interpretationen des Seins an. Und ob das etwas mit „Ostdeutschland“ zu tun hat? Ich zweifle daran und glaube, etwas Nostalgie herauszulesen.