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Dem liberalen Geist eine Stimme geben - das ist sehpferd

Das Normale kehrt zurück ...

Was uns wirklich antreibt, ist nicht die Normalität, sondern das Verlangen, den Weg des Zusammenlebens einzuschlagen, der uns mit Glück und Zuversicht erfüllt. Solche Sätze sind liberal und demokratisch und vor allem berücksichtigen sie unser Menschsein.

Derzeit ist viel die Rede von Normen - geradezu so als wolle man das Wort neu erfinden. Und aus der Norm entstehen dann Wörter wie „heteronormativ“ und ähnliche aus der Soziologie übernommene Unwörter.

Meine Norm, deine Norm und das Normale

Wir hatten die Diskussion schon oft: In Deutschland gibt es einen „rechten Weg“, den wir als „normal“ bezeichnen. Und wir meinen in unserer Selbstherrlichkeit, dass wie sie als „das Normale“ oder als „die Norm“ bezeichnen dürfen. Auf diese Weise manchen wir uns allerdings auch Feinde. Denn wenn wir „die Norm“ sind oder „das Normale“ zu repräsentieren glauben, dann treten sofort ein paar einfältige Menschen auf, die „das andere“ als „unnormal“ etikettieren.

Nun ist der Moment gekommen, in dem die Minderheiten zurückschlagen. Sie geben denjenigen, die sich als „normal“ ansehen, nun ihrerseits Etiketten und freuen sich wie die Schneekönige, wenn sie damit zur Presse durchdringen. Die wiederum glaubt, damit den Minderheiten Dienste zu erweisen. In Wahrheit wird dabei Unverständnis gesät, und etwas wird vergessen: Es gibt keine Norm für das Dasein, und also gibt es auch keine Normalität. Viele vergessen das heute.

Vieles gilt als Norm - und keinesfalls "geht alles"

Ich lese immer wieder, auch aus der Feder ansonsten vernünftiger Menschen, wir hätten eine Kultur, in der „alles geht“. Das ist Polemik. Alles geht keinesfalls, aber es gibt Nomen, die für alle gelten und Normen, die für Gruppen gelten. Sogenannte „Heterosexuelle“ sind nicht etwa „normal“, sondern sie folgen anderen Normen als Homosexuelle. Anders sein heißt nicht, unnormal zu sein. Und im Mainstream zu sein, heißt ebenfalls nicht, normal zu sein.

Freiheit ist Normalität

Demnächst gehen wir zum Alltag zurück. Wir werden in unseren Entscheidungen wieder frei sein, und damit sind wir wieder in einem „normalen Zustand“. Und normal zu sein, wird für uns wieder bedeuten: Wir machen „unser Ding“ und lassen die anderen „ihr Ding“ machen. Das ist Normalität.

Tugenfuror - 2021 in neuem Gewand?

Was war das doch noch für ein Aufschrei, als wegen des Aufschreis ausgerechnet Herr Gauck von einem „Tugendfuror“ sprach.

Der legendäre Vorfall und der "#aufschrei

Die Älteren werden sich noch erinnern: Anno 2013 gab es den legendären Vorfall zwischen einer Journalistin und Rainer Brüderle, bei dem dieser verbal übergriffig wurde. Daraufhin startete die Aktivistin Anne Wizorek sozusagen „aus dem Nichts heraus“ über Twitter ihr #aufschrei-Kampagne, auf der letztlich ihr Ruhm basiert. So gut wie alle Medien unterstützten diese Kampagne durch eigene Berichte, sodass Frau Wizorek auch außerhalb von „Twitter“ viel Beachtung fand.

Damals sagte also Herr Gauck (Zitat SPIEGEL):

Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde.

Was verständlich ist, denn ehemalige Pfarrer wissen zumindest, dass Menschen nicht perfekt sind und dass sie eben dann und wann einmal „sündigen“.

Aber was tat die voreingenommene Presse mit Wonne? Sie schrieb dazu Verrisse ohne Ende.

Kommt der Tugendfuror zurück?

Und nun? Wir befinden uns – acht Jahre nach dem „#Aufschrei“ mitten in einer Diskussion darüber, was gesagt und nicht gesagt werden darf. Die „Gutmenschen“ darf ich so nicht mehr nennen, denn falls ich es häufiger täte, wäre ich ein „Schlechtmensch“. Ich soll das „politisch korrekte Denken“ erlernen, obgleich ich mit Carolin Emcke durchaus der Meinung bin, dass „politische Korrektheit“ eine Beschränkung ist, der sich niemand unterwerfen sollte. Oder im Originalton:

Die Formel “Politisch korrekt” ist das Morsezeichen der Denkfaulen.

Ob dies nun zutrifft oder nicht: Niemand, der schreibt, sollte sich dem Diktat der Horden unterwerfen, die mit religionsähnlichen Parolen durchs Land ziehen. Denn sie erfrechen sich, jeden, den sie nicht mögen, als „Falschmeinend“ zu brandmarken. Vor allem die gegenwärtigen Diskussion um "#allesdichtmachen" beweist nachhaltig, wo wir stehen: am Ende der freien Meinungsäußerung.

Der liberale Standpunkt kommt fast nicht mehr vor

Ob es überhaupt noch einen liberalen Standpunkt geben darf? Jeder, der gegen Meinungsfreiheit polemisiert, sollte sich selbst fragen, was sie ihm wert ist.

Und lasst mich noch dies sagen: Erstaunlich viele Redakteure und Kolumnisten treten heutzutage nur noch dann für die Meinungsfreiheit ein, wenn sie den Ideologien entspricht, die sie im Kopf haben.

Gedanken zu Kabarettisten, Schauspielern und Meinungsfreiheit

Ihr wollt verschämt vorbeihuschen, liebe Kabarettisten? Oder einen Schauspieler mal schnell niedermachen, weil er seine Meinung sagt? Ein bisschen Cancel-Culture spielen? Warum?

Ich war erst überrascht, dies alles zu erfahren. Dann dachte ich: Nun ja, offenbar verwechselt ihr eure Berufe mit dem des Hofnarren. Ein bisschen Spaß darf man machen, solange es den Regierenden nicht lästig wird, klar. (1)

Warum Jan Josef Liefers ernst genommen werden sollte

Jan Josef Liefers gebührt der Dank, deutlich zu sagen: Wir dürfen der Bevölkerung nicht ständig Furcht einjagen. Denn das allein ist die Botschaft, die Liefers verbreitete, und sie ist wahr und richtig. Und bitte: das hat weder etwas mit Corona-Leugnung zu tun noch mit den sogenannten Querdenkern, die ich für Nichtdenker halte. Und schon gar nichts mit dem rechten Rand der politischen Landschaft.

Freie Meinungsäußerung ist ein Kulturgut

Also: Ich, für meinen Teil, halte die freie Meinungsäußerung nicht nur für ein Grundrecht, sondern für ein unverzichtbares Kulturgut. Und deswegen sage ich, wie viele andere auch, "Danke" an Josef Liefers. (Dieser Link führt zu Twitter).

Ich muss nicht sagen, was ich von jenen halte, die auf ihre freie Meinungsäußerung „nachträglich verzichtet haben“, oder? (2)

(1) Ich hätte hier vielleicht sogar auf "BILD" verlinkt, aber im Grunde reicht auch dieser Hinweis auf einen Artikel über die Heute-Show, der hier jüngst erschien.
(2) Ich bin empört über die Lobgesänge von Journalisten, die diejenigen feiern, die sich nachträglich "herausgeredet" haben. Wenn das Schule macht, können wir das Recht auf freie Meinungsäußerung begraben.

Politiker und Virologen

Politiker und Virologen sind nicht dazu da, um uns Furcht und Schrecken einzujagen, sondern um Lösungen für unsere Probleme zu finden.

Ich schlage vor, scharf auf jene zu achten, die jeden Tag Furcht und Schrecken verbreiten. Zugleich sollten wir uns vor jenen hüten, die öffentlich leugnen und lügen.

In beiden Gruppen gibt es Menschen, denen es überhaupt nicht um die Sache geht, sondern beispielsweise darum, berühmt zu werden, die eigene Reputation zu verbessern oder auch einfach - gewählt zu werden.

Das alles mag ihr gutes Recht sein - aber Fernseh-Journalisten, Zeitungs-Redakteure und Blogger, insbesondere aber soziale Netzwerker und Influencer sollten sich überlegen, ob sie solchen Meinungen Raum geben.

Die Denkflucht der Eiferer

Indem man den Namen auslöscht, wiegt man sich im falschen Bewusstsein, das Gedankengut hinter dem Namen auch beseitigt zu haben.. Cancel-Culture ist eine Form von Denkflucht.

Eduard Kaeser in der NZZ

Ich empfehle jedem, diesen Artikel zu lesen. Er zeigt überdeutlich, wie schnell wir uns auf Menschen einlassen, die mit rechthaberischer Gewalt argumentieren, sich aber selbst als überaus edel, hilfreich und gut bezeichnen.

Dem Autor sei Dank. Meinungen gegen die „Cancel Culture“ zu veröffentlichen erfordert inzwischen Mut. Insofern geht der Dank auch an die NZZ, die es dennoch tut.