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Unsinn über Dating-Apps, „bessere Ehen“ und Prozente

Immer wieder höre ich den Unsinn, dass Paare, die sich über Online-Dating-Portale kennenlernen, glücklichere Ehen führen. Zwar haben dies „Wissenschaftler“ angeblich festgestellt, aber die meistzitierte Studie wurde von einem Online-Dating-Unternehmen gesponsert. Die Studie wurde später weder verifiziert noch falsifiziert – und wird allein dadurch fragwürdig. Auch die Behauptung, dass mittlerweile die Hälfte aller Ehen aus Online-Dating hervorgeht, kann nicht bestätigt werden. Die letzten bekannten Zahlen liegen bei 20, bestenfalls 25 Prozent – und sie stagnieren nach dem bislang bekannten Zahlenmaterial. Es mag allerdings sein, dass sie inzwischen auf „gegen 30 Prozent“ gestiegen ist, oder wir ein Technologiemagazin behauptet, sogar auf „mehr als ein Drittel“. Die Herkunft solcher Zahlen ist allerdings zweifelhaft. Neuerdings wird – wie durch einen Zauber – immer das Wort „TINDER“ hervorgehoben, wenn von Online-Dating die Rede ist.

Tinder wurde erst ab 2013 relevant

Tatsächlich haben Tinder und andere Apps mit alldem nichts zu tun, wenn die Forschungen vor 2012 abgeschlossen wurden, denn Tinder wurde erst im Herbst 2012 gegründet. Der Siegeszug der App begann also erst gegen 2013.

Durch Online-Dating entstehen neue Konstellationen

Es gibt Vermutungen (auch glaubwürdige) dass diejenigen Menschen, die vor Ort keine passenden Partner finden, durch Online-Parteragenturen zusammengeführt werden können. Dadurch kommen auch Menschen zusammen, die sich (man staune) deutlich unterscheiden, zum Beispiel in ihren Ethnien.
Statistik der Ehen zwischen unterschiedlichen Ethnien, USA 2017. Die farbigen Abschnitte markieren die Jahre, in der verschiedene Online-Dating-Unternehmen gegründet wurden
Dies ist auch das Hauptergebnis der Studie von Josue Ortega und Philipp Hergovich, die jetzt neuerlich zitiert wird. In ihr wird die App Tinder tatsächlich erwähnt, wobei die Vermutung angestellt wird, sie könne etwas mit der Zunahme der Heiraten unter verschiedenen Ethnien zu tun haben. Die Annahme ist allerdings etwas abenteuerlich, weil es ohnehin die statistische Tendenz gibt, dass Menschen unterschiedlicher Ethnien heiraten. Man kann lediglich sagen, dass die Tendenz zwischen 1994 und 2004 etwas stärker zunahm als prognostiziert, und dass diese Tendenz mit „zugänglicheren“ Online-Dating Modellen, wie OK Cupid und Tinder nochmals zunahm. Die ist aber auch der einzige Zusammenhang, der zwischen der Studie und Tinder hergestellt werden kann, wobei „Tinder“ auch generell für App-basiertes Dating stehen könnte.

Die Meldung, die ich jetzt las, lautet:

Ob du es nun glaubst oder nicht: Sooooo schlecht schneidet die einstige Schmuddel-App als Verkuppler dann gar nicht ab. Tatsächlich finden mittlerweile fast 50 Prozent (!!!) der heterosexuellen Pärchen über Online Dating Apps zusammen.

Diese Meldung wurde ganz offensichtlich von interessierten Kreisen an die Presse lanciert. So schrieb die Gründerszene in ähnlicher Weise:

Online-Dating – vor allem die App Tinder – hat einen schlechten Ruf. Es heißt, dass daraus hauptsächlich kurzfristige Affären hervorgehen würden. Doch wie haben sich Beziehungen seit dem Start von Tinder und Co. tatsächlich verändert?


Genau diese Frage kann nicht wirklich beantwortet werden – und das hat nun wieder gar nichts mit Tinder zu tun. Sicher ist: Die Methoden des Kennenlernens haben sich verändert, und Online-Dating spielte dabei eine wesentliche Rolle. Doch während die Einen darin eine soziale Katastrophe sehen (Elitenbildung durch Online-Partervermittler), finden andere (wie Ortega und Hergovich) darin sogar eine Quelle der sozialen Integration.

Interessant wäre, was sich tatsächlich verändert hat – vor allem im Bewusstsein der Suchenden und weniger in den Medien, die sie nutzen. Wenn die Kühlschränke eine Revolution in der Vorratshaltung waren, fragte ja auch niemand, auf welches Fabrikat dies zurückzuführen war. Und so sollte es auch bei den sozialen Veränderungen durch Online-Dating sein.

Quellen: Technolgy Revue für die Aufbereitung der Fakten. Ferner: Business Insider. Zitate: (erstes) KleineZeitung . Zweites: Gründerszene . Original der Studie (Pdf): Arxiv.org. Daraus wurde auch die Grafik entnommen.

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