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Dem liberalen Geist eine Stimme geben - das ist sehpferd

Die Geschichte einer seltsamen Dame, die sich Berkley nannte

Der Prolog, gehalten vor dem Vorhang des großen Theaters

Berkley war sicher die beste Namenswahl für eine Dame, die als erotische Gouvernante des viktorianischen Zeitalters präsentiert werden sollte, denn der Name bedeutet „Birkenwald“. Auf diese Weise schlagen wir den Bogen zur „Birkenrute“ („Birch“), die sie gerne nutzt, um die die Gesäße interessierter Herren zu schlagen. Mag sein, dass es eine Frau dieses Namens gab, und es mag auch sein, dass sie eine Bordellwirtin war. Doch wer sorgte dafür, dass sie zur sensationellen, reichen und berühmt-berüchtigten Londoner „Domina“ wurde, die heute in jedem Lexikon zu finden ist?

Wir ziehen nun den Vorhang auf - und lassen Frau Berkley auftreten

Erster Akt: Auftritt Frau Berkley - eine Frau ohne Vergangenheit

Gab es eine ähnliche Londoner Domina tatsächlich?
Die „Miss Berkley“, von der wir reden, ist eine Frau, über deren Herkunft niemand etwas weiß, und deren Geburtsdatum unbekannt ist. Dennoch tritt sie hier auf ... wir sind ja im Theater, nicht wahr? Es heißt, sie habe ein bedeutendes Etablissement in London besessen und damit ein riesiges Vermögen erworben, aber es ist unbekannt, welcher Beschäftigung sie zuvor nachging. Die vielen Hinweise, die es angeblich über ihre „Lehrzeit“ gibt oder die auf die „Übernahme eines entsprechenden Bordells“ hindeuten, sind alle nicht ausreichend belegt. Aber ihre Memoiren - ach, es ranken sich allerlei Gerüchte darum.

Der zweite Akt: Zehntausend Pfund Sterling Vermögen

Da sie nach Aussagen von Zeitzeugen „sehr reich“ gewesen sein soll, ging es nach ihrem Tod vor allem um den Nachlass. Über die tatsächliche Höhe gibt es keine Unterlagen, aber es wird immer wieder ein Betrag von 10.000 Pfund Sterling genannt. Nach heutiger Währung (2026) wären dies etwa 1.440.000 GBP.

Dritter Akt: Auftritt des Bruders – Missionar im fernen Australien

Von Australien nach London und zurück.

Im Jahr 1883 verstarb Frau Berkley , und in diesem Moment tauchte plötzlich „ihr Bruder“ auf, der angeblich als Missionar im fernen Australien arbeitete. Er könnte dabei in einer Mission tätig gewesen ein, die Aborigines zum Christentum bekehrte, doch konnte ein Missionar ähnlichen Namens nicht gefunden werden. Der angebliche Missionar begab sich sofort nach London, wo er erstmalig erfuhr, dass seine Schwester diese Art von Gewerbe betreibt. Daraufhin schlägt er das Erbe aus und kehrt nach Australien zurück. Irgendwelche Spuren hat er nirgendwo hinterlassen. Die Überfahrt dauerte damals vier bis fünf Monate. Der Vorgang geht wieder zu. Doch nun komm ein seltsamer Mann ins Spiel.

Vierter Akt Auftritt Dr. Vance, der Verwalter des Erbes

Die Illusion - oder: die Schatzkiste mit den obszönen Briefen
Sobald der Missionar die Bühne verlässt, tritt der nächste Akteur auf die Bühne: der angebliche Leibarzt von Frau Berkley, ein gewisser „Dr. Vance“. Ob er als Erbe vorgesehen war oder nur als Treuhänder, wird nicht recht deutlich. Ferner ist unklar, ob er tatsächlich existierte und ob er als Person wirklich Arzt oder Anwalt war. Jedenfalls wurde behauptet, dass jener Dr. Vance auch „mehrere Kisten“ mit höchst frivoler erotischer Korrespondenz verwaltete. Wer sie jemals zu sehen bekam, ist unklar, denn am Ende dieses Aktes werden all diese Unterlagen vernichtet. Und nicht nur das – kurz vor dem großen Finale wird noch behauptet, darunter hätten sich auch die Lebenserinnerungen von Frau Berkley befunden.

Nochmals öffnet sich der Vorhang - Frau Berklely und ihr "Horse"

Zwei Wunder des 19. Jahrhunderts, etwas blass

Das Publikum applaudiert. Der Vorhang wird geschlossen. Die Kenner der Szenerie erwarten, dass er nochmals aufgehen wird … man munkelt, dass noch eine Attraktion bevorstünde. Und tatsächlich: Fleißige Bühnenarbeiter haben inzwischen noch das Wunder des 19. Jahrhunderts auf die Bühne gerollt: Das berühmte Pferd, auch Chevalet genannt, das unter Frau Berkleys Namen seither durch die Welt der Lexika geistert.

Kommt mit zum „Klub der Kannibalen“

Ob das alles wirklich wahr ist? Wenn ihr das wissen wollt, müssen wir uns auf eine kleine Zeitreise vorbereiten. Sie führt uns zunächst in den „Klub der Kannibalen“ (Cannibal Club) und ungefähr 160 Jahre zurück ins viktorianische England. Wir schreiben das Jahr 1863 und wir befinden uns in einem illustren Kreis von einigen Wissenschaftlern, mehreren Autoren und vor allem ziemlich viel Liebhabern der erotischen Literatur. Unter ihnen befindet sich auch ein Textilkaufmann, Büchersammler und späterer Autor, dessen wirklicher Name Henry Spencer Ashbee ist.

Hast du Interesse daran, wie es weitergeht? Willst du die Quellen wissen? Und vor allem: Willst du wissen, was wirklich bewiesen werden kann? Ich bin gespannt auf deine Reaktionen. Meine Recherchen sind abgeschlossen - sie müssen nur noch in Worte umgesetzt werden. Du kannst zuvor einen Blick in den wundersamen Cannibal Club werfen, um dich in die Zeit hineinzhuversetzten, oder aber gleich mit dem Autor beginnen, dem wir die Legende der Frau Berkley verdanken - Henry Spencer Ashbee, der sich auch Pisanus Fraxi nannte.

Bildnachweise:

Vorhänge und Bildmix: Liebesverlag.de. 2026
(1) Hintergrundbild: Die geheimnisvolle Miss Berkeley nach dem Vorbild einer Gouvernate.
(2) Hintergrundbild: John Williams, Schiff der Londoner Missionsgeselslchaft 1866 von Frederick Grosse, Graveur.
(3) Hintergrundbild: Nach einem Poster des Zauberers Zan Zig, 1899.

(4) Hintergrundbild: Eine verblassende Dame und ihr "Pferd" Rekonstruktion des Pferdes nach einer zeitgenössischen Zeichnung.

Die Texte sind humorvolle Interpretationen der Aussagen von Pisanus Fraxi (Henry Spencer Ashbee), erschienen 1877. Keine Sorge - es gibt viele Quellen, die wir hier auch nennen werden. Wer sie jetzt wissen will, findet sie im Anhang.

Quellen:

Bilder-Lexikon der Kulturgeschichte, Wien 1930, dort zitiert nach Eugen Dühren (Iwan Bloch).
Überprüft nach der Originalausgabe von Ashbee (Fraxi) duch den Autor.


Frau Berkley wurde gegen 1930 erstmalig in einem Lexikon genannt. Hier der Auszug.



Wann fand all dies statt?

Inhaltsverzeichnis (komplett) mit Zeitschiene:



Zunächst: Zwischen 1822 und 1836 (nicht genau überprüfbar).
Dann: 1877 in der Originalquelle (Fraxi). Erster bekannter Lexikoneintrag 1930 (Wien).

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