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Möchtegernmärtyrer

Ich schreibe gerne darüber, dass es sinnvoll sein kann, gar nicht aus dem Haus zu gehen. Aber ich habe meine Zweifel daran, ob es alle Menschen emotional ertragen können. Wenn sie bisher „allein“ waren, dann sind sie jetzt möglicherweise isoliert. Waren sie bisher tagsüber außer Haus, dann sind sie jetzt möglicherweise in ihren Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Wohnungen miteinander eingesperrt. Wie lange das eine wie das andere erträglich ist, mag jeder selbst bewerten - solange er es noch kann. Die Gefahren werden durchaus gesehen - allerdings wird dabei oft nur auf Randgruppen verwiesen, so wie hier (Zitat ORF):

In den nächsten Tagen und Wochen werden viele Familien und Paare mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen als üblich. Das könne als Chance und Bereicherung gesehen werden ... gleichzeitig stelle das viele Menschen auf engstem Raum vor Herausforderungen.

Gedankenlos in Moral machen - ein Hobby der Begüterten?

Dennoch profilieren sich jetzt im Internet Leute damit, sich als Märtyrer darzustellen, weil sie nicht mehr aus dem Haus gehen, während andere das ja offensichtlich noch tun. Klar - mancher B-Promi hat einen parkähnlichen Garten, eine Fünf-Zimmer-Wohnung oder ein zweites Domizil, in das er sich zurückziehen kann. Das kann man leicht diejenigen Singles beschimpfen, die eine Einzimmerwohnung mit Badeklo bewohnen oder diejenigen Paare, die sich mit zwei Kindern zweieinhalb Räume teilen.

Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart sagte jüngst, es handele sich bei den Super-Moralisten um

Möchtegernmärtyrer, die so tun, als ob jedes aus dem Haus gehen schon Massenmord wäre.

Schon dieser Satz wurde von Teilen der Presse als „unangebracht“ bezeichnet.

Sagen wir es doch mal nüchtern: Wer versucht, sein Leben zu retten - sei es durch Isolation oder durch die Flucht in die Natur, ist weder ein Märtyrer noch ein Verbrecher - er schützt vor allem sich selbst. Und immerhin gibt es auch in Deutschland noch Landstriche, in denen es sehr unwahrscheinlich ist, auf vier Kilometer einen Menschen zu treffen. Oder anders ausgedrückt: München ist nicht Deutschland.