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Ins Gesicht gespuckt - das postfaktische Zeitalter

Die Post-truth-Ära bezeichnet das Zeitalter, an dem die Aufklärung sozusagen aufs Altenteil geschickt wurde. Nicht mehr Tatsache und Wahrheiten, würden gelten, sondern die bloße Meinung.

Das allerdings war schon 2004, also vor 12 Jahren, als US-amerikanischen Medien von ihrer Regierung die Hucke voll gelogen wurde, um den Irakkrieg anzuzetteln und Journalisten solche Entscheidungen als "post truth" bezeichneten.

Das Wort des Jahres - aus der Sicht vorgeblich "Gebildeter"

Nun hat das Oxford Dictionary just dieses Wort zum „Wort des Jahres 2016“ erklärt. Nicht postfaktisch, sondern post-truth, was man je nach Gusto als „Zeit nach der Aufklärung“ oder „Zeit nach der Wahrheit“ nennen könnte. Oder eben als deutsches Universal-Schimpfwort für alle Menschen, die keine Fakten kennen, keinen Fakten berücksichtigen oder nicht nach der Faktenlage handeln.

Es wird Zeit, den „Gelehrten“ einmal ins Gesicht zu spucken, die jetzt alles als „postfaktisch“ (post truth) bezeichnen, was gerade in ihr Zeitgeist-Menu passt.

Haben die Menschen sich früher an Fakten gehalten?

Die Menschen früherer Zeiten – und ich kannte noch einige Generationen bis hinein ins 19. Jahrhundert persönlich – haben sich so gut wie niemals an Fakten orientiert, wenn es um ihr Wohl und Wehe ging. Sie haben sich auf eine Art Gemisch aus gesellschaftlichen Mantras und eigenen Erfahrungen verlassen. Gerade das angeblich so gebildete Bürgertum verließ sich auf Überlieferungen, so gut oder schlecht sie nun mal waren. Man hatte ein festes Schema von Abwehr und Verherrlichung, das es durchzusetzen galt. Das galt neben den rein persönlichen Belangen auch für Musik, Literatur, Malerei und Politik.

Pseudo-Erfahrungswissen als Faktenersatz

Um Ihnen das zu verdeutlichen, will ich ein einfaches, persönliches Beispiel wählen: Einmal, auf einem Familienfest, unterhielten sich mein Großvater und mein Onkel Fritz darüber, ob denn nun die „Bremer Nachrichten“ oder der „Weser Kurier“ die meist verbreitete Zeitung in der Stadt sei. Ihre Argumentation beruht im Wesentlichen darauf, wie viele Menschen auf dem Weg zur Arbeit in der Straßenbahn die eine odere andere Zeitung lasen. Nachdem sie sich etwas eine halbe Stunde darüber stritten, stand ich auf und sagte: „Aber Opa, du musst doch nur die Auflage ansehen.“ Was Opa und Onkel gleichermaßen verblüffte – schließlich war ich damals erst neun Jahre alt.

Komfortzone statt Fakten für den "Normalbürger"?

Auch heute werden Entscheidungen oft noch unter dem Aspekt des Hörensagens, des Zeitgeistes oder der komfortablen Gefühlswelt getroffen. Man bewegt sich gerne in der Komfortzone, so wie die alternden Konzertbesucher, die Gershwin oder Rimski-Korsakow für „zu modern“ halten.

Fakten zerstören die eignen Illusionen vom Leben

In der Gefühlswelt, beispielsweise bei der Partnersuche, spielen Fakten ohnehin kaum eine Rolle. Wenn Sie einem Partnersuchenden etwas von den „Marktgegebenheiten“ erzählen, dann klappt er seien Ohren sofort zu, weil er nicht will, dass seine Illusionen zerstört werden. Fakten sind ausgesprochen gefährlich für all jene, die ihre eigene kleine Welt für das Universum halten. Und dabei spielt es keine Rolle, ob sie Sektierer, politische Hitzköpfe oder verblendete Partnersuchende sind. Fakten zerstören Illusionen – und machen wird uns nichts vor – die meisten Menschen leben damit, Illusionen zu haben.

Die Arroganz der Klugscheißer und die "Fakten"

Kommen wir auf die „Gelehrten“ zurück, die uns jetzt das Wort „postfaktisch“ um die Ohren hauen und dabei das Wort gebrauchen, wie es ihnen gerade gefällt. „Postfaktisch“ handeln demnach Brexit-Befürworter, Trump-Wähler oder AfD-Enthusiasten. Klar handeln diese Leute auf der Basis merkwürdiger Gefühlswelten, aber das heißt nicht, dass alle anderen Gruppen den „Fakten“ verpflichtet wären.

Der Mainstream sorgt dafür. dass wir Fakten zum Aussuchen vorfinden

Wer erwartet eigentlich, dass der ganz gewöhnliche Deutsche, Brite oder US-Amerikaner sich an Fakten orientiert? Und wenn ja, an welchen Fakten? Sogenannte „Fakten“ sind doch längst zum Spielzeug von Gauklern aus Wissenschaft, Kultur und Politik geworden. Es gibt Fakten zum Aussuchen – und sie nähren mal diese, mal jene Ideologie. Gibt es wirklich Fakten, die eine Pkw-Maut rechtfertigen? Gibt es Fakten für einen ausgeprägten Sexismus? Gibt es Fakten dafür, dass der Sozialismus die bessere Gesellschaftsordnung schafft?

Nein, aber es gibt dahin gehende Behauptungen, die mit einem Faktenkorsett zusammengehalten werden – und es gibt immer wieder Menschen, die diese Behauptungen verbreiten.

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Kommentare

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Franz Sternbald am :

Wir sind die Basis einer Pyramide!
Wir sorgen als Produzenten, Konsumenten, als Kunden und Patienten, als Klienten und als potentielle Delinquenten, für den sich beschleunigenden Strom der Waren, Finanzen und Daten, im Stoffwechsel eines 'pyramidalen' Organismus. Nachdem wir das Ertragsnutzenkalkül eines besinnungslosen Fortschritts im Wachstum verinnerlicht haben, empfinden wir den Raub der Selbstbestimmung und Identität nicht mehr als Verlust. Auf die atomare Einheit der Existenz reduziert, reihen wir uns ein, in die weltweiten Ströme der dynamischen Massen. Dabei steht die Isolation im Nahfeld der Beziehungen, in einem krassen Gegensatz zur Identifikation mit einem globalen Bewußtsein. Über die Instrumentalisierung religiöser Bedürfnisse, werden die Menschen zur Opferung der eigenen Identität gerufen, und zum Dienst für einen allumfassenden Welt-Ethos vorbereitet
Wer sich nicht von Verschwörungstheorien verwirren lassen will, dem hebt sich mit „Das pyramidale Prinzip 2.0“ von Franz Sternbald der Schleier, und gewährt dem Leser einen unverstellten Blick auf das Wesen des Willens zur Macht! Gleichzeitig ist es ein leidenschaftliches Plädoyer für einen aufgeklärten Glauben, der sich, nach Kierkegaard, auch dem fundamentalen Zweifel stellen muß, sowie die Rettung der Würde des Individuums, gegen die kollektive Vereinnahmung, und seiner Zurichtung für die Zwecke eines globalen Marktes. Hier wird der Versuch unternommen, das Bewußtsein von einem Erlösungsbedürfnis aus der ‚Selbstentzweiung’ des Willens in der Natur zu erklären, und die Selbstentfremdung des Menschen aus seiner ‚Seinsvergessenheit’. Dem überzeugten Christen verschafft die Beschäftigung mit der Analyse des Willens zur Macht von Schopenhauer, über Nietzsche bis Heidegger, ein freieres Auge. Deren Aktualität steht nicht im Widerspruch zu einer christlichen Deutung der Weltgeschichte, sondern liefert vielmehr deren Bestätigung. L.G. Sternbald

sehpferd am :

Lieber Herr Sternbald,

ihr Elaborat in Ehren - aber wenn sie schon kostenfreie Werbung machen müssen auf dieser Seite, dann - ginge es vielleicht etwas kürzer und authentischer?


Beste Grüße

Sehpferd

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