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Digitalisierung, Sprache und Gefühle

Heute berühre ich ein Thema, das für alle Menschen wichtig ist - und das dennoch zumeist ignoriert wird. Es betrifft die Möglichkeiten, über Gefühle zu sprechen und zu schreiben.

Was ist Digitalisierung?

Digitalisierung ist die Umsetzung weitgehend natürlicher Vorgänge und Prozessen in Zeichen, also in „Digits“. Ursprünglich waren mit „Digits“ alleine Ziffernfolgen gemeint, heute wird meist eine Zeichenfolge in dieser Weise bezeichnet. Entsprechend ist eine „Digitalanzeige“ (beispielsweise an der Uhr) eine Umsetzung der (analog zu verstehenden) Zeit in Ziffern, die sich unmittelbar auslesen lassen. Das ist im Grunde immer und überall so: Der Ablauf natürlicher Vorgänge lässt sich am besten „analog“ verstehen, das heißt, in einer gewissen Abfolge, aber ohne Stufen und nicht in vollständigen Zeichen. Ausnahmen bestehen einerseits im Erbgut, das sehr konkrete Informationen enthält, die sich auch genau beschreiben lassen, und anderseits in der menschlichen Sprache und in der daraus abgeleiteten Schrift. Durch sie wird es möglich, ausgesprochen komplexe Informationen auszudrücken und weiterzugeben.

Gefühle und Empfindungen stehen "analog"

Die Schwierigkeiten, die wir mit der Umsetzung von rein analogen Informationen in digitale Informationen haben, zeigen sich, wenn wir Empfindungen in Sprache umsetzen wollen. Empfindungen zwischen Menschen werden üblicherweise, wie bei allen Säugetieren, zunächst analog übermittelt. Der Kybernetiker spricht dann von „analoger Kommunikation“, der Psychologe von „non-verbaler Kommunikation“. Beide Begriffe treffen nicht ganz das, was geschieht. Das Problem non-verbaler Kommunikation besteht darin, dass dem Zivilisationsmenschen ein Teil des Zeichenvorrats abahnden gekommen ist, insbesondere, was das Erkennen von Zeichen betrifft. Das heißt: Ein Pferd oder ein Hund kann noch die Zeichen erkennen, die der Mensch aussendet, Menschen können aber oft nicht mehr erkennen, welche differenzierten Zeichen ein anderer Mensch sendet. Man sagt daher, analoge Kommunikation sei im Grundsatz „redundant“, also mehrdeutig.

Wir kommunizieren weiterhin auch "analog"

Diese Art der Kommunikation muss man so verstehen: Sie ist dauernd vorhanden, aber sie erfordert nicht immer eine bewusste Reaktion. Zwar ist es „unmöglich, nicht zu kommunizieren“, aber es ist möglich, dadurch zu kommunizieren, dass man sich entfernt (den Raum verlässt) und die anderen im Unklare darüber lässt, warum. Die non-verbale Kommunikation hat viel mit Grundsituationen zu tun: Aufmerksamkeit, Interesse, Paarungsbereitschaft, Sozialisierung, aber auch Gefahrenabwehr.

Wie Gefühle, Empfindungen und dergleichen sich überhaupt „digitalisieren“ lassen, wissen offenbar nur wenige Autoren: Indem sie „verbal“ von „nonverbal“ trennen, so als ob es Zustände aus zwei Welten wären, verhindern sie, dass Bücken gebaut werden können.

Die menschliche Sprache wurde nicht erfunden, um Gefühle auszutauschen

Der ursprüngliche Sinn der Sprache, wie auch schon der anderer künstlicher Zeichen (Höhlenmalerei), war vor allem, sich über Vorgehensweisen zu verständigen. Dazu eignet sich die Sprache vorzüglich, denn die Jäger, die Umgebung und die Tiere, die gejagt wurden, konnten genau bezeichnet werden. Auch viel später wurde die Sprache überwiegend dazu benutzt, um Vorgehensweisen zu vermitteln. Wann genau abstrakte Begriffe, Philosophien und Religionen sprachlich übermittelt werden konnten, ist nicht ganz sicher – jedenfalls wurde mit der Ausweitung der Sprache auch versucht, Gefühle zu übermitteln.

Die meisten Forscher sind sich sicher: Je komplexer ein Gefühl ist, umso weniger ist digitalisierbar. Früher sprach man in der Psychoanalyse auch von der Schwierigkeit, Gefühle zu „verwörtern“. Einen Schmerz im Knie mögen wie noch leicht „verwörtern“ können, die inneren Hemmungen beim Absprechen einer Frau aber kaum noch. Solche Gefühle entziehen sich teilweise der Beschreibung – und genau hier beginnt eines der Probleme unserer Sprache.

Warum es ausgesprochen schwierig ist, über Gefühle zu sprechen

Um im traditionellen Sinne Gefühle zu verstehen oder gar Rat zu geben, wenn uns jemand über ungenaue Gefühle berichtet, müssten wir dies tun:

1. Jemand müsste in der Lage sein, seine Gefühle vollständig zu digitalisieren.
2. Wir müssen (als Zuhörer, Berater) die digitalisierten Gefühle sowohl digital wie auch analog nachzuvollziehen. Das ist technisch so gut wie nicht möglich – über die Gründe zu sprechen, würde zu viele Zeilen erfordern.
3. Die Rückkoppelung (also mögliche Antworten) müsste in Sprache erfolgen, aber so, dass die Gefühlsebene getroffen wird. Das ist sehr unwahrscheinlich- in jedem Fall erfordert es viel Übung.

Was ich beschrieben habe, gilt für alle Dialoge, aber auch für das Schreiben oder Lesen von Texten. Dabei zeigt sich, wie schwierig es immer wieder ist, von digitalem Denken (Denken in Sprache) auf analoges Denken (denken in Gefühlen und Empfindungen) „umzuschalten“ und das eine in das andere zu übersetzen.

Dieser Umstand hat Auswirkungen auf das Leben jedes Einzelnen. Und ich wundere mich wirklich, warum er in der Öffentlichkeit kaum jemals erwähnt wird. Welche Auswirkungen dies hat , und was wir tun können, um unsere Kommunikation zu verbessern oder aber auch in anderer Weise über Gefühle zu schreiben, wäre weitere Artikel dieser Art wert - vorausgesetzt, sie würden auch gelesen.

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