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Sex und Leichen – die Prüderie ist wieder modern

Die neue Prüderie findet sich überall – in Gesprächen auf Straßen und Plätzen sowieso in der Presse, die sie zugleich dem lüsternen Hintergedanken folgt, Sex sei ein wundervolles Leserfutter, und vor allem in den Gedanken der Bigotten und Kopfschüttler.

Zumeist wird die Diskussion mit dem begonnen, was für alle verfügbar ist – Fernsehen. Das ist der Trick Nummer eins, mit dem man versucht, die Öffentlichkeit kämpferisch zu mobilisieren. Nun muss noch „Crime“ dazu kommen – Sex and Crime sind hervorragend aufeinander abgestimmte Geschwister. Das nächste Stichwort heißt dann Jugendschutz, und mit ihm kocht die Empörung dann über.

So funktioniert die Aufforderung zur Zensur, und das ist nicht einmal neu. Schon vor 40 Jahren gab es ähnliche Diskussionen: Zu viel Sex und Kriminalität, der Jugendschutz wird ausgehöhlt, pornografische Szenen nehmen überhand …

Wir lesen, dass wir ein falsches Frauenbild vermittelt bekommen, das ist neue, denn das angeblich verfälschte Frauenbild und der „Sexismus“ sind neue Schlagworte für abgedroschen Diskussionen.

Wie sonst lässt sich das Frauenbild bezeichnen, das beispielsweise in Meret Beckers Debüt als Berliner Kommissarin in „Das Muli“ vom März 2015 vermittelt wurde, als sie in der Rolle der Ermittlerin Nina Rubin schon in der ersten Szene ihren Einstieg mit einem Sado-Maso-Quickie gab?


Ja, wie sonst? Unsere Drehbuchschreiber sind nicht alle Hitchcocks, nicht wahr? Oder weil unsere Fernsehkrimis Lehrstücke für gesellschaftliche Verwerfungen sein müssen, und gar keine Kriminalfilme mehr sein dürfen?

Wir lesen interessiert, dass die Porno-Branche zu Deutschland gehört und deshalb behandelt werden kann, denn „das deutsche Fernsehen ist kein Mädchenpensionat und das Leben kein Ponyhof. Und das können auch schon Zwölfjährige wissen.“

Keine Hardcore-Mentalität, sondern Empathie?

Und deshalb sollten wir zeigen, wie es dort zugeht oder nicht zugeht oder eigentlich gar nicht zugehen dürfte? In Kriminalfilmen? Dann wäre doch „Hardcore“ mal ein Einstieg gewesen, oder?

Nein, das sieht die Autorin Claudia Becker in der WELT nicht so. Und sie verliert sich in Wischi-Waschi, nachdem sie zuvor kräftig herumgekeilt hat. Und schreibt dann einen Satz, den man auch schon vor 40 Jahren ähnlich hörte:

Was wir viel dringender brauchen, ist mehr Empathie, mehr Diskussionen in Redaktionen darüber, was man wirklich zeigen muss und darf zu Fernsehzeiten, in denen Siebtklässler noch vor dem Bildschirm sitzen.

Wenn Sie mal „Empathie“ au dem Satz herausnehmen und „Zensur“ einsetzen, dann haben Sie ungefähr die Reaktion, die dies beim Leser auslöst. Denn wenn darüber diskutiert wird, was „Man zeigen muss und zeigen darf“, dann führt dies unweigerlich zur Zensur, und wenn die Schere nur im Kopf ansetzt. Zumal die Frage ist, was das Ganze mit „Empathie“ (in diesem Sinne wohl als Mitgefühl verstanden) zu tun hat.

Da wäre dann noch die viel zitierte zwölfjährige Tochter, um deren Befindlichkeit man sich Sorgen machen muss. Da wäre natürlich die Frage, welche Zwölfjährige heute noch ARD (und damit den Tatort) sieht. Und: Hallo, den Tatort gibt’s nicht nur im Pantoffelfernsehen, sondern auch noch im Internet.

Ja, sicher … es gibt auch andere Meinungen, und die WELT war so nett, PRO und CONTRA zu veröffentlichen. Und um selbst ganz nüchtern zu sein: Der Sinn dieser Kontroverse erschließt sich mir nicht.

Zitate: WELT.