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Warum Pessimisten nicht gefragt sind

Originaltext (1915):Ich glaube, ich hänge mein Geschäft an den Nagel - alles rennt zum Optimisten.
Pessimisten waren niemals beliebt, und es wäre auch in diesen Tagen günstig, darauf hinzuweisen. Ob es der Nachkriegs-Bürgermeister Wilhelm Kaisen zu Bremen war, oder der Bundespräsident Theodor Heuss, beide wussten: Mit Pessimismus ruiniert man die Stimmung. Und beide behielten recht.

Und mal Tacheles dazu: Ein bisschen Optimismus könnte uns gegenwärtig nicht schaden.

Heuss:

Der einzige Mist, auf dem nichts wächst, ist der Pessimist.

Kaisen (1):
Kiek nich in‘t Muuslock, kiek inne Sünn.

Diese Karikatur entstammt wahrhaftig finsteren Zeiten. Ein gewisser Wilhem Anton Wellner (1859-1939) soll sie gegen 1915 erstellt haben. Es handelt sich um einen Ausschnitt.
(1) Verkürzte Darstellung, im Original und übersetzt soll der Spruch geheißen haben: Schau nicht ins Mausloch, wo alles dunkel ist - schau in die Sonne!"

Zeit der Klugscheißer

Je größer die Krise, umso auffälliger ist die Zunahme von Klugscheißern. Dieser Tage erschienen tausende von Artikeln, wie ihr euch das Leben schönreden könnt. Wie Familien in der sozialen Distanziertheit erblühen. Wie Partnersuchenden endlich klar wird, dass sie nicht ewig suchen können, weil sie nicht ewig leben würden. Wie die leichtfertige Jugend endlich entdeckt, wo der Ernst des Lebens lauert.

Klugscheißer, eure Moralinsäure ätzt

Kurz: Die Moralinsäure tropft aus einschlägigen Gazetten wie aus einem defekten Wasserhahn. Wobei diesmal die Gutmenschenpresse, die religionsnahe Presse und die antikapitalistischen Schönredner gemeint sind. „Geht in Euch!“, „Tut Buße!“ „Erkennt das Wesentliche!“ Wahrscheinlich würden sie alle gerne sehen, wenn wir uns jetzt blutig geißeln würden und schreien: „Wir haben gesündigt, vergib uns, wir haben gesündigt:“

Ja, ja … ohne euch, ihr Spinner, würden wir nie erkennen, was das „Wesentliche“ ist. Weil wir nämlich nicht glauben, im Besitz der „einen und einzigen Wahrheit“ zu sein.

Verpisst euch, Klugscheißer!

Jeder hat die Chance, sich auf seine Existenz zu besinnen, denn jeder lebt auf der äußerst fragilen Außenhaut eines kleinen, vergänglichen Planeten. Das wissen wir. Wir glaubten auch zuvor nicht, unsterblich zu sein. Und diejenigen, die jetzt jung sind, dürfen auf eine wundervolle Zukunft hoffen – das tun sie auch, und deshalb kämpfen sie für die Umwelt. Und weil wir ein liberales Land sind, darf jeder auch unterschiedlicher Meinung darüber sein, was gut und richtig ist.

Wir brauchen jetzt Vernunft und Umsicht, aber keine Dummschwätzer.