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Kultur, Leitkultur, AfD und leider auch CSU

Was will die AfD eigentlich kulturell? Die Leipziger Volkszeitung war verblüfft – und bestürzt zugleich.

Demnach ist der AfD vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk (inklusive Fernsehen) ein Dorn im Auge. Wie die Zeitung schreibt, möchte die AfD nicht nur den Rundfunkbeitrag, sonder auch das ganze System abschaffen. Das geht auch aus dem Programm hervor, in dem es heißt:

Der Rundfunkbeitrag ist abzuschaffen. Ein neuer schlanker Bürgerrundfunk fokussiert sich auf objektive Berichterstattung, kulturelle und bildende Inhalte.


Da hat man offenbar nicht so genau hingeguckt. Denn „Bürgerrundfunk“ gibt es bereits – und er greift Themen auf, die von regionalem Interesse sind, aber es nicht schaffen (warum auch?) in die Berichterstattung der großen Sender zu kommen. Außerdem hat die AfD das System des gegenwärtigen Rundfunks, speziell der ARD, nicht begriffen, denn es setzt von vornherein auf Vielfalt und die dort tätigen Journalisten wissen mit dem Begriff „objektiv“ mit Sicherheit mehr anzufangen als die meisten Bürger. Das Interessanteste ist aber, dass man zwar den Runfunk und das Fernsehen auf Bezahlmodelle beschränken will (1), das Internet, das von der AfD stark genutzt wird, aber komplett frei verfügbar lassen will:

Das Internet als Medium der Kommunikation, Information und freien Meinungsäußerung darf abseits der Verfolgung von Straftaten keinerlei Beschränkung und Zensur unterliegen.


Und was weiß man bei der AfD über Leitkultur?


Offenbar recht wenig, denn (Zitat)

Die AfD bekennt sich zur deutschen Leitkultur. Diese fußt auf den Werten des Christentums, der Antike, des Humanismus und der Aufklärung. Sie umfasst neben der deutschen Sprache auch unsere Bräuche und Traditionen, Geistes- und Kulturgeschichte.


Diese "Leitkultur" allerdings konnte offenbar nicht genau definiert werden. Doch man kann weiter nachlesen, dass „die“ Deutsche Kultur offenbar nicht nur Leitkultur sein soll, sondern auch ein strahlendes Licht auf der Suche nach der wahren Kultur werfen soll:

Das geschichtlich gewachsene Kultur- und Lebensverständnis soll Kern und Leuchtturm für andere Länder und Kulturen sein.


das meinte Herr Schlund in einem offiziellen Papier der AfD aus Thüringen.

Bleiben wir noch eine Weile bei der Leitkultur, und wechseln wir mal zur CSU, denn auch sie hat einen Leitkulturplan, bei dem manchmal nicht ganz klar ist, ob bayrisch-folkloristische Kulturen gemeint sind oder die gesamtdeutsche Kultur. Das Wort „christlich“ kommt dort so häufig vor, dass es einem Juden oder einem Humanisten schon wieder verdächtig vorkommen muss – dazu ein längeres Zitat, nur wenig gekürzt:

Bayerns CSU meint: ihre Leitkultur ist der Maßstab

Unsere Leitkultur ist Maßstab. In Deutschland gilt unsere Leitkultur (und) … wir vertreten unsere Leitkultur selbstbewusst und wir sollten sie auch nach außen zeigen.

Die CSU steht ohne Wenn und Aber zur Geltung der Leitkultur. Es ist eine Selbstverständlichkeit … (denn) … die Leitkultur umfasst die bei uns geltende Werteordnung christlicher Prägung, unsere Sitten und Traditionen sowie die Grundregeln unseres Zusammenlebens.

Leitkultur ist das Gegenteil von Multikulti und Beliebigkeit. Unser Land ist und bleibt christlich geprägt. Das christliche Menschenbild trägt unsere Werte … Kirchen prägen unsere Orte und in den christlichen Traditionen wurzelt unser Brauchtum. Wir werden die christlichen Feiertage in Bayern uneingeschränkt erhalten. Wir müssen unsere christlichen Wurzeln bewahren.

In diesem Zusammenhang sollte ich vielleicht erwähnen, dass es in Deutschland durchaus mehrere Kulturen sowie eine ausgesprochen starke Durchmischung mit „fremden“ Kulturen gibt, und da darf ich nur arabische, griechische und römische Kultur sowie die jüdische Kultur erwähnen. Deutschland ist nicht Bayern, und weder eine zur Schau getragene Folklore noch das bayrisch-katholische Prunk-Christentum ist identisch mit der christlichen Religion als Ganzes.

(1) Zitat: Das Angebot wird überwiegend verschlüsselt/passwortgeschützt, sodass nur noch freiwillige Zahler Zugang haben.

Die Quellen: LVZ vom 11. Sept.2017 - Printausgabe.
CSU: Programm 2017 (sogenannter "Bayernplan")
Afd Deutschland Programm, für Thüringen separat auch unter: Thüringenpost.

Leitkultur nach Art des Thomas de Maizière

Ein Innenminister weiß vielleicht, was er für „deutsch“ hält, aber er muss nicht wissen, was Kultur ist. Eigentlich muss es niemand wissen, weil „Kultur“ jeden Tag neu geschaffen wird. Schon daraus ergibt sich, was „Leitkultur“ ist: eine Zementierung des Geistes in konservativem Sinne.

Daher ist „Leitkultur“ ein Mantra der Konservativen, die behaupten es gäbe sie, die „deutsche Leitkultur“. Doch jeder, der sie definiert, muss kläglich versagen. Es sei denn, er definiere sie gar nicht, sondern lehne sich aus dem Fenster, um Sätze abzusondern, die sich für den Wahlkampf eignen. Das langweilt kolossal, und man mag fragen: für wie dumm hält uns der Innenminister eigentlich?

Der Tagespiegel weiß, warum sich der Minister via "BILD am SONNTAG" an sein Volk wendet:

(der Innenminister) … hat ihn geschrieben, weil CDU, CSU und AfD sich das Wort Leitkultur in ihre Parteiprogramme gedruckt haben. Er hat ihn geschrieben, weil er glaubt, dass mehr Menschen, mehr Deutsche, seine CDU wählen werden, wenn er ein wenig über das Deutschsein philosophiert. Es ist zum Heulen.


Ja, es ist zum Heulen. Oder zum Kotzen. Denn wer lebt denn die „Leitkultur“, die auf „Stärke und innerer Sicherheit“ beruht? Oder anders gefragt: was ist „deutsch“ für die Menschen, die CDU-Angehörige so gerne ihr persönliches „Wir“ nennen? Seit wann bin ich (oder Sie) das "Wir" von der CDU Gnaden?

Das Christentum ist - ach - so deutsch

Und das Christentum? Heute Morgen habe ich schon wieder einen Kulturfuzzi im MDR gehört, der orakelte, wie nachhaltig das Christentum in uns wirke, auch wenn wir es verneinen würden. Ach nee. Beruhen „Einigkeit und Recht und Freiheit“ etwa auf dem Christentum? Oder „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?“ Gedankenfreiheit und Pressfreiheit? Muss man als Deutscher ertragen, wenn „Deutsch sein“ ständig mit „Christ sein“ unterlegt wird? Haben wir kein Grundgesetz mehr, das unsere Freiheit festschreibt und als Verteidigungslinie der Demokratie dient?

"Deutsch sein" ist nicht für jeden Deutschen gleich

Für mich ist „deutsch“ hanseatisches Denken in Einigkeit und Freiheit, das Wagnis, Geist und Emotionen einzusetzen und auf Gewinn zu hoffen, und sicher auch noch viel mehr … aber für wen ist eigentlich was in Deutschland gleich? Wo ist denn das viel beschworene „wir“, wenn sich das Land Bayern und sein Ministerpräsident aufplustert, als wäre dieses Land die Quelle der deutschen Kultur? Krachlederne, Oktoberfest, Dirndl, Fußball und Familienidylle im Dorf?

Nagelt auch eure CDU/CSU-Leitkultur an eure Klowand

Nein, nein – wir haben eine Leitkultur, und sie steht nicht nur im Grundgesetz, sondern sie ist in uns. Und wir alle zusammen bilden diese Kultur und lassen sie nach außen wirken. Und eine Verordnung über eine „Deutsche Leitkultur“ benötigen „wir“ nicht. Wenn sie einzelne CDU oder CSU-Mitglieder benötigen sollten, können sie sich diese ja im Klo an die Wand nageln lassen.

Interessant auch: Kommentar der FAZ.