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Women in Jazz Replacement

Gestern habe ich beim MDR reingehört: „Women in Jazz“ ist ja eigentlich eine Konzertreihe, aber diesmal kam alles „vom Band“ - im MDR.

Obgleich ich die Idee ganz gut fand, konnte den meisten Interpretinnen nicht viel abgewinnen. Die Studio-Aufnahmen wirkten teils seltsam „künstlich“, und sie wurden zu allem Überfluss noch vom gleichen Tonträger aneinandergereiht. Vielleicht tat man dies, um Konzerte zu simulieren, aber es ist lästig, wenn man der Interpretin nun so gar nichts abgewinnen kann.

Was mir auffiel: Wenn ich Jazz höre, will ich wirklich keine Töne ertragen, die im Studio „geschönt“ wurden. Mit anderen Worten: Das Instrument soll für sich selber sprechen, und die Stimme sowieso. Und das meiste, was ich hörte, war - in meinen Augen - nicht unbedingt das, was ich unter Jazz verstehe.

Mit „weiblich“ oder „männlich“ hat das wenig zu tun. Im Jazz spricht der Interpret/die Interpretin durch das Instrument zu mir. Am Ende möchte ich Emotionen hören, keinen Singsang oder „interessante Tonfolgen“.

Ich weiß, dass Jazz heute auf „Vielfalt“ setzt - mal schicker Schlager, mal Weltmusik, mal Experiment. Doch - jedes Mal, wenn ich die „Jazz Lounge“ beim MDR höre, denke ich: „na ja, ein bisschen Jazz war ja heute dabei“.

Ich hörte etwa eine Stunde lang intensiv zu - eine Offenbarung war es nicht.

Selber mal hören? Hier.

Dat Dere

Unter Jazzliebhabern genießt der Pianist und Komponist Bobby Timmons einen ausgezeichneten Ruf. Dieser Tage spielte mir ein professioneller Pianist die Komposition „Dat Der“ vor, die offenbar technisch sehr kompliziert ist.

Außer „Dat Dere“ und „Dis Here“ war es vor allem die Komposition Moanin‘, die ihm den besten Ruf einbrachte.

Schon bald nach dem Erscheinen von „Dat Der“ hat der geniale Oscar Brown jr. einen Text dazu geschrieben, der sich ebenfalls nicht leicht singen lässt. Die Besonderheit daran: Brown lässt einen Vater über sein Kind singen, das am laufenden Band Fragen stellt. Die Schlussfrage prägt sich besonders ein: „Und, Vati warum kann ich nicht den großen Elefanten da drüben haben?“

Einige Versionen:

Mit seinem eigenen Trio: This Here Is Bobby Timmons (1960)
Mit Julian Adderley: Them Dirty Blues (1960)
Mit Art Blakey: The Big Beat. (1960)
Gesungen von Oscar Brown jr.: Sin and Soul (1960)

New Orleans Revival

Die Hot and Blue Jazzband spielt auch mal Fats Waller und Jelly Roll Morton - und die gab's nur im Original
Zu Zeiten des „New Orleans Revivals“ spielten alte Männer so, wie sie glaubten, als junge Männer gespielt zu haben.

Dann spielten junge Männer dies nach - und sie spielten wie alte Männer, die das nachahmten, was sie als junge Männer gespielt hatten.

Die jungen Männer sind nun alte Männer, und sie spielen teilweise noch so, wie sie in der Jugend geglaubt haben, dass junge Männer spielen, die in Wirklichkeit alte Männer waren.

Nicht alle, freilich. Die Herren im Bild spielen auch schon mal Fats Waller oder Jelly Roll Morton – und die gab’s nur im Original.

Ach, Freunde – das ganze „New Orleans Revival“ war eine Mischung aus Werbetricks, Geschichtsklitterung und Sozialromantik.

Aber – schön war es doch. Und - schön ist es noch. Nur dass es nicht die Musik „von damals“ war.

Foto: Gebhard Roese. Band-Webseite (schwer zu finden): hot and blue jazz band.

Übrigens gibt es noch eine Aufnahme des Fernsehens der DDR:




Was motiviert eigentlich Gebhard Roese?

Manchmal fragen mich Menschen nach meiner Motivation. Ob Sie es glauben oder nicht. Es ist die Suche nach der Wahrheit. Und wer sie sucht, wird bald darauf kommen, dass es oft gefährlicher ist, das Bekannte zu bezweifeln als das Unbekannte zu erforschen. Es sei denn, andere kommen auch noch drauf.

High Fidelity - der Mythos und die harte Realität

Es begann mit High Fidelity. Das ist einerseits die Hoffnung auf eine perfekte Musikwiedergabe und andererseits der Versuch, überteuerte Geräte mit falschen Versprechungen zu verkaufen. Ob Nischenprodukte oder namhafte Fabrikate – da haben alle einst in die Scheiße gehauen, dass es gespritzt hat. Und tatsächlich sind die Mythen heute noch nicht tot: Vinyl ist besser als CD oder Festplatte. Handverlötet und verschraubt ist zuverlässiger als Massenfertigung, Röhren haben einen natürlichen Klang als Transistoren, unter 100 Watt Sinusleistung brauchen Sie gar nicht erst anzufangen, und total überteuerte, riesige Lautsprecherboxen mit fragwürdigem Inhalt geben den Schall besser wieder als geschickt platzierte Regalboxen.

Das alles ist Quatsch mit Soße, wie Ihnen jeder Physiker, Ingenieur, Mathematiker, Ökonom oder sogar der eine oder andere Musikhörer bestätigen wird. Und wenn es dazu eines Beweises bedarf: Sehen Sie doch mal in ein Tonstudio, und lassen Sie sich schildern, wie dort aufgenommen wird. Das wäre immerhin ein Beginn, um sich einmal der Wahrheit zu nähern.

Ich arbeite längst nicht mehr am Thema. Aber ich höre immer noch Jazz. Über Streaming-Dienste, einen Computer, einen TEAC-Minireceiver und zwei uralte ELAC-Bassreflexboxen. (1)

Die frühe Geschichte des Jazz - mehr Mythen als Fakten

Ähnliches gilt für die Geschichte des Jazz. Sie setzt sich Mythen und Ideologien, Behauptungen und Auslassungen zusammen. Würde man die frühe Geschichte des Jazz ernst nehmen, müsste auf Fakten aufbauen: Wer hat wann was von wem kopiert oder erlernt? Welche Kommunikationsmedien und andere Vertriebswege gab es, und wie wurden sie genutzt? Aber diese Frühgeschichte wurde niemals objektiv untersucht. Man schrieb sie geradezu so, als sei Jazz ein Naturereignis gewesen und keine Musikrichtung, die einerseits von den Musikern und anderseits vom Publikumsgeschmack bestimmt und weiterentwickelt wurde.

Später kam ich dann beim Menschenbild an, das in früheren Zeiten von der Religion bestimmt wurde, bevor der „edlere“ Teil von der Geisteswissenschaft und der unedlere von bürgerlichen Mythen diktiert wurde. Jedenfalls solange, bis man eine geheimnisvolle, von Mythen durchzogene Wissenschaft erfand: Psychologie. Sie hat sich die Herrschaft über die Bestimmung des Menschseins angeeignet – und zwar fast ohne Gegenwehr. Weder Logik noch Biologie, weder Kybernetik noch Ökonomie konnten ihr Imperium einschränken – wenn vom Menschsein die Rede ist, ist heute von Psychologie die Rede.

Ich will nicht behaupten, dass die Idee einer Psychologie des Menschseins völlig abwegig ist. Aber sowohl Kybernetik wie Biologie als auch Ökonomie (und viele andere Erkenntnisse) sind in ähnlicher Weise bedeutsam für unser Sein. Sehen Sie: Jeder Biologe kann Ihnen die Selbstregulierungskräfte des Körpers erläutern. Gut? Und nun lassen Sie sich bitte die Selbstregulierungskräfte der Psyche von einem freudschen Psychoanalytiker erläutern. Auch gut? Sehr unwahrscheinlich, dass er sie ihnen erklären konnte. Noch unwahrscheinlicher, dass Sie ein Wort davon verstehen werden.

Sehen Sie, das wäre mal ein Ansatz für Sie, zu verstehen, was mich motiviert. Auch, wenn es manchmal so profane Themen wir die Partnersuche gewesen sein mögen. Jetzt, da ich älter werde, bemühe ich mich um viele Wahrheiten rund um das Menschsein. Interessiert Sie das auch? Dann schreiben Sie mir einfach.

(1) das ist keine Werbung, sondern die Realität. Meine besten Regalboxen waren einmal zwei "Wharfedale Denton". Die haben bei ihrem Debut 1967 fast alles ausgestochen, was es damals gab, egal, in welcher Preislage. I

Welche Jazz-Alben stehen heute an der Spitze?


Ganz oben auf der Liste der besten Jazz-Alben stehen drei Giganten des modernen Jazz: Miles Davis, John Coltrane und Charles Mingus.

Hätten Sie dies vor 40 Jahren prophezeit, hätte Ihnen niemand geglaubt. Zwar war der innovative Trompeter Miles Davis schon immer beliebt, aber der Saxofonist John Coltrane galt als schwierig und der Bassist Charles Mingus galt als Rebell ohne Chancen.

Ich bezieh mich hier nur auf eine Aufstellung - es gibt mehr davon, und nicht alle sind glaubwürdig.

Von Miles Davis wurde nicht nur das eher konservative Album „Kind of Blue“ gekürt (Platz eins) sondern auch das innovative, faszinierende Album „Bitches Brew“ (Platz sechs). Von John Coltrane nicht nur das emotional und musikalisch faszinierende Album „A Love Supreme“ (Platz zwei) sondern auch das konservativere „Giant Steps“ (Platz sieben). Von Charles Mingus nicht nur das an Traditionen anknüpfende und dennoch moderne „Ah Um!“, sondern auch das interessante „The Black Saint and The Sinners Lady“ (Platz 11).

Keine Frage – der moderne Jazz hat eindeutig gewonnen – und seine Interpreten auch. Das beweist nicht nur die Aufstellung, die ich als Referenz genommen habe, sondern nahezu jede andere. Immer wieder hören wir die Namen der Pioniere des modernen Jazz: Dabei mögen Charly Parker oder Eric Dolphy wegen ihrer allzu kurzen Schaffenszeit etwas in den Hintergrund geraten. Aber insgesamt gesehen sind es die Giganten und Erneuerer des modernen Jazz, die im Vordergrund stehen.

Und da kann ich nur sagen: welch ein Glück für uns, dass die Populisten langfristig nicht die Oberhand gewannen – obgleich auch sie uns natürlich immer wieder erfreut haben. Und sogar „Modern und populär“ ging zusammen: ganz typisch bei Nat und Julian Adderley.

Video: Mingus war ein begnadeter Komponist, dessen Stücke heute noch von vielen Jazzmusikern interpretiert werden.