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New Orleans Revival

Die Hot and Blue Jazzband spielt auch mal Fats Waller und Jelly Roll Morton - und die gab's nur im Original
Zu Zeiten des „New Orleans Revivals“ spielten alte Männer so, wie sie glaubten, als junge Männer gespielt zu haben.

Dann spielten junge Männer dies nach - und sie spielten wie alte Männer, die das nachahmten, was sie als junge Männer gespielt hatten.

Die jungen Männer sind nun alte Männer, und sie spielen teilweise noch so, wie sie in der Jugend geglaubt haben, dass junge Männer spielen, die in Wirklichkeit alte Männer waren.

Nicht alle, freilich. Die Herren im Bild spielen auch schon mal Fats Waller oder Jelly Roll Morton – und die gab’s nur im Original.

Ach, Freunde – das ganze „New Orleans Revival“ war eine Mischung aus Werbetricks, Geschichtsklitterung und Sozialromantik.

Aber – schön war es doch. Und - schön ist es noch. Nur dass es nicht die Musik „von damals“ war.

Foto: Gebhard Roese. Band-Webseite (schwer zu finden): hot and blue jazz band.

Übrigens gibt es noch eine Aufnahme des Fernsehens der DDR:




Was motiviert eigentlich Gebhard Roese?

Manchmal fragen mich Menschen nach meiner Motivation. Ob Sie es glauben oder nicht. Es ist die Suche nach der Wahrheit. Und wer sie sucht, wird bald darauf kommen, dass es oft gefährlicher ist, das Bekannte zu bezweifeln als das Unbekannte zu erforschen. Es sei denn, andere kommen auch noch drauf.

High Fidelity - der Mythos und die harte Realität

Es begann mit High Fidelity. Das ist einerseits die Hoffnung auf eine perfekte Musikwiedergabe und andererseits der Versuch, überteuerte Geräte mit falschen Versprechungen zu verkaufen. Ob Nischenprodukte oder namhafte Fabrikate – da haben alle einst in die Scheiße gehauen, dass es gespritzt hat. Und tatsächlich sind die Mythen heute noch nicht tot: Vinyl ist besser als CD oder Festplatte. Handverlötet und verschraubt ist zuverlässiger als Massenfertigung, Röhren haben einen natürlichen Klang als Transistoren, unter 100 Watt Sinusleistung brauchen Sie gar nicht erst anzufangen, und total überteuerte, riesige Lautsprecherboxen mit fragwürdigem Inhalt geben den Schall besser wieder als geschickt platzierte Regalboxen.

Das alles ist Quatsch mit Soße, wie Ihnen jeder Physiker, Ingenieur, Mathematiker, Ökonom oder sogar der eine oder andere Musikhörer bestätigen wird. Und wenn es dazu eines Beweises bedarf: Sehen Sie doch mal in ein Tonstudio, und lassen Sie sich schildern, wie dort aufgenommen wird. Das wäre immerhin ein Beginn, um sich einmal der Wahrheit zu nähern.

Ich arbeite längst nicht mehr am Thema. Aber ich höre immer noch Jazz. Über Streaming-Dienste, einen Computer, einen TEAC-Minireceiver und zwei uralte ELAC-Bassreflexboxen. (1)

Die frühe Geschichte des Jazz - mehr Mythen als Fakten

Ähnliches gilt für die Geschichte des Jazz. Sie setzt sich Mythen und Ideologien, Behauptungen und Auslassungen zusammen. Würde man die frühe Geschichte des Jazz ernst nehmen, müsste auf Fakten aufbauen: Wer hat wann was von wem kopiert oder erlernt? Welche Kommunikationsmedien und andere Vertriebswege gab es, und wie wurden sie genutzt? Aber diese Frühgeschichte wurde niemals objektiv untersucht. Man schrieb sie geradezu so, als sei Jazz ein Naturereignis gewesen und keine Musikrichtung, die einerseits von den Musikern und anderseits vom Publikumsgeschmack bestimmt und weiterentwickelt wurde.

Später kam ich dann beim Menschenbild an, das in früheren Zeiten von der Religion bestimmt wurde, bevor der „edlere“ Teil von der Geisteswissenschaft und der unedlere von bürgerlichen Mythen diktiert wurde. Jedenfalls solange, bis man eine geheimnisvolle, von Mythen durchzogene Wissenschaft erfand: Psychologie. Sie hat sich die Herrschaft über die Bestimmung des Menschseins angeeignet – und zwar fast ohne Gegenwehr. Weder Logik noch Biologie, weder Kybernetik noch Ökonomie konnten ihr Imperium einschränken – wenn vom Menschsein die Rede ist, ist heute von Psychologie die Rede.

Ich will nicht behaupten, dass die Idee einer Psychologie des Menschseins völlig abwegig ist. Aber sowohl Kybernetik wie Biologie als auch Ökonomie (und viele andere Erkenntnisse) sind in ähnlicher Weise bedeutsam für unser Sein. Sehen Sie: Jeder Biologe kann Ihnen die Selbstregulierungskräfte des Körpers erläutern. Gut? Und nun lassen Sie sich bitte die Selbstregulierungskräfte der Psyche von einem freudschen Psychoanalytiker erläutern. Auch gut? Sehr unwahrscheinlich, dass er sie ihnen erklären konnte. Noch unwahrscheinlicher, dass Sie ein Wort davon verstehen werden.

Sehen Sie, das wäre mal ein Ansatz für Sie, zu verstehen, was mich motiviert. Auch, wenn es manchmal so profane Themen wir die Partnersuche gewesen sein mögen. Jetzt, da ich älter werde, bemühe ich mich um viele Wahrheiten rund um das Menschsein. Interessiert Sie das auch? Dann schreiben Sie mir einfach.

(1) das ist keine Werbung, sondern die Realität. Meine besten Regalboxen waren einmal zwei "Wharfedale Denton". Die haben bei ihrem Debut 1967 fast alles ausgestochen, was es damals gab, egal, in welcher Preislage. I

Welche Jazz-Alben stehen heute an der Spitze?


Ganz oben auf der Liste der besten Jazz-Alben stehen drei Giganten des modernen Jazz: Miles Davis, John Coltrane und Charles Mingus.

Hätten Sie dies vor 40 Jahren prophezeit, hätte Ihnen niemand geglaubt. Zwar war der innovative Trompeter Miles Davis schon immer beliebt, aber der Saxofonist John Coltrane galt als schwierig und der Bassist Charles Mingus galt als Rebell ohne Chancen.

Ich bezieh mich hier nur auf eine Aufstellung - es gibt mehr davon, und nicht alle sind glaubwürdig.

Von Miles Davis wurde nicht nur das eher konservative Album „Kind of Blue“ gekürt (Platz eins) sondern auch das innovative, faszinierende Album „Bitches Brew“ (Platz sechs). Von John Coltrane nicht nur das emotional und musikalisch faszinierende Album „A Love Supreme“ (Platz zwei) sondern auch das konservativere „Giant Steps“ (Platz sieben). Von Charles Mingus nicht nur das an Traditionen anknüpfende und dennoch moderne „Ah Um!“, sondern auch das interessante „The Black Saint and The Sinners Lady“ (Platz 11).

Keine Frage – der moderne Jazz hat eindeutig gewonnen – und seine Interpreten auch. Das beweist nicht nur die Aufstellung, die ich als Referenz genommen habe, sondern nahezu jede andere. Immer wieder hören wir die Namen der Pioniere des modernen Jazz: Dabei mögen Charly Parker oder Eric Dolphy wegen ihrer allzu kurzen Schaffenszeit etwas in den Hintergrund geraten. Aber insgesamt gesehen sind es die Giganten und Erneuerer des modernen Jazz, die im Vordergrund stehen.

Und da kann ich nur sagen: welch ein Glück für uns, dass die Populisten langfristig nicht die Oberhand gewannen – obgleich auch sie uns natürlich immer wieder erfreut haben. Und sogar „Modern und populär“ ging zusammen: ganz typisch bei Nat und Julian Adderley.

Video: Mingus war ein begnadeter Komponist, dessen Stücke heute noch von vielen Jazzmusikern interpretiert werden.

I Scream – You scream - warum Jazz (nicht) fröhlich sein darf



Erinnert euch doch mal, ihr Senior-Jazzkritiker, wie ihr dummes Zeig geredet habt über „schlechten Jazz“ oder „kommerziellen Jazz“? Ganz zu schwiegen von «Bösen B’s» womit Barber, Bue und Bilk gemeint waren.

Und die Wahrheit? Der junge Armstrong, stilbildender Trompeter, ohne Zweifel, war genau so kommerziell wie die anderen seines Schlags und griff ganz selbstverständlich auch primitive Schlager auf. Ja, mit der Hot Five, also ziemlich früh. Genau wie Thomas Waller, der zu Lebzeiten fast noch besser vermarktet wurde und ein Meister der guten Laune war.

Kommerziell ist nicht böse, sondern gehört zum Musikerberuf, mal mehr und mal weniger.

„Ice Cream“ von Barber ist ein gutes Beispiel. Der Song war launig, und er kam beim Volk an. Und er war kein „Barbarisches Barber-Produkt“, sondern eigentlich Schlager-Massenware aus den 1920-er Jahren, als der Rundfunk sozusagen Songs am Fließband brauchte. Man mag ja diesem Barber vorwerfen, dass er als junger Mann nachmachte, wie nicht besonders gute alte Musiker eher fragwürdigen Jazz spielten. Aber das wäre dann auch schon alles. Barber war kein „böser B“, er hatte einfach nur Erfolg.

Papa Bue (Arne Bue Jensen) war ebenso erfolgreich, und er konnte nicht nur imitieren, sondern spielte exzellenten Chicago-Jazz, von dem sich manche andere Band eine Schreibe abschneiden konnte. Ja, und er hat „Schlafe mein Prinzchen, schlaf ein“ als Dixieland eingespielt. Da haben nicht nur die Klassik-Freaks Zeter und Mordio geschrien, weil er angeblich den armen Wolfgang Amadeus Mozart damit gemeuchelt hat. „Nein, auch die Edel-Jazzkritiker der deutschen Sende haben Gift verspritzt. „Scheiße, der Mann hat damit Geld verdient – und Mozart musste ins Armengrab“ … Nichts davon ist wahr. Die Musik stammt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht einmal von Mozart, sondern möglicherweise von einem gewissen Friedrich Anton Fleischmann. Was einmal mehr als Beweis gelten mag, dass jauch „klassische“ Kompositen voneinander geklaut haben wie die Raben. Und schließlich … Leute, das ist nur ein Wiegenlied gewesen, und sonst gar nichts …

Nach dem Video geht's weiter ...



Nach so viel Kritik die Selbstkritik: Wir, die Jazzfans der damaligen Zeit, haben den arroganten Fatzkes von Jazzkritikern geglaubt und nachgeplappert, was sie von sich gaben, um ihren elitären Status zu festigen. Ja, ja – später sind sie ja überwiegend hübsch locker geworden, und am Ende mochten sie wahrscheinlich den Blödsinn selbst nicht mehr lesen, den sie einstmals verzapft hatten.

Plim, plim, plom plom … man hörte eben das „Modern Jazz Quartett“. Hübsch langweilig, aber im Stil für jeden Klassik-Hörer erträglich. Übrigens war der Jazz dieses Quartetts durchaus hörenswert. Noch heute steht „Django“ auf Platz 51 der Beliebtheitsskala von „Jazz 24“. Aber der weitaus bedeutendere John Coltrane, steht acht Mal unter den ersten 100. Das ist übrigen kein Einzelfall. Auch andere „Top 100“ stellen die deutlich prägnante Musik von Coltrane in den Vordergrund.

Überhaupt bewiesen nahezu alle „Top 100“: Jazz ist eben Frohsinn und Nachdenklichkeit. Es ist „A Love Supreme“ vom Coltrane und „Mack The Knife“ von Ella. Und es ist „Strange Fruit“ von Lady Day und der „Westend-Blues“ von Armstrong.

Zurück zu „I scream – you scream“? („Ice Cream“ by Barber) Es ist immer noch eine Freude, den Song zu hören, und jetzt, ohne die ernsten Belehrungen der Jazzkritiker, macht es richtig Freude, dabei zuzuhören. Zumal Barber bei dieser Version richtig "in die vollen geht" und der Song deswegen nicht so "piepmausig" klingt wie auf der Original-Schallplatte.

Sehpferd und Jazz

Nicht nur eine ernste Sache ist eine wahres Freude
Damit Sie halbwegs wissen, woher ich meine Inspiration beziehe, schreibe ich Ihnen hier etwas über - Musik.

Ich höre gerne Musik. Ich höre gerne Musik, die mich belebt. Und ich höre gerne sinnliche Musik. Deswegen höre ich oft Jazz.

Weil ich nicht nur fühlen, sondern auch denken kann, hadere ich mit den Menschen, die über die Geschichte des Jazz schreiben. Insbesondere solche, die über die Anfänge fabulieren: alles New Orleans, alles Amateurmusik, alles Südstaatenklischees? Das ist unredlich. In den letzten Jahren wurden viele dieser Klischees aufgeweicht, und im Grunde müsste die Jazzgeschichte neu geschrieben werden; weniger Romantik, mehr Fakten, weniger Mythen, mehr Nachprüfbares. Der Jazz ist nicht irgendwie von New Orleans nach Chicago geschippert. Er wurde vielmehr über Medien verbreitet- erst dadurch bekam er die Bedeutung, die er im 20. Jahrhundert hatte – und heute noch hat.

Gleich hinter dem Jazz stehen „Stimmen“ – ich weiß, das ist keine Musikrichtung. Aber ich liebe schöne Stimmen, vor allem eindringliche, jazzige, aber auch sinnliche weibliche Stimmen. Die Stimmen müssen für mich den Anklang des Menschseins haben. Deswegen sagt mir der Belcanto gar nichts. Opern amüsieren mich, aber ich fange mit den gekünstelten Stimmen nichts an. Manchmal lächele ich: wenn über die „Zauberflöte“ gesprochen wird – als „Oper von Mozart“. Und dann wird über die Bedeutung von Mozart salbadert, gerade so, als hätte er die Idee zu diesem Singspiel fürs Volk gehabt. In Wahrheit war es der Schauspieler und Theaterbesitzer Schikaneder, der auch auf Plakaten als Autor angekündigt wurde, „mit der Musik von Mozart“. Und der Ort, an dem sie aufgeführt wurde, war ein keinesfalls ein Ort, an dem sich Menschen mit vergreisten Gesichtern versammelten.


Konzerte? Oh ja. Ich vermeide das Wort „klassische“, weil die Musik, die im Konzertsaal gespielt wird, nur selten „klassisch“ ist. Mich amüsieren die hoheitlichen Gesichtsausdrücke, die das Publikum an den Tag legt. Diese Musik erzeugt Stimmungen, von sinnlich bis mitreißend. Das ist eigentlich kein Platz für das Oberlehrergesicht, sondern für ein Antlitz der Lust an Klang und Form.

Ich mag Tschaikowsky, Rimski-Korsakow und Gershwin. Und dazu so gut wie alle alle mit Vehemenz gespielten Klavier- und Violinkonzerte – vor allem, wenn ich im Konzertsaal sitze. Musik aus Lautsprechern ist ganz nett und hat den Vorteil, dass ich auch mal nur einen einzigen Satz hören kann. Aber sie ersetzt nicht den Besuch eines Konzerts. Ich will wahrhaftig sehen, dass ein Musiker mit Herzblut spielt, und nicht nur die Noten von Blatt pflückt.

Rockmusik? Sie ist mir überwiegend zu laut und zu künstlich. Ich weiß, dass dies so sein soll und vielleicht so sein muss. Aber ganz generell mag ich keine lauten Klangteppiche, schon gar nicht, wenn sie von Gitarren erzeugt werden.

Zurück zum Jazz und zurück zum Heute: Es gibt im Internet mehrere Sender, die ausschließlich Jazz senden. Eine ist „Jazz24“, ein anderer „KCSM“. Etwas gemächlicher geht es bei „Radio Swiss Jazz“ zu – aber es gibt noch viel mehr Sender. Besonders lehrreich ist stets, den Moderatoren von KCSM zuzuhören, die zum großen Teil ausgewiesene Experten für Jazz sind.

Foto: © 2016 by Gebhard Roese, Altenburg, Germany