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Das Denkverbot unter Etiketten

Der Ort, das Gebäude im Hintergrund, eine englische Serie ... was hat dies mit dem Thema zu tun?
Ich will euch einen Satz zitieren, den ich gestern gelesen habe und den ich für einen Auswuchs des Zeitgeists halte. Er sagt uns ultimativ, dass wir uns bitte an starre Begriffe halten sollen, was in etwa bedeutet: Etikett drauf – nachfragen oder gar nachdenken verboten. (Zitat)

Der Mensch denkt in Kategorien. Das ist so – und das ist wichtig. Denn Kategorien ordnen die Welt, machen sie übersichtlich und reduzieren sie und das Universum um uns herum auf ein begreifbares Maß.


Na klar: Ein Tisch ist kein Stuhl und eine Kloschüssel keine Tuba. Doch müssen wir uns auch Etiketten aufkleben, wenn es um Präferenzen geht? Um Gefühle, wie beispielsweise die Liebe? Oder um Weltanschauungen wie den Liberalismus? Müssen wir den Doktrinen hinterherlaufen, statt auf die Worte zu hören?

Nein – das müssen wir nicht. Wir sind (jedenfalls hoffe ich das) allesamt in der Lage, „etwas von etwas“ zu sein und doch auch „etwas anderes“. Wer CDU wählt, muss kein Sozialfeind sein. Wer SPD wählt, ist deswegen noch kein Sozialist. Und – um mal ganz herunterzukommen von der hohen Politik – wer zuhause für den ersten FC im Stadion schreit, darf auch die Leistungen anderer Vereine anerkennen. Und letztlich: Wir dürfen durchaus anerkennen, ja sogar bewundern, was andere leisten. Es wäre dumm und dreist, es ihnen zu neiden.

Die vorgeblich Klugen verdummen die Ahnungslosen

Heute ist es so, dass (vorgeblich) kluge Leute bestimmen, welche Etiketten sich (vermutlich ahnungslose) Menschen aus dem Volk aufkleben sollen. Sie sollen Umweltfrevler oder Umweltfreude, entweder heterosexuell oder homosexuell, liberal oder sozial sein.

Das einmal aufgelebte Etikett soll möglichst festsitzen. „Nimm es niemals“ ab heißt die Parole, die und mit Scheuklappen durch die Welt führen soll.

Wir wissen selbst besser, wer wir sind - ohne Etikett

Ich schwöre euch: Die Menschen, die keine Etiketten tragen, wissen besser, wer sie sind, als diejenigen, die ständig irgendwelche Ausrichtungen betonen. Vor vielen Jahren erlebte ich, wie sich einzelne Menschen erst das Etikett „stockkatholisch, gläubig“, aufklebten, dann „marxistisch“ und schließlich „esoterisch“. In Wahrheit waren sie immer nur radikal.

Wer wirklich in der Lage ist, zu denken, kennt Begriffe wie „sowohl als auch“ oder er weiß, was „obgleich“ oder „dennoch“ bedeuten. Was wir tun sollten (und vielleicht tun müssen), ist dies: Die Ungebildeten nicht in ihrer etikettenstrotzenden Schlichtheit verkommen zu lassen.

In einem anderen Zusammenhang habe ich betont:

… das eigentliche Denken beginnt erst, wenn die Kategorien aufgehoben werden können und wenn wir wieder Gemeinsamkeiten finden können in unseren Unterschieden oder eben auch Unterschiede bei unseren Gemeinsamkeiten.


Dazu stehe ich. Also weg mit den Etiketten, den Kategorien, den Zuweisungen. Jeder Mensch steht für sich selbst, und er ist frei, jedem anderen gegenüber seine Meinung zu äußern, zu diskutieren und gegebenenfalls auch zu ändern. Aber dazu gehört mehr als ein neues Etikett über dem alten.

Wer die Antwort auf die Frage weiß, warum das Bild (oben) etwas mit dem Thema zu tun hat, darf gerne kommentieren. Andere natürlich auch.

Zeiterscheinung: falsche Töne von falschen Eliten

Der Kolumnist Dr. Philipp Tingler entlarvt die Soziologin und Beststeller-Autorin Eva Illouz sowie den populistischen Erfolgsautoren Michel Houellebecq. Er schreibt (Zitat):

Illouz, wie Houellebecq eine typische Erscheinung der Zeit, die sie zu kritisieren vorgibt, singt seit rund 20 Jahren ein Lied davon, dass im spätmodernen Kapitalismus die Liebe auf die Prinzipien des Marktes heruntergekommen sei. Vor allem aufs Konkurrenzprinzip, was in erotischen Obsessionen bloss konsumistische Objektivierungen spiegelt und die Lust neben dem Kapital zum erbarmungslosen Differenzierungssystem mutiert hat.


Es ist erstaunlich, wie oft und wie schnell die Claqueure unter den Literaturkritikern auf das hereinfallen, was ihnen offenbar ganz bewusst zum Frass vorgesetzt wird. Schicke Kritik am Kapitalismus, Anfeindung der liberalen Gesellschaftsordnung – kurz ein elendigliches Bekritteln der Jetztzeit. Wer dabei sogar auf „1968“( Houellebecq) zurückgreift und diese Zeit wird alle Schwächen der Moderne verantwortlich macht, landet schon verdächtig nahe bei den konservativen, reaktionären Kräften, die sich durch die gesamte Rechts-Parteienlandschaft ziehen.

Und so vereinen sich Linke und Rechte zu einem gemeinsamen Lamento, und am Rande stehen sogenannte „intellektuelle Eliten“ und klatschen Beifall. Und das trifft leider nicht nur auf die genannten Autoren zu.

Vielleicht wäre es sinnvoll, einmal radikal umzudenken und die Eliten anderwärts auszumachen? Aus meiner Sicht wäre es wünschenswert.