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Deutsche Kultur – ohne Leid und Leit

Wir lernen bereits in der Schule, dass unsere deutsche Kultur wichtig und einzigartig ist. Je nachdem, in welche Epoche wir hineingeboren wurden, haben wir dazu unterschiedliche Interpretationen gehört. Indessen herrscht weitgehend Einigkeit über die Sprache, die Philosophie, die Musik und Malerei sowie über weitere Spielarten der Kunst. Hinzu kommen Forschungen und Erfindungen, die man ebenfalls der Kultur zurechnet. Es agb -und gibt - geniale Deutsche, ohne Zweifel.

Strittiger ist hingegen die Herkunft dieser Kultur. Eine bestimmte Form des Germanentums, etwas primitiv, aber im Kern hart und gerecht und von hohem ethischen Wert wurde selbst der Nachkriegsgeneration noch als Wurzelwerke des Deutschtums verkauft. Heute heißt es, die Ursprünge würden weit „bis in die Zeit der Kelten, Germanen und Römer“ zurückreichen, was immerhin ein Fortschritt gegenüber der Definition ist, sie würden auf „Germanentum, Christentum und Griechentum“ beruhen, wie ich es noch lernte. Nur sehr zögerlich nehmen Lexika und Politiker auch das Judentum mit auf, und auch der Einfluss andere Migranten wird oft heruntergespielt – was gewisse Ähnlichkeiten mit dem „offiziellen“ Deutschland von heute zeigt.

Kulturmix - woher?

Einstmals wurden Germanentum, Christentum und Griechentum deswegen hochgehalten, weil man glaubte, in diesen Grundlagen beste ethische Qualitäten zu entdecken. Man versuchte insbesondere, die starken Einflüsse der Römer, Levantiner und später der französischen Kultur kleinzureden, weil man in ihnen Elemente des moralischen Verfalls zu entdecken glaubte. Im Nachkriegsdeutschland fürchtete man zunächst den Einfluss der US-amerikanischen Kultur, dann aber auch der englischen Sprache und der skandinavischen Kultur, die mehr sexuelle Freiheit beinhaltete. Später wurden die Einflüsse von Italienern, Griechen und Vietnamesen beklagt, die insbesondere den Handel mit frischen Lebensmitteln revolutionierten. Handel als Kulturphänomen ist für Deutsche, wie es scheint, bereits zu exotisch.

Kultur mischt sich - nicht erst seit heute

Je tiefer wir in die Kultur hineinblicken, umso mehr erkennen wir, dass sie ein Gemisch aus verschieden Einflüssen ist. Der „kühle Teutsche“ lernte viel von der Kultur Italiens, die als einzigartig galt, und man bewunderte die französische Lebensart, die auf vielfache Weise in das Kulturschaffen eingingen.

Deutsch sein kann nicht betoniert werden

Ob es eine „deutsche“ Kultur überhaupt gibt? Nationalisten behaupten, wir müssten „die Errungenschaften unserer Kultur mehr herausarbeiten“ – und dies schon in der Schule. Aber genau das hatten wir schon einmal in Form der Verherrlichung einer angeblichen „deutschen“ Kultur, die schon damals nicht eindeutig zugeordnet werden konnte. Wir lernten auch noch nach dem Kriege, dass die Herren Beethoven, Brahms und Bach göttergleich im Olymp deutscher Musik schwebten, Schiller der edelste Deutsche war die Grimms fast noch ein bisschen deutscher und dass der Herr Goethe ein anbetungswürdiges Genie gewesen sei. Nur bei der Malerei – nun ja, da musste man ein bisschen vor den Ausländern einknicken – die konnten tatsächlich auch malen. Ansonsten aber wurde alles so dick aufgetragen, dass es uns zu den Ohren herauskam.

Ich glaube, die Kultur meiner Heimat zu kennen (1), obgleich nicht mehr dort lebe. Sie ist einzigartig, und sie brachte weder Beethoven noch Schiller noch Kant hervor. Mein Deutschland? Ich wünschte mir, die Menschen, die nationalen Töne von sich geben, sollten sich einmal die Mühe machen, die verschiedenen Arten, „deutsch zu sein“ und „deutsche Kultur zu praktizieren“ hinterfragen würden.

Und das Interesse an „deutscher Philosophie?“ Wollen wir wirklich die Ergüsse verknöcherten Ofenhocker lesen, die nicht einmal verständliches Deutsch schreiben können? Und wer will schon ein Konzert-Abo, zu dem nur deutsche Komponisten von deutschen Interpreten (2) gespielt werden, und zwar in der Version, die der deutsche Bildungsbürger am liebsten hat?

Deutscher Kultur? Ehrfurcht und Gottesfurcht? Großartigkeit und Kölner Karneval? Dirndl und Krachlederne?

Nein, ich habe schon eine Kultur. Und sie ist anders, udn sie gehört zu mir.

(1) Sie lag einst in der amerikanischen Enklave der britischen Besatzungszone.
(2) Das ist wahrscheinlich nicht einmal mehr möglich, denn Musik ist Weltkultur - und auch die deutschen Orchester haben zahllose Interpreten aus der EU und aus Asien.

Kess

Einst waren die Mädchen kess. Sie wurden zu „kessen Bienen“, wenn sie umtriebig, hübsch und etwas frech waren. Nachdem „Bienen“ und andere Begriffe aus der Zoologie und Zahnheilkunde („steiler Zahn“)“ nicht mehr populär waren, sank der Stern von „Kess“, früher auch „keß“ geschrieben. Als man noch Polka wie Tante Olga tanzte, legte man auch schon mal eine „Kesse Sohle aufs Parkett“. Nun ja – da muss nicht sein. Angeblich war ein „kesser Onkel“ eine Dame, die onkelhaft lesbisch daherkam – das habe ich aber wirklich selten gehört.

Sexy ist da neue kess

„Kess“ wurde, was Frauen betrifft, durch „sexy“ ersetzt. Dies entspricht auch einer viel benutzten Erklärung, „kess“ habe jung, hübsch und etwas unbekümmert bedeutet. Unbekümmert deshalb, weil es nicht dem Jungmädchenbild der damaligen Zeit entsprach, „kess“ im Sinne von herausfordernd zu sein. In der Folge nannten sich zahlreiche junge Frauen – auch nachdem der Begriff längst „out“ war – noch Kessy oder Kessie.

Noch mehr kesse Begriffe

Die „kesse Lippe“ deutet auf eine andere Bedeutung hin: frech, dreist, unbekümmert in der Wortwahl. Und wer sonst „kess“ war, der stand ganz vorne in Mode, Offenheit und nicht selten auch bewusster erotischer Ausstrahlung.

Schade, dass niemand mehr kess sein will. Und die Herkunft? Vornehme Menschen sagen, es sei „Mittelostdeutsch“, doch es kommt aus einer Vermischung des Jiddischen mit der Sprache der Ganoven, die ja ebenfalls eine gewisse Kessheit benötigten, um ihr Tun zu bewerkstelligen.

„Du bis ziemlich kess“, kann übrigens bewundernd oder auch abwertend gemeint sein. Der eine ist ein bisschen frech und wird dafür geliebt, der andere ist zu frech und wird dafür verachtet.

Manipulation

„Manipulation“ ist ein Wort aus der pseudo-intellektuellen Sprache angeblich „gelehrter Stände“ im 19., mehr noch im 20. Jahrhundert. Als Ursache wird allgemein die populistische Verbreitung der Psychoanalyse angesehen. Sie veränderte die ursprüngliche Bedeutung des Wortes in eine gezielte Steuerung des Denkens, Fühlens und Verhaltens bei einer anderen Person. Wer heute von der Manipulation von Menschen spricht, meint also ihre Beeinflussung durch „Kunstgriffe“.

Manipulation gehört zum Leben

Dabei ist der Begriff ausgesprochen unscharf. Denn es ist weder falsch noch unethisch noch abträglich, Menschen zu beeinflussen. Es gäbe keine Lehre, wenn es nicht möglich wäre, Menschen zu neuen Zielen zu führen. Jeder Erzieher oder Lehrer manipuliert, Ärzte und Berater manipulieren, die Freunde und Verwandten manipulieren, und der Mainstream oder Zeitgeist tut es auch.

Beeinflussung anderer zum eigenen Nutzen ist verwerflich

Gefährlich ist hingegen, einen Menschen so zu manipulieren, dass der Manipulateur den größten Nutzen davon hat, der Manipulierte aber einen geringen oder gar keinen Nutzen. Das ist bei manchen Sekten, in der Rekrutierung von Prostituierten und in vielen anderen, harmloseren Bereichen der Fall. Manipulation liegt also dann vor, wenn Menschen gezielt beeinflusst werden, um einem anderen zu dienen, der den Vorteil daraus zieht.

Ohne Defizite keine Manipulation

In fast allen Fällen sucht sich der Manipulateur oder die Manipulateuse einen Menschen, der ein Defizit hat: Anerkennung, Ansehen, Freundschaft oder Liebe, aber auch sexuelle Erfüllung sind häufige Defizite. Diese Defizite werden zunächst erfüllt, aber nicht vollständig und nicht dauerhaft – und eben auch nicht aus Zuneigung oder Lust.

Die Opferrolle sollte vermieden werden

Nach einiger Zeit wacht der oder die Manipulierte auf wie aus einem Traum: Sie oder er hat alles gegeben, aber es gibt nicht zurück. Das heißt: Was „ausgegeben“ wurde, zahlt sich nicht aus. Weil meist mit Emotionen „bezahlt“ wurde, reißt das „Erwachen“ ein Loch in die Kasse der Emotionen, die ohnehin nicht reich bestückt war. Der Katzenjammer, das Lamentieren oder gar eine Störung der emotionalen Gesundheit können die Folge sein. Normalerweise schenkt man den Manipulierten Trost, in dem man die Manipulateure als Heuchler, Schwindler oder Betrüger brandmarkt. Man muss aber feststellen, dass Manipulateure oftmals Erfolg haben, und dies wäre nicht der Fall, wenn ihnen nicht so viele leichtgläubige Menschen verfallen würden. Das bedeutet nun aber, dass Trost und Schuldzuweisungen an andere nichts nützen. Vielmehr müssen die Betroffenen sich selbst helfen oder Hilfe suchen, um nicht erneut Opfer zu werden.

Hier und Jetzt – bedeutend und gleichwohl abgedroschen

Hier und Jetzt – bedeutend und gleichwohl abgedroschen

Manche Ausdrücke sind so schön griffig, dass sie nach und nach in aller Munde sind. Wenn sie sich dann auch noch nach Geistesbildung anhören und dem Sprecher etwas intellektuelle Tünche geben – umso besser.

Einer dieser Begriffe ist „das Hier und Jetzt“ es ist griffig, und es klingt intellektuell. Jedenfalls klingt wesentlich eleganter, zu sagen „ich lebe im Hier und Jetzt“ als zu sagen „Ich lebe in der Gegenwart“ oder „mich interessiert am meisten, was in diesem Moment um mich herum geschieht.“

Das "Hier udn Jetzt" und die Zukunft

Der Begriff kommt aus der Gestalttherapie und hat dort einen tieferen Sinn: Wer im Hier und Jetzt lebt, empfindet die Gegenwart als einen erstrebenswerten Zustand, in dem es sich zu leben lohnt. Probleme aller Art werden nicht in der Vergangenheit gesucht, weil sie bis in die Gegenwart existieren und dort wirksam werden. Für den Mutigen ist die Zukunft nichts weiter als eine verlängerte Gegenwart – deswegen sorgt er sich nicht, sondern tut heute das, von dem er glaubt, dass es auch gut für morgen ist.

Hadern mit der Suche nach den Ursachen

Der Philosoph wie auch der klassische Psychotherapeut will sich damit allerdings nicht befreunden. Beide stellen sich nicht die Frage: „Wie ist das Leben für mich jetzt?“ Sondern „warum ist das Leben für mich jetzt so?“ Bis zu einem gewissen Grad ahnen, wissen und beweisen wir, dass wir lernen und verlernen können, und dass wir durch unsere Lebenserfahrung mal zögerlicher, dann aber auch mutiger wurden. Es ist ein schönes Thema für Gespräche bei einem Glas Rotwein am Kamin – aber es ist müßig, dieses Thema zu strapazieren. Am Ende steht immer, dass es irgendwann und irgendwie einmal Gabelungen auf dem Lebensweg gab, und da wir nur einen Weg von beiden wählen konnten, sind wir eben hierher und nicht dorthin gekommen.

Das "Hier und Jetzt" den Therapeuten überlassen

Überlassen wir das „Hier und Jetzt“ bitte mal den Therapeuten. Es handelt sich ja um nichts als eine Methode der Wahrnehmung, die der gesunde Mensch wählen oder abwählen kann. Wenn Sie ein Haus bauen, eine Hypothek aufnehmen, ein Schiff kalkulieren oder eine Ehe planen, können Sie nicht einfach „im Hier und Jetzt“ leben.

Populismus

Politische Meinung
Der Populismus ist wohlfeil, weil er stets einfach ist. Oder anders ausgedrückt: Dumm nachzuschwätzen verlangt weniger Verstand, als sich ein differenziertes Bild zu erarbeiten.

Interessant ist dazu eine Feststellung der Bertelsmann-Stiftung:

Die Partei mit den unpopulistischsten Wählern ist demnach die CDU. Sie erreicht bei nicht populistisch eingestellten Wählern eine Zustimmung von bis zu 60 Prozent, aber weniger als 20 Prozent unter den Populisten.


Hoffen wir, dass die CDU dabei genau zugehört hat, und wiederholen wir es noch einmal: Populismus kommt unter CDU-Wählern nicht an. Will die CDU also Wähler mit populistischen Ansichten einfangen, so muss sie es bei den SPD-Sympathisanten tun – oder aber bei der AfD. Doch tut sie dies, so wird sie in gleichem Maße Wähler des gemäßigt-konservativen und liberal-konservativen Lagers verlieren.

Und die SPD? Sie gibt sich ja immer so intellektuell, und sie hat tatsächlich unter Intellektuellen wie auch unter Journalisten zahllose Unterstützer. In Wahrheit aber hat sie eine Wählerschaft, die mindestens zur Hälfte populistischen Ideen zugeneigt ist.