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Gefühle

Neben Gedanken beherrschen vor allem Gefühle unser Leben. Gefühle sind natürlich, und wie alles Natürliche, sind sie innerhalb der Evolution entstanden. Psychologen haben sich ihrer bemächtigt und bezeichnen sie mit vielen Namen. Die Theorie spricht von fünf „Grundgefühlen“, aber in Wahrheit herrscht eine Invasion von Begriffen, die deutlich abstrakter sind, wie etwa das „Selbstwertgefühl.“ Das „Fühlen“ steht allerdings auch dafür, etwas zu befühlen, also sozusagen „sehr realistisch zu fühlen“.

Ein großer Teil unseres Fühlens wird von Neurotransmittern beherrscht. Das sind körpereigene Drogen, die auf Befehl des Gehirns erzeugt werden und weitgehend dafür zuständig sind, dass wir in irgendwelche „Zustände verfallen“, zum Beispiel, sozial zusammenzuhalten oder uns fortzupflanzen.

Denken und fühlen sind keine „Feinde“. Beide Elemente können sich gegenseitig beeinflussen, und vermutlich geschieht dies dauernd. Das heißt, sie können neutral koexistieren, einander „hochschaukeln“, also verstärken oder einander neutralisieren. Verstärken sie einander, so kann dies positive, negative oder gar keine Folgen haben. In den meisten Fällen bemerken wir solche Vorgänge aber intensiv. Wir verfallen dann in Euphorie oder Depression, die sich durch kybernetische Kreise (Auf- oder Abwärtsspiralen) zur Gefahr werden können.

Nahezu alle Schriftsteller haben Schwierigkeiten damit, Gefühle zu beschreiben. Manche retten sich, indem sie schreiben: „Ich bin beschämt, weil ich nicht die Wahrheit gesagt habe.“ Das ist so intelligent wie der Satz „Ich bin pleite, weil ich zu viel Geld ausgegeben habe.“ Andere schreiben: „Ich fühlte mich beschämt“ … was unwillkürlich zu der Frage führt: „Na, und was bedeutet das für dich?“

Auf einen Nenner gebracht: Wir „fühlen keine Gefühle“, sondern wir fühlen, was in uns vorgeht. Wenn wir dies wirklich beschreiben wollen, müssen wir schon viel Mühe aufwenden.

Es wurde beobachtet

Ich öffne mein E-Mail-Postfach und finde einen Satz vor, der mit „es wurde, beobachtet“ beginnt.

Wie beobachtet eigentlich „es“?

Die Realität

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“, fragte der berühmte Paul Watzlawick in einem seiner weniger bekannten Werke. Oder um einen Schritt weiterzugehen: so etwas wie eine „Wirklichkeit“ existiert im zwischenmenschlichen Bereich nicht. Dort gibt es nur Sichtweisen, und wer wissen will, wie „wirklich die Wirklichkeit wirklich“ ist, muss über sie kommunizieren.

Als Beispiel können wir getrost mal die Ehe nehmen. Da kennen Sie sich alle aus, nicht wahr? Und schon geht’s los: Es gibt SEINE Realität, IHRE Realität und eine GEMEINSAME Realität, die nach und nach aus der Kommunikation beider aufgebaut wurde. Wer schon mal das Pech hatte, mit beiden befreundet zu sein, und dies nach einer Scheidung auch bleiben wollte, der weiß: Die gemeinsame Realität ist plötzlich wie vom Erdboden verschwunden, und ganz ander Realitäten treten nun hervor.

Manchmal erleben wir Diskussionen um „die Realität“ – gerade im politischen Bereich ist dies höchst aktuell. AfD-Anhänger sehen plötzlich „alternative“ Realitäten, und sie bezichtigen Journalisten, „die“ Realität nicht korrekt abzubilden. Das passiert jeden Tag vor unseren Nasen. Und dennoch machen wir uns keine Gedanken über die Realität selbst.

Eine der Königsklassen, in die Schriftsteller aufsteigen können, besteht darin, die Realität so mit der Fiktion zu vermischen, dass wir Leser davon fasziniert sind. Da kommen Personen der Zeitgeschichte vor, da stimmen die Stadtpläne, das sagen Menschen Sätze, die man tatsächlich zu diesen Zeiten gehört hat. Das lassen wir mal so stehen, nicht wahr?

Was mich sehr verwundert: Die Menschen, die am wenigsten wissen, was Realitäten sein könnten und wie man sie für sich selbst bewahrheiten kann, reden am meisten davon, was Realitäten sind. Von Links bis Rechts, von der Dummbacke bis zum Universitätsprofessor.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Solange wir uns nicht ernsthaft darum bemühen, können wir es nicht wissen.

National

Irgendwie sind gerade alle wuschig. Von rechts kennen wir das ja: Nationalisten von echtem Schrot und Korn, die zwar kaum Ausländer kennen, aber dennoch in jedem „Fremden“ den Feind sehen. Egal, ob seine Hautfarbe braun, gelb oder gar weiß ist. Es reicht, wenn man „irgendwie aussieht, als wäre man nicht von hier.

Und nun die Linken, die mit "Aufstehen" eine neue Masche auffahren. „Wird sind ja so deutsch, wir stolzen deutschen Arbeiter.“ Fehlt nur noch „… und Bauern“. Die Kommunisten werden eben nicht klug – die glauben immer noch, sie hätten einen großen Teil der Arbeiterschaft hinter sich. Gestern noch die „Internationale Solidarität“, heute deutsche Arbeitsplätze schützen. Wie albern.

Rechts? Links? Angeblich hat die „Mitte“ versäumt, „einen deutschen Nationalismus von innen“ aufzubauen. Ach ja? Haben die das? Wie, bitte schön, baut man den „einen Nationalismus von innen“ auf, wenn ein Land zwei Mal am Nationalismus gescheitert ist – und zwar restlos? Mit einer gescheiterten Nationalelf? Mit Kaiser und König, Goethe und Schiller?

Ach, höre ich immer, die Franzosen haben ihn doch, und die Briten … nicht zu vergessen, die Ungarn und Polen, die ständig ihren Nationalismus in den Vordergrund stellen. Na und? Niemand hindert einen Deutschen, zu den positiven Seiten seiner Geburtsstadt, seines Geburtslandes oder gar zu deutschen Bundesrepublik zu stehen. Jeder darf die guten und positiven Eigenschaften Deutschlands ins Ausland tragen. Und wirklich – jeder Deutsche darf sein Land und seine Kultur loben.

Ein neuer Nationalismus, der von innen kommt? Da lachen ja die Hühner.

Oder darf man mal fragen, wie das gehen soll?

Rotkäppchen, die Romantik und die Moral

Junge Frau und böser Wolf in der Maske der Großmutter von Paul Woodroffe
Wie alt ist Rotkäppchen eigentlich, als sie zur Großmutter geschickt wird?

Die Frage, wie alt das Rotkäppchen sein könnte, das wir von den Grimms her kennen, wird sehr unterschiedlich beantwortetet. In einem Beitrag heißt es:

Die Geschichtenerzähler erwähnen selten das Alter der jungen Protagonisten. Wörtlich, doch die Illustratoren porträtieren sie irgendwo zwischen einem Alter von drei oder vier Jahren bis hin zum früher Teenageralter.


Nun gilt für viele Kinder, dass sie die Protagonisten als „Menschen ihres Alters“ empfinden. Die Vorstellung also, allein mit einem Korb voller Nahrungsmittel durch den dunklen, von wilden Tieren bewohnten Wald zu gehen, ist nicht altersgebunden. Ja, diese Furcht verfolgt viele Menschen bis weit ins Erwachsenenalter.

Auf der anderen Seite ist es sehr unwahrscheinlich, dass man ein Kind unter 12 Jahren durch den Wald oder „ins nächste Dorf“ schickt. Dazu die Textstellen:

Bei Perrault

Rotkäppchen lief sogleich davon, um zu seiner Großmutter zu gehen, die in einem anderen Dorf wohnte.

Bei Grimm:

Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf.


Die gefährdete junge Damen bei Perrault

Es gibt bei Perrault im Übrigen einen unzweifelhaften Hinweis auf das Alter, wozu man freilich die ans Märchen angehängte Moral lesen muss: Verblümt wird über die „Wölfe“, mit der junge Männer gemeint sind, dies gesagt (sinngemäß modern übersetzt)(1):

So gibt es welche, die vertrauensvoll wirken, sehr gefällig sind und auch von milder Wesensart, und die den jungen Frauen in die Häuser oder die Gassen folgen. Doch leider sind es gerade diese scheinheiligen Wölfe, die von allen Wölfen am gefährlichsten sind.


Somit ergibt sich unzweifelhaft, dass die Zielgruppe von Perrault junge Damen waren, die meist vom Land kommend, in der Stadt Beschäftigung suchten und sich dort vor Verführern schützen sollten. Die Folgen werden bei Perrault drastisch ausgemalt: Einmal vom Wolf „gefressen“, war das Leben zerstört, selbst dann, wenn es weiterging.

Das ungehorsame, romantische Mädchen bei den Grimms

Das deutsche Märchen nach Grimm ist eigentlich ein Plagiat des Perrault-Märchens. Es beinhaltet freilich eine ganz andere Moral, die von den Grimms deutlich ausgearbeitet wird, dun sie lautet: „Wehe, du gehst eigene Wege.“

Mach dich auf, bevor es heiß wird, und wenn du hinauskommst, so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas, und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, so vergiß nicht, guten Morgen zu sagen, und guck nicht erst in alle Ecken herum.


Wie jedem Märchenkenner bekannt, wird das „Abkommen vom Weg“ bei den Grimms romantisch aufbereitet – dort verfällt Rotkäppchen in eine geradezu rauschhafte Seligkeit, als es sich an der Natur erfreuen darf. Diese Freude darf allerdings nicht anhalten, weil das Mädchen durch ihre "ungezogene" Haltung gegen die Weisungen der Mutter verstößt. Also nimmt das Schicksal zunächst seinen Lauf: Nach dem berühmten Dialog, der allen Rotkäppchen-Versionen eigen ist, wird das Rotkäppchen gefressen. Und um alle Leser, Eltern wie Kinder, dann noch einmal mit dem Märchen zu versöhnen, gibt es eine Wiedergeburt und ein „Happy End“.

(1) Original: Qui privés, complaisants et doux, Suivent les jeunes Demoiselles Jusque dans les maisons, jusque dans les ruelles ; Mais hélas ! qui ne sait que ces Loups doucereux, De tous les Loups sont les plus dangereux.