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Über Romantik

Romantik ist vor allem ein Akt des Erinnerns, der ständig wiederholt wird. Dazu wird eine gemeinsame, aufgeblasene Sprache erfunden, die nur deshalb bedeutsam ist, weil sich jemand anders an die gleichen Situationen erinnert. (1)


Und was ist Romantik noch? Sie ist immer etwas, das im Nachhinein, also in den Gedanken an eine Situation entsteht. Ein bisschen Zuckerwatte,, von der Liebende (und manchmal auch Einzelpersonen) zehren: ohne Sinn, ohne Inhalt, mit künstlicher Farbe, aber zuckersüß.

Klar – Menschen wollen sich in dies Gefühl hineinträumen. Aber es ist eine Rettungsinsel der Sinne, und ich kann nur davor warnen, romantische Gefühle mit Liebe zu verwechseln.


(1) Zitat von Helena Fitzgerald.

Das Gestern

Sinnreiche Zitate sind selten. Und nicht jeder wird den Sinn dieses Zitats erkennen:

Es hat keinen Sinn, aufs Gestern zurückzublicken, denn zu dieser Zeit war ich noch eine andere Person.


Es ist merkwürdig - viele Theorien über den Menschen gehen davon aus, dass wir Tag für Tag die gleiche Person sind, wenn wir erwachsen und voll entwickelt sind. Aber bitte - sind Sie derselbe, wenn Sie Achterbahn fahren, vor Ihrem Bankberater sitzen oder eine Frau verführen wollen?

PS: Wissen Sie, aus welcher Quelle es stammt?

Oper

Ich habe mal wieder den Fehler gemacht, in eine Oper zu gehen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn Soprane laut in Höhenlagen singen, dann durchbrechen sie bei mir eine Grenze, die einen tiefen, spontanen Schmerz auslöst. Früher dachte ich immer, es läge an Vaters Superhet-Empfänger oder dem Plattenhobel, der dir Rillen durchschrammte.

Seit ich viel mehr „richtige“ Musik in Konzerten erlebe, habe ich manches „neu“ gehört. Doch der Schmerz, den mir die Sopranistinnen zufügen, ist mir geblieben. Er vergeht sofort wieder, wenn die Sängerin leiser wird oder in die Mittellagen zurückfällt.

Ach so ja: Ich habe meine Zeit im Theater vollständig abgesessen, trotz der engen Reihen und der unbequemen Sessel. Immerhin war ich neugierig genug, mir das anzutun.

Wo die Sprache nicht ausreicht – kurze Gedanken zur Kommunikation

Früher versuchte man, die Seele sprechen zu lassen. Außer einigen hübschen Versuchen kam nichts dabei heraus als die Erkenntnis:

Spricht die Seele, so spricht die Seele nicht mehr.


Nun die Herren Goethe und Schiller, deren Korrespondenz das Zitat zugeschrieben wird, wussten nichts von Kybernetik und sehr wenig von Kommunikation. Doch was sie als Dichter sicher wussten, war dies: Gefühle gilt es, zu umschreiben. Wie überhaupt alles, für das und eine exakte Definition fehlt – und das ist leider sehr viel von dem, was unseren Alltag nicht unmittelbar berührt.

Bei Farben haben wir eine genaue Vorstellung, und sie zu beschreiben, ist nicht schwierig. Hingegen finden wir – beispielsweise - für erotische oder sexuelle Empfindungen oft gar keine Worte. Wir neigen dazu, diese Gefühle zu vereinfachen und sie qualitativ einzuordnen. Dieses Gefühl ist „schön“, jenes ist „eklig“. Für einen Schriftsteller ist diese Vorgehensweise unerträglich – oder sie sollte es wenigstens sein.


Woran liegt das?

Der Kybernetiker weiß es. Die Gefühle, die uns bewegen, sind aus vielerlei Gründen nicht austauschbar. Sehen Sie: Grün ist niemals „grün“ sondern der Name, den wir der Farbe gegeben haben. Wir haben anderen gesagt: Schau, das ist grün. Und weil diese etwas sahen, das wir als „grün“ bezeichneten, wussten sie nun, was wir mit „grün“ meinten.

Welchen Namen geben wir Gefühlen? Ob es sich um „Schmerz“, „Sehnsucht“ oder „Geilheit“ handelt – wir kennen ein paar Namen, aber normalerweise differenzieren wir nicht einmal. Wir würden nie sagen: „Ich habe da farbige Rosen gesehen“, sondern wir sahen Rosen in bestimmten Farben. Aber wir sagen mit der allergrößten Nonchalance: „Ich habe da einen Schmerz.“ Gefühle „haben“ wir immer. Und wir neigen dazu, sie in „schlecht“ und „gut“ einzuteilen. Nein, wir sahen niemals Rosen in schlechten Farben. Aber wir hatten schon mal schlechte Gefühle.

Wo wir keinen gemeinsamen Zeichenvorrat haben, müssen wir ihn schaffen. Schriftsteller(innen) sollten das können, auch wenn es mühevoll ist. Vielleicht fragt ja demnächst jemand: Welche Farbe hat dein Gefühl? Das wäre ein kleiner Schritt.

Und ach, das wäre noch etwas: Gefühle sind oft mehrschichtig. Sie lassen sich gar nicht mit einem Wort erfassen, sondern nur durch eine große Anzahl von Sätzen, aus denen wir am Ende entnehmen können – „mhh, so ähnlich wäre das bei mir auch.“

Mich hat einmal eine Szene sehr nachdenklich gemacht: In einer Psycho-Gruppe saß eine Frau, die einer anderen sagte: „Ach ich kann deine Gefühle sehr gut verstehen.“ Die Leiter solcher Gruppen freuen sich immer, wenn sie so etwas hören. Sie glauben wohl wirklich, dass die Gefühle des anderen verstanden wurden.

Ich bezweifle dies. Für mich ist es eine Floskel: Die eine Frau hat in der anderen etwas angeregt, von dem sie dachte, es sei ähnlich. Von einer Übereinstimmung konnte gar keine Rede sein. Beide bemühten sich auch später nicht, sich über die „gemeinsamen“ Gefühle auszutauschen.

Das Beispiel mag Ihnen zeigen, wie unglaublich scher es ist, echte Gefühle zu „transportieren“. Und Sie dazu noch trösten: Es ist nicht einfach ist, ein Schriftsteller zu sein.