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Die Realität

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“, fragte der berühmte Paul Watzlawick in einem seiner weniger bekannten Werke. Oder um einen Schritt weiterzugehen: so etwas wie eine „Wirklichkeit“ existiert im zwischenmenschlichen Bereich nicht. Dort gibt es nur Sichtweisen, und wer wissen will, wie „wirklich die Wirklichkeit wirklich“ ist, muss über sie kommunizieren.

Als Beispiel können wir getrost mal die Ehe nehmen. Da kennen Sie sich alle aus, nicht wahr? Und schon geht’s los: Es gibt SEINE Realität, IHRE Realität und eine GEMEINSAME Realität, die nach und nach aus der Kommunikation beider aufgebaut wurde. Wer schon mal das Pech hatte, mit beiden befreundet zu sein, und dies nach einer Scheidung auch bleiben wollte, der weiß: Die gemeinsame Realität ist plötzlich wie vom Erdboden verschwunden, und ganz ander Realitäten treten nun hervor.

Manchmal erleben wir Diskussionen um „die Realität“ – gerade im politischen Bereich ist dies höchst aktuell. AfD-Anhänger sehen plötzlich „alternative“ Realitäten, und sie bezichtigen Journalisten, „die“ Realität nicht korrekt abzubilden. Das passiert jeden Tag vor unseren Nasen. Und dennoch machen wir uns keine Gedanken über die Realität selbst.

Eine der Königsklassen, in die Schriftsteller aufsteigen können, besteht darin, die Realität so mit der Fiktion zu vermischen, dass wir Leser davon fasziniert sind. Da kommen Personen der Zeitgeschichte vor, da stimmen die Stadtpläne, das sagen Menschen Sätze, die man tatsächlich zu diesen Zeiten gehört hat. Das lassen wir mal so stehen, nicht wahr?

Was mich sehr verwundert: Die Menschen, die am wenigsten wissen, was Realitäten sein könnten und wie man sie für sich selbst bewahrheiten kann, reden am meisten davon, was Realitäten sind. Von Links bis Rechts, von der Dummbacke bis zum Universitätsprofessor.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Solange wir uns nicht ernsthaft darum bemühen, können wir es nicht wissen.