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Bio-Deutsche gibt es nicht

Römische Ingenieurskunst in einem Römerbad

Bio-Deutsche gibt es nicht - und das ist auch gut so

Deutscher im Ursprung? Germanisches Wesen? Arische Rasse? Was für ein Schwachsinn! Und nun kommt auch noch der Bio-Deutsche, denn rechte Nationalisten erfunden haben. Gemeint ist offenbar ein Deutscher mit Ariernachweis. Oder vielleicht auch ohne, aber eben „richtig deutsch“, mit Adelsprädikat oder Eintrag im "Deutschen Geschlechterbuch". Was allerdings ein Bio-Deutscher ist, weiß kein Mensch, denn so lange existiert „Deutschland“ als Staatswesen nun auch wieder nicht – zuvor war man Sachse, Thüringer, Württemberger oder Bayer. Man war eingeboren oder eingewandert, wurde integriert, assimiliert und eingebürgert. Das war auch nötig, denn die germanische Kultur gab nicht viel her. Man importierte römische Baukunst, lateinische Schrift, arabische Rechenmethoden und griechische Logikentwürfe. Und außer Ideen importierte man Menschen, die so und ganz und gar kein „deutsches Blut“ hatten. Deutsche revanchierten sich durchaus: Sie verteilten sich in guten wie in schlechten Zeiten über die ganze Welt.

Aus dem, was blieb, wurde eine der besten Mischkulturen, die die Welt hervorgebracht hat - voller Ideen und strotzend vor wirtschaftlicher Kraft. Gut – in letzter Zeit haben uns manche guten Geister verlassen – da kann man nur hoffen, dass nicht noch mehr gehen.

Was zeichnet eigentlich einen Bio-Deutschen aus? Im Wortsinne wahrscheinlich, dass er biologisch eher ein Auswanderer aus Afrika ist –wie wir alle. Und: dass die Überlebenden von uns ihre Gene rechtzeitig durchgemischt haben, damit sie nicht durch Inzucht geschwächt wurden.

Der Begriff gehört auf den Müll: Sex haben

Gummibärchen haben keinen Sex - Menschen auch nicht
Warum der Begriff "Sex haben" eine geistige Dummheit ist

Das Internet ist voll von Dummheiten. „er nahm sie mit nach Hause, weil er Spaß mit ihr wollte. Dann hatten sie Sex auf der Couch.“ Na schön, vielleicht waren sie vorher noch am Currywurststand und hatten eine Currywurst, oder sie hatten Küsse miteinander, oder sie hatten noch ein Kondom in der Schublade gefunden, das noch kein Verfalldatum hatte.

Leider muss ich Ihnen gestehen: Ja, ich habe diesen Begriff auch schon benutzt: „Sex haben“. Wie das schon klingt: Ich habe Sex, du hast Sex, er/sie hat Sex … und natürlich wir haben Sex, ihr habt Sex, sie haben Sex.

Frage: Was haben sie da eigentlich, wenn Sie „Sex haben“? Besitzen sie Sex? Beinhalten Sie Sex? Schütten sie eine Tüte Sex übereinander aus?

Unsinns-Ausdruck „Sex haben“

Haben steht in Deutsch hauptsächlich für „Besitzen“ und „Beinhalten“. Daneben auch für die Pflicht, etwa zu tun („der Hund hat zu gehorchen“) und sehr selten für etwas anderes. Wie kann da jemand „Sex haben“? Wie kommen wir überhaupt auf die Idee, Sätze zu schreiben wie „wir hatten Sex“ oder „hattet ihr Sex?

Feige sein und Unsinn schreiben?

Weil wir es uns viel zu einfach machen. Weil wir zu feige sind, zu schreiben, was es bedeutet, sich einander hinzugeben. Und weil wir kein Deutsch schreiben können. Der Begriff „Sex haben“ ist eine inkorrekte, wenngleich populäre Übernahme aus dem Englischen. Dort steht das Wort „have“ dafür, dass etwas getan wird oder getan wurde. Typisch (das werden Sie kennen) ist „to have Breakfast“ – was nicht bedeutet „Frühstück zu haben“, sondern zu frühstücken. „What did you have for Breakfast“ kann zwar holprig mit „Was hattet ihr zum Frühstück?“ übersetzt werden, aber eigentlich sollte es heißen: „Was gab es bei euch zum Frühstück?“

Also, wie lief Ihr Tag ab? „Wir hatten Frühstück, dann hatten wir einen Spaziergang, dann hatten wie ein Glas Wein, und dann hatten wir Sex?“ Sehen Sie, das, schreiben Sie nicht – aber wie ist das nun mit dem Sex?

Sex haben ist ein Hohlbegriff ohne Sinn

Wissen Sie, was „Sex“ ist? Wenn Sie jetzt sagen: „Klar, das ist bumsen oder vögeln …“, dann stimmt das zwar, aber es ist nicht dasselbe. Selbst die angeblich „bösen Worte“ für das Schönste drücken deutlicher aus, was geschehen ist als der Begriff „Sex haben“. Man lag nicht zusammen und hatte irgendetwas, sondern man tat etwas. Es könnte sein, dass Sie keinen anderen Begriff dafür kennen, als „heftig gevögelt zu haben“ oder „heftig gevögelt worden zu sein“. Aber selbst diese primitiven Sätze drücken deutlicher aus, was geschah, als ihre Helden vermeintlich „Sex hatten“.

Die heiße Liebe, das Feuer der Liebe

Als „Sex“ und „Liebe“ noch parallel verwendet wurden, wenn sich ein Paar ineinander verschlang, sagte man: „Sie machen Liebe“ – auch aus dem Englischen. Wenigstens musste man da noch etwas tun – man konnte die Lust nicht einfach haben, man musste sie füreinander erzeugen. Das erforderte lustvolle Handlungen, die es zu beschreiben galt. Dann wusste der Leser wenigstens, warum das „Feuer der Lust loderte.“ Heute können Autoren offenbar einen Schalter umlegen: Aha, sie hatten Sex? Warum? War ihnen langweilig?

Formale Definition? Nein danke!

Es gibt eine „formale Ausdrucksweise“, die im Englischen ebenso dümmlich kling wie im Deutschen: „Have sexual intercourse“, also „den Geschlechtsverkehr vollziehen.“ Das allerdings drückt nun auch nicht so recht aus, was dabei geschieht.

Was können Sie schreiben, wenn Sie eigentlich „Sex haben“ schreiben wollten?

Was sollten wir Autoren also schreiben?

Das, was es ist, das, wie es empfunden wurde und das, was sich andere auch vorstellen können. Und das heißt: Nicht so stark vereinfachen.

Beim Frühstück haben wir einen frisch aufgebrühten Kaffee getrunken, nicht wahr? Dann haben wir ein wundervoll knuspriges Croissant genommen, um es in der Mitte zu zerbrechen, die Bruchstellen übermäßig dick mit frischer Butter zu bestreichen und sodann noch einen großen Klecks feiner englischer Orangenmarmelade darauf zu tun.

Sehen Sie, das haben Sie getan. In Wahrheit haben Sie kein „Frühstück gehabt“. Und sie haben keinen „Sex gehabt“, wenn Sie schreiben, dass Sie Sex gehabt haben. Und so, wie sie ein Frühstück bildlich beschreiben können, sollten Sie auch den Sex beschreiben können. Und wenn nicht? Dann lassen Sie es einfach.